Carol

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Manchmal, wenn ich an dich denke, erinnere ich mich auch an die stark geschminkte Mittfünfzigerin, die rauchend auf dem Balkon der Station N2 sitzt. Die abgehalfterte femme fatale, mit langen blondierten Haaren, dem aus der Form gelaufenen Körper, gehüllt in einen Satinkaftan mit Leopardenprint, schwarze Stoppeln an den trockenen Schienbeinen, die Füße in glitzernde Riemchensandalen gesteckt.
Den Blick in die Ferne gerichtet, hält sie eine Zigarette in der Hand, Rauch sickert nachlässig aus ihren Nasenlöchern. Neben ihr ein junger Mann mit unverhältnismäßig großem Adamsapfel, der ihm ein geierhaftes und irgendwie verklemmtes Aussehen verleiht und mich an John-Boy Walton, den Tugendhaften erinnert. Der Mann betrachtet das Profil der Frau und greift nach ihrer freien Hand, die sie ihm teilnahmslos überlässt. Etwas Unterwürfiges und zugleich Aufdringliches liegt in seinem Blick und in dieser Geste der verzweifelten Zugewandtheit.

Ich sitze auf der Bank neben den beiden, rauche und zähle zum wiederholten Male die Türme der Stadt. Das Krematorium in Steinwurfnähe zähle ich mit.
Ob sich die Jahre, die vor mir liegen, ebenso in mein Gesicht fressen und dort eine Spur der Angst, der Leidenschaft und des Nikotins hinterlassen werden. Und werden auch wir eines Tages gemeinsam auf diesem oder einem anderen Balkon sitzen, eine tödliche Diagnose auf unseren Schultern, du meine Hand haltend und in mir immer noch die Blüte sehend, die ich einmal war. Und werde ich dich dafür verachten oder lieben und brauchen, oder alles zusammen.
Seit 24 Wochen bin ich in dieser Klinik, die ich in den gleichen Kleidern verlassen werde, mit denen ich sie betreten habe. Du wirst mich abholen und nach Hause bringen in mein neues Leben, von dem du schon jetzt ein Teil geworden bist.

Heute ist dein Geburtstag. Ich denke an dich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: b.s.wise, flickr jean cocteau
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Reling

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Der befreundete Anästhesist schickt mir eine Empfehlung zur Medikation vor, während und nach der Narkose, weiterzureichen an den behandelnden Kollegen. Sein Rat: von allem so wenig wie möglich. Außerdem möge man „auf alle möglichen kardialen Überraschungen gefasst (…) sein, und sich von allen Seiten Glück und eine glückliche Hand wünschen (…) lassen“.
Da kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen.

Vor den zu erwartenden Schmerzen habe ich gar keine Angst. Die lassen sich wegatmen. Ich beherrsche die Technik der Flucht nach innen, an einen sicheren Ort, von dem aus ich so ziemlich alles ertragen kann. Ruhig und hell ist es dort und ich bin stark und unverwundbar. Es ist mir möglich aus meinem Körper herauszustreten und mich vor Unbill zu schützen, solange ich mich mit meiner Seele an mir selbst, meiner inneren Reling, festhalten kann.

Angst habe ich allerdings davor, dass genau dieser Rückzugsort mir durch die passagere Psychose, die ich jedes Mal nach einer Narkose durchlebe, zeitweilig abhanden kommen könnte. Dass aus meiner Seele wieder ein hauchdünnes Flatterband ohne Substanz und ohne Hafen wird, dass ich mir selbst verloren gehe, irgendwo auf dieser Reise und ich erst mühselig und über Wochen und Monate die versprengten Teile einsammeln und zusammensetzen muss.

Ich fürchte mich davor, dass mir ein Gruselclown im Krankenhaus erscheint, dass ich von Paranoia gejagt aus dem Fenster springen möchte, dass ich ohne Kurzzeitgedächtnis ziellos in meinem Wahn herumschippere (für mein Umfeld übrigens nur während der ersten zwei Tage nach der Op bemerkbar) und, dass ich nicht mal Valium zur Beruhigung bekommen werde, weil ich auf Benzodiazepine paradox reagiere, nämlich mit manischen, exhibitionistischen Anwandlungen (note to myself: schöne Unterwäsche einpacken, für den Fall).

