la grue jaune

Am Morgen schnürt eine Frau im langen, schwarzen Kleid über das Dach des Zuges. Ihre Bewegungen ein Fruchtbarkeitstanz.
Bald nach dem Aufstehen lege ich mich wieder hin. Obstbäume vor dem Fenster.

Nachts höre ich Dokus. Nach wenigen Minuten bricht die Verbindung ab und ich schlafe ein.

Gegen 6 Uhr das helle Läuten der nahegelegenen Kapelle. Im Garten brennt Licht für die Heimkehrer. Ich schließe die Augen und öffne sie als ein regelmäßiges Scheppern die Stille zerschlägt. Jemand wirft Äpfel in eine Schubkarre.

Auf dem Hof ist keine Stimme zu hören.

 

Am Nachmittag erhebe ich mich noch einmal aus dem Bett. Nach einem Becher kalten Morgenkaffees ziehe ich einen roten Rock über und gehe durch das Dorf. Die Sonne scheint auf den See, die Bergspitzen liegen im Nebel. In einem düsteren Nadelwäldchen steht ein schwarzer Holzverschlag. Verborgen allen die nicht von ihm wissen. Ich horche auf Klopfzeichen oder Wimmern und gehe rasch weiter. Wieder zirpen die Zikaden und die Sonne sticht und schmerzt. Ich will mich abstützen und finde keinen Halt. Mit geschlossenen Augen stolpere ich davon. An der nächsten Biegung höre ich die alte Frau und hebe vorsichtig ein Lid. Als sie mich sieht, stellt sie sich vor ihren Schäferhund und redet beruhigend auf ihn ein. Ihre Stimme klingt blechern. Auf Eierschalen schleiche ich an ihr vorbei.

 

Ein Schnipsen und es hört auf

 

Vor der Kurve das heisere Horn der Lokomotive. An den Gleisen steht ein Mann und sagt: Mit dem Hut sehen Sie aus wie Gabriele Münter.

q – t

8574765127_a259a17689_z.jpg

Die Luft ist nicht gerade raus, aber viel ist nicht mehr drin. Ein Niemandsbalg, halb schlaff, halb gebläht. Der unspielbare Ball auf wintergrauem Rasen. Darunter stirbt oder erwacht etwas, was mehr oder weniger dasselbe zu sein scheint. Leben.

Verhalten bin ich, müde, maulfaul, mit nur gelegenlich auffrischendem Wind, ein altes, kaum nachempfindbares Mitteilungsbedürfnis an die Welt. Warten auf die Flut.

Meine Tage bestehen aus Sortieren und Schlafen, ersteres weil äußere Zwänge und letzteres weil ersteres letzteres unweigerlich nach sich zieht. Mit der Sonne, so hoffe ich, wird auch die alte Energie zurückkehren und die Zuversicht, mein sprudelndes Gemüt und meine ins Hyterische überdrehende Exzentrik.

römmpömmpömmpömm.

Bin ich irgendwann genesen von Schwermut und Introversion, so denke ich, werde ich ein Diadem aus Nudeln mit Hackfleisch flechten und es auf meine inzwischen wieder viel zu langen Lockenhaare setzen, dazu werde ich eine Bauchtasche mit Fotoaufdruck behaarte Wampe tragen. Bis dahin aber muss ich ernst und für mich bleiben.

(gute Typen bleiben für sich.
Nur Fliegen fliegen auf mich)

Das weiß inzwischen auch der gesellige und lebensfrohe Unterfranke, der aber aus Gründen der Freundschaft und langjähriger Verbundenheit trotzdem anruft und um Einlass bittet. Ich jedoch habe in reichsbürgerhafter Verschrobenheit und wegen eines starken Abschottungsbedürfnisses meine Türklingel schon lange mit einem Schalter versehen, der inzwischen dauerhaft auf Aus gestellt ist. Wer in meine privaten Räume vordringen möchte, braucht entweder einen Schlüssel oder meine Handynummer. Doch man freue sich nicht zu früh: auch dieses Gerät ist fast ganzjährig stumm geschaltet und sicherheitshalber mit dem Display nach unten abgelegt.

Ob er Rüpel dabei hat, frage ich mit ungeölter Stimme den Zutritt begehrenden Unterfranken und falls ja, ob Rüpel nass sei. Beides, antwortet der Unterfranke und sofort winke ich ab. Der Gedanke, meine Wohnung nach dem Hundebesuch und der unentrinnbaren Fellschüttelarie putzen, oder wahlweise den Schmutz an Türen und Wänden ertragen zu müssen, macht mich schon im Vorwege sterbensmüde. Frustriert legt der Unterfranke auf und ich mich ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen schicke ich ihm eine Entschuldigungs-sms, die er nicht beantwortet.

Auch die anderen Freundschaften ruhen. Weil – man errät es leicht – ich zu müde bin. Zu erschlagen. Zum Reden, zum Lachen, sogar zum Singen und Streiten, zum Spazieren, zum Freundinsein.

Stattdessen sortiere und schlafe ich weiter, in der Hoffnung, Ordnung in meine Existenz zu bringen. Ein sittsames Nebeneinander soll es werden, diess Leben, etwas wo alles seinen festen Platz hat, statt dieser Wundertüte voll zappelnder Gichtkröten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, unauffälliger Vogel, Nadja Varga
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/