Vierhändig

8567339852_54116a8389_z
Ich weiß nicht, wie ich auf das `Lied´ gekommen bin. Warum ich genau dieses und kein anderes sang. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da bin ich sicher. Wahrscheinlich hätte ich, wenn ich nur kurz inne gehalten hätte, das, was dann geschah, verhindern oder zumindest aufschieben und in seinen Konsequenzen abmildern können. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich sie damit provozierte und wie aufgeladen die Stimmung bereits war. Vielleicht hatte sie gespürt, wie ich sie betrachtet hatte, als sie dalag am Pool, mit der dicken Hornhaut an den Fußsohlen und den großen Brüsten, die formlos in ihren Achseln klemmten, und ihrem Bauch, mit den silbernen Streifen. Vielleicht hatten meine Blicke, mit denen ich ihren Körper wog und seine Unzulänglichkeiten entblößte, sie gekränkt. Doch wahrscheinlich brauchte es das gar nicht und es reichte meine Anwesenheit und die Tatsache, dass sie und ich gemeinsam an diesen verlassenen Ort geschickt worden waren, mein Vater ihr diese Pflicht auferlegt hatte zu beweisen wie falsch er lag. Wir hatten das beide nicht gewollt, da bin ich sicher, doch wir konnten den Erwartungen, dem Anspruch an uns selbst und an die Tragfähigkeit unserer Beziehung, die fürsorgliche Mutter, die kranke Tochter, nichts entgegen halten. Wir mussten auch diesen Weg miteinander gehen um das was uns trennte ins Unauflösbare zu zementieren. Verbunden durch eine Fessel, die umso tiefer ins Fleisch schnitt, je mehr wir uns voneinander zu entfernen versuchten.

Gab es etwas in mir, das sie herausfordern wollte, das Freude an der Provokation hatte oder zumindest Genugtuung darin fand, im ganz eigentlichen Sinne, oder war ich wirklich so arglos und dumm, als ich aus der menschenleeren dunklen Lobby heraustrat, noch ganz verzückt von meinem eigenen Spiegelbild, von der Freundlichkeit, die es mir entgegen gebracht hatte, von meiner Schönheit, von der ich wusste, wie außergewöhnlich sie war, es wusste, aber nicht fühlte, und von der ich immer wieder überrascht war, wenn ich mich erblickte, anders als erwartet, nicht plump und grob, sondern zart und ebenmäßig. Eine Schönheit, die mir mehr schadete als nützte, weil sie sie nicht ertrug, nicht duldete, und jede Würdigung, ob in Worten oder Blicken ahndete, ausnahmslos. Mein Aussehen war etwas worüber wir schwiegen. Ich kannte die Regeln und ich hielt mich daran.

Doch an diesem Tag machte ich einen Fehler.

Manchmal denke ich, dass in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit etwas passiert sein muss. Etwas, das den Boden vorbereitete, ihn ebnete indem es die Spannung unter der sie stand ins Unerträgliche steigerte. Was, wenn der ältere Herr, der neben ihrer Liege stand, als ich zurück kam, etwas zu ihr gesagt hatte, einen Satz, ein misslungenes Kompliment, das den Umweg über die Tochter nahm, um der Mutter zu schmeicheln.
Es muss so gewesen sein, denn als ich herunter kam und  aus der Lobby ins gleißende Sonnenlicht trat, das mich blendete und die Menschen am Pool mit ihren Liegen zu dunklen Klumpen auf kurzen Beinen verschmelzen ließ, schlafenden Krokodilen ähnlich, stand dieser Mann da, lächelnd die knochigen Fäuste auf die Hüften gestemmt, und flirtete mit ihr, während meine Mutter, halb aufgerichtet, das lose Bikinioberteil mir beiden Händen gegen ihre Brüste drückte und ins Gegenlicht blinzelte. Ich erinnere mich deutlich an diese doppelte Beidhändigkeit, an zwei Hüften, zwei Brüste und vier Hände. Das Bild ist mir unvegesslich geblieben. Es war das letzte, was ich von meiner Mutter für die kommenden zwölf Tage zu sehen bekam.

 

 

 

(Liebe Leserschaft, ich schreib hier mal am Stück ein paar Episoden hintereinander weg. Mir geht es sehr gut, nichts tut weh, weder beim Schreiben und auch sonst nicht. Wer das  hier nicht lesen möchte, möge einfach aussetzen, bis ich wieder zu anderen Themen übergehe, demnächst. Danke für die geschätzte Aufmerksamkeit!)

Bild: Joan Arkham
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

5381339842_5a9fc66673_b
Als die Ergebnisse kamen war ich erleichtert. Die Blutwerte und die Gewebeproben zeigten Abweichungen. Was das bedeutete wusste ich nicht. Niemand weiß das, sagte mein Vater, es wird noch geforscht. Auf einem Benefizrennen mit motorisierten Betten war einiges an Geld dafür zusammen gekommen. Ich fand keinen Trost in dieser Vorstellung.

Den Untersuchungen vorausgegangen war eine Reihe von Ereignissen. Kleine Auffälligkeiten, eine Beobachtung des Hausarztes. Schließlich kam es zu dem entscheidenden Zwischenfall. Lähmende Erschöpfung hatte meinen Körper ergriffen. Einen nachvollziehbaren Grund dafür gab es nicht. Außer jenem, der auf der Hand zu liegen schien: ich simulierte. Meine Mutter war aufgebracht, als sie das sagte. Sie glaubte mir nicht. Eine Untersuchung sollte Aufschluß bringen.

Und Gnade dir Gott, wenn du nichts hast, sagte sie.

Bis heute betrachte ich in diesem Satz als den Beginn des Unheils. Er hat es nicht verursacht oder ausgelöst, das weiß ich. Es war schon da und wartete nur. Auch meine Mutter trägt keine Schuld daran, und doch ist es, als hätten ihre Worte alles zum Einsturz gebracht. Der dünne Boden, auf dem ich mich bewegte, gab nach.

Am Abend nach dem Zwischenfall lag ich im Bett. Es ging mir wieder besser, aber ich war voller Sorge. Um meinen Körper, um meinen geistigen Zustand, aber mehr noch um das, was geschehen würde, wenn man nichts fand. Niemand würde mir mehr Glauben schenken, nicht einmal mein Vater.

