sriii sriii

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Geh in die Küche, niemand darf Dich sehen, robbe dorthin
, war das erste Kommando, das mein Hund lernte, als er noch bei den Kosmonauten lebte, eine Geschichte, so uninteressant, wie ihr Anfang.

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Der Kanzler ist zu Besuch. Wir reden über dies und das, auch über seine neuen politischen Haltungen und Einsichten. Eigentlich redet nur er und ich höre zu. Es lohnt nicht dazwischen zu gehen, es macht alles nur hitziger und schärfer.
Später lockert sich meine Kiefersperre. Ich stelle Zwischenfragen, aus deren Ritzen und Scharnieren meine Zweifel blitzen. Das bringt ihn noch mehr in Fahrt, doch es bleibt friedlich zwischen uns.

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Der Nachmittagsspaziergang durch die Königsheide war eine gute Idee. Nach anfänglichem Zögern läuft der Kanzler entspannt mit und ist gefangen von der Lieblichkeit des Waldes. Hoch steht das Gras zwischen den Bäumen, das Licht fängt sich in den Härchen des Glatthafers, die Blätter der Maiglöckchen leuchten am Fuße der frischgrünen Eichen, Fliegen tanzen in der würzigen Luft und über allem sirrt das sommerliche Versprechen eines Anfangs.

Erinnerungen an la Forêt de Brocéliande, den Zauberwald, irgendwann in einer weit entfernten Zeit.

An dem rostigen Zaun des ehemaligen Kinderheimes treffen wir auf zwei ältere Frauen, beide mit Hund. Die Staffordhündin der einen trägt einen Ledermaulkorb.
Fressschutz, sage ich, als sie verwundert vor Töle stehen bleibt und deren Maulkorb bestaunt, die tut niemandem was.
Meine auch nicht
, doch sie sucht nach Menschenkot.
Uns schüttelt es. Dass die Leute überhaupt ins Gebüsch machen müssen, obwohl sie nicht mal obdachlos sind, denke ich. Ich kann mich nicht erinnern jemals. Außerdem kann man es doch danach. Aber wer denkt schon an Hundebesitzer, wenn er. Lassen wir das.

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Seit drei Jahren kein Alkohol, auf den Tag, fällt mir auf, als wir nach dem Spaziergang in der Kolonie Hermannsruhe unter hohen Bäumen sitzen und der Kanzler seine zweite Weisse mit Schuss bestellt, während ich ein Wasser trinke. Eigentlich sollte es nur ein Jahr werden, aber dann blieb es dabei und ich vermisse nichts.
Der Unterfranke kommt angeradelt und versorgt uns mit Gebäck aus der lärmenden Tütenwelt auf  der anderen Seite des Waldes. Während wir essen schnuppern die Hunde sich durch den Garten, der mit seinem abendlichen Lichtspiel auf dunkler Erde an das Waisenhausgemälde Liebermanns erinnert.

Wir plaudern dies und das und reden über jenes, nur nicht über die verstorbene Mutter und Exfrau. Sie sitzt sowieso mit am Tisch, sonst wäre ich nicht da und der Kanzler nicht bei mir.

Am ersten Juni wird ihre Seebstattung sein.
1616, ein Datum, das ich nie vergessen werde.

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Zurückgelehnt sitze ich im Stuhl, die Arme hängen entspannt herunter. Wir schweigen, benommen von soviel frischer Luft und Fülle. Aus ihrem Schattenplatz blinzelt Töle mich an und wedelt. Ich blinzele zurück, da steht sie auf, trottet zu mr herüber und drängt den warmen Kopf in meine Hand. Mit geschlossenen Augen kraule ich ihre Ohren, langsam und gleichmäßig geht ihr Atem, bald schläft sie im Stehen ein. Wie gern ich sie habe.

Das Auto ist auf einem Parkplatz in Johannistal. Den Rückweg dorthin gehen wir über schmale Trampelpfade im Wald hintereinander her, jeder in seine Gedanken versunken und von glückseliger Wehmut erfüllt.

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Am Abend kommen wir nach Kreuzberg zurück. Der Himmel ist groß, das Herz ist weit  und die Mauersegler vermessen rufend das große Blau.

Sriii sriii

 

Ich liebe mein Leben.

 

 

 

 

 

 

Simsalabim

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Nicht gestillt worden zu sein zähle ich nicht zu den Katastrophen, die mein Leben begleiten seit ich denken kann. Das machte man damals so. Ungewöhnlich war schon eher, lediglich dem mittleren von drei Kindern die Flasche zu geben. Genauso unüblich war es, nur eines der drei in den Ganztagskindergarten und später in die Ganztagsschule zu schicken.
Mittags, wenn meine Geschwister Schulschluß hatten, stand ich an dem Zaun zur Straße und schaute ihnen nach. Ich war nicht traurig. Ich schämte mich vor meinen Erziehern.

