Ochsenhunger

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Dem Mann am Telefon erzählte ich ich trüge einen schwarzen, hautengen Catsuit mit durchgehendem Reißverschluss und einer schmalen Kette um die Hüften, ich konnte hören, wie seine Knöchel weiss wurden, als er die Hand zur Faust ballte, also erzählte ich weiter. In der Hocke säße ich, die Kniee weit auseinander und zöge ganz langsam den Zipper herunter. Dann legte ich auf.
Ein paar Wochen später erreichte mich ein Paket mit allerlei Gaben. Darunter eine New York Times, die ich von vorne bis hinten durchlas, doch ich fand keinen Hinweis. Er hatte es mir mit gleicher Münze heimgezahlt.

Ein anderer trug den Namen eines Waldtieres und nachdem ich ihm von meinen schweren Botten, dem Tanktop und dem Minischottenrrock erzählt hatte, schickte er mir ein feines silbernes Kettchen mit Kügelchen daran. Er schrieb es täte ihm Leid, er besuche regelmäßig Swingerclubs, seine Frau wisse nichts davon, und auch mich wolle er nicht belasten mit diesem Geheimnis.

Der Dritte und Letzte rief mich von einem Parkplatz aus an, wo er mit Unbekannten verabredet war. Flüsternd erzählte er mir was dort in der Dunkelheit vor sich ging. Dann legte er auf.

Von ihm habe ich nie wieder gehört. Doch ich erinnere mich noch an seinen Namen: Marek.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Vizero, Vollmondparken, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Hartriegel

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Hartriegelgewächse. Allein der Name. Ansonsten aber ganz schön. Sehr schön eigentlich. Vor allem im Winter. Heute jedoch nicht.

In der B-Ebene der U-Bahn gab es Säulen. In den Säulen wurden die Obdachlosen oder Junkies zuerst gefilzt und dann verprügelt. So sagte man. Ab und an sah man Sicherheitspersonal in diese ovalen fensterlosen Folterkammern hinein gehen. Ich erinnere mich nicht, dass sie tatsächlich mal einen im Schlepptau hatten. Aber das heißt ja nichts. Die Geschichte ging trotzdem rum und hielt uns an zaghaften Tagen vom Schwarzfahren ab. Bloß nicht in die Fänge der Brutalinskis geraten. Wobei, als Frau.

Als Frankfurterin war man ja abgehärtet, wuchs man doch mit dem Heinrich-Hoffmann-Menetekel auf.
Der Struwwelpeter hing als Plakat und immerwährende Drohung in meinem Kinderzimmer und der abgeschnittene Daumen war so allgegenwärtig wie Minz und Maunz, die Kleinen.
Allein die Sache mit dem Suppenkasper schreckte mich nicht. Er mußte ja nicht hungern. Hätte ja was essen können, war doch genug da. Seine Entscheidung.
Später legte ich selbst eine Magersuchtsphase ein, aus der ich dann allerdings mit der Zeit wieder herauswuchs. Zugunsten einer Bulimie, die sich gewaschen hatte. Zehn Jahre habe ich insgesamt mit diesem Mist verplempert. Als hätte man soviel Zeit im Leben.

Am meisten Angst hatte ich vor Gott. Wenn dem etwas mißfiel konnte das mehr Ärger bedeuten, als wenn die Mutter sauer wurde, und das wollte schon was heißen. Wegen seiner Rachsucht wendete ich mich später vollends von ihm ab und habe nie wieder etwas Ähnliches gefunden. Die sich anschließende Zeit der Selbstkasteiung war irgendwann auch vorbei, volljährig war ich obendrein, Drogen hatten nicht den gleichen Geißelungseffekt wie Gottes harte Hand und so lebe ich seither ohne Schimpfe und Schelte und bin es zufrieden.

