voranschreiten

(Ein alter Text von mir. Wenn ich wieder in der Verfassung bin, so zu schreiben, geht´s hier bestimmt wieder mit Verve weiter)

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Es ist so, zumindest im Augenblick, und der gilt eben jetzt, ist die Wahrheit, so, wie alles, wovon ich, und sei es auch nur für einen kurzen Moment, überzeugt bin, aus tiefstem Herzen oder sogar bei vollem Verstand, die Wahrheit ist, die ganze absolute und unumstößliche Wahrheit, für alle Zeiten, in diesem Augenblick. Das alte Autofahrer-/ Radfahrer-Ding. Egal in welcher Rolle, die anderen haben Unrecht und ich habe Recht.
So ist es.

Im Winter, wenn es dunkel ist und meine Gedanken sich nach und nach grau einfärben, ab und an von heiteren Anfällen überbunt, beinahe lackglänzend und blendend überpinselt, weil mir in der düsteren Atmo jedes Maß für Farben fehlt- das ist wie Schminken im Dunkeln, was soll schon dabei rauskommen außer einer Horrorfratze –

nein Mutti, es ist alles gut, geh schön in dein Zimmer, der Arzt kommt gleich-

Der Rest des Satzes ist mir irgendwie abhanden gekommen, war wahrscheinlich nicht wichtig.

Wenn ich jetzt alles oben Geschriebene lösche, fehlt der halbe Text und bis hierher war´s doch gar nicht so übel, denn nicht jede Sackgasse ist ein Irrtum, so wie die Evolution zwar nicht gerade auf mich gewartet hat, vielleicht sogar just noch dachte, es läuft sehr gut derzeit, so könnte es ewig weitergehen, mal gucken, was noch kommt, und dann kam schon ich (immer nur als klitzekleines Splitterchen vom großen Wir gedacht), und mit mir ist völlig überraschend das Ziel und somit das Ende der Evolution erreicht.

Mission erfüllt

Eine super Sackgasse, in der man es sich endlich einmal gemütlich machen und mit den Beinen baumeln kann, sich einnischen, ein paar Fehlerchen, na gut, aber im Großen und Ganzen ist es vollbracht, wollen wir nicht kleinlich sein.

Die Evolution ist vorbei, ich bin da!

Wenn man denkt, wie das früher zuging. Da waren alle Menschen noch schwarz-weiß, sahen komisch aus und wackelten wie aufgezogen durch die Gegend. In den 80ern ist auch noch mal irgendetwas ganz stranges (so sagte man damals) passiert. Lag wahrscheinlich an Reagan, Thatcher und dem Peter Dingens, der Formel 1 moderierte (die Frisur!), danach aber wurde die Welt modern und glitt auf lautlosen Kufen durchs All und tut es bis heute und könnte auf diesem Höchststand den totalen Stillstand ausrufen und endlich Ruhe geben.

Tut sie aber nicht. Partout kaputt gehen möchte sie, unter Spielkonsolen und voll schönen Dingen begraben. Im überheiteren Krisenloop chong chong chong dreht sie sich in rasender Ausgelassenheit und blindem Übermut, dass es die Ecken abschlägt bei jeder Runde, wie ein Klapptisch auf´m Kopf und immer round about in der dunklen Kammer, in der sich schon Mutti schminkte, mit bekanntem Ergebnis, spratzt es die Ecken weg, es splittert, wenn schon nix mehr zu tun ist und die Entwicklung vorbei, das Rad erfunden, sich nur noch dreht, ganz langsam im Wald im Wind, im rostigen Gestern.
Der hüpfende Ball auf dem Wasser, er schwippt und schwappt und schwimmt obenauf und landet doch irgendwann im Magen der Möwe, die daran zugrunde geht und wir mit ihr und am Schluss ist er das Ende der Welt Menschheit. Ein kleiner Plastikball.

Wer hat´s erfunden?