Gleichzeitig freue ich mich, dass ich dann wohl hoffentlich schon übernächste Woche beschwerdefrei bin, und, dass ich im Krankenhaus endlich werde schlafen können, ohne ständig auf das Atemgeräusch des Hundes, oder das Gluckern in ihrem Bauch lauschen zu müssen.
Töle wird, und das macht mich besonders glücklich, während meiner Abwesenheit von dem Einen versorgt werden, trotz allem, ebenso wie die Katz.
Das ist eine so schöne Wendung, dass mir alles andere auch nicht mehr soviel ausmacht, und wenn ich dann noch daran denke, wieviel Unterstützung ich von den lieben befreundeten Netzfrauen bekomme, dann möchte ich beinahe frohlocken und bin schon gleich wieder ganz zuversichtlich und vergnügt. Danke, danke, danke!

Den geborstenen Wassertanks in der Welt möchte ich zurufen: Seid Ihr noch ganz dicht?

Und überhaupt sende ich prophylaktisch schon mal ein paar Grüße rund um den Globus, den ich auf meinem Kurztrip zu bereisen gedenke.

Mit etwas Glück krieg ich sogar Propofol verabreicht und werde damit einen wunderbaren Rausch erleben! Falls ja, kriegt Alice bei Interesse einen kleinen Erfahrungsbericht dazu.

Montag Vormittag geht’s los. Ich wünsche meiner Leserschaft ein erholsames Wochenende, beware of the Gruselclowns und haltet Euch immer schön an der inneren Reling fest, dann kann Euch nichts passieren.

 

 

 

 

Bild: Alexandr Shepchenko, Француз is a Clown, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Microfight oder Ausgedachte Zipfel

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Über die Leipziger Straße brettert ein Krankenwagen und noch einer und gleich der nächste in Richtung Potsdamer Platz. Das Gellen ihrer Sirenen legt sich über das Tosen der dicht befahrenen achtspurigen Piste. Der Tag flimmert und gleißt auf den kochenheißen Autodächern.

Was ist passiert? Ist es passiert?

In der Hauptstadt erwartet man den ersten Anschlag, schon lange, doch nach den Attentaten und dem Amok in Bayern verdichtet sich die Sorge zu Angst.

Der Bruder hat sich einen ehemaligen Bahnhof gekauft, irgendwo in Brandenburg. Sollte ich es ihm gleich tun und die Flucht auf´s Land antreten, wo ich dann bei der Gartenarbeit auf den Rechen trete, mir der Stiel mit solcher Wucht gegen den Kopf knallt, dass ich rücklings auf das gusseiserne Tor stürze und von einer der schön gedrehten Spitzen durchbohrt werde. Vielleicht ist es auch ein Jäger,  bei der Treibjagd, der mich für eine Sau hält und mich mit Schrot durchsiebt. Kann passieren.

Wahrscheinlich käme es ganz anders, aber nicht minder qualvoll und ich stürbe den Tod der ewigen Langeweile, weil für mich, als Stadtkind durch und durch, das Land nur kurzzeitig Erholung bringt, langfristig aber den Untergang bedeutet.

Am sichersten ist man derzeit wahrscheinlich auf dem Kotti, scherzen der Eine und ich, als wir abends im Bett liegen. Wenn da einer mit einer Machete auftaucht ist er eine Minute später erstochen. Die haben da keine Lust auf solche Leute.

Wer hat schon Lust auf die, denke ich. Vielleicht muss man noch fertiger oder irrer sein, als jemand, der gewillt ist sein eigenes Lebenslicht auszuknipsen und dabei zusätzlich das Blut möglichst vieler Menschen vergießen möchte, um sich mit diesem Selbstmordfatzken auch noch anzulegen. Desperados unter sich.

Selbst Glauben schützt in diesen Tagen nicht mehr zuverlässig. Nicht mal einen 86jährigen Priester. Die Attenäter machen keine Unterschiede, sowenig wie die Bomber, die ihre Städte in Schutt und Asche legten.

Micromort heisst die Maßeinheit für Risiko und bezeichnet eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million zu sterben. Eine Mikrowahrscheinlichkeit (microprobability) ist eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt; ein Mikromort ist entsprechend die Mikrowahrscheinlichkeit des Todes.       (Wikipedia)

Die Wahrscheinlichkeit durch ein terroristisches Ereignis zu Tode zu kommen, ist in Europa in den letzten Monaten messbar gestiegen.

Was waren das für Zeiten, als man es im urbanen Leben mit ganz normalen Säufern und Schlägern zu tun hatte, die noch halbwegs an ihrem Leben hingen und deren Risikoeinheit der alkohol- oder betäubungsmittelinduzierte Microfight war.