Nur der Tierarzt ist manchmal böse auf mich, wenn ich etwas besser zu wissen glaube als er, weil ich mir einbilde meinen kranken Hund und die kotzende Katz gut zu kennen. Dann meckert er und ich falle vor ihm auf die Knie, verbeuge mich vielmals, küsse seine Schuhe und bitte um Vergebung. Das sind Momente des größten Glücks und einer kindlichen Geborgenheit, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe.

 

 

 

 

 

 

Foto: rishon lezion, gun thunder, flickr
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Hungern, fressen, kotzen, leiden

Am Haus der Kulturen der Welt, der Schwangeren Auster, legt ein Ausflugsschiff der Reederei Riedel an.
Ein Schwung Touristen steigt aus.
Die meisten von ihnen bewegen sich Richtung Reichstag, um ihr Sightseeing fortzusetzen.
Danach werden sie auf der Friedrichstraße shoppen gehen, unter den Linden flanieren und schließlich vor dem Brandenburger Tor posieren. Das übliche Programm.

Mir fallen drei Frauen auf, die sich sehr viel langsamer bewegen, als der Rest der Gruppe, und die schon nach kurzer Zeit ein ganzes Stück zurück gefallen sind.
Die Mittlere hat sich bei den beiden anderen untergehakt und wird aktiv von ihnen gestützt.

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Thin (Photo credit: st4rbucks)

Als ich genauer hinsehe, merke ich, dass die drei sich sehr ähneln, und dass da Mutter und Großmutter der etwa zwanzigjährigen Tochter helfend unter die Arme greifen.
Sofort sehe ich, was mit ihr los ist: ihre Beine sind so stark skelettiert, dass sie den federleichten ausgezehrten Rumpf nicht mehr tragen können.
Sie schaut mich an und lächelt. Selig.
Es geht ihr gut.
Mutter und Großmutter sind ihr zugewandt, tragen sie durch das Leben, zeigen ihr die Welt.
Solange es noch geht.
Krankheitsgewinn.

Wie sie mich so ansieht, und mir zulächelt, sehe ich auch so etwas wie Stolz in ihrem Blick.
Ein vertrautes Gefühl.
Und ich habe den Eindruck, dass sie mir ansieht, dass ich genau weiß, worum es geht.
Doch was ich empfinde ist keine Komplizenschaft, sondern Bedauern.
Bedauern, dass sie sich so zu Tode hungert und kasteit. Dass sie sich anders nicht schön finden kann, dass sie sich so klein und zart machen muss, dass sie sich weigert erwachsen zu werden, weil es sich einfach nicht lohnt.

Ihre Augen sind groß und blau. Sie sieht aus wie ein verhungernder Engel.

Ich erinnere mich daran, wie ich eines Tages, kurz vor dem Abitur, zu spät zum Unterricht kam.
Als ich das Klassenzimmer betrat, ließ mein Mathelehrer die Kreide sinken, folgte mir mit den Augen bis zu meinem Platz, und sagte dann sehr ernst: –Kathe, dünner darfst du wirklich nicht mehr werden.
Wie ich mich gefreut habe darüber, und wie es mich angespornt hat noch weniger zu essen, als diese eine Scheibe Vollkornbrot und den Joghurt pro Tag!
Jetzt musste ich bloß noch Apfelwein und Bier weglassen, mich mehr bewegen, und vor allem mehr rauchen. Gegen den Hunger.
Das Kiffen wollte ich ganz aufgeben. Es konnte zu unbedachten Fressflashs führen.

Den gleichen triumphalen Blick, wie der verhungernde Engel, muss auch ich gehabt haben in diesem Moment, denn mein Lehrer schob noch ein
Ich meine das absolut ernst!  hinterher.

Was wollte der eigentlich von mir? Als würde ich ihm zuliebe mehr essen.
Und wieso auch?
Ich kam gut an, wickelte die Jungs um den Finger, und je dünner ich wurde umso mehr Anklang fand ich auch bei deutlich älteren Männern. Lolita.