Später, auf dem Heimweg, ging ich durch eine der Schrebergartenkolonien, die es damals noch gab. Ein steiler, rundum zugewachsener Hohlweg, so eng, dass zwei Menschen sich nur mit Mühe aneinander vorbei drücken konnten, führte zur Straße hinter unserem Haus. Unter seinem dichten Blätterdach roch es nach reifen Brombeeren und nach Kot. Schillernde Fliegen brummten durch die satte Luft und Wespen rissen Stücke aus den feuchten Eingeweiden plattgetretener Würmer. Hier und da fand ich einen vertrockneten Lurch, manchmal auch eine tote Amsel, die mit offenen Augen auf der Seite lag. Sie tat mir leid. Über allem wucherten die Schlingpflanzen.

In meiner Erinnerung rettete mein Vater nicht nur die madenzerfressenen, überfahrenen Katzen, die ich nach Hause brachte, simsalabim, er entließ sie auch, kaum dass sie wieder atmen konnten, in die Freiheit. Wenn ich nach seinen streng geheimen Operationen das Zimmer betrat und die Tiere streicheln wollte, pflegte er vage aus dem Fenster zu deuten.  Da läuft sie. Ich schaute hinaus und sah sie im Gebüsch verschwinden.

Unter dem Dachfenster im Zimmer des Kindermädchens stand ein altes Bett. Die Matratze war so weich, dass ich mit den Füßen einsank und die Federn quietschten, wenn ich darauf hin und her hopste.
Eines Tages, ich bin allein im oberen Stockwerk, hüpfe und springe ich wieder laut singend auf dem Bett herum und schaue, den Kopf in den Nacken gelegt, in den blauen Himmel über mir. Ehe ich mich versehe landen meine Füße statt auf der weichen Matratze auf dem Bettrahmen, ich knicke um und werde mit Schwung auf den Boden geschleudert, wo ich mit dem Kinn aufschlage. Es knirscht und ein spitzer, heller Schmerz durchzuckt meinen Schädel. Dann ist es still. Ich rühre mich nicht. Etwas warmes quillt aus meinem Mund und läuft langsam die Wange herunter. Blut. Ich wimmere leise, doch der Ton geht unter in einem kehligen Gurgeln.

Nach einer endlosen Weile rappele ich mich vorsichtig auf. Mir ist schwindlig und mein Kopf schmerzt. Aus meinem Mund strömt immer noch das Blut, mein T-Shirt ist nass und rot. Ganz vorsichtig taste ich mich in Richtung Treppenhaus. Beim Hinuntergehen muss ich mich am Geländer festhalten.
Was soll ich bloß meiner Mutter sagen.

Als ich das Wohnzimmer betrete sehe ich sie auf dem Sofa liegen. Sie raucht und liest, vielleicht trinkt sie auch Kaffee. Ich weiß es nicht mehr. Woran ich mich gut erinnere ist ihr Gesichtsausdruck und die zusammengezogenen Augenbrauen. Ich sehe sie aufspringen, mit schnellen Schritten auf mich zulaufen, mich am Arm hochreissen und aus schmalen Lippen etwas sagen, doch ich kann sie nicht verstehen, denn ich schreie aus Leibeskräften. Die Spitze meiner Zunge baumelt lose an eine schmalen Streifen Fleisch. Es schmeckt nach Metall und Schleim und Tränen.

Später, nach ein paar aufgeregten Telefonaten, sitzen wir im Taxi. Sie vorne, ich hinten. Den Kopf vornüber gebeugt halte ich eine Plastiktüte unter mein Gesicht. Auf ihrem Grund sammelt sich das Blut in einer tiefroten Lache. Der Taxifahrer wirft mir durch den Rückspiegel einen strengen Blick zu.

Am Klinikeingang empfängt uns mein Vater und streichelt mir übers Haar. Im Behandlungszimmer desinfiziert er meine Zunge, klemmt Zellstoffwürste darunter und fügt sie mit seinen Zauberhänden wieder zusammen.

 

 

 

 

 

 

Bild: Thomas K., Beeren
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Vierhändig

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Ich weiß nicht, wie ich auf das `Lied´ gekommen bin. Warum ich genau dieses und kein anderes sang. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da bin ich sicher. Wahrscheinlich hätte ich, wenn ich nur kurz inne gehalten hätte, das, was dann geschah, verhindern oder zumindest aufschieben und in seinen Konsequenzen abmildern können. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich sie damit provozierte und wie aufgeladen die Stimmung bereits war. Vielleicht hatte sie gespürt, wie ich sie betrachtet hatte, als sie dalag am Pool, mit der dicken Hornhaut an den Fußsohlen und den großen Brüsten, die formlos in ihren Achseln klemmten, und ihrem Bauch, mit den silbernen Streifen. Vielleicht hatten meine Blicke, mit denen ich ihren Körper wog und seine Unzulänglichkeiten entblößte, sie gekränkt. Doch wahrscheinlich brauchte es das gar nicht und es reichte meine Anwesenheit und die Tatsache, dass sie und ich gemeinsam an diesen verlassenen Ort geschickt worden waren, mein Vater ihr diese Pflicht auferlegt hatte zu beweisen wie falsch er lag. Wir hatten das beide nicht gewollt, da bin ich sicher, doch wir konnten den Erwartungen, dem Anspruch an uns selbst und an die Tragfähigkeit unserer Beziehung, die fürsorgliche Mutter, die kranke Tochter, nichts entgegen halten. Wir mussten auch diesen Weg miteinander gehen um das was uns trennte ins Unauflösbare zu zementieren. Verbunden durch eine Fessel, die umso tiefer ins Fleisch schnitt, je mehr wir uns voneinander zu entfernen versuchten.

