Jäten

Hoppe hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er.
Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben.
Fällt er in den Sumpf, macht der Reiter plumps!

 

 

 

Mit Worten den Tisch leerfegen, aus dem Ellenbogen heraus. Ein Halbkreis so unbewusst wie gekonnt.

Emotionale Bilanzen fallen oft schlechter aus, als die Zeit über die sie richten es verdient hat.

Neben Nachmittagen im Garten, fällt mir auch jener Abend im elterlichen Wintergarten ein, als der Freund kommentarlos und mit süffisanten Grinsen einen struppigen Rettich neben meinen Teller legte. Er war betrunken, wie so oft.
Ich erinnere mich an die Suppe, die wir aßen. Sie war ungewohnt schlicht. Halbgare Bohnen im laschen Sud.

Und ich weiß noch – das liegt viel länger zurück – wie ich heraus fand, dass meine Freunde, das Paar, monatelang meinem Freund und dessen Geliebte als Gäste im Haus willkommen geheißen hatten. Gemeinsam musiziert und gegessen hatte man, das heimliche Pärchen übernachtete auf dem Sofa und die minderjährige Geliebte vergaß ihre getragene Unterwäsche auf dem Teppich, wo  mein Freund sie später aufklaubte, die Nase hinein steckte und einen tiefen genüßlichen Zug nahm.
Alle wussten davon, nur ich nicht.

Vor einigen Jahren dann erfuhr ich von dem Tod dieses Mannes. Die Nachricht ließ mich, abgesehen von der allgemeinen Verstörung, die der Tod eines jungen Menschen in uns auslöst, merkwürdig unberührt.

Krumenweise ist das Erdreich erodiert und die Zeit und die Entfernung und diese andere Sache, über die ich niemals gesprochen habe, trugen ihren Teil dazu bei.

Ob ich traurig bin?
Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich.

(Jäten genügt. Es sät sich ganz von selbst).

 

Meine Katze liegt in Eurem Garten begraben.

 

 

 

Musik zum Text:

 

(Black Flag- the prodcess of weeding out youtube-Direktlink)

Auf Null

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Wann tritt das in Kraft?“
“ Das tritt nach meiner Kenntnis…ist das sofort,unverzüglich.“

 

Die Haare sind geschnitten. Der Sommer bald vorbei. Der Hund nach Wochen des Aufatmens doch wieder krank, Erbrechen und Durchfall. Die Bauchspeicheldrüse, mitten in der Nacht. Es kann nicht ruhig bleiben in meinem Leben. Was ist das bloß?
Ich hänge in einem Vakuum aus Ermattung, Erstaunen und Aufbruch.

Ein Knall, unvermittelt und langerwartet. Der Turm stürzt um.

Endlich

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Vulvation steht auf der ausgebleichten Holzbank am Waldrand und ich stelle mir vor, wie jemand, ein junges Mächen, im Morgengrauen, als der Frühnebel noch über dem Wasser steht, mit stummer Miene diese Botschaft in die Welt bringt.

Eine Frau Anfang 50 kommt mir entgegen. Ihre betagte Barsoi-Hündin folgt ihr mit einigem Abstand. Das breite Gestell, der schmale Kopf, arthritisch der Gang, weich und verloren der Blick. Wie ein grasendes Reh senkt sie langsam den Kopf, nimmt einen Geruch auf und spürt ihm lange nach.

Bald wird sie fünfzehn, erzählt die Frau und ich staune über diese statistische Sensation.
Gemeinsam gehen wir ein Stück des Weges Richtung Insel der Jugend.
Es ist ein angenehmes, ruhiges Gespräch, das wir führen. Beide mit großer Aufmerksamkeit einander zugewandt. Eine ungewöhnliche Sympathie und Übereinkunft ohne jede Fremdheit.
Am großen Parkplatz geben wir uns die Hand zum Abschied. Ich bin A. sagt sie. K. antworte ich. Wir schauen uns in die Augen und lächeln.
Es gibt etwas, worin wir uns ähnlich sind, das fühle ich, doch ich kann es nicht benennen.
Eine Verletzbarkeit vielleicht, die vorsichtige Neugierde, das große Interesse an Menschen und am Leben, Vertrauen. Die Ehrfurcht vor dem Sein und vor dem Vergehen.

Vielleicht treffen wir uns mal wieder, sagt A. zum Abschied, wir sind oft hier.
Ja, das wäre schön.

Die blinde Hündin steht und schaut ins Nichts, als ich mit Töle weiterziehe.

Später suche ich im Netz nach einer alten Radierung, die ich in meiner Kindheit sah, darauf eine Frau und ein Barsoi. Doch ich finde sie nicht.
Ein Spaziergang mit meinen Eltern auf dem Lohrberg kommt mir in den Sinn. Ich, an der Hand meines Vaters, der Himmel grau, kalter Frühlingsregen sprüht mir ins Gesicht, mich fröstelt. Eine riesige, bauchige Flasche liegt im Gestrüpp. Darin eine Maus, halb skelettiert schon.
So winzig, so tot, so allein.

Heute ist der Geburtstag meiner Mutter. Sie weiß nichts  davon.
Ein Anruf. Jemand ist völlig unerwartet gestorben. Alles andere wird unwichtig.

Foto: „Grosser Stein Altentreptow Suedwest“ von Erell – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grosser_Stein_Altentreptow_Suedwest.jpg#/media/File:Grosser_Stein_Altentreptow_Suedwest.jpg