Hier und da uferte eine Schlägerei untereinander mal aus, ein paar Nasen brachen, dreckige Flüche wurden ausgespuckt und am nächsten Tag stand man zugerichtet wie Bolle wieder gemeinsam auf dem Platz, rotzte ab und an auf den Boden und versuchte, soviel Rauschmittel wie möglich in seinen gemarterten Körper hinein zu bringen.

Früher war alles schöner.

 

 

 

 

 

Bild: diadà, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Zwischen zwei Leben

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Ich möchte nicht mehr, dass Du zu Deinem Vater ins Auto steigst
, sagt meine Mutter, als ich sie auf halber Treppe treffe. Sie hält einen voll beladenen Wäschekorb in den Händen, der Duft von Waschmittel steigt mir in die Nase, ich schaue sie an. Ihr Blick ist ernst, nichts verächtliches oder heimtückisches liegt darin, auch ihrer Stimme fehlt der übliche abschätzige oder drohende Anklang.  Sie meint es so, wie sie es sagt und sie meint es gut. Das ist das Beunruhigendste.

Wann genau das war, weiß ich nicht mehr. Es muss nach meinem Aufenthalt in der Uniklinik gewesen sein, ob Wochen oder Monate oder vielleicht sogar Jahre später – ich kann es nicht sagen. Die Erinnerung an diese Zeit liegt sorgsam verschlossen. Nur selten habe ich das Bedürfnis und den Mut an diesen Ort der Angst zurück zu kehren.

Das einzig konkrete Bild aus den Tagen in der Klinik, ist das eines verdorbenen Apfels, den ich in der Nacht gegessen habe und dessen zerfressenes Gehäuse ich am nächsten Morgen auf dem metallenen Nachttisch finde, braun und voller Wurmkot. Mich ekelt vor mir.
Auch an das fahlweisse Licht, das durch die Thermoglasfenster in das überheizte Krankenzimmer fällt, erinnere ich mich und an einen Brief des Pfarrers, der mich konfirmiert hat, an seine guten Wünsche für mich, an die Schmerzen in dem Gewebe unter der Operationsnarbe, die wie ein borstiger Tausenfüßler auf meiner Haut sitzt.
Das Gesicht meiner Bettnachbarin ist mir abhanden gekommen. Sie litt an Myasthenia gravis, das weiß ich noch, und ihr Name ist mir im Gedächtnis geblieben – Frau J. Ihre grauen Haare waren kurz, die Augenlider halbgeschlossen, oft hatte sie Mühe zu schlucken und manchmal fiel ihr auch das Sprechen schwer – das machte die Krankheit- dann stützte sie ihren Unterkiefer mit der Hand und ich konnte kaum verstehen was sie sagte. Alles andere habe ich vergessen.

Was nach der Klinik geschah, lässt sich nicht der Reihe nach erzählen.
Die Diagnose griff in unser aller Leben ein und änderte es von Grund auf. In meiner Erinnerung gibt es ein Vorher und ein Nachher. Zwei Leben, scharf voneinander getrennt. Es gab keinen Bereich, der verschont blieb und diese unbegreifliche Veränderung erfüllte mich mit großer Furcht. Eine Würgeschlange hatte sich um meinen Brustkorb gelegt.

Das ohnehin schon brüchige Gefüge meiner Familie war dem Druck nicht gewachsen. Wir verloren uns ganz und damit unser Zuhause und ich war Schuld daran.
Bis heute haben wir uns nicht erholt davon und manchmal denke ich, dass sie mir niemals werden verzeihen können, dass ich uns alle in den Abgrund gerissen habe.

Niemand sprach mit mir, keiner sagte mir was los war und was mit mir geschehen würde. Die größte Bedrohung lag in dem Schweigen, dem ich mehr Glauben schenkte als jedem Symptom und jedem aufmunternden Lächeln meines Vaters.

Auch meine Geschwister, die eine älter, der andere jünger als ich, hatten schwer zu tragen an diesem Geheimnis, dessen Auswirkungen sie nicht ermessen und schon gar nicht verstehen konnten. Sein Raunen klang schrecklich wie der Tod. Ein unausgesprochenes Abkommen, eine Vereinbarung hielt uns drei davon ab miteinander zu reden. Bloß nicht daran rühren, um es nicht noch schlimmer zu machen, es nicht aufzubrechen, wie eine Pestbeule. Man könnte daran zugrunde gehen. Wir hofften das Unglück zu bannen, indem wir ihm keinen Namen gaben. Unterdessen breitete es sich in meinem Inneren aus wie Teer.