Gab es etwas in mir, das sie herausfordern wollte, das Freude an der Provokation hatte oder zumindest Genugtuung darin fand, im ganz eigentlichen Sinne, oder war ich wirklich so arglos und dumm, als ich aus der menschenleeren dunklen Lobby heraustrat, noch ganz verzückt von meinem eigenen Spiegelbild, von der Freundlichkeit, die es mir entgegen gebracht hatte, von meiner Schönheit, von der ich wusste, wie außergewöhnlich sie war, es wusste, aber nicht fühlte, und von der ich immer wieder überrascht war, wenn ich mich erblickte, anders als erwartet, nicht plump und grob, sondern zart und ebenmäßig. Eine Schönheit, die mir mehr schadete als nützte, weil sie sie nicht ertrug, nicht duldete, und jede Würdigung, ob in Worten oder Blicken ahndete, ausnahmslos. Mein Aussehen war etwas worüber wir schwiegen. Ich kannte die Regeln und ich hielt mich daran.

Doch an diesem Tag machte ich einen Fehler.

Manchmal denke ich, dass in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit etwas passiert sein muss. Etwas, das den Boden vorbereitete, ihn ebnete indem es die Spannung unter der sie stand ins Unerträgliche steigerte. Was, wenn der ältere Herr, der neben ihrer Liege stand, als ich zurück kam, etwas zu ihr gesagt hatte, einen Satz, ein misslungenes Kompliment, das den Umweg über die Tochter nahm, um der Mutter zu schmeicheln.
Es muss so gewesen sein, denn als ich herunter kam und  aus der Lobby ins gleißende Sonnenlicht trat, das mich blendete und die Menschen am Pool mit ihren Liegen zu dunklen Klumpen auf kurzen Beinen verschmelzen ließ, schlafenden Krokodilen ähnlich, stand dieser Mann da, lächelnd die knochigen Fäuste auf die Hüften gestemmt, und flirtete mit ihr, während meine Mutter, halb aufgerichtet, das lose Bikinioberteil mir beiden Händen gegen ihre Brüste drückte und ins Gegenlicht blinzelte. Ich erinnere mich deutlich an diese doppelte Beidhändigkeit, an zwei Hüften, zwei Brüste und vier Hände. Das Bild ist mir unvegesslich geblieben. Es war das letzte, was ich von meiner Mutter für die kommenden zwölf Tage zu sehen bekam.

 

 

 

(Liebe Leserschaft, ich schreib hier mal am Stück ein paar Episoden hintereinander weg. Mir geht es sehr gut, nichts tut weh, weder beim Schreiben und auch sonst nicht. Wer das  hier nicht lesen möchte, möge einfach aussetzen, bis ich wieder zu anderen Themen übergehe, demnächst. Danke für die geschätzte Aufmerksamkeit!)

Bild: Joan Arkham
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

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Als die Ergebnisse kamen war ich erleichtert. Die Blutwerte und die Gewebeproben zeigten Abweichungen. Was das bedeutete wusste ich nicht. Niemand weiß das, sagte mein Vater, es wird noch geforscht. Auf einem Benefizrennen mit motorisierten Betten war einiges an Geld dafür zusammen gekommen. Ich fand keinen Trost in dieser Vorstellung.

Den Untersuchungen vorausgegangen war eine Reihe von Ereignissen. Kleine Auffälligkeiten, eine Beobachtung des Hausarztes. Schließlich kam es zu dem entscheidenden Zwischenfall. Lähmende Erschöpfung hatte meinen Körper ergriffen. Einen nachvollziehbaren Grund dafür gab es nicht. Außer jenem, der auf der Hand zu liegen schien: ich simulierte. Meine Mutter war aufgebracht, als sie das sagte. Sie glaubte mir nicht. Eine Untersuchung sollte Aufschluß bringen.

Und Gnade dir Gott, wenn du nichts hast, sagte sie.

Bis heute betrachte ich in diesem Satz als den Beginn des Unheils. Er hat es nicht verursacht oder ausgelöst, das weiß ich. Es war schon da und wartete nur. Auch meine Mutter trägt keine Schuld daran, und doch ist es, als hätten ihre Worte alles zum Einsturz gebracht. Der dünne Boden, auf dem ich mich bewegte, gab nach.

Am Abend nach dem Zwischenfall lag ich im Bett. Es ging mir wieder besser, aber ich war voller Sorge. Um meinen Körper, um meinen geistigen Zustand, aber mehr noch um das, was geschehen würde, wenn man nichts fand. Niemand würde mir mehr Glauben schenken, nicht einmal mein Vater.