Den Kopp unter´m Tisch oder den Spiegel vor´m Bauch und dann durch die Wohnung getapst, die Zimmerdecke spiegelt sich im Spiegel (logisch) und man schaut unentwegt hinein, hält sich das Teil mit beiden Händen vor den Bauch, wie ein Tablett, klettert über Lampen und Kabel und spaziert so aus dem Haus, ohne Schuhe, sieht ja keiner. Ganz vorsichtig, damit man nicht stürzt, stelzt man ins Treppenhaus, die Stufen von obendrüber hinab, Schritt für Schritt, mit Maß und Würde, als trüge man einen Reifrock oder eine Schleppe und ginge zum Altar, die spitze lange Scherbe im Bauch immer vor Augen, ohweh, und vorbei wäre der Gipfel der Evolution – welche Verantwortung man trägt! – und dann an der Türe, nachdem man endlich den vollgesprayten, nach Gras und Pisse stinkenden Hausflur durchquert, die letzte Stuckrosette mit einem Satz übersprungen hat- obacht!-  trete ich auf die Straße. Ich schreite mit geradem Rücken, den Walzer im Ohr, und
sehe,
sehe,
sehe: den HIMMEL,
so blau und weit (el cielo es azul) und mache einen großen Schritt, einen Satz, hart wie Stein unter den Füßen, laufe durch das Blau, den Himmel, das Universum. Ich bin ein Engel oder bin ich schon tot?

 

 

 

 

 

Okula girls

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Am Abend sitzen wir mit dem Kanzler in der Küche. Blut läuft ihm aus dem Mundwinkel, während er frei asoziiert, sich in Fahrt redet, abschweift und ausschweift und jeden Gesprächseinstiegsversuch des Bekannten mit ausgestrecktem Arm abwehrt. Ein Halbsatz und schon weiss er Bescheid.
Papa, dir läuft Blut aus dem Mund, sage ich.
Mit einer nachlässigen Handbewegung wischt er das dunkle Rinnsal weg und redet weiter. Es gibt nur eine Wahrheit; Leibniz. Das weisst du ja.
Die Scheisskirche und was er ihr am meisten verübelt: ihr Beten für Frieden, dem keine Taten folgen. Seine persönliche Evolutionstheorie, für die er gerne eines Tages einen Nobelpreis einheimsen würde, setzt den Menschen an die Spitze allen Seins, macht ihn zu einem Gott und gleichzeitig zum Ziel sämtlicher Entwicklungen der Vergangenheit.
Seine Suche nach Geborgenheit, nach Aufgehobensein in der Welt geht auch nach dem Kirchenaustritt im vergangenen Jahr unvermindert weiter.
Die Evolution macht uns alle zu Brüdern, sagt er, wir sitzen ganz vorne auf der Lok und das weite Land mit seinen wunderbaren Möglichkeiten öffnet sich vor uns.

Wegen des riesigen Blutflecks auf dem Kopfkissen hat er der Dame an der Rezeption 20 Euro gegeben, erzählt er am Morgen. Sie wollte nur 10 Euro, aber er befand 20 Euro für richtig.

Nachdem der Kanzler abgereist ist, packen der Bekannte und ich den maladen Hund ein und machen bei allerschönstem Märzenwetter einen Gang zum Marheinekeplatz, wo wir auf den Stufen neben der Kirche pausieren und hinüber blicken, zu dem Treiben vor den rotweiß gestreiften Flohmarktständen, die den Platz wie eine intakte Kinderwelt voller Eiscremwagen und Blechtrommeln aussehen lassen.
Inzwischen ist es so warm geworden, dass ich meinen Schal ablegen und meine Jacke öffnen muss. Der Frühling ist nun also wirklich auch in Berlin angekommen.

Der Rückweg führt uns durch die Fontane-Promenade über die Urbanstraße und vorbei an kleinen, sonnenbeschienen Backsteinhäuschen, die noch vor wenigen Jahren zum Urban-Krankenhaus gehörten und in denen nun eine wohl behütete und gut betuchte Eigentümer-Community, vis-a-vis des riesigen grauen Betonkastens, lebt. Eine Welt, so unwirklich wie der Timmendorfer Strand.

Am frühen Abend ruft der Kanzler aus Frankfurt an. Seine Rückfahrt war gut, doch leider wartete er am Hauptbahnhof vergeblich auf die U-Bahn. Schließlich bestellte er sich ein Taxi. Einer Mitwartenden, die das gleiche Ziel hatte, bot er an, sie mitzunehmen, doch sie lehnte ab.  Zuhause vor dem Badezimmerspiegel wusste ich dann warum, erzählt er lachend, mein ganzes Gesicht war blutverschmiert.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jörg Kantel, Kirche am Marheinekeplatz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

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Es ist so, zumindest im Augenblick, und der gilt eben jetzt, ist die Wahrheit, so, wie alles, wovon ich, und sei es auch nur für einen kurzen Moment, überzeugt bin, aus tiefstem Herzen oder sogar bei vollem Verstand, die Wahrheit ist, die ganze absolute und unumstößliche Wahrheit, für alle Zeiten, in diesem Augenblick. Das alte Autofahrer-/ Radfahrer-Ding. Egal in welcher Rolle, die anderen haben Unrecht und ich habe Recht.
So ist es.