Auf der Suche nach Kleingeld für Zigaretten stoße ich eines Tages im Arbeitszimmer meines Vaters auf ein medizinisches Fachbuch. Aufgeschlagen liegt es auf seinem Schreibtisch, zwei, drei Absätze sind rot angestrichen. Kathe steht daneben und jeweils ein großes Ausrufezeichen, gekritzelt mit nervöser Hand. Was ich lese übertrifft alle Befürchtungen. Die Zeit bleibt stehen.
Regungslos stehe ich da, das Blut rauscht in meinem Kopf und ich schaue aus dem Fenster auf das gegenüberliegende Haus. Aus irgendeinem Grund muss ich an Michelle denken, die schon vor langer Zeit von hier weg gezogen und mit ihrer Familie zurück nach Frankreich gegangen ist. Bald darauf wurde die kleine Villa, in der sie lebten, abgerissen und an ihrer Stelle ein Neubau mit Tiefgarage errichtet. Auch der alte Birnbaum, von dem mein Vater jeden Spätsommer die Früchte pflückte, ist verschwunden.
Michelle wird nie von meiner Krankheit erfahren. Auch nicht von meinem Tod. Ich drehe mich um und gehe hinauf in mein Zimmer. Dort setze ich mich unter den Tisch und weine. Die nächsten zehn Jahre höre ich nicht mehr auf damit.

 

 

 

 

Bild:  Michele M.F. Bronze runners from the Villa of the Papyri (Herculaneum)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Der Kukuck und der Esel

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Nach unserer Ankunft zuerst mal das Hotelzimmer umräumen.
Platz schaffen.

Mit müden Augen Lindenstraße schauen und halb abwesend staunen wer noch immer da mitspielt. Wie alt und dick selbst die ehemaligen Kinder geworden sind (Klausi Beimer).
Der Stoffwechsel.

Dann endlich ein Spaziergang mit Töle, immer am Fluss entlang.
Jeder zweite Baum trägt eine pinkfarbene Markierung.
Hinter der mittelalterlichen Stadtmauer das schallernde Frohsinnsgedudel der Frühjahrskirmes.

Zwischen 22 und 7 Uhr herrscht Nachtruhe in den Auen.

Auf dem Rückweg zum Hotel kommen wir an der Einrichtung vorbei, in der sie lebt. Ein zweistöckiger Flachbau, mitfinanziert durch die Fernsehlotterie.
Es ist noch hell, die Rolläden sind halb geschlossen.
Hinter welchem Fenster steht ihr Bett? Ist sie wach? Was denkt sie? Geht es ihr gut?
V.s Schweigen neben mir beruhigt mich.

Später, in dem hoteleigenen, rustikalen Lokal, esse ich Gnocchi mit mediterranem Gemüse. V. nimmt Gulasch mit Spätzle.
Der Mann am Nachbartisch versucht ein Gespräch über Hunde. Meine Zunge lahmt, er gibt schnell auf und tätschelt Töles Kopf.
Auf meine Bitte hin verkauft der Kellner uns ein Tetrapack H-Milch.

Müde fahren wir hoch in unser Zimmer.
Das grüne Licht im Fahrstuhl lässt mich aschgrau und alt aussehen.

In der Nacht erwache ich immer wieder von starken Rückenschmerzen.
Ich finde keine Position in der ich bequem liegen kann.
Der Hund spürt meine Nerven und leckt mir die Hand ab. Unterdessen arbeitet die Klimaanlage an der Erosion meiner Stimmbänder.

Morgens ein heiseres Telefonat: ich muss nicht da hin gehen. Ich kann jederzeit umkehren, wenn ich das möchte. Er ist bei mir. Ich hoffe, dass auch ich bei mir sein werde.

Wir kochen Espresso auf der kleinen Reiseplatte und schäumen die H-Milch auf.
Katzenwäsche, auschecken, die Taschen ins Auto werfen, den Hund in die Rabatten kacken lassen, eintüten und losgehen.
Die Sonne scheint, es ist warm, die Bäume blühen.

Die Senioren in dem kargen Garten beäugen uns mit schrägem Blick, wie kleine Vögelchen. Der Wasserlauf aus dem Baumarkt plätschert leise gegen das Rauschen der nahe gelegenen Hauptstraße an. Ein zahnloser Greis freut sich über den schnuppernden Hund. Ich lächle und grüße. Töle wedelt.

Vor der Haustür spüre ich mein Herz stolpern, mir ist schwindlig.
Zusammenreissen, atmen.

Sofort nach Betreten der Demenz-Station sehe ich sie.
Das Profil. Ihre Nase. Unverkennbar.
Sie ist es. Kein Zweifel.
24 Jahre nach meinem Rauswurf. Auf den Tag.
Meine Mutter.