Vielleicht war ich wirklich krank im Kopf. Jemand, der Schmerzen hatte, wo eigentlich keine waren. Ob es so etwas gab?

Hoffentlich finden sie was, dachte ich beim Einschlafen.

Meine Bitte wurde erhört.

 

 

 

 

 

Bild: https://www.flickr.com/photos/cushmok/5381339842/in/photolist-c8nWxj-c8o2pS-c8nZSL-c8o1AN-diNsZa-73dHpB-5YGQmm-6HZEcD-sb5x2A-9cwLRq-rA1pSa-7zdkcq-mmQfuu-de1fcj-AF6DuH-aBKiTa-aBKiW2-aBKiYX-o7A7tT-aKo27Z-392gSg-7mLn9k-8sogxP-cFc7dL-mSWxUB-c8o6fY-ngBdNb-ngzi1e-85EB7h-rHEN2x-i6yVV8-czScVy-7LZC5V-c8o363-8CaZ3g-aBKj3g-aBKiQ8-BkciW1-ajkjKe-95WdER-97uX7e-iVhw4L-ft6AXp-9m4j14-73Zs7P-B48m33-dMZxD3-6Kn31x-pR4AUF-zSaNBu
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Zwischen zwei Leben

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Ich möchte nicht mehr, dass Du zu Deinem Vater ins Auto steigst
, sagt meine Mutter, als ich sie auf halber Treppe treffe. Sie hält einen voll beladenen Wäschekorb in den Händen, der Duft von Waschmittel steigt mir in die Nase, ich schaue sie an. Ihr Blick ist ernst, nichts verächtliches oder heimtückisches liegt darin, auch ihrer Stimme fehlt der übliche abschätzige oder drohende Anklang.  Sie meint es so, wie sie es sagt und sie meint es gut. Das ist das Beunruhigendste.

Wann genau das war, weiß ich nicht mehr. Es muss nach meinem Aufenthalt in der Uniklinik gewesen sein, ob Wochen oder Monate oder vielleicht sogar Jahre später – ich kann es nicht sagen. Die Erinnerung an diese Zeit liegt sorgsam verschlossen. Nur selten habe ich das Bedürfnis und den Mut an diesen Ort der Angst zurück zu kehren.

Das einzig konkrete Bild aus den Tagen in der Klinik, ist das eines verdorbenen Apfels, den ich in der Nacht gegessen habe und dessen zerfressenes Gehäuse ich am nächsten Morgen auf dem metallenen Nachttisch finde, braun und voller Wurmkot. Mich ekelt vor mir.
Auch an das fahlweisse Licht, das durch die Thermoglasfenster in das überheizte Krankenzimmer fällt, erinnere ich mich und an einen Brief des Pfarrers, der mich konfirmiert hat, an seine guten Wünsche für mich, an die Schmerzen in dem Gewebe unter der Operationsnarbe, die wie ein borstiger Tausenfüßler auf meiner Haut sitzt.
Das Gesicht meiner Bettnachbarin ist mir abhanden gekommen. Sie litt an Myasthenia gravis, das weiß ich noch, und ihr Name ist mir im Gedächtnis geblieben – Frau J. Ihre grauen Haare waren kurz, die Augenlider halbgeschlossen, oft hatte sie Mühe zu schlucken und manchmal fiel ihr auch das Sprechen schwer – das machte die Krankheit- dann stützte sie ihren Unterkiefer mit der Hand und ich konnte kaum verstehen was sie sagte. Alles andere habe ich vergessen.

Was nach der Klinik geschah, lässt sich nicht der Reihe nach erzählen.
Die Diagnose griff in unser aller Leben ein und änderte es von Grund auf. In meiner Erinnerung gibt es ein Vorher und ein Nachher. Zwei Leben, scharf voneinander getrennt. Es gab keinen Bereich, der verschont blieb und diese unbegreifliche Veränderung erfüllte mich mit großer Furcht. Eine Würgeschlange hatte sich um meinen Brustkorb gelegt.

Das ohnehin schon brüchige Gefüge meiner Familie war dem Druck nicht gewachsen. Wir verloren uns ganz und damit unser Zuhause und ich war Schuld daran.
Bis heute haben wir uns nicht erholt davon und manchmal denke ich, dass sie mir niemals werden verzeihen können, dass ich uns alle in den Abgrund gerissen habe.

Niemand sprach mit mir, keiner sagte mir was los war und was mit mir geschehen würde. Die größte Bedrohung lag in dem Schweigen, dem ich mehr Glauben schenkte als jedem Symptom und jedem aufmunternden Lächeln meines Vaters.

Auch meine Geschwister, die eine älter, der andere jünger als ich, hatten schwer zu tragen an diesem Geheimnis, dessen Auswirkungen sie nicht ermessen und schon gar nicht verstehen konnten. Sein Raunen klang schrecklich wie der Tod. Ein unausgesprochenes Abkommen, eine Vereinbarung hielt uns drei davon ab miteinander zu reden. Bloß nicht daran rühren, um es nicht noch schlimmer zu machen, es nicht aufzubrechen, wie eine Pestbeule. Man könnte daran zugrunde gehen. Wir hofften das Unglück zu bannen, indem wir ihm keinen Namen gaben. Unterdessen breitete es sich in meinem Inneren aus wie Teer.