Vielleicht war ich wirklich krank im Kopf. Jemand, der Schmerzen hatte, wo eigentlich keine waren. Ob es so etwas gab?

Hoffentlich finden sie was, dachte ich beim Einschlafen.

Meine Bitte wurde erhört.

 

 

 

 

 

Bild: https://www.flickr.com/photos/cushmok/5381339842/in/photolist-c8nWxj-c8o2pS-c8nZSL-c8o1AN-diNsZa-73dHpB-5YGQmm-6HZEcD-sb5x2A-9cwLRq-rA1pSa-7zdkcq-mmQfuu-de1fcj-AF6DuH-aBKiTa-aBKiW2-aBKiYX-o7A7tT-aKo27Z-392gSg-7mLn9k-8sogxP-cFc7dL-mSWxUB-c8o6fY-ngBdNb-ngzi1e-85EB7h-rHEN2x-i6yVV8-czScVy-7LZC5V-c8o363-8CaZ3g-aBKj3g-aBKiQ8-BkciW1-ajkjKe-95WdER-97uX7e-iVhw4L-ft6AXp-9m4j14-73Zs7P-B48m33-dMZxD3-6Kn31x-pR4AUF-zSaNBu
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Zwischen zwei Leben

19107832784_b939c64b01_z
Ich möchte nicht mehr, dass Du zu Deinem Vater ins Auto steigst
, sagt meine Mutter, als ich sie auf halber Treppe treffe. Sie hält einen voll beladenen Wäschekorb in den Händen, der Duft von Waschmittel steigt mir in die Nase, ich schaue sie an. Ihr Blick ist ernst, nichts verächtliches oder heimtückisches liegt darin, auch ihrer Stimme fehlt der übliche abschätzige oder drohende Anklang.  Sie meint es so, wie sie es sagt und sie meint es gut. Das ist das Beunruhigendste.

Wann genau das war, weiß ich nicht mehr. Es muss nach meinem Aufenthalt in der Uniklinik gewesen sein, ob Wochen oder Monate oder vielleicht sogar Jahre später – ich kann es nicht sagen. Die Erinnerung an diese Zeit liegt sorgsam verschlossen. Nur selten habe ich das Bedürfnis und den Mut an diesen Ort der Angst zurück zu kehren.

Das einzig konkrete Bild aus den Tagen in der Klinik, ist das eines verdorbenen Apfels, den ich in der Nacht gegessen habe und dessen zerfressenes Gehäuse ich am nächsten Morgen auf dem metallenen Nachttisch finde, braun und voller Wurmkot. Mich ekelt vor mir.
Auch an das fahlweisse Licht, das durch die Thermoglasfenster in das überheizte Krankenzimmer fällt, erinnere ich mich und an einen Brief des Pfarrers, der mich konfirmiert hat, an seine guten Wünsche für mich, an die Schmerzen in dem Gewebe unter der Operationsnarbe, die wie ein borstiger Tausenfüßler auf meiner Haut sitzt.
Das Gesicht meiner Bettnachbarin ist mir abhanden gekommen. Sie litt an Myasthenia gravis, das weiß ich noch, und ihr Name ist mir im Gedächtnis geblieben – Frau J. Ihre grauen Haare waren kurz, die Augenlider halbgeschlossen, oft hatte sie Mühe zu schlucken und manchmal fiel ihr auch das Sprechen schwer – das machte die Krankheit- dann stützte sie ihren Unterkiefer mit der Hand und ich konnte kaum verstehen was sie sagte. Alles andere habe ich vergessen.

Was nach der Klinik geschah, lässt sich nicht der Reihe nach erzählen.
Die Diagnose griff in unser aller Leben ein und änderte es von Grund auf. In meiner Erinnerung gibt es ein Vorher und ein Nachher. Zwei Leben, scharf voneinander getrennt. Es gab keinen Bereich, der verschont blieb und diese unbegreifliche Veränderung erfüllte mich mit großer Furcht. Eine Würgeschlange hatte sich um meinen Brustkorb gelegt.

Das ohnehin schon brüchige Gefüge meiner Familie war dem Druck nicht gewachsen. Wir verloren uns ganz und damit unser Zuhause und ich war Schuld daran.
Bis heute haben wir uns nicht erholt davon und manchmal denke ich, dass sie mir niemals werden verzeihen können, dass ich uns alle in den Abgrund gerissen habe.

Niemand sprach mit mir, keiner sagte mir was los war und was mit mir geschehen würde. Die größte Bedrohung lag in dem Schweigen, dem ich mehr Glauben schenkte als jedem Symptom und jedem aufmunternden Lächeln meines Vaters.

Auch meine Geschwister, die eine älter, der andere jünger als ich, hatten schwer zu tragen an diesem Geheimnis, dessen Auswirkungen sie nicht ermessen und schon gar nicht verstehen konnten. Sein Raunen klang schrecklich wie der Tod. Ein unausgesprochenes Abkommen, eine Vereinbarung hielt uns drei davon ab miteinander zu reden. Bloß nicht daran rühren, um es nicht noch schlimmer zu machen, es nicht aufzubrechen, wie eine Pestbeule. Man könnte daran zugrunde gehen. Wir hofften das Unglück zu bannen, indem wir ihm keinen Namen gaben. Unterdessen breitete es sich in meinem Inneren aus wie Teer.

Auf der Suche nach Kleingeld für Zigaretten stoße ich eines Tages im Arbeitszimmer meines Vaters auf ein medizinisches Fachbuch. Aufgeschlagen liegt es auf seinem Schreibtisch, zwei, drei Absätze sind rot angestrichen. Kathe steht daneben und jeweils ein großes Ausrufezeichen, gekritzelt mit nervöser Hand. Was ich lese übertrifft alle Befürchtungen. Die Zeit bleibt stehen.
Regungslos stehe ich da, das Blut rauscht in meinem Kopf und ich schaue aus dem Fenster auf das gegenüberliegende Haus. Aus irgendeinem Grund muss ich an Michelle denken, die schon vor langer Zeit von hier weg gezogen und mit ihrer Familie zurück nach Frankreich gegangen ist. Bald darauf wurde die kleine Villa, in der sie lebten, abgerissen und an ihrer Stelle ein Neubau mit Tiefgarage errichtet. Auch der alte Birnbaum, von dem mein Vater jeden Spätsommer die Früchte pflückte, ist verschwunden.
Michelle wird nie von meiner Krankheit erfahren. Auch nicht von meinem Tod. Ich drehe mich um und gehe hinauf in mein Zimmer. Dort setze ich mich unter den Tisch und weine. Die nächsten zehn Jahre höre ich nicht mehr auf damit.