In einem sperrigen Rollstuhl sitzt sie am Küchentisch, vor ihr eine Frauenzeitschrift. Verstohlen legt sie ein zusammengerolltes Stückchen Papier  zwischen zwei Seiten des Magazins und versucht anschließend, mit großer Sorgfalt, das verknitterte Heft wieder glatt zu streichen.
Ihre Hände (der Impuls über glatte Oberflächen zu streichen).

Wortlos setze ich mich neben sie und schaue sie an.
Was hat die Zeit aus ihr gemacht.

Möchten sie zu Frau X.? fragt mich eine freundliche Stimme. Ich schaue die Altenpflegerin an und nicke.
Frau X., da ist Besuch für Sie!
Sie sagt es ermunternd, doch meine Mutter blickt nur kurz auf und wendet sich dann wieder der Zeitschrift zu.
Im Hintergrund stimmen zwei Frauen mit brüchiger Stimme und spitzen Mündern „Der Kuckuck und der Esel“ an.

Ich schließe die Augen und weine.

 

 

 

Foto: https://www.flickr.com/photos/diepuppenstubensammlerin/8787662385/
CC-Lizenz: attribution, non commercial, Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Endlosschleife

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Ich erwache von den schweren Schritten der Rettungssanitäter im Flur. Eine stampfende Rinderherde. Soviel Kraft.
Dann die Stimme des Unterfranken. Obwohl sie laut sprechen, kann ich nicht verstehen was sie sagen.
Es ist dunkel im Schlafzimmer, die Holzrolläden sind herunter gelassen, nur das kleine rote Lämpchen neben der Türe brennt.
Die Männer kommen in den Raum und stellen ihre Taschen ab. Sogleich treten zwei von ihnen an mich heran, heben mich aus dem Bett und legen mich auf den Boden. Mit schnellem Griff schieben sie mein Hemd hoch, kleben mir Elektroden auf den Brustkorb und beginnen mit der Herzmassage. Ein splitterndes, berstendes Geräusch, als durchtrennte eine Heckenschere Knochen und Knorpel. Ich schreie vor Schmerz, da setzen sie mir eine Sauerstoffmaske auf Nase und Mund. Einer fixiert meinen Kopf zwischen seinen Knien. Ein weiterer hält meine Arme fest. Die Massage geht weiter. 100-120 Kompressionen pro Minute.

Another one bites the dust

Ich schließe die Augen, als sie mir einen Venenkatheter legen und Adrenalin injizieren. Mir wird heiß, mein Herz rast wie wild. Ich habe Angst. Jetzt kleben sie die beiden Paddles auf. Rechte Brust, linke Seite. Ein ansteigender, elektronischer Ton, das Gerät lädt. Im Hintergrund das rasendlaute Piepen meines Pulses auf dem Monitor.
Als der Ton verstummt unterbrechen sie die Herzmassage.
Achtung! Zurücktreten!
Ich versuche mich zu wehren. Nein, bitte nicht, mir geht es gut! Die Maske verschluckt meine Worte.
Du brauchst das, sonst stirbst du, höre ich den Unterfranken sagen, da durchblitzt es meinen Körper mit unvorstellbarer Wucht.
Weißes Licht scheint hinter meinen Lidern auf. Ein Schlag, brennender Schmerz. Mein Rumpf wird nach oben gerissen.
4000 Volt.
Ein lang gezogenes Piepen. Schwindel, alles wird schwarz, ich stürze nach hinten, ins Dunkle, kein Halt.

Stille. Wasser, Schilf, Sonne

Als ich erwache, sehe ich einen Mann, der sich über mich beugt und im Takt von Staying alive auf mein gebrochenes Sternum drückt.
Ich schaue in seine Augen und weine.

So geht das jeden Morgen, Tag für Tag.

 

 

(Bild: J.H. Füssli, Nachtmahr, Quelle: Wikipedia)

Weniger Ärger, mehr Wut

20140613_194008-1Ehe ich eine längere Reise antrete, räume ich oft tagelang auf, wasche, putze, bringe meinen Papierkram in Ordnung, lasse mir die Haare schneiden und hinterlasse meine Wohnung so, dass selbst meine Mutter, wenn sie denn überhaupt ein Interesse daran hätte, bzw. geistig noch dazu in der Lage wäre, sie betreten könnte, ohne schon am Eingang oder beim weiteren Vordringen in mein Privatestes einen Anfall zu bekommen.
So begleitet sie mich nach über zwanzigjähriger Abwesenheit noch als Wächterin der äußeren Ordnung meines Lebens. Immerhin.