Auf der Suche nach Kleingeld für Zigaretten stoße ich eines Tages im Arbeitszimmer meines Vaters auf ein medizinisches Fachbuch. Aufgeschlagen liegt es auf seinem Schreibtisch, zwei, drei Absätze sind rot angestrichen. Kathe steht daneben und jeweils ein großes Ausrufezeichen, gekritzelt mit nervöser Hand. Was ich lese übertrifft alle Befürchtungen. Die Zeit bleibt stehen.
Regungslos stehe ich da, das Blut rauscht in meinem Kopf und ich schaue aus dem Fenster auf das gegenüberliegende Haus. Aus irgendeinem Grund muss ich an Michelle denken, die schon vor langer Zeit von hier weg gezogen und mit ihrer Familie zurück nach Frankreich gegangen ist. Bald darauf wurde die kleine Villa, in der sie lebten, abgerissen und an ihrer Stelle ein Neubau mit Tiefgarage errichtet. Auch der alte Birnbaum, von dem mein Vater jeden Spätsommer die Früchte pflückte, ist verschwunden.
Michelle wird nie von meiner Krankheit erfahren. Auch nicht von meinem Tod. Ich drehe mich um und gehe hinauf in mein Zimmer. Dort setze ich mich unter den Tisch und weine. Die nächsten zehn Jahre höre ich nicht mehr auf damit.

 

 

 

 

Bild:  Michele M.F. Bronze runners from the Villa of the Papyri (Herculaneum)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Blank

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Was so nebenbei läuft ist am anstrengendsten. Erben zum Beispiel. Im Vorfeld schon eine schwierige Angelegenheit zeichnet sich ab, was eines Tages auf einen zukommen wird. Respekt den Familien, die es schaffen Nachlassangelegenheiten zu regeln ohne dabei zu zerrütten.
Es geht ja nicht einfach nur um Geld. Es geht auch um Liebe, um Fürsorge, um die ordnende Hand aus dem Grab, um alles das, wonach man sich zu Lebzeiten gesehnt hat, die Zuneigung, die Aufmerksamkeit. Das Buhlen der Geschwister hört nach dem Tod der Eltern nicht auf, sowenig, wie die empfundenen Kränkungen. Der Ton wird schärfer.
Hochachtung vor denen, die zusammen rücken, nebeneinander stehen, Freunde werden im geteilten Leid, sich nicht entfremden im Verlauf dieser längsten Beziehung des Lebens.
Man ahnt die Einsamkeit, die über einen kommt, wenn die biologischen Wurzeln gekappt sind und der Freundeskreis langsam wegstirbt.
Es ist nicht nur der Herbst, der traurig stimmt, es ist vor allem das Leben, das ausklingende, die nicht gestellten Weichen und die verpassten Gelegenheiten.
Man hätte viel früher den Arm umeinander legen sollen. Nach Versöhnung trachten, wo diese noch greifbar war.
Irgendwann schafft man es kaum noch. Keine Geste der Zuneigung, keine warmen Worte. Nichts.
Nur Misstrauen und stirnrunzelnder Widerwille verpackt in spitzfingrige, brüchige Höflichkeit.
Darunter liegt alles blank.

 

 

Bild: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/
Stinker, Dockville Festival 2011: Brennendes Haus (Installation von Marc Klee)
https://www.flickr.com/photos/stinka/6042950437

Diva

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Wir hatten es nicht leicht miteinander. Von Anfang an nicht.
Die Legende berichtet von der Stillverweigerung, dem Schreikind und einer unüberwindbaren Abneigung.
So ähnlich wird es wohl gewesen sein. In meiner Erinnerung jedenfalls haben die zärtlichen Momente immer etwas zu tun mit Alkohol oder der Farce eines Familien- oder sonstigem Besuches. Ein Schauspiel in dem ich ihr als freundliche Statistin assistierte, aus Furcht vor ihrem Zorn, beseelt von der Hoffnung mir ihre Zuneigung erarbeiten zu können.

Ich hasse dieses Kind

Wahrscheinlich wäre es auch für sie schöner gewesen, hätte sie mich bloß lieben können. Das aber war ihr nicht gegeben und mir, in der Folge, ebenso wenig. Traurig, für uns beide.
So viele Jahre in denen ich mich danach sehnte, mindestens so viele in denen ich vorgab darüber hinweg zu sein.

Gesehen habe ich sie zum letzten Mal vor 21 Jahren im Krankenhaus. So erinnere ich mich. Meine Schwester, damals im Kindbett, weiß nichts davon. Habe ich diese Begegnung nur erträumt?
Schmal war sie im Gesicht, beinahe schon hager, eine dunkle Sonnenbrille verbarg ihre Augen, die den meinen so ähnlich sind. Ihr Auftreten ganz die Diva, die sie immer war. Eine ausgestorbene Gattung.
Beinahe zwei Jahre hatten wir keinen Kontakt gehabt und trotzdem wechselten wir kein Wort miteinander an diesem Tag im September. Zu tief war die Kluft zwischen uns. Ihre Verwünschungen und Todesflüche. Der unkontrollierte und ungezügelte Hass.