 

 

 

 

Bild:  Michele M.F. Bronze runners from the Villa of the Papyri (Herculaneum)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Blank

6042950437_4f3910c63d_z
Was so nebenbei läuft ist am anstrengendsten. Erben zum Beispiel. Im Vorfeld schon eine schwierige Angelegenheit zeichnet sich ab, was eines Tages auf einen zukommen wird. Respekt den Familien, die es schaffen Nachlassangelegenheiten zu regeln ohne dabei zu zerrütten.
Es geht ja nicht einfach nur um Geld. Es geht auch um Liebe, um Fürsorge, um die ordnende Hand aus dem Grab, um alles das, wonach man sich zu Lebzeiten gesehnt hat, die Zuneigung, die Aufmerksamkeit. Das Buhlen der Geschwister hört nach dem Tod der Eltern nicht auf, sowenig, wie die empfundenen Kränkungen. Der Ton wird schärfer.
Hochachtung vor denen, die zusammen rücken, nebeneinander stehen, Freunde werden im geteilten Leid, sich nicht entfremden im Verlauf dieser längsten Beziehung des Lebens.
Man ahnt die Einsamkeit, die über einen kommt, wenn die biologischen Wurzeln gekappt sind und der Freundeskreis langsam wegstirbt.
Es ist nicht nur der Herbst, der traurig stimmt, es ist vor allem das Leben, das ausklingende, die nicht gestellten Weichen und die verpassten Gelegenheiten.
Man hätte viel früher den Arm umeinander legen sollen. Nach Versöhnung trachten, wo diese noch greifbar war.
Irgendwann schafft man es kaum noch. Keine Geste der Zuneigung, keine warmen Worte. Nichts.
Nur Misstrauen und stirnrunzelnder Widerwille verpackt in spitzfingrige, brüchige Höflichkeit.
Darunter liegt alles blank.

 

 

Bild: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/
Stinker, Dockville Festival 2011: Brennendes Haus (Installation von Marc Klee)
https://www.flickr.com/photos/stinka/6042950437

Diva

L0019727 Muscles of the back: partial dissection of a seated woman,
Wir hatten es nicht leicht miteinander. Von Anfang an nicht.
Die Legende berichtet von der Stillverweigerung, dem Schreikind und einer unüberwindbaren Abneigung.
So ähnlich wird es wohl gewesen sein. In meiner Erinnerung jedenfalls haben die zärtlichen Momente immer etwas zu tun mit Alkohol oder der Farce eines Familien- oder sonstigem Besuches. Ein Schauspiel in dem ich ihr als freundliche Statistin assistierte, aus Furcht vor ihrem Zorn, beseelt von der Hoffnung mir ihre Zuneigung erarbeiten zu können.

Ich hasse dieses Kind

Wahrscheinlich wäre es auch für sie schöner gewesen, hätte sie mich bloß lieben können. Das aber war ihr nicht gegeben und mir, in der Folge, ebenso wenig. Traurig, für uns beide.
So viele Jahre in denen ich mich danach sehnte, mindestens so viele in denen ich vorgab darüber hinweg zu sein.

Gesehen habe ich sie zum letzten Mal vor 21 Jahren im Krankenhaus. So erinnere ich mich. Meine Schwester, damals im Kindbett, weiß nichts davon. Habe ich diese Begegnung nur erträumt?
Schmal war sie im Gesicht, beinahe schon hager, eine dunkle Sonnenbrille verbarg ihre Augen, die den meinen so ähnlich sind. Ihr Auftreten ganz die Diva, die sie immer war. Eine ausgestorbene Gattung.
Beinahe zwei Jahre hatten wir keinen Kontakt gehabt und trotzdem wechselten wir kein Wort miteinander an diesem Tag im September. Zu tief war die Kluft zwischen uns. Ihre Verwünschungen und Todesflüche. Der unkontrollierte und ungezügelte Hass.

Heute, am Vortag des Heiligen Abends, denke ich an sie. An Weihnachten, wie ich es als Kind erlebte: der schwierigste Tag im Jahr. Gefühlstumult zwischen Vorfreude und Angst. Die vorhersagbare, niemals ausbleibende Eskalation. Anspannung, Enttäuschung, Missgunst.

Der Vater, der vor dem Fest mit uns im Auto durch die Stadt fuhr um sie nicht bei den Vorbereitungen zu stören. Bei Einbruch der Dunkelheit zusammen durch den Stadtwald kariolen, bei Schnee und Eis. Jeder darf, auf seinem Schoß sitzend, ein Mal lenken. Er tritt das Gaspedal durch, lässt den Motor des alten Renault laut aufheulen, bremst ganz plötzlich ab und wir schlagen, mit schnellen Bewegungen auf spiegelglattem Untergrund das Lenkrad voll ein. Johlend schliddern wir über die gefrorenen Waldwege, Schneeflocken tanzen im Scheinwerferlicht.
Sie unterdessen, allein zuhause, immer hochtouriger laufend, schraubt sich Glas für Glas auf schwindelnde Umdrehungen. Ihr scheeler Blick bei unserer Rückkehr, und wir, noch ganz trunken und von hysterischer Ausgelassenheit, die sich überschnappend und fast schon rasend auf das unvermeidbare Inferno eintrommelt. Die beiden berauschten Welten, deren Spannungen sich während des bescheidenen, protestantischen Weihnachtsessens, ausgelöst durch einen winzigen Funken, ein falsches Wort oder ein kleines Missgeschick, ungebremst und krachend entladen. Ein loderndes Feuer, splitternde Kollision. Ertauben an hochkochendem Hass und tiefer Verachtung.
Das große Glockengeläut in meinen Ohren, auch damals schon.
Der Nussknacker. Sein hölzernes, starres Gesicht. Unsere beklommenen Wünsche, blicklos und bitter.  Ein metallischer Geschmack im Mund.