(Mutter, Mutter, warum hast du mich verlassen?)

Ehe ich ins Krankenhaus gehe, mache ich es ähnlich.
Zusätzlich verfasse ich noch ein Testament, in dem ich regele, wer sich um Hund und Katz kümmern möge, was aus meiner großen Musiksammlung wird, und wer den Ginkgo, den mein Vater mir geschenkt hat, in Zukunft wässern soll.
Gerne würde ich ihn im Garten irgendwo in Franken, oder im Odenwald wissen.
Meine Tagebücher würden selbstverständlich alle ungelesen verbrannt, und das Blog als Nachlass könnte meinetwegen stehen bleiben. Nur kommentieren wäre dann halt nicht mehr.

No tikerscherk, no comments

Erinnert mich an einen meiner Lieblingsfilme.
The nine lives of Tomas Katz
Wieso mag ich jetzt nicht erklären. Zu anstrengend, und mit meiner Kraft ist es ja augenblicklich nicht besonders weit her. Wer den Film kennt, weiss es vielleicht. Wer nicht, sollte ihn sich unbedingt anschauen.
Die Antwort findet sich in den letzten Minuten.

No cameras, no legs, no Dave

Ansonsten scheine ich gerade staubige Erinnerungen nach oben zu holen, mir die Hosentaschen aus zu leeren und mein Leben in seine Sequenzen zu zerlegen, um es dann wieder zusammen zu setzen und festzustellen, dass es plötzlich klappert. Was mich wiederum an die weisen Worte des Unterfranken erinnert, der mir seit Jahr und Tag vorbetet, ein altes Motorrad werde in erster Linie zusammen gehalten durch Schmiere, Öl, Fett und Dreck.
Die Patina eines richtigen Maschinenlebens eben.
Ohne echten Anlass daran herum zu schrauben, einfach mal so anzufangen es zu warten oder zu reinigen sei dumm und fahrlässig und brächte nichts als Ärger und Verdruss, vulgo: nerviges Geklapper mit sich.

Never touch a working system

Zu spät, zu viel, zu schnell.
Es klappert und ich kann nur hoffen, dass sich bald wieder Schmiere, Staub und Vergessen in die Zwischenräume setzen und alles zu einem stabilen Ganzen verbacken werden.
Ich jedenfalls klappere inzwischen innerlich wie äußerlich. Sorge mich und grübele, gleichwohl die beste aller Schwestern vollkommen gelassen bleibt.
So ist sie eben. Die Gute.

Aber die Narkose, die habe ich doch schon beim letzten Mal nicht gut verkraftet.
Ob ich nicht doch besser nur Lokalanästhesie?
Ach was, wer nicht wagt.

Es gilt noch immer das Jahresmotto: aktives Zuwarten, das ich in der Hoffnung auf höhere Wirksamkeit gerne steigern möchte zu einem fulminanten aggressiven Zuwarten.
Denn wenn schon warten, dann wenigstens aggressiv, anstatt in einer nervigen und unangebrachten Zimpersusenpienzigkeit selbstmitleidig und dramatisch herum zu lamentieren und zu greinen.
Ojemine, ojemine
Wir kennen das.

Und wenn ich mich so in der Welt umschaue, und nach dem Friseurbesuch durch meinen Gentrifizierungskiez stiefele, dann wird das noch was mit der Wut.
Und zwar ruck zuck. Stante pede. Hoppi galoppi. Zack zack.
Arschgeigenetablissements spratzen weiter aus dem Boden wie Selbstschussanlagen.
Fusselnde Bärte, gähnende Tattoos, Vintagegedöns und triefende Dummheit allüberall.
Verdrängung, wo das Auge hinreicht.

Passend dazu das Graffito des klugen Sprayers am Erkelenzdamm:

Weniger Ärger, mehr Wut. Einfach mal was kaputtschlagen.

Inzwischen leider fast vollständig übersprüht.

So geht das.
Man wird sehen.
Es bleibt spannend.
Wir lesen uns.

Into the wild, oder Aktenzeichen xy im Grunewald

Bei Einbruch der Dunkelheit im Grunewald auf dem Rücken liegend. Den Sand in den Haaren spürend.
Den harten Boden unter den Schulterblättern.