Heute, am Vortag des Heiligen Abends, denke ich an sie. An Weihnachten, wie ich es als Kind erlebte: der schwierigste Tag im Jahr. Gefühlstumult zwischen Vorfreude und Angst. Die vorhersagbare, niemals ausbleibende Eskalation. Anspannung, Enttäuschung, Missgunst.

Der Vater, der vor dem Fest mit uns im Auto durch die Stadt fuhr um sie nicht bei den Vorbereitungen zu stören. Bei Einbruch der Dunkelheit zusammen durch den Stadtwald kariolen, bei Schnee und Eis. Jeder darf, auf seinem Schoß sitzend, ein Mal lenken. Er tritt das Gaspedal durch, lässt den Motor des alten Renault laut aufheulen, bremst ganz plötzlich ab und wir schlagen, mit schnellen Bewegungen auf spiegelglattem Untergrund das Lenkrad voll ein. Johlend schliddern wir über die gefrorenen Waldwege, Schneeflocken tanzen im Scheinwerferlicht.
Sie unterdessen, allein zuhause, immer hochtouriger laufend, schraubt sich Glas für Glas auf schwindelnde Umdrehungen. Ihr scheeler Blick bei unserer Rückkehr, und wir, noch ganz trunken und von hysterischer Ausgelassenheit, die sich überschnappend und fast schon rasend auf das unvermeidbare Inferno eintrommelt. Die beiden berauschten Welten, deren Spannungen sich während des bescheidenen, protestantischen Weihnachtsessens, ausgelöst durch einen winzigen Funken, ein falsches Wort oder ein kleines Missgeschick, ungebremst und krachend entladen. Ein loderndes Feuer, splitternde Kollision. Ertauben an hochkochendem Hass und tiefer Verachtung.
Das große Glockengeläut in meinen Ohren, auch damals schon.
Der Nussknacker. Sein hölzernes, starres Gesicht. Unsere beklommenen Wünsche, blicklos und bitter.  Ein metallischer Geschmack im Mund.

Das bemüht vergnügte Auspacken der Gaben schließlich. Farbenfrohes Geschenkpapier bestaunen und sorgfältig zusammen legen. Zeit gewinnen, um sich, unter ihrem wachsamen Blick, den erwarteten Gesichtsausdruck zurecht zu legen und die gebotene Freude zu zeigen über die empfangenen Alltagsgegenstände – Ah, Socken, toll! – während sie sich, in dem, eigens für sie angefertigten, knöchellangen, weit schwingenden Mantel aus schwarzem Nerz – Achtzig Tiere, stell dir vor! – mit weinseligem Lächeln sonnt, eine Zigarette in der rechten Hand, die langsam herunter brennt.

 

 

 

 

(Bildquelle: PublicDomainReview.org, open images. A mezzotint écorché by Gautier D’agoty, published by Gautier in 1746 – Source: Wellcome Library, London. – See more at: http://publicdomainreview.org/collections/the-wellcome-librarys-top-10-open-images/#sthash.MlCJnwb4.dpuf)

Unsterblich

330px-File-Elisium_by_Leon_Bakst_2Nach einem kurzen Streit hat sie zwei Koffer gepackt, ein Taxi zum Bahnhof genommen und ist mit dem nächsten Zug zu ihren Eltern in die Schweiz gereist. Nichts Ungewöhnliches.
Mein Vater allerdings hat nicht versucht sie von ihrem Plan abzubringen und am Abend hat er nicht kleinlaut angerufen, um sich für Dinge zu entschuldigen, die er nicht getan oder gesagt hat.
Eine Art innerer Frühling scheint ihn mitten im Herbst überkommen zu haben, und als er beim Durchgehen der täglichen Post feststellt, dass die Versicherung inzwischen bezahlt hat, bucht er kurzerhand 4 Flüge und setzt sich am nächsten Morgen mit uns in eine Lufthansa-Maschine nach Paris. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich die Welt von oben und fühle mich wie eine inkognito reisende Millionärstochter. Dass die leuchtend weissen Wolkenberge keine federleichten Kissen, sondern ein besonderer Aggregatzustand des Wassers sein sollen, kann ich bis heute nicht glauben.
In Paris angekommen, fahren wir zu unserem Hotel in der der Avenue des Champs-Élysées, dieser prächtigen Straße aus Licht und Geschichte.
Das Hotel ist modern und luxuriös und ich bin aufgeregt und zugleich verlegen, als ich mit meinen Geschwistern die große, glänzende Eingangshalle durchquere und die Blicke der Umstehenden auf mir spüre. Ich bin 12 Jahre alt und bald werde ich eine Frau sein.
Mein Zimmer ist groß, das Bett mit einem edlen, cremefarbenen Damastüberwurf bedeckt, der Teppich hochflorig und der Blick nach draußen überwältigend. Drei Stockwerke weiter unten liegt die große Avenue der elysischen Felder.