Das bemüht vergnügte Auspacken der Gaben schließlich. Farbenfrohes Geschenkpapier bestaunen und sorgfältig zusammen legen. Zeit gewinnen, um sich, unter ihrem wachsamen Blick, den erwarteten Gesichtsausdruck zurecht zu legen und die gebotene Freude zu zeigen über die empfangenen Alltagsgegenstände – Ah, Socken, toll! – während sie sich, in dem, eigens für sie angefertigten, knöchellangen, weit schwingenden Mantel aus schwarzem Nerz – Achtzig Tiere, stell dir vor! – mit weinseligem Lächeln sonnt, eine Zigarette in der rechten Hand, die langsam herunter brennt.

 

 

 

 

(Bildquelle: PublicDomainReview.org, open images. A mezzotint écorché by Gautier D’agoty, published by Gautier in 1746 – Source: Wellcome Library, London. – See more at: http://publicdomainreview.org/collections/the-wellcome-librarys-top-10-open-images/#sthash.MlCJnwb4.dpuf)

Unsterblich

330px-File-Elisium_by_Leon_Bakst_2Nach einem kurzen Streit hat sie zwei Koffer gepackt, ein Taxi zum Bahnhof genommen und ist mit dem nächsten Zug zu ihren Eltern in die Schweiz gereist. Nichts Ungewöhnliches.
Mein Vater allerdings hat nicht versucht sie von ihrem Plan abzubringen und am Abend hat er nicht kleinlaut angerufen, um sich für Dinge zu entschuldigen, die er nicht getan oder gesagt hat.
Eine Art innerer Frühling scheint ihn mitten im Herbst überkommen zu haben, und als er beim Durchgehen der täglichen Post feststellt, dass die Versicherung inzwischen bezahlt hat, bucht er kurzerhand 4 Flüge und setzt sich am nächsten Morgen mit uns in eine Lufthansa-Maschine nach Paris. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich die Welt von oben und fühle mich wie eine inkognito reisende Millionärstochter. Dass die leuchtend weissen Wolkenberge keine federleichten Kissen, sondern ein besonderer Aggregatzustand des Wassers sein sollen, kann ich bis heute nicht glauben.
In Paris angekommen, fahren wir zu unserem Hotel in der der Avenue des Champs-Élysées, dieser prächtigen Straße aus Licht und Geschichte.
Das Hotel ist modern und luxuriös und ich bin aufgeregt und zugleich verlegen, als ich mit meinen Geschwistern die große, glänzende Eingangshalle durchquere und die Blicke der Umstehenden auf mir spüre. Ich bin 12 Jahre alt und bald werde ich eine Frau sein.
Mein Zimmer ist groß, das Bett mit einem edlen, cremefarbenen Damastüberwurf bedeckt, der Teppich hochflorig und der Blick nach draußen überwältigend. Drei Stockwerke weiter unten liegt die große Avenue der elysischen Felder.

Elysion, die Insel der Unsterblichen im ewigen Frühling.

Ich öffne das Fenster. Draußen tost der Verkehr, in der Ferne sehe ich den großen Triumphbogen. Ich atme tief ein. Eine Vorahnung auf mein zukünftiges Leben weht mich verheißungsvoll an und ich fühle ein unbeschreibliches Glück, einen Aufbruch, der sich ohne mein Dazutun vollzieht, ein So-soll-es-sein, das sich in diesem Augenblick zeigt und gleichzeitig in Gang setzt. Der Blick in ein Leben, an dem ich mich berauschen werde, weil es endlich mir gehören wird.

 

Als ich 6 Jahre alt war, saßen wir an einem Sonntagnachmittag im Sommer in der Frankfurter Innenstadt in einem jugoslawischen Lokal. Ich aß Ćevapčići mit Đuveč-Reis. Meine Eltern unterhielten sich über das Herabsetzen des Volljährigkeitsalter von 21 auf 18 viele Jahre zuvor und diskutierten, ob man in diesem jungen Alter bereits die Reife habe, politische Entscheidungen zu treffen, also wählen gehen zu dürfen. Ich saß da und spielte mit meinem Essen herum, die Würstchen waren Einbäume, der rotgefärbte Reis ein blutiges Meer voll sterbender Wale, während ich in meinem Kopf eine Rechnung aufmachte, deren Ergebnis in einen lauten Jubelschrei mündete, der die beiden augenblicklich verstummen ließ. Mir war soeben eine unglaubliche und freudige Erkenntnis gekommen: mit der Herabsetzung des Volljährigkeitsalters hatte man mir die Hälfte meines bisherigen Lebens geschenkt, und wenn ich noch einmal die doppelte Zeit, also 12 Jahre durchhielt, dann war ich frei. Ich hatte 3 kostbare Jahre gewonnen, in denen ich endlich selbst würde bestimmen können, was ich tun oder lassen wollte. Ich würde mir ein großes Haus kaufen, Tierärztin werden und gläserweise Nutella löffeln. Außerdem hätte ich in dem Alter bereits Kraft genug, um alten Menschen zu helfen. Seit einiger Zeit nämlich ging ich an manchen Nachmittagen auf den nahegelegenen Friedhof und beobachtete, wie sie sich mit langgezogenen Armen abschleppten und ihre ohnehin müden Beine leicht ins Straucheln gerieten, wenn sie die großen, grünen Gießkannen zu den Gräbern ihrer Verstorbenen trugen. Dort schippten, pflanzten und wässerten sie, zupften hier und da mit gebeugtem Rücken ein wenig Unkraut oder welke Blüten, die sie später auf den großen Komposthaufen neben der Wasserstelle warfen, der so modrig und erdig duftete, dass ich mich am liebsten hinein gelegt hätte. Stattdessen wühlte ich darin herum und pflückte jede nur halbwegs intakte Blüte heraus, um sie auf vermooste, ungeschmückte Gräber zu legen.
Alte Menschen starben. Das war traurig und deswegen musste man ihnen helfen.

 

Die kommenden Tage verbringen wir im warmen Herbstlicht, bummelnd und schlendernd. An der Seine, unter den Platanen, bei den Bouquinisten, den Boule-Spielern, den Kunstmalern auf dem Mont Martre und in den altehrwürdigen Restaurants der Stadt, in denen mein Vater mehrgängige Menues genießt, während wir Kinder mit Pommes und Eis zufrieden sind.
So könnte es immer sein, und das war erst der Anfang.

