Fatum

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Ich spüre keine Erleichterung, als ich die Nachbarin auf der Treppe husten höre. Sie ist die einzige im Haus um die es mir nicht Leid getan hätte. Gerade gestern habe ich sie im Stillen wegen ihrer Boshaftigkeit verflucht. Wie würde ich mich jetzt fühlen, wenn es sie erwischt hätte.
Bei den Fahrradständern im Hof klappert es. Ich schaue nach. Es ist der Tischler. Gottseidank.
Entschlossen stratzt der junge Hausmeister durch den Garten. An ihn habe ich überhaupt nicht gedacht. Immer glaubt man es müsse die Älteren treffen, die offensichtlich Kranken.

Vergangene Nacht, ich liege nach einer aufwühlenden Woche erschlagen im Bett, rückt schon einmal die Feuerwehr an. Zwei lodernde Stühle wollen gelöscht werden. Unbekannte haben sie auf dem Gehweg vor dem Haus in Brand gesetzt.
Als die Löschzüge weg sind, liege ich noch lange wach und denke über mein seltsames Leben nach.

Heute Mittag bitte ich die Doktorandin eine Runde mit dem Hund zu gehen um noch einmal ein wenig Schlaf zu finden. Bleischwer ist mein Körper und matt mein Geist, nach dieser Woche voller Jubel und Bangen, Angst, Sorge, Liebe und Ergriffenheit. Das Rauschen der Heizungsrohre beruhigt mich, drüben vom Platz höre ich die Glocken läuten. Ich atme tief ein und schließe die Augen.

Keine Minute später höre ich schon wieder das Martinshorn und mit ihm  aufgeregten Tumult im Haus. Getrappel, Schreie, Stimmen. Jemand ruft etwas auf türkisch, die Haustür wird aufgestoßen und schwere Schritte poltern hastig über die Treppe nach oben. Nicht lange danach kommt ein zweiter Wagen, seine Reifen rollen satt über das  Kopfsteinpflaster. Bremsen, wieder Schritte, Adrenalin. Mit einem dumpfen Schlag fällt die Tür ins Schloss. Erstarrt bleibe ich liegen und lausche der Stille. Mein Herz schlägt schnell.

Nach drei Stunden verlässt die Polizei das Haus. Kurz danach tragen zwei Männer einen großen grauen Plastiksack die Treppe hinunter.  Zum Luftholen stellen sie die Bahre vor meiner Wohnungtür ab.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: diadà
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Staying alive

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(Der Weg zum Himmel, Hieronymus Bosch. Foto: Wikipedia)

Als ich wieder zu mir komme, blicke ich in seine grünen Augen und sehe dann, wie er sich mit beiden Händen an meinem Oberkörper zu schaffen macht.
Mein BH ist nach oben gezogen, ich liege auf dem Boden. Als er sieht, dass ich wach bin, hört er auf, beugt sich über mich und schaut mich ernst an. Ich fange an zu weinen. Da streichelt er mein Gesicht und sagt meinen Namen.

