Flor

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Die Nachbarin sorgt sich um die Florfliegen in ihrem dschungelartig zugewucherten Hinterhof und beklebt die von der Hausverwaltung aufgestellten Halogenscheinwerfer mit violetter Folie. Wenn die Florfliegen sterben, sagt sie, sterben auch die Vögel, und da hat sie wahrscheinlich recht. Die Hausverwaltung indes, vertreten durch den gewissenhaften Hausmeister, lässt die violetten Schutzfolien regelmäßig entfernen, um auch in der Nacht das sichere Betreten des Hofes zu gewährleisten und etwaigen Schadenersatzansprüchen vorzubeugen. Sie weiß um die Not der Florfliegen, die an dem gleißenden Licht zugrunde gehen. Auch wurde sie unterrichtet über die ökologischen Folgen des Insektentodes. Doch Fünfe gerade sein zu lassen, könnte das Unternehmen teuer zu stehen kommen und so müssen die Folien weg, es hilft alles nichts.

Das Prinzip der Körperschaft, der Corporate Identity oder des Teamgeistes wäre auch mal eine kleine Gedankenreise wert, überlege ich, während ich mit brummendem Schädel aus dem Fenster schaue und mich frage wo der Sommer geblieben ist. Immer weiß ich von allem nur ein bißchen, anders als beispielsweise der Bekannte, der sich sein Leben lang durch Papier arbeitet und den Dingen ordentlich auf den Grund geht. Die gewonnenen Erkenntnisse speichert er in seinem überaus gebildeten Kopf, ruft sie bedarfsweise ab und verarbeitet sie weiter. Zu welcher Entscheidung er wohl bezüglich der Florfliegen käme und wie er sie begründen würde, frage ich mich und verfolge weiter den Streit der Krähenvögel vor dem Haus. Mein Denken ähnelt leider nur einer auslaufenden Welle voller Treibgut. Flüchtig, wenig substanziell und ungeordnet. Ich bin eben ich.

 

In der Denkerei, so lese ich gestern, treffen sich ein paar Männer und machen, in Umkehrung der luhmann´schen Vorgehensweise, aus dessen Texten Zettel. Jeder Teilnehmer trägt dabei einen Tarnnamen. Wer keinen hat, dem wird einer zugewiesen.
Die Denkerei ist mit wandhohen Fenstern ausgestattet und von der Straße gut  einsehbar.

 

Verliebt wie in das Wort klandestin war ich einmal in einen Mann von dem ich jetzt erfahre, dass er tot ist. Wir waren so lebendig, dass ich gerade von ihm am Allerwenigsten erwartet hätte, zu erkranken,  geschweige denn zu sterben. Eine Ausstellung hat Ende vergangenen Jahres posthum seine Werke aus 2 Jahrzehnten präsentiert. Ich hätte sie mir nicht ansehen können.

Merkwürdig berührt bin ich auch von dem tweetweisen und vielfach gefavten und kommentierten Bericht über das Sterben eines geliebten Menschen. Öffentlicher Abschied, zeitecht dokumentiert. Bis zum Schluss. Die Hände vor´s Gesicht schlagen, schluchzen, resümieren, Selfies machen.

Je verstörender und bizarrer die Dinge um mich herum sich zeigen, umso schwerer fällt es mir, den Blick abzuwenden.

 

 

 

 

 

 

 

Bild:  Lieven Soete, danseurs en transit, flickr
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