 

Sechs Jahre später, mit 18, werde ich an der Küste Eric, den jungen Bretonen kennenlernen, als er am Strand beignets aux pommes verkauft. Sein schönes Gesicht erinnert an den blonden Fotografen von Blow up, seine Augen sind berückend blau wie die von Capotes Tico Feo.
Stripes of sky
Von Zeit zu Zeit werden wir uns treffen. Unsere Intimität wird in diesem heissen August ihren Höhepunkt an einem Abend erreichen, an dem wir bekifft in irgendeiner Wohnung beieinander sitzen, während er beim Gläserrücken Adolf Hitler anzurufen versucht. Trotz unseres Zustandes werden wir nicht imstande sein die Illusion einer Begegnung mit ihm herbei zu zaubern. Stattdessen werden sich unsere Oberschenkel berühren, und von Zeit zu Zeit wird er mir einen tiefen Blick aus seinen betörenden Augen zuwerfen, der mir wie ein Versprechen erscheinen wird. Bei Tagesanbruch dann werden wir Hand in Hand zum Bäcker schlendern, und uns gemeinsam über eine ganze Tüte petits pains au chocolat hermachen.
Nach den Ferien werden wir uns Briefe schreiben und uns sagen wie sehr wir uns vermissen.
Als wir uns drei Monate später in Paris treffen werde ich bereits magersüchtig sein.
Genau eine Nacht werden wir in einer billigen Absteige miteinander verbringen.
Danach werde ich ihn nie wieder sehen.

 

Musik zum Text:

 

(Photo credit Wikipedia, Elysion)

Zuhause, oder Selbstmord und Silberrücken

English: Thunderstorm in front of Taunus, Nied...
Auf der Rückfahrt durch sternlose Nacht sprechen wir über den Abend, der hinter uns liegt.
Ihr seid so harmonisch, sagt die Freundin. Alles scheint geklärt zwischen euch.
Findest du?
, frage ich erstaunt.
Ja, schon, du nicht? Worüber ihr euch unterhalten könnt!
Was meinst Du?
Na, über´s Kiffen und über Popstars, über Selbstmord, über das Sterben. Über Essstörungen, Liebeskummer, Politik, Religion.
Tatsächlich haben wir, dort im lauschigen Gärtchen der Gaststätte, bei Grüner Soße mit Salzkartoffeln und sauer Gespritztem, so ziemlich jedes große Themengebiet zumindest kurz gestreift. Bezüglich der angenehmsten Art Selbstmord zu begehen waren die drei Ärzte am Tisch sich allerdings nicht ganz einig. Der Eine findet Ersticken durch Plastiktüte gut, die Andere das Ausbluten und der Nächste gibt Kohlenmonoxid den Vorzug. Anästhesisten, so erzählt der Schwager, bevorzugten den Tod, den auch Michael Jackson starb. Eine Überdosis der weißen Milch befördere sicher und mit sanften Träumen auf die andere Seite des großen Flusses.
Mir erscheint die Plastiktüten-Variante am besten. Einfach, lautlos, sauber, und noch für den kleinsten Geldbeutel erschwinglich.

Suicide made by Lidl

Wer immer sie mir dereinst reichen wird, macht sich zum Sterbehelfer.
Später erklärt mir der Neffe, warum er Abends keine Kohlenhydrate mehr zu sich nimmt. Es hat zu tun mit Muskelaufbau und vor allem auch mit Muskeldefinition. Wie genau das nun zusammenhängt weiß ich nicht mehr. Über seine Pommes und die gebratenen Zwiebeln jedenfalls freut sich die Schwester, das Rumpsteak verleibt der große, kräftige Kerl mit der Kinderseele sich ganz alleine ein. Danach raucht er eine Parisienne bleue. (Filterkippen stinken)
Interessanter finde ich die Frage, wozu er, den ich noch als eher trägen Teenager mit ausgeprägter Vorliebe für hochkalorische Süßspeisen in Erinnerung habe, seinen Körper so derartig auftrainieren möchte. Ist es, um den Mädchen zu gefallen, oder will er damit eher andere Jungs beeindrucken? Denn das weibliche Geschlecht, da sind wir drei Frauen am Tisch uns einig, steht ja eigentlich gar nicht auf muskelbepackte Hulks.
Nicht? Da staunt er. Nein, eher nicht.
Ich erzähle ihm von dem Silberrücken im Frankfurter Zoo, der die konkurrierenden Männchen der Gruppe mit martialischem Gehabe und breitschultrigem Brusttrommeln beeindruckt und im Zaum hält. Die Gorillaweibchen kümmert das wenig. Im Gegenteil. Bei einem Zoobesuch vor vielen Jahren, gemeinsam mit meinem Bruder, führte der Gorillachef sich gerade wieder lautstark und gewaltbereit auf, derweil die Gorilladamen hinter der dicken Glasscheibe mit dem Publikum flirteten. Eine von ihnen hatte ganz offensichtlich ein Auge auf meinen Bruder geworfen, der den zähen Körper eines Marathonläufers, nicht aber eines Kraftprotzes hat. Benny fand meine Beobachtung wenig schmeichelhaft. Zum Beweis, nahm ich ihn in den Arm und küsste ihn auf die Wange, was das Weibchen derartig in Rage brachte, dass sie an die Scheibe herantrat und mit schwarzen Augen und wildem Gesichtsausdruck laut und gefährlich dagegen trommelte. Hätte sie gekonnt, hätte sie mich getötet, da war ich mir sicher.
Auf einmal tat sie mir ungeheuer leid, und ich zog Benny aus dem Affenhaus ins Freie.
Nie wieder habe ich diesen Ort danach aufgesucht.
Der Neffe hat meinen Ausführungen interessiert gelauscht und schenkt mir nun ein nettes Lächeln mit bezaubernden Grübchen.
Er kann schon sehr charmant sein, denke ich, und ich hoffe, dass die Frau, die er eines Tages ins Herz schließen wird, ihn genau für seine weiche und zuvorkommende Art, nicht aber für seine Muckis und sein Großmannsgetue lieben wird. Mein goldiges Näffchen.
Der Abschied ist warm und ein kleiner Schmerz sitzt mir in den Nasennebenhöhlen. Nicht weinen. Ich kämpfe die aufsteigenden Tränen nieder und mein Abgang gerät viel sachlicher als gewollt.