Ein milder, sonniger Oktobertag. Wir packen alles zusammen für einen langen Hundespaziergang. Plötzlich wird mir schwindlig. Ausgerechnet jetzt.
Sofort holt K. einen Beutel mit Eiswürfeln aus dem Gefrierschrank, den ich mir fest gegen die Halsschlagader drücke. Das hilft meistens, dieses Mal aber nicht.
Nach fünf Minuten rufen wir die 112 und warten auf den Notarzt, der mir die Spritze geben wird. Ich hoffe, dass es schnell geht und wir endlich loskommen, um sechs wird es schon dunkel.
Zuerst treffen die Sanitäter von der Feuerwache ein, bald darauf der Arzt.
Alles ist wie immer: Bluse öffnen, Elektroden anlegen, Herzmonitor anschließen. Der Puls ist arhythmisch und liegt zwischen 240 und 260 Schlägen pro Minute.
AV-Knoten-Reentry-Tachykardie, erkläre ich dem Arzt, während dieser versucht einen Zugang zu legen aber keine passende Vene findet. Wir scherzen ein wenig herum bis er es beim vierten Anlauf schafft und dann die Spritze aufzieht. Ajmalin soll es sein, nicht Adenosin, bitte ich ihn, das vertrage ich nicht so gut.
Inzwischen bin ich ein wenig erschöpft und werde immer kurzatmiger. Einer der Sanitäter stellt sich neben mich und legt mir die Hand auf die Schulter. Nicht mehr lange. Durchhalten!
Der Arzt steckt die Spritze in den Venenkatheter und drückt durch. Im selben Augenblick schmecke ich das Zeug schon auf der Zunge und mir wird schlagartig elend.
Das kommt vor, beruhigt er mich und schaut konzentriert auf den Monitor.
Der Sanitäter, der neben mir steht, tritt jetzt hinter mich und hält mit beiden Händen meinen Kopf fest.
Mir geht es immer schlechter, sage ich und merke wie ich panisch werde, so war das noch nie.
Ein bisschen Geduld, da tut sich was. Gleich.
Wir starren auf den Bildschirm, der auf dem Küchentisch steht und warten, dass die ungeordneten Ausschläge sich in einen geregelten Sinusrhythmus verwandeln werden.
Ich merke, wie sich alles zu drehen anfängt, es flackert, mir wird schwarz vor Augen.
Ich kippe um, rufe ich und halte mich mit beiden Händen an der Tischkante fest. Hilfe!

Schau mich an, sagt er. Sein Blick ist fest auf mich gerichtet. Ich kann nicht. Die Lider wollen zufallen, es flimmert in den Augenwinkeln, der glitzernde See mit dem raschelnden Schilf verschwindet. Ich möchte bleiben.
Kathe, schau mich an. Seine Stimme ist ruhig, die Augen ernst, er hat Falten auf der Stirn.
Ich will sprechen aber die Lippen bleiben geschlossen, da greift er in mein Gesicht und nimmt etwas weg.
Wie viele Katzen hast du?
Ich schüttele den Kopf, ohne ihn zu bewegen. Ich muss mich konzentrieren, um nicht nach hinten zu fallen, ins Dunkle. Atmen. Ganz vorsichtig. Geradeaus schauen. In die Augen. Mich festhalten an seinem Blick. Sonst sterbe ich.

Der See und das Schilf. Licht. Das Glitzern. Es ist ganz warm. Und ruhig.

Ich habe geträumt, flüstere ich und schaue nach oben. Ich liege in meiner Küche. Über mir ist der Türrahmen. Um mich herum stehen große Männer mit schweren Schuhen. Mein Brustkorb schmerzt. Der Mann mit den grünen Augen kniet neben mir und schaut mich an.
Was hast du geträumt, fragt er.
Nicht mehr sprechen, sagt eine strenge Stimme im Hintergrund. Es ist der Arzt. Ich erinnere mich.
Ich muss ohnmächtig gewesen sein. Die Männer sind die Sanitäter. Auf dem Tisch piept der Herzmonitor.
Ich war am See. Es war Sommer. Da war Schilf. Es war schön.
Du musst dir den Traum merken,
sagt der Mann mit den Augen und hört nicht auf, mich mit seinem Blick festzuhalten.
Die Luft ist so zäh und schwer. Mir ist schlecht. Ich würge und höre wie Töle an der Badezimmertür kratzt.
Der Hund!
Ich kümmere mich um den Hund
, sagt K. Sie ist auch noch da. Das ist gut.
Als sie mich auf der Liege aus dem Haus schieben blicke ich in die Häuserschlucht und den Himmel darüber. Niemand ist auf der Straße.
Im Krankenwagen schnallen sie mich fest und hängen den Infusionsbeutel über mir auf.
Durch das geöffnete Fenster kommt ein kühler Luftstoß und streift meine Wange. Das ist schön.
Mir ist immer noch übel.
Das kommt vom Blutdruck, der ist 50 zu 30, sagt der Arzt.
So niedrig?
Niedrig?,
wiederholt er und lacht kurz auf. Das geht schon wieder. Sie hatten gar keinen mehr.

Mit Blaulicht fahren sie mich ins Vivantes Klinikum am Friedrichshain.