Hasbergen Wald im Herbst, Germany

Die Räder sind weggerutscht. Weh getan habe ich mir nicht.
Als einziges Geräusch ist ein leises Knacken und Rascheln der fallenden Eicheln zu hören, wie sie bei ihrem vorbestimmten Sturz an querstehenden Ästen und Zweigen abprallen, über Blätter rollen, weiter in die Tiefe taumeln, schließlich mit einem dumpfen Ploppen in das feuchte Laubbett eintauchen und dort versinken.
Töle versucht die Quelle des Knackens auszumachen, spitzt die Ohren und springt suchend umher.
Ihr ganzer Körper ist in Habacht-Stellung, jeder Muskel erwartungsstarr.
Ich bleibe auf dem steil abfallenden, verwurzelten Weg liegen und suche im dunklen Grau nach dem allerletzten Tagesrest.
Wo ist bloß Westen?
Zum Teufelssee muss es noch ein Stück sein, aber wie genau ich dort hin komme, weiß ich nicht.
Das Handy zeigt mir als Standort noch immer Würzburg an. Meine aktuelle Position kennt es, trotz vollen Empfangs, nicht.
Dabei habe ich mir das Gerät genau für solche Situationen gekauft, als das mit den Herzrhythmusstörungen anfing.

Ganz offensichtlich haben wir uns verirrt.
Bei Dunkelheit sehe ich nicht gut, und im Moment habe ich überhaupt keine Orientierung mehr.
Ob es von hier weit ist bis zur Heerstraße?
Angst beschleicht mich. So, wie früher, als ich zwanzig war und nachts mit dem Auto in den Frankfurter Stadtwald fuhr, um dort auf einem Forstweg stehen zu bleiben, das Licht auszuschalten, und auf das Nahen des Mörders zu warten.
Meine ganz persönliche Aktenzeichen-xy-Geschichte erleben.
Rauchend saß ich hinter dem Lenkrad, das Fenster der Fahrerseite geöffnet, die Türen unverschlossen.
Über Rück-und Seitenspiegel behielt ich den Weg hinter mir im Auge, eine Hand immer am Zündschlüssel.

Auf einmal sticht den Hund der Hafer.
Er fängt an, wie ein Derwisch um mich herum zu rennen, und dabei zu knurren. Der aufgewirbelte Sand spritzt mir ins Gesicht und in die Augen.
-Hey! ermahne ich sie, bekomme prompt Schmutz in den Mund und rappele mich auf.
Wir müssen weiter.
Als ich gerade Sand und Kiefernnadeln aus meinem Haar schüttele, höre ich etwas:
nahende Schritte hinter der Kuppe, von der ich wenige Meter entfernt bin.
Kurz darauf tauchen zwei Läufer auf, die sehr schnell auf uns zu  kommen.
Kein Laut von Töle. Ich halte den Atem an.
Der Moment, in dem wir uns in die Augen schauen, wird der Entscheidende sein. So ist es doch immer. Danach weiß man bescheid.
Unsere Blicke treffen sich, ich versuche möglichst selbstbewusst zu wirken.
Dabei habe ich Angst.
Niemand weiß wo wir sind, es ist dunkel, ich bin mitten im Grunewald.
Sie könnten jetzt ganz ungestört über mich herfallen, Töle mit einem Tritt außer Gefecht setzen, und uns schließlich beide hier verscharren.
In einigen Monaten würde Rudi Cerne meinen Fall bei Aktenzeichen vorstellen und die Zuschauer um Mithilfe bitten.

Am Morgen des 13. November 2013, machten Spaziergänger im Berliner Grunewald einen grausigen Fund

Dann kommt eine Rückblende, die mich zeigt, wie ich mich am Telefon fröhlich von einem nahestehenden
Menschen verabschiede, und für den darauf folgenden Tag eine Verabredung treffe.
Das Ganze gespielt von monoton sprechenden und unbeholfen agierenden Laiendarstellern.

Jaha, ich freue mich auch sehr, wenn wir uns morgen sehen! Küsschen!“, flöte ich ins Telefon.

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Am nächsten Tag lief Tikerscherk ihren Mördern direkt in die Arme.
Eine Zeugin erinnert sich noch, sie bei Einbruch der Dunkelheit in Richtung Teufelssee abbiegen gesehen,
und sich gewundert zu haben, dass sie zu so fortgeschrittener Stunde den steilen und einsamen Pfad ins Waldesinnere nahm.
(Die kopfschüttelnde, mir schulterzuckend nachblickende Zeugin füllt jetzt den Bildschirm).

