Vom Krähennest

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Gegenüber ragt ein Schlot in den milchigen Winterhimmel. Oben thront ein Metallkorb wie ein Krähennest am Schiffsmast. Gut 15 km sollte man von dort überblicken können, im Osten bis nach Hellersdorf, im Westen bis Halensee.
Als ich in meine Wohnung zog, war der Schlot viel höher als die Bäumchen im Garten. Inzwischen ist er nur noch im Winter zu sehen. Im Sommer vergesse ich, dass es ihn gibt.

In meinen ersten Jahren hier hatte der Schlot meine tägliche Aufmerksamkeit. Er war Teil meiner Landschaft. Welchen Zweck er erfüllen soll, habe ich nie erforscht, doch Besuchern erzählte ich gerne der Muezzin riefe dort zu festgelegten Zeiten zum Gebet.
Am Abend malte die Sonne einen rotgoldenen Streifen auf seine Westseite und mein Herz jubilierte in unstillbarer Erwartung,

Wie die Kaugummiautomaten der Kindheit verschwand der Schlot irgendwann aus meinem Blick, meine Perspektive verschob sich und als ich ihn heute so betrachte, kehrt plötzlich die Zeit in der ich mit ihm lebte noch einmal zurück, öffnet einen Spalt breit die Türe und verschwindet wieder, so wie früher die Lehrerin der Parallelklasse, die kurz ihren Kopf in den Raum steckte, unserem Geschichtslehrer zunickte und wortlos wieder entschwand. Den Rest der Stunde rätselte ich, was das zu bedeuten haben mochte.
In einem Seitentrakt des Schulgebäudes befand sich das Lehrerzimmer. Der Boden war ausgelegt mit dunkelblau-melierten Teppichplatten. Mit ihren abgewetzten Lederschuhen in der Farbe ihrer abgewetzten Ledertaschen würden die beiden Lehrkräfte sich später dort treffen und aussprechen worüber sie durch den Türspalt geschwiegen und womit sie unsere Fantasie angekurbelt hatten. Erfahren würden wir freilich nie worum es gegangen war, doch zusammenreimen konnten wir es uns als schließlich Lehrerin und Lehrer ein Paar und die Lehrerin schwanger wurde und strähnige Haare bekam, derweil der spindeldünne Geschichtslehrer mit Nickelbrille im schmalen Wolldufflecoat wie ein ungelenker Storch über den Schulhof schritt und während des Unterrichtes schlechte Noten verteilte.
Als ich wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus lag, behauptete er Krankheit sei immer auch eine Entscheidung des Erkrankten, dieser allein trüge die Verantwortung für sich und seinen Körper  und deswegen müsse er mein nicht gehaltenes Referat mit 0 (null) Punkten bewerten. Wahrscheinlich hatte er diese pädagogische Glanzleistung zuvor im blaumelierten Lehrerzimmer oder unter erdberroter Seersuckerbettwäsche mit seiner strähnigen und dauerschwangeren Frau besprochen.

Die Wohnung, die ich drei Monate vor dem Abitur beziehen musste (nachdem ich: du Omi, kennst du schon den Blubb-blubb, zu meiner Mutter gesagt und damit ihren lodernden Zorn entfesselt hatte) besaß einen vermüllten Balkon von dem aus man auf eine Bundesstraße blickte. Neben dem Haus ratterten Güterzüge entlang und gegenüber wurde im Bindingzapfhahn gesoffen und gejohlt, was wegen des vorbeitosenden Verkehrs nicht weiter ins Gewicht fiel.

In der Silvesternacht, kurz nach meinem Einzug standen wir auf dem Balkon und warfen die alten Teppichfliesen der Vormieter auf den vereisten Gehweg. Vorbeikommende Fußgänger nutzten die Fliesen als Rutschschutz und hüpften von einer zur nächsten,  mein juveniler Bruder rannte indes fröhlich aus dem Haus und schlidderte unter ein dort geparktes Auto, das eine dicke Schneehaube trug. Der Tochter des Theaterkritikers gefiel sein Auftritt so gut, dass sie ihren Kopf in den Nacken legte und lachte, bis ihre weißen Zähne zum Vorschein kamen und ihr üppiger Busen wackelte, an den mein fröhlicher Bruder im Verlauf des Abends seine unerfahrenen Hände legen würde, während ihr hagerer Freund souverän lächelnd die Wangen einzog und sich durchs strubbelige  Johnny-Thunders-Haar fuhr. An der linken Hand trug er einen Siegelring, vor dem  Haus parkte sein zugeschneiter Käfer.

Am Neujahrstag, die Party war längst vorbei, stiefelte meine Katze über den klebrigen Boden der Wohnung und schüttelte bei jedem Schritt ihre schwarzen Pfötchen.

 

 

 

 

 

 

Bild: Andrej Krashenitza, flickr, 20140829-DSC08207
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

Vom Schreiben, vom Leben und vom Glück (ein Award)

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Sabine, formerly known as Rock´n´Roulette, hat mich für den Liebster Award nominiert.
Das freut mich ganz besonders, weil wir beiden uns schon seit unseren Bloganfängen kennen, sich unsere Wege immer mal wieder verlieren und dann doch wieder kreuzen, so, wie jetzt. Herzlichen Dank für die Nominierung und die interessanten Fragen, liebe Sabine!

Und hier meine Antworten:

Wie fühlt sich Glück an?  Warm (happines is a warm puppy).