Die Freundin hat Recht, wir sind schon sehr harmonisch miteinander, inzwischen.
Das mit der Herzlichkeit wird auch noch. Ich übe.

Das Unkraut unter dem Weizen

Michelangelo,_Giudizio_Universale_30
Ich liege im Garten meiner Großeltern auf dem Rasen, schaue in den Himmel und singe.
Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn
Die beiden halten ihren gewohnten Mittagsschlaf und ich weiß nicht so recht, was ich mit mir anfangen soll, denn ich darf keinen Lärm machen und andere Kinder, mit denen ich spielen könnte, gibt es nicht in dieser Siedlung, hier in Kassel-Wilhelmshöhe.
Ins Haus möchte ich nicht gehen. Dort ist es noch langweiliger und in der Diele tickt die unheimliche Standuhr aus schwarzem Holz, deren Gewichte versteinerte Mäuse sind, gefangen in einem als Zapfen getarnten Metallsarkophag, an eine Kette gefesselt und dazu verdammt für alle Zeiten im ständigen Wechsel nach oben gezogen oder herunter gelassen zu werden.
In der Wohnung der Großeltern riecht es nach dem Holz alter Möbel, nach vergilbten Büchern und in Schweinsleder gebundenen antiken Bänden aus der Bibliothek meines Großvaters. Nach abgestandenem Zigarrenrauch. Nach der Bibel, den Losungen, dem Gesangbuch, den alten, gerahmten Bildern, dem Biedermeiersofa mit seinem dezent gestreiften Bezug, dem Nussbaumsekretär und den Pflanzen im Wintergarten.
Es riecht nach alter Zeitung, die zurechtgeschnitten als Toilettenpapier genutzt wird, nach Seife, nach Sparsamkeit, Graupensuppe, Zitronencreme und Protestantismus.
Es riecht nach der Liebe und Güte meiner geduldigen Großmutter, deren ruhige, schmale Hände alles im Haus zusammen halten und die mich bei der Hand nehmen, wenn wir in den Straßen und Parks spazieren gehen. Nach dunklen Nächten in einem einfach möblierten schmalen Zimmer, die einzige Lichtquelle das Schlüsselloch, und vor der Türe wieder das Ticken der Uhr, die schon das Leben meiner Urgroßeltern in Sekunden und Minuten einteilte und deren Stundenschlag das Letzte war, was mein Vater als Kind hörte, nachdem er im Hause seiner Großeltern gestürzt war, mit dem Hinterkopf aufschlug und dabei das Bewusstsein verlor.

So liege ich also draußen zwischen den Stachelbeersträuchern, den Dahlien und Rosen und all den anderen Blumen und Kräutern, deren Namen ich nicht kenne, die meine Großmutter, die Apothekerin aber nicht müde wird mir immer und immer wieder zu benennen und die in ihrem Zusammenspiel einen so einzigartigen, herbsüßen Geruch verströmen, dass ich diesen Garten noch heute aus hunderten von Gärten herausriechen könnte.
Während ich die Luft durch die Nase einatme und den langsam vorbei ziehenden Wolkenschiffen nachschaue, deren flache dunkel schattierte Bäuche mich an satte, liegende Seekühe erinnern, denke ich an meine Familie zuhause in Frankfurt. An meine beste Freundin Susanne, deren Vater, der Ingenieur, seit Jahren im Ausland lebt und ihr an jedem Geburtstag ein Telegramm schickt, an meinen Vater mit seinen großen Händen, der dunkel gerahmten Brille und dem weißen Kittel und an den lieben Gott, diesen riesigen Dinosaurier, der mit seinen schweren Schritten Erdbeben lostreten, mit seinem Odem Feuersbrünste entfachen und Steine schmelzen lassen kann, der Fluten entfesselte und alte oder kranke Menschen, manchmal aber auch schon Kinder, so wie Melanie, verschlang und neue aus der Öffnung unterhalb seines peitschenden, gezackten Schwanzes ausschied, ganz wie es ihm beliebte.
Ein gefährliches, grünes Ungeheuer im schwarzen All der Unendlichkeit, das braune Augen zu brauner Erde machen konnte.

Heulen und Zähneklappern

Wie traurig mein Großvater war, als ich ihm Gott so beschrieb.
Sein Entsetzen auch, als mein Bruder und ich an einem Nachmittag, während er schlief, unerlaubterweise das tägliche Kreuzworträtsel in der Tageszeitung ausfüllten, und neben allerlei Obszönitäten, die Frage nach dem schwanzlosen Halbaffen mit vier Buchstaben mit GOTT beantworteten.
Später am Nachmittag, als er unsere Tat entdeckte, lächelte er zunächst noch verzeihend, nach und nach aber beobachtete ich die zunehmende Veränderung seiner Gesichtszüge und ahnte, wie weh es ihm tat und wie zornig es ihn zugleich machte was wir aus einer albernen Laune heraus, in der wir uns schwindelig gelacht hatten, geschrieben hatten. Mit mahlendem Unterkiefer und hervortretenden Knöchelchen vor der Ohrmuschel, riss er sich zusammen uns nicht zu schelten und erst in diesem Augenblick begriff ich, dass wir wirklich etwas sehr Schlimmes getan haben mussten.
Ich schämte mich so sehr, dass ich anfing zu weinen.
Meine Hoffnungen auf ein gutes Ende, schienen noch aussichtsloser zu sein, als bisher.
Wer sollte mich noch gerne haben, wenn ich so böse war und sogar meinen Bruder zu derartigen Schweinereien anstiftete.
Vor zwei Jahren bereits, kurz nach meiner Einschulung, hatte ich einen Wunschzettel* an meine Großeltern geschickt, von denen ich wusste, dass sie sich mit Gott gut verstanden, weil mein Großvater als Pfarrer arbeitete und sonntags sogar einen Talar trug.
Den einzigen Wunsch den ich dort aufgeschrieben hatte wollte mir der liebe Gott schon damals nicht erfüllen, weil er böse mit mir war:

Ich fünsche mir, das ich lib werde damid die Mamma nicht imer schimfen mus

Nun, nachdem ich ihn einen Affen genannt hatte, gab es noch weniger Hoffnung auf Hilfe.
Das einzige worum ich im abendlichen Gebet noch zu bitten wagte, war, dass wenigstens mein Großvater mir verzeihen, und meiner Mutter nichts erzählen möge.