Die beiden Männer sind völlig verschwitzt. Beide tragen kurze Sporthosen und Trägerhemden.
Sie schauen mich an, scheinen für einen Moment unschlüssig zu sein, springen dann über die große Querwurzel, die mir zum Verhängnis wurde, und versuchen auf dem schmalen, steilen Pfad an mir vorbei zu rennen, ohne auf den zahlreichen Eicheln auszurutschen, die dort auf dem Boden liegen.
Als sie ein paar Meter von mir entfernt sind, fordere ich mein Schicksal noch einmal heraus.
-Entschuldigung
, rufe ich ihnen hinterher, ist es noch weit bis zur nächsten Straße?
Sie bleiben stehen und drehen sich um.
Nein. 200 Meter hinter der Kuppe, kommt ein breiter Weg. Den musst du nach rechts gehen, dann kommt  die Straße.
Nachdem ich mich bedankt habe,  laufen sie, mit einem kurzen Blick auf die Uhr, weiter.
Ich habe ihre Zeit versaut.
Tatsächlich sind wir wenige Minuten später endlich wieder auf einem breiten, ebenen Weg, der uns bald darauf zum S-Bahnhof Grunewald führt.
In der Bahn dann, schaue ich hinaus in die Dunkelheit, und fühle mich heimelig behütet.
Wie in einem, in flackerndes Licht getauchten, Kaminzimmer.
Ich sehe den Flammen zu, wie sie gierig die trockenen Holzscheite entlang, nach oben züngeln, um sie knisternd und zischend zu skelettieren und schließlich in lichtgraue Asche zu verwandeln.

Einbruch

Berlin Paul-Lincke-Ufer4

Das Poltern der Berliner Stadtreinigung rüttelt mich aus dem Tiefschlaf in ein angenehm oberflächliches Dösen.
Es ist noch dunkel. Sie sind besonders früh dran heute.
Töle knurrt, fängt an zu bellen, und dann höre ich es auch: jemand macht sich an meiner Wohnungstür zu schaffen!
Hey! rufe ich laut.
Der Hund bellt nun wie toll. Draußen schraubt einer einfach weiter an meinem Schloss herum.
Ich fasse es nicht.
Als ich den Flur erreiche und durch den Spion schaue ist niemand zu sehen. Das Licht im Treppenhaus brennt noch. Draußen rumpelt weiter die BSR.
Ich habe zwei Schlösser an meiner Türe, die zudem gegen Aushebeln geschützt ist, und da meint jemand tatsächlich, er könne morgens, wenn garantiert noch alle in den Federn liegen, hier einbrechen?
Erstaunlicherweise kann ich wieder einschlafen und träume sogar etwas Lustiges, so dass ich zwei Stunden später in guter Stimmung erwache.

Erst im Laufe des Tages, bei einem Gang durch den Tiergarten, dringt die Erinnerung  in mein Bewusstsein, und je mehr ich über diesen Zwischenfall nachdenke, umso mulmiger wird mir.
Wenn einer um diese Uhrzeit versucht in eine Wohnung einzudringen, dann muss er davon ausgehen, dass jemand Zuhause ist. Die Jalousien waren halb geschlossen, und die Stadt schlief noch.
Wie stellt derjenige sich denn die Begegnung mit der Bewohnerin einer Wohnung vor, in die er gerade eingebrochen ist, um sie leer zu räumen?
Oder wurde ein Zusammentreffen nicht nur billigend in Kauf genommen? Wollte da etwa jemand eine solche Begegnung, die ja angesichts des gewaltsamen Eindringens in die Wohnung nur eskalieren konnte?
Ging es gar nicht um Diebstahl?
Mir wird schlecht. Ich kämpfe mit mir. Soll ich jetzt alle Welt alarmieren?
An meiner Türe finden sich Kratzer. Viele.
Welche davon sind alt, welche neu? Das Treppenhaus ist ziemlich abgeranzt, vollgetaggt, siffig. Keine Ahnung, welche Macke von wann ist.

Was, wenn es jemand auf mich abgesehen hat?
Jetzt wird’s paranoid.
Wenn mich irgend ein Mensch hasst?
Wer denn bloß?
Und warum eigentlich?

Vor Jahren hat mich eine Frau am Paul-Lincke-Ufer regelrecht angefallen.
Sie war unglaublich wütend. Außer sich. Keifte mit verzerrtem Gesicht und ging auf mich los. Zwei Männer mussten die völlig Entgleiste von mir wegzerren.
Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Jedenfalls habe ich jetzt Angst, und das fühlt sich nicht gut  an.
Morgen hole ich mir Pfefferspray.
Die Wohnung bleibt abgeschlossen, auch wenn ich Zuhause bin.

Zum Glück ist Töle immer da.