An der Hochbahn

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Es ist später Nachmittag und das Apothekenthermometer zeigt 36 ° Grad an. Die Luft ist feucht wie Badewasser und seit Stunden schon steht ein Gewitter über unseren Köpfen. Dunkle Wolken hängen dräuend am schwarzblauen Himmel, in der Entfernung grollt es bedrohlich und ab und an sticht ein gleißender Blitz aus dem nahenden Unwetter.

Vor den Lokalen sitzen tätowierte Männer in Unterhemden und tätowierte Frauen mit kurzen Kleidchen und Flip-flops und schauen im Schatten der Markisen Fußball. Auf den Tischen vor ihnen stehen beschlagene Biergläser, 0,3 nur bei dieser Hitze, die blondierte Kellnerin in kurzer Hose und mit rundem Po schlängelt sich mit dem voll beladenen Tablett zwischen den Gästen hindurch.

Auf einer Bank am Straßenrand lasse ich mich nieder und trinke meinen Cappuccino vom Neuseeländer nebenan. Die Krankheit des Hundes lässt mir viel Zeit für Kiezspaziergänge. Wenigstens das.

Auf der Bank gegenüber nehmen zwei junge Russen in hautengen T-Shirts und mit übertriebener V-Silhouette Platz. Der eine zieht lautstark die Nase hoch und rotzt das Zutagegeförderte mit einem scharfen Geräusch auf den Boden. Charlottenburger nennt der Berliner das, was schließlich auf den Gehwegplatten landet. Ich drehe mich weg.

Der Schlaksigere der beiden fängt an einen Joint zu bauen, während sein Kumpel fortfährt zu schniefen und Schleim zu rotzen, ohne sich um mich oder die ruhenden Menschen auf den umliegenden Bänken zu scheren, die ihn aus ihrem Hitzedelir aufgeschreckt anstarren und überlegen ob sie diese Zumutung aussitzen oder lieber die Flucht ergreifen sollen. Wir entscheiden uns für den längeren Atem.

Inzwischen ist der Joint fertig und entzündet. Der Dreher nimmt einen tiefen Zug bis hinunter in die äußersten Lungenspitzen, steht auf, beugt sich über den Rotzer, stülpt seinen großen fleischigen Mund über dessen geschürzte Lippen und die Nasenlöcher und bläst ihm die volle Ladung in den verschleimten Kopf. Wann habe ich sowas bloß zum letzten Mal gesehen. Es muss damals in Frankfurt gewesen sein, bei einem Schulfest, doch die Männer mir gegenüber sind schätzungsweise Mitte zwanzig.

Den gesamten Joint teilen sie sich auf diese Weise und als sie fertig sind saugt der Rotzer noch einmal lautstark seinen Nasenhöhleninhalt aus den tiefsten Tiefen, sammelt den dicken Batzen im Mund und speit ihn mit orgiastischer Wucht hinaus. Es ist vollbracht.
Die beiden verlassen federnden Schrittes die Bühne und verschwinden in Richtung Hochbahn.

Das Koffein treibt selbst mir inzwischen den Schweiß auf die Stirn und ich beschließe die Kühle der Bio Company aufzusuchen und eine Runde durch den Laden zu drehen. Am Eingang neben der Schiebetür hat irgendjemand ein großes Paket abgestellt, eine Postsendung. Unbeachtet steht es vor dem Schwarzen Brett, während gegenüber an der Brottheke kostbares Urgetreide in Gold aufgewogen wird. Ein Kinderspiel hier eine Bombe zu deponieren, denke ich und gehe zur Teeabteilung. Der Mittdreißiger in Dreiviertelhosen und mit schulterlangen fettigen Dreads, beginnender Glatze und hängenden Schultern, der kurz nach mir den Markt betreten hat, ist mir dicht auf den Fersen. Ich kann seine Outdoor-Sandalen über den Boden schlurfen hören; die fleischgewordene Freudlosigkeit. Auf dem Absatz drehe ich um und verlasse die klimaanlagengekühlte Bio Company so schnell ich kann. Als ich an dem Paket vor dem Ausgang vorbeikomme ziehe ich den Kopf ein.

Draußen schlägt mir der Tag einen nassen heißen Lappen ins Gesicht.
Sommer in Berlin.

 

 

 

 

 

Bild: Sascha Kohlmann, Schlesisches Tor
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

450 € Mieterhöhung

Stop of gentrification in Poznań - graffiti (P...

Stop of gentrification in Poznań – graffiti (Poznań). (Photo credit: Wikipedia)

Das, was zu befürchten war ist eingetreten: Frau Scheffler, der Betreiberin der Wäscherei am Schlesischen Tor, ist eine Mieterhöhung um 30 % ins Haus geflattert.
Statt wie bisher 1500 € Miete, zahlt sie, nach eigenen Angaben, nun 1950 € Miete, was einer Mietsteigerung von exakt 30 % entspricht.
Der neue Vertrag ist auf zwei Jahre befristet, danach kann und wird weiter an der Preisschraube gedreht werden.
So ergeht es den alteingesessenen Gewerbetreibenden im Kiez. Sobald jemand, der mehr Miete zahlen kann als sie, die Hand nach ihrer Lebensgrundlage ausstreckt, wittern die Vermieter ihre Chance und werden gierig.
Im Falle von Frau Scheffler konnte eine Kündigung zwar gerade noch abgewendet werden, nachdem die Bio Company schlechte Presse befürchtete. Genützt hat es ihr allerdings nicht viel, die Blutspur war gelegt, und die 25 % Mietsteigerung kamen trotzdem. Sie wird zu kämpfen haben die knapp 2000 Euro monatlich aufzubringen.
In zwei Jahren spätestens wird sie wohl ganz aufgeben müssen.
Die Bio Company (Wir sind nicht mehr aufzuhalten!) eröffnet demnächst ihre zweite Filiale auf der Skalitzer Straße, gleich neben der Wäscherei von Frau Scheffler. Das dazugehörige Stehcafé kommt nun in einen Anbau im Hinterhof, und nicht in die Räume der Wäscherei.
Bedroht bleibt Frau Scheffler dennoch, und 4 kleine Bioläden dazu.
Andere im Wrangelkiez, so hört man, müssen inzwischen sogar 3500 € Miete für eine Gwerbeeinheit im Souterrain aufbringen.
So geht das.
Wer weiterhin bei der Bio Company, oder anderen Großunternehmen und Ketten einkaufen möchte, möge sich bitte nie wieder über die böse Gentrifizierung und die rasante Veränderung in Kreuzberg und anderswo beschweren.
Weder laut noch im Stillen.

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