Dieses Mal enttäuschte Gott mich nicht.
Als ich am nächsten Tag erwachte, war mein Großvater in bester Stimmung. Wir beteten zusammen, frühstückten und im Anschluss stiegen wir gemeinsam mit meiner Großmutter und meinem Bruder hinauf zum Herkules.
Ganz oben in dem Terrassencafé mit den weißen Tischdecken und den gestärkten Servietten bekamen wir Kinder ein Stück Marmorkuchen und einen Kakao und blickten mit den Großeltern hinunter auf die Stadt, die grün und still vor uns lag.


*dieser Wunschzettel wurde mir viele Jahre später aus dem Nachlass meiner Großeltern, zusammen mit anderen Briefen, ausgehändigt. Er war mit ungelenker Handschrift auf rosa Papier geschrieben.

Hungern, fressen, kotzen, leiden

Am Haus der Kulturen der Welt, der Schwangeren Auster, legt ein Ausflugsschiff der Reederei Riedel an.
Ein Schwung Touristen steigt aus.
Die meisten von ihnen bewegen sich Richtung Reichstag, um ihr Sightseeing fortzusetzen.
Danach werden sie auf der Friedrichstraße shoppen gehen, unter den Linden flanieren und schließlich vor dem Brandenburger Tor posieren. Das übliche Programm.

Mir fallen drei Frauen auf, die sich sehr viel langsamer bewegen, als der Rest der Gruppe, und die schon nach kurzer Zeit ein ganzes Stück zurück gefallen sind.
Die Mittlere hat sich bei den beiden anderen untergehakt und wird aktiv von ihnen gestützt.

Thin

Thin (Photo credit: st4rbucks)

Als ich genauer hinsehe, merke ich, dass die drei sich sehr ähneln, und dass da Mutter und Großmutter der etwa zwanzigjährigen Tochter helfend unter die Arme greifen.
Sofort sehe ich, was mit ihr los ist: ihre Beine sind so stark skelettiert, dass sie den federleichten ausgezehrten Rumpf nicht mehr tragen können.
Sie schaut mich an und lächelt. Selig.
Es geht ihr gut.
Mutter und Großmutter sind ihr zugewandt, tragen sie durch das Leben, zeigen ihr die Welt.
Solange es noch geht.
Krankheitsgewinn.

Wie sie mich so ansieht, und mir zulächelt, sehe ich auch so etwas wie Stolz in ihrem Blick.
Ein vertrautes Gefühl.
Und ich habe den Eindruck, dass sie mir ansieht, dass ich genau weiß, worum es geht.
Doch was ich empfinde ist keine Komplizenschaft, sondern Bedauern.
Bedauern, dass sie sich so zu Tode hungert und kasteit. Dass sie sich anders nicht schön finden kann, dass sie sich so klein und zart machen muss, dass sie sich weigert erwachsen zu werden, weil es sich einfach nicht lohnt.

Ihre Augen sind groß und blau. Sie sieht aus wie ein verhungernder Engel.

Ich erinnere mich daran, wie ich eines Tages, kurz vor dem Abitur, zu spät zum Unterricht kam.
Als ich das Klassenzimmer betrat, ließ mein Mathelehrer die Kreide sinken, folgte mir mit den Augen bis zu meinem Platz, und sagte dann sehr ernst: –Kathe, dünner darfst du wirklich nicht mehr werden.
Wie ich mich gefreut habe darüber, und wie es mich angespornt hat noch weniger zu essen, als diese eine Scheibe Vollkornbrot und den Joghurt pro Tag!
Jetzt musste ich bloß noch Apfelwein und Bier weglassen, mich mehr bewegen, und vor allem mehr rauchen. Gegen den Hunger.
Das Kiffen wollte ich ganz aufgeben. Es konnte zu unbedachten Fressflashs führen.

Den gleichen triumphalen Blick, wie der verhungernde Engel, muss auch ich gehabt haben in diesem Moment, denn mein Lehrer schob noch ein
Ich meine das absolut ernst!  hinterher.

Was wollte der eigentlich von mir? Als würde ich ihm zuliebe mehr essen.
Und wieso auch?
Ich kam gut an, wickelte die Jungs um den Finger, und je dünner ich wurde umso mehr Anklang fand ich auch bei deutlich älteren Männern. Lolita.

Zudem funktionierte mein Kopf so gut wie noch nie. Das Lernen fiel mir leicht, ich konnte ausgehen, wenig schlafen, und trotzdem beste schulische Leistungen erbringen.
Denn darum ging es mir ja auch: ich wollte die Beste sein. In allen Belangen. Auch im Hungern, im Cool sein und im Party feiern. Selbstdisziplin.
Das Bestürzende an der ganzen Geschichte ist, dass mein Mathelehrer der einzige war, der mich überhaupt darauf ansprach. Dabei wog ich zu diesem Zeitpunkt, bei einer Körpergröße von fast einsachtzig, nur noch 49 kg.