Elysion, die Insel der Unsterblichen im ewigen Frühling.

Ich öffne das Fenster. Draußen tost der Verkehr, in der Ferne sehe ich den großen Triumphbogen. Ich atme tief ein. Eine Vorahnung auf mein zukünftiges Leben weht mich verheißungsvoll an und ich fühle ein unbeschreibliches Glück, einen Aufbruch, der sich ohne mein Dazutun vollzieht, ein So-soll-es-sein, das sich in diesem Augenblick zeigt und gleichzeitig in Gang setzt. Der Blick in ein Leben, an dem ich mich berauschen werde, weil es endlich mir gehören wird.

 

Als ich 6 Jahre alt war, saßen wir an einem Sonntagnachmittag im Sommer in der Frankfurter Innenstadt in einem jugoslawischen Lokal. Ich aß Ćevapčići mit Đuveč-Reis. Meine Eltern unterhielten sich über das Herabsetzen des Volljährigkeitsalter von 21 auf 18 viele Jahre zuvor und diskutierten, ob man in diesem jungen Alter bereits die Reife habe, politische Entscheidungen zu treffen, also wählen gehen zu dürfen. Ich saß da und spielte mit meinem Essen herum, die Würstchen waren Einbäume, der rotgefärbte Reis ein blutiges Meer voll sterbender Wale, während ich in meinem Kopf eine Rechnung aufmachte, deren Ergebnis in einen lauten Jubelschrei mündete, der die beiden augenblicklich verstummen ließ. Mir war soeben eine unglaubliche und freudige Erkenntnis gekommen: mit der Herabsetzung des Volljährigkeitsalters hatte man mir die Hälfte meines bisherigen Lebens geschenkt, und wenn ich noch einmal die doppelte Zeit, also 12 Jahre durchhielt, dann war ich frei. Ich hatte 3 kostbare Jahre gewonnen, in denen ich endlich selbst würde bestimmen können, was ich tun oder lassen wollte. Ich würde mir ein großes Haus kaufen, Tierärztin werden und gläserweise Nutella löffeln. Außerdem hätte ich in dem Alter bereits Kraft genug, um alten Menschen zu helfen. Seit einiger Zeit nämlich ging ich an manchen Nachmittagen auf den nahegelegenen Friedhof und beobachtete, wie sie sich mit langgezogenen Armen abschleppten und ihre ohnehin müden Beine leicht ins Straucheln gerieten, wenn sie die großen, grünen Gießkannen zu den Gräbern ihrer Verstorbenen trugen. Dort schippten, pflanzten und wässerten sie, zupften hier und da mit gebeugtem Rücken ein wenig Unkraut oder welke Blüten, die sie später auf den großen Komposthaufen neben der Wasserstelle warfen, der so modrig und erdig duftete, dass ich mich am liebsten hinein gelegt hätte. Stattdessen wühlte ich darin herum und pflückte jede nur halbwegs intakte Blüte heraus, um sie auf vermooste, ungeschmückte Gräber zu legen.
Alte Menschen starben. Das war traurig und deswegen musste man ihnen helfen.

 

Die kommenden Tage verbringen wir im warmen Herbstlicht, bummelnd und schlendernd. An der Seine, unter den Platanen, bei den Bouquinisten, den Boule-Spielern, den Kunstmalern auf dem Mont Martre und in den altehrwürdigen Restaurants der Stadt, in denen mein Vater mehrgängige Menues genießt, während wir Kinder mit Pommes und Eis zufrieden sind.
So könnte es immer sein, und das war erst der Anfang.

 

Sechs Jahre später, mit 18, werde ich an der Küste Eric, den jungen Bretonen kennenlernen, als er am Strand beignets aux pommes verkauft. Sein schönes Gesicht erinnert an den blonden Fotografen von Blow up, seine Augen sind berückend blau wie die von Capotes Tico Feo.
Stripes of sky
Von Zeit zu Zeit werden wir uns treffen. Unsere Intimität wird in diesem heissen August ihren Höhepunkt an einem Abend erreichen, an dem wir bekifft in irgendeiner Wohnung beieinander sitzen, während er beim Gläserrücken Adolf Hitler anzurufen versucht. Trotz unseres Zustandes werden wir nicht imstande sein die Illusion einer Begegnung mit ihm herbei zu zaubern. Stattdessen werden sich unsere Oberschenkel berühren, und von Zeit zu Zeit wird er mir einen tiefen Blick aus seinen betörenden Augen zuwerfen, der mir wie ein Versprechen erscheinen wird. Bei Tagesanbruch dann werden wir Hand in Hand zum Bäcker schlendern, und uns gemeinsam über eine ganze Tüte petits pains au chocolat hermachen.
Nach den Ferien werden wir uns Briefe schreiben und uns sagen wie sehr wir uns vermissen.
Als wir uns drei Monate später in Paris treffen werde ich bereits magersüchtig sein.
Genau eine Nacht werden wir in einer billigen Absteige miteinander verbringen.
Danach werde ich ihn nie wieder sehen.