Zudem funktionierte mein Kopf so gut wie noch nie. Das Lernen fiel mir leicht, ich konnte ausgehen, wenig schlafen, und trotzdem beste schulische Leistungen erbringen.
Denn darum ging es mir ja auch: ich wollte die Beste sein. In allen Belangen. Auch im Hungern, im Cool sein und im Party feiern. Selbstdisziplin.
Das Bestürzende an der ganzen Geschichte ist, dass mein Mathelehrer der einzige war, der mich überhaupt darauf ansprach. Dabei wog ich zu diesem Zeitpunkt, bei einer Körpergröße von fast einsachtzig, nur noch 49 kg.

Nachdem ich das beste Abitur hingelegt hatte, verliebte ich mich.
Alles lief so gut, dass ich von einem Tag auf den anderen wieder normal aß. Vier Jahre lang.
Meine Gewichtszunahme hielt sich dabei übrigens sehr in Grenzen, was die Sinnlosigkeit des voraus gegangenen Hungerns noch verdeutlichte.
Als die Beziehung irgendwann aus dem Ruder lief, entgleiste auch mein Essverhalten wieder, und mir dämmerte langsam, dass es etwas zu tun hatte mit gestörten Beziehungen, und in der Folge mit einer veränderten Körperwahrnehmung.
Da ich inzwischen gerne kochte und auch gerne aß, hielt ich das Hungern nicht mehr so durch wie früher. Also hungerte und völlte ich im Wechsel, und erbrach mich nach jedem Fress-Exzess.
Sechs Jahre litt ich unter Bulimie, oder Bulimarexie, wie man das abwechselnde Hungern und Erbrechen nennt.
Meine gesamte Studienzeit war bestimmt davon, denn Bulimie ist eine noch größere Herausforderung als Anorexie.
Gar nichts zu essen, ist so ähnlich wie Null Promille. Man weiss genau, wann man die erreicht hat. Hungern ist passiv.
Bei der Bulimie hingegen, verliert man durch die Fressattacken das Gefühl dafür, wann der Magen voll ist, und man aufhören sollte zu essen, um nicht zuzunehmen.
Hatte ich also 17 Snickers verschlungen und mich im Anschluss mit 1,5 liter Sprite light vollends abgefüllt, um mich leichter erbrechen zu können, dann konnte ich bei der nächsten Mahlzeit nicht mehr abschätzen, ob ich nun viel oder wenig gegessen hatte. Der Magen war einfach ausgeleiert.
Sicherheitshalber verschwand ich dann schon mal auf der Toilette, kam mit tränenden Augen und aufgequollenem Gesicht wieder zurück, und schämte mich für das, was ich getan hatte.
Auch das ist ein wesentlicher Unterschied zur Magersucht: Hungern macht stolz. Stolz, weil man sich so gut beherrschen kann. Weil man sich nicht mehr mit Essen beschmutzen muss. Und weil jeder sehen kann, was man zu leisten imstande ist.

Die Bulimikerin hingegen schämt sich. Weil sie so unbeherrscht ist, weil das Erbrechen so unschön und weil der Umgang mit Essen so unethisch ist. Ständig hat sie Angst vor Entdeckung. Doch merkwürdigerweise hat auch in diesen Jahren niemand geahnt, was mit mir los war. Meine engste Freundin war eingeweiht, konnte aber nicht mehr tun, als für mich da zu sein und mir beizustehen. Nur die Apothekerin, bei der ich regelmäßig Kalium kaufte, um einer gefährlichen Unterversorgung durch das Erbrechen vorzubeugen, sprach mich eines Tages an.

-Das ist doch auch keine Lösung, sagte sie mit dem gleichen Ernst, wie damals mein Lehrer.

Die Apotheke habe ich danach nie wieder betreten, und mir außerdem angewöhnt bei verschiedenen Apotheken einzukaufen, um nicht noch einmal aufzufliegen. Suchtverhalten.