Nachdem ich das beste Abitur hingelegt hatte, verliebte ich mich.
Alles lief so gut, dass ich von einem Tag auf den anderen wieder normal aß. Vier Jahre lang.
Meine Gewichtszunahme hielt sich dabei übrigens sehr in Grenzen, was die Sinnlosigkeit des voraus gegangenen Hungerns noch verdeutlichte.
Als die Beziehung irgendwann aus dem Ruder lief, entgleiste auch mein Essverhalten wieder, und mir dämmerte langsam, dass es etwas zu tun hatte mit gestörten Beziehungen, und in der Folge mit einer veränderten Körperwahrnehmung.
Da ich inzwischen gerne kochte und auch gerne aß, hielt ich das Hungern nicht mehr so durch wie früher. Also hungerte und völlte ich im Wechsel, und erbrach mich nach jedem Fress-Exzess.
Sechs Jahre litt ich unter Bulimie, oder Bulimarexie, wie man das abwechselnde Hungern und Erbrechen nennt.
Meine gesamte Studienzeit war bestimmt davon, denn Bulimie ist eine noch größere Herausforderung als Anorexie.
Gar nichts zu essen, ist so ähnlich wie Null Promille. Man weiss genau, wann man die erreicht hat. Hungern ist passiv.
Bei der Bulimie hingegen, verliert man durch die Fressattacken das Gefühl dafür, wann der Magen voll ist, und man aufhören sollte zu essen, um nicht zuzunehmen.
Hatte ich also 17 Snickers verschlungen und mich im Anschluss mit 1,5 liter Sprite light vollends abgefüllt, um mich leichter erbrechen zu können, dann konnte ich bei der nächsten Mahlzeit nicht mehr abschätzen, ob ich nun viel oder wenig gegessen hatte. Der Magen war einfach ausgeleiert.
Sicherheitshalber verschwand ich dann schon mal auf der Toilette, kam mit tränenden Augen und aufgequollenem Gesicht wieder zurück, und schämte mich für das, was ich getan hatte.
Auch das ist ein wesentlicher Unterschied zur Magersucht: Hungern macht stolz. Stolz, weil man sich so gut beherrschen kann. Weil man sich nicht mehr mit Essen beschmutzen muss. Und weil jeder sehen kann, was man zu leisten imstande ist.

Die Bulimikerin hingegen schämt sich. Weil sie so unbeherrscht ist, weil das Erbrechen so unschön und weil der Umgang mit Essen so unethisch ist. Ständig hat sie Angst vor Entdeckung. Doch merkwürdigerweise hat auch in diesen Jahren niemand geahnt, was mit mir los war. Meine engste Freundin war eingeweiht, konnte aber nicht mehr tun, als für mich da zu sein und mir beizustehen. Nur die Apothekerin, bei der ich regelmäßig Kalium kaufte, um einer gefährlichen Unterversorgung durch das Erbrechen vorzubeugen, sprach mich eines Tages an.

-Das ist doch auch keine Lösung, sagte sie mit dem gleichen Ernst, wie damals mein Lehrer.

Die Apotheke habe ich danach nie wieder betreten, und mir außerdem angewöhnt bei verschiedenen Apotheken einzukaufen, um nicht noch einmal aufzufliegen. Suchtverhalten.

Schlecht ging es mir, das kann ich sagen. Sechs Jahre lang. Rechne ich die Zeit der Magersucht dazu, dann habe ich fast zehn Jahre meines Lebens damit verplempert meinen Körper zu peinigen, und ihm zu zeigen, wer der Stärkere von uns beiden ist.
Denn genau so habe ich es immer empfunden: hier war ich, da mein Körper. Ich war der Kopf, mein Körper nur mein Diener, dem ich äußerste Disziplin abverlangte.

An all das muss ich denken, als ich dieses junge, magersüchtige Mädchen sehe, wie sie mich triumphal anlächelt, gestützt von Mutter und Großmutter.
Ohne es zu wollen, lächle ich zurück.

Den ganzen Tag über geht sie mir dann nicht mehr aus dem Kopf.
Auch am nächsten Tag bin ich in Gedanken oft bei ihr und ihrer Familie.
Wie schwer es für alle sein muss, sie am gedeckten Tisch verhungern zu sehen, und nichts dagegen tun zu können.
Wie sinnlos das alles ist. Wie wenig es ändert, und wie leicht man in diese Sucht rutscht.

Lo Zombi-Mänin kon lo Lassie-faccia / Rick Gen...

Rick Genest and Andrej Pejic (Photo credit: МОЛОКО)

Eine Gesellschaft, in der Kleidergröße 42 mit xl  (also: schlimm) gleichgesetzt wird, in der männliche Fotomodelle Frauenkleider vorführen, in der Size Zero das erstrebenswerte Ideal ist, in der es einen Celebrity-Kult gibt, wie nie zuvor, und in der Dicksein als Charakterschwäche gilt und Photoshop unerreichbare Vorbilder schafft, dürfte es für junge Mädchen noch schwerer sein ein entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper zu entwickeln, als früher.

Das Schlimme: mit Argumenten ist dem nicht beizukommen.
Man muss begreifen, was mit einem los ist, woher die Störung kommt, und dann schrittweise wieder lernen mit angemessenen Mengen Essen, den Körper zu versorgen.

Eine Verhaltenstherapie, wie sie in vielen Fällen bevorzugt wird, hätte mir damals nicht geholfen.
Mich zum Essen zu zwingen hätte noch viel mehr Unheil angerichtet, denn Magersucht und Bulimie haben meiner Meinung nach auch zu tun mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Autonomie.

Außerdem: wenn diese Essstörungen Symptome für eine psychische Verfasstheit sind, dann kommt man, mit dem Abschaffen des Fehlverhaltens, der eigentlichen Ursache nicht bei.
Entscheidend ist es, sich professionelle Hilfe zu holen, die Körperwahrnehmung zu schulen und schrittweise zu verändern. Durch Einsicht.
Der wichtigstee Schritt ist, meiner Meinung nach, aber das Verändern der persönlichen Beziehungen.

In meinem Falle, war das der Entschluss, einen Strich unter alles zu machen, und weit weg zu ziehen, um genügend Abstand zu bekommen. Einen Bruch mit Familie und Freunden brauchte ich nicht. Nur eine Pause, und ausreichend Distanz.*
Im Falle des jungen Mädchens dürfte nur noch ein Klinikaufenthalt helfen.
Ihr Zustand ist bereits so bedrohlich, dass ihr Leben gefährdet ist
Aber auch ein Klinikaufenthalt, sollte möglichst weit weg von allem, was sie in ihrer Krankheit hält, stattfinden.

Und das, so bitter es ist, kann auch eine Familie sein, die die Kranke liebevoll stützt und umsorgt, und damit dem Hungern einen Sinn gibt.

_____________________________________________________________

*Eine Parabel Schopenhauers illustriert die Bedeutung des Gleichgewichts zwischen Nähe und Distanz. Viele Therapeutinnen und Therapeuten benutzen sie für ihre Arbeit. Ich mag das Bild.

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun dieses Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite; so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.
Arthur Schopenhauer (1874)