 

Musik zum Text:

 

(Photo credit Wikipedia, Elysion)

Zuhause, oder Selbstmord und Silberrücken

English: Thunderstorm in front of Taunus, Nied...
Auf der Rückfahrt durch sternlose Nacht sprechen wir über den Abend, der hinter uns liegt.
Ihr seid so harmonisch, sagt die Freundin. Alles scheint geklärt zwischen euch.
Findest du?
, frage ich erstaunt.
Ja, schon, du nicht? Worüber ihr euch unterhalten könnt!
Was meinst Du?
Na, über´s Kiffen und über Popstars, über Selbstmord, über das Sterben. Über Essstörungen, Liebeskummer, Politik, Religion.
Tatsächlich haben wir, dort im lauschigen Gärtchen der Gaststätte, bei Grüner Soße mit Salzkartoffeln und sauer Gespritztem, so ziemlich jedes große Themengebiet zumindest kurz gestreift. Bezüglich der angenehmsten Art Selbstmord zu begehen waren die drei Ärzte am Tisch sich allerdings nicht ganz einig. Der Eine findet Ersticken durch Plastiktüte gut, die Andere das Ausbluten und der Nächste gibt Kohlenmonoxid den Vorzug. Anästhesisten, so erzählt der Schwager, bevorzugten den Tod, den auch Michael Jackson starb. Eine Überdosis der weißen Milch befördere sicher und mit sanften Träumen auf die andere Seite des großen Flusses.
Mir erscheint die Plastiktüten-Variante am besten. Einfach, lautlos, sauber, und noch für den kleinsten Geldbeutel erschwinglich.

Suicide made by Lidl

Wer immer sie mir dereinst reichen wird, macht sich zum Sterbehelfer.
Später erklärt mir der Neffe, warum er Abends keine Kohlenhydrate mehr zu sich nimmt. Es hat zu tun mit Muskelaufbau und vor allem auch mit Muskeldefinition. Wie genau das nun zusammenhängt weiß ich nicht mehr. Über seine Pommes und die gebratenen Zwiebeln jedenfalls freut sich die Schwester, das Rumpsteak verleibt der große, kräftige Kerl mit der Kinderseele sich ganz alleine ein. Danach raucht er eine Parisienne bleue. (Filterkippen stinken)
Interessanter finde ich die Frage, wozu er, den ich noch als eher trägen Teenager mit ausgeprägter Vorliebe für hochkalorische Süßspeisen in Erinnerung habe, seinen Körper so derartig auftrainieren möchte. Ist es, um den Mädchen zu gefallen, oder will er damit eher andere Jungs beeindrucken? Denn das weibliche Geschlecht, da sind wir drei Frauen am Tisch uns einig, steht ja eigentlich gar nicht auf muskelbepackte Hulks.
Nicht? Da staunt er. Nein, eher nicht.
Ich erzähle ihm von dem Silberrücken im Frankfurter Zoo, der die konkurrierenden Männchen der Gruppe mit martialischem Gehabe und breitschultrigem Brusttrommeln beeindruckt und im Zaum hält. Die Gorillaweibchen kümmert das wenig. Im Gegenteil. Bei einem Zoobesuch vor vielen Jahren, gemeinsam mit meinem Bruder, führte der Gorillachef sich gerade wieder lautstark und gewaltbereit auf, derweil die Gorilladamen hinter der dicken Glasscheibe mit dem Publikum flirteten. Eine von ihnen hatte ganz offensichtlich ein Auge auf meinen Bruder geworfen, der den zähen Körper eines Marathonläufers, nicht aber eines Kraftprotzes hat. Benny fand meine Beobachtung wenig schmeichelhaft. Zum Beweis, nahm ich ihn in den Arm und küsste ihn auf die Wange, was das Weibchen derartig in Rage brachte, dass sie an die Scheibe herantrat und mit schwarzen Augen und wildem Gesichtsausdruck laut und gefährlich dagegen trommelte. Hätte sie gekonnt, hätte sie mich getötet, da war ich mir sicher.
Auf einmal tat sie mir ungeheuer leid, und ich zog Benny aus dem Affenhaus ins Freie.
Nie wieder habe ich diesen Ort danach aufgesucht.
Der Neffe hat meinen Ausführungen interessiert gelauscht und schenkt mir nun ein nettes Lächeln mit bezaubernden Grübchen.
Er kann schon sehr charmant sein, denke ich, und ich hoffe, dass die Frau, die er eines Tages ins Herz schließen wird, ihn genau für seine weiche und zuvorkommende Art, nicht aber für seine Muckis und sein Großmannsgetue lieben wird. Mein goldiges Näffchen.
Der Abschied ist warm und ein kleiner Schmerz sitzt mir in den Nasennebenhöhlen. Nicht weinen. Ich kämpfe die aufsteigenden Tränen nieder und mein Abgang gerät viel sachlicher als gewollt.

Die Freundin hat Recht, wir sind schon sehr harmonisch miteinander, inzwischen.
Das mit der Herzlichkeit wird auch noch. Ich übe.