Schlecht ging es mir, das kann ich sagen. Sechs Jahre lang. Rechne ich die Zeit der Magersucht dazu, dann habe ich fast zehn Jahre meines Lebens damit verplempert meinen Körper zu peinigen, und ihm zu zeigen, wer der Stärkere von uns beiden ist.
Denn genau so habe ich es immer empfunden: hier war ich, da mein Körper. Ich war der Kopf, mein Körper nur mein Diener, dem ich äußerste Disziplin abverlangte.

An all das muss ich denken, als ich dieses junge, magersüchtige Mädchen sehe, wie sie mich triumphal anlächelt, gestützt von Mutter und Großmutter.
Ohne es zu wollen, lächle ich zurück.

Den ganzen Tag über geht sie mir dann nicht mehr aus dem Kopf.
Auch am nächsten Tag bin ich in Gedanken oft bei ihr und ihrer Familie.
Wie schwer es für alle sein muss, sie am gedeckten Tisch verhungern zu sehen, und nichts dagegen tun zu können.
Wie sinnlos das alles ist. Wie wenig es ändert, und wie leicht man in diese Sucht rutscht.

Lo Zombi-Mänin kon lo Lassie-faccia / Rick Gen...

Rick Genest and Andrej Pejic (Photo credit: МОЛОКО)

Eine Gesellschaft, in der Kleidergröße 42 mit xl  (also: schlimm) gleichgesetzt wird, in der männliche Fotomodelle Frauenkleider vorführen, in der Size Zero das erstrebenswerte Ideal ist, in der es einen Celebrity-Kult gibt, wie nie zuvor, und in der Dicksein als Charakterschwäche gilt und Photoshop unerreichbare Vorbilder schafft, dürfte es für junge Mädchen noch schwerer sein ein entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper zu entwickeln, als früher.

Das Schlimme: mit Argumenten ist dem nicht beizukommen.
Man muss begreifen, was mit einem los ist, woher die Störung kommt, und dann schrittweise wieder lernen mit angemessenen Mengen Essen, den Körper zu versorgen.

Eine Verhaltenstherapie, wie sie in vielen Fällen bevorzugt wird, hätte mir damals nicht geholfen.
Mich zum Essen zu zwingen hätte noch viel mehr Unheil angerichtet, denn Magersucht und Bulimie haben meiner Meinung nach auch zu tun mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Autonomie.

Außerdem: wenn diese Essstörungen Symptome für eine psychische Verfasstheit sind, dann kommt man, mit dem Abschaffen des Fehlverhaltens, der eigentlichen Ursache nicht bei.
Entscheidend ist es, sich professionelle Hilfe zu holen, die Körperwahrnehmung zu schulen und schrittweise zu verändern. Durch Einsicht.
Der wichtigstee Schritt ist, meiner Meinung nach, aber das Verändern der persönlichen Beziehungen.

In meinem Falle, war das der Entschluss, einen Strich unter alles zu machen, und weit weg zu ziehen, um genügend Abstand zu bekommen. Einen Bruch mit Familie und Freunden brauchte ich nicht. Nur eine Pause, und ausreichend Distanz.*
Im Falle des jungen Mädchens dürfte nur noch ein Klinikaufenthalt helfen.
Ihr Zustand ist bereits so bedrohlich, dass ihr Leben gefährdet ist
Aber auch ein Klinikaufenthalt, sollte möglichst weit weg von allem, was sie in ihrer Krankheit hält, stattfinden.

Und das, so bitter es ist, kann auch eine Familie sein, die die Kranke liebevoll stützt und umsorgt, und damit dem Hungern einen Sinn gibt.

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*Eine Parabel Schopenhauers illustriert die Bedeutung des Gleichgewichts zwischen Nähe und Distanz. Viele Therapeutinnen und Therapeuten benutzen sie für ihre Arbeit. Ich mag das Bild.

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun dieses Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite; so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.
Arthur Schopenhauer (1874)