Warum? Es gibt kaum etwas Schöneres, als eine warme Hand im Nacken oder auf der Stirn zu fühlen, den warmen Bauch eines Welpen zu streicheln, am flaumigweich duftenden Kopf eines Kindes zu riechen, ein vibrierendes Meisenkind in der Hand zu halten, das warme Blut durch die Adern fließen zu spüren, zu leben. Wärme ist Leben ist Glück.

Wo warst du zuletzt am liebsten? Die schönsten Tage des Jahres verbringe ich alljährlich in den Alpen. Dieses Mal in Murnau. Es gibt nichts, was mir soviel inneren Frieden und Ruhe gibt, wie die blaue Silhouette der Berge, ihre stille Erhabenheit und die unvergleichliche Luft. Am Abend oben auf dem Feldweg zu stehen und auf den vergoldeten See zu blicken, ist für mich ein unbeschreibliches Glück.

Was war 2016 für dich? Es ist das Jahr, in dem meine Mutter gestorben ist und die Welt ins Strudeln geriet.

Was wirst du mitnehmen, was hast du gelernt? Ich habe gelernt Abschied zu nehmen und zu verzeihen. Meine Erwartungen dem Leben anzupassen und nicht umgekehrt. Und ich habe gelernt, dass das, was man am wenigsten erwartet jederzeit geschehen kann. Die wichtigste Lektion des Jahres ist: nicht warten, nicht aufschieben: the future is now.

Was hältst du vom NaNoWriMo? Das hat irgendwie mit ganz viel schreiben in ganz kurzer Zeit zu tun, oder? Dazu müsste ich mir erst mal eine fundierte Meinung bilden. Grundsätzlich ist es wahrscheinlich ganz gut ein Konzept zu haben, mit dem man sich zum Schreiben motivieren kann. Ich brauche das aber eigentlich nicht, denn ich muss sowieso jeden Tag schreiben, weil mir sonst was fehlt. Da ich keine Botschaft habe, nicht berühmt werden will, kein Buch veröffentlichen möchte, im Grunde meines Herzens faul und ohne jeden Ehrgeiz bin, es außerdem lieber überschaubar und familiär mag, reicht mir sowohl mein Output, als auch die Reichweite meines Blogs. Alles andere wäre mir viel zu anstrengend und trübte nur meine Freude. Um die allein geht es mir aber beim Schreiben. Sie ist mir Motor und zugleich Belohnung (neben den vielen klugen und freundlichen Kommentaren natürlich).

Wie funktioniert Schreiben für dich? Wenn es gut läuft schreibt es mich  (écriture automatique) und ich bin nur das Medium, das den Stift hält,  bzw.das Diktat über die Tastatur auf den Bildschirm bringt. Manchmal ist Schreiben auch Arbeit, bzw. eine Übung. Dann feile ich, denke nach und korrigiere, suche Synonyme oder Antonyme, denke über Alliterationen nach, verknappe meine Sätze systematisch, streiche wertende Adjektive usw. Heraus kommen dann meist die Texte, die technisch einwandfrei, aber für mein Empfinden vergleichsweise blutleer und kalt sind, also keine Seele haben. Gute Texte schreiben sich wie im Vollrausch und hinterher bin ich erschöpft und überrascht , was ich da zustande gebracht habe. Wenn ich dem Kopf zuviel Raum lasse und plane, wird das nix.

Happy End oder realistische Sachlichkeit? Meine Texte sind selten fiktiv, deswegen gibt’s nur ein Happy End, wenn es ein Happy End im `richtigen´ Leben gab (insofern  also eher realistische Sachlichkeit). Als Katastrophenchronistin geht fast jedem glücklichen Ende ein spektakulär anstrengendes Vorspiel voraus, das Happy End ist daher eher so etwas wie erleichtertes Aufatmen, die Ruhe nach dem Sturm, die Freiheit des nothing-left-to-do, oder das Trümmerfeld mit seinem Versprechen bzw. der Hoffnung des Neuanfangs.

Worüber würdest du am liebsten alles wissen wollen? Am allerliebsten möchte ich über gar nichts alles wissen. Ich liebe Geheimnisse, ich liebe es immer weiter lernen zu können, in allen Bereichen. Ich möchte nicht an einem Ende ankommen. Mich interessieren Fragen und weniger die Antworten darauf. Antworten müssen neue Fragen aufwerfen, sonst wären sie eine Sackgasse, in der alle Entwicklung endet. Ich bezweifle aber ohnehin, dass man über irgendetwas alles wissen kann. Ich würde trotzdem gerne mein Wissen in dem einen oder anderen Gebiet vertiefen, z.B. über Geschichte, Architektur, Biologie u.a.m.

Wenn du eine Sache ändern könntest – was wäre es? Könnte ich nur eine Sache ändern, dann würde die G. nicht an Krebs sterben. Und wenn ich noch etwas ändern dürfte, dann wäre ich nicht krank.
Global gesehen wären natürlich ganz andere Dinge wichtig, ich verstehe die Frage aber jetzt einfach mal nur auf mich und meinen Kreis bezogen.

Wenn du eine Sache bewahren könntest – was wäre es? Mein Vertrauen, meine Liebe.
(Liebe ist Wärme ist Leben ist Glück).

 

 

 

Müsik zum Glück: Eric Satie, Gnossienne no. 5 (überirdisch schön!)

(youtube-Direktlink)

Dieses Mal reiche ich den Liebster-Award nicht weiter. Sollte aber jemand Lust haben, die Fragen zu beantworten, kann er/ sie dies sehr gerne in der Kommentarspalte tun, oder im eigenen Blog.
Ganz herzlichen Dank nochmal an the fabulous Rock´n`Roulette!

Bild: Johann Ebend, Fliegender Teppich, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/