Im Winter, wenn es dunkel ist und meine Gedanken sich nach und nach grau einfärben, ab und an von heiteren Anfällen überbunt, beinahe lackglänzend und blendend überpinselt, weil mir in der düsteren Atmo jedes Maß für Farben fehlt- das ist wie Schminken im Dunkeln, was soll schon dabei rauskommen außer einer Horrorfratze –

nein Mutti, es ist alles gut, geh schön in dein Zimmer, der Arzt kommt gleich-

Der Rest des Satzes ist mir irgendwie abhanden gekommen, war wahrscheinlich nicht wichtig.

Wenn ich jetzt alles oben Geschriebene lösche, fehlt der halbe Text und bis hierher war´s doch gar nicht so übel, denn nicht jede Sackgasse ist ein Irrtum, so wie die Evolution zwar nicht gerade auf mich gewartet hat, vielleicht sogar just noch dachte, es läuft sehr gut derzeit, so könnte es ewig weitergehen, mal gucken, was noch kommt, und dann kam schon ich (immer nur als klitzekleines Splitterchen vom großen Wir gedacht), und mit mir ist völlig überraschend das Ziel und somit das Ende der Evolution erreicht.

Mission erfüllt

Eine super Sackgasse, in der man es sich endlich einmal gemütlich machen und mit den Beinen baumeln kann, sich einnischen, ein paar Fehlerchen, na gut, aber im Großen und Ganzen ist es vollbracht, wollen wir nicht kleinlich sein.

Die Evolution ist vorbei, ich bin da!

Wenn man denkt, wie das früher zuging. Da waren alle Menschen noch schwarz-weiß, sahen komisch aus und wackelten wie aufgezogen durch die Gegend. In den 80ern ist auch noch mal irgendetwas ganz stranges (so sagte man damals) passiert. Lag wahrscheinlich an Reagan, Thatcher und dem Peter Dingens, der Formel 1 moderierte (die Frisur!), danach aber wurde die Welt modern und glitt auf lautlosen Kufen durchs All und tut es bis heute und könnte auf diesem Höchststand den totalen Stillstand ausrufen und endlich Ruhe geben.

Tut sie aber nicht. Partout kaputt gehen möchte sie, unter Spielkonsolen und voll schönen Dingen begraben. Im überheiteren Krisenloop chong chong chong dreht sie sich in rasender Ausgelassenheit und blindem Übermut, dass es die Ecken abschlägt bei jeder Runde, wie ein Klapptisch auf´m Kopf und immer round about in der dunklen Kammer, in der sich schon Mutti schminkte, mit bekanntem Ergebnis, spratzt es die Ecken weg, es splittert, wenn schon nix mehr zu tun ist und die Entwicklung vorbei, das Rad erfunden, sich nur noch dreht, ganz langsam im Wald im Wind, im rostigen Gestern.
Der hüpfende Ball auf dem Wasser, er schwippt und schwappt und schwimmt obenauf und landet doch irgendwann im Magen der Möwe, die daran zugrunde geht und wir mit ihr und am Schluss ist er das Ende der Welt Menschheit. Ein kleiner Plastikball.

Wer hat´s erfunden?

Den Kopp unter´m Tisch oder den Spiegel vor´m Bauch und dann durch die Wohnung getapst, die Zimmerdecke spiegelt sich im Spiegel (logisch) und man schaut unentwegt hinein, hält sich das Teil mit beiden Händen vor den Bauch, wie ein Tablett, klettert über Lampen und Kabel und spaziert so aus dem Haus, ohne Schuhe, sieht ja keiner. Ganz vorsichtig, damit man nicht stürzt, stelzt man ins Treppenhaus, die Stufen von obendrüber hinab, Schritt für Schritt, mit Maß und Würde, als trüge man einen Reifrock oder eine Schleppe und ginge zum Altar, die spitze lange Scherbe im Bauch immer vor Augen, ohweh, und vorbei wäre der Gipfel der Evolution – welche Verantwortung man trägt! – und dann an der Türe, nachdem man endlich den vollgesprayten, nach Gras und Pisse stinkenden Hausflur durchquert, die letzte Stuckrosette mit einem Satz übersprungen hat- obacht!-  trete ich auf die Straße. Ich schreite mit geradem Rücken, den Walzer im Ohr, und
sehe,
sehe,
sehe: den HIMMEL,
so blau und weit (el cielo es azul) und mache einen großen Schritt, einen Satz, hart wie Stein unter den Füßen, laufe durch das Blau, den Himmel, das Universum. Ich bin ein Engel oder bin ich schon tot?