Freiheit

 

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Über das Unglück zu berichten, bedeutet, mich satzweise in die Freiheit zu schreiben.

Mein innerer Archivar heftet die hervorgebrachte Erinnerung ab und ich kann endlich vergessen.
Ganz ungeplant ist mein Blog im Laufe der Jahre zu einem Ort der Aufarbeitung, der Bilanzierung und der anschließenden Verwahrung geworden. Das geschriebene Wort macht die dunklen Schatten, das Raunen, die Angst deutlich sichtbar, meißelt sie heraus und lässt sie zu Buchstaben gerinnen. Ein Bann.
Immer seltener kommen Erinnerungen noch wie Wassereinbrüche. Eine Welle auf weiter Flur. Zum Beispiel jene, die meine Schwester betreffen, die auf eine viel subtilere und ungreifbarere Art vergiftet wurde und der die Befreiung soviel schwerer fällt, auch weil sie glaubt ihr Leiden sei nicht erwähnens- und erst recht nicht betrauernswert im Vergleich zu meinem, dem viel brachialeren, offensichtlicheren und folgenreicheren.
Es ist viel Ratlosigkeit, als wir über die Mutter, aber auch den Kanzler reden, den freizusprechen ich mein Leben lang mich schon bemühe, damit wenigstens ein Guter in diesem Stück noch bliebe. Und Entsetzen bei mir, als sie mich an ihre gebrochene Nase erinnert und an das Luftgewehr. Wie konnte ich vergessen.

Meine Leserschaft mag dieser Geschichten überdrüssig sein. Gerade vor Weihnachten, wo doch alles schön sein soll. Doch schön ist es für mich erst dann, wenn die Dinge geordnet sind. Und im Zuge des großen inneren Aufräumens habe ich nun auch die allerletzte Schmuddelecke meiner Wohnung entrümpelt und gereinigt. Danach telefonierte ich mit der Schwester und anschließend musste ich mich mit plötzlichem Fieber und großer Übelkeit für 15 Stunden ins Bett legen, das ich nun für ein paar Stunden verlassen habe, um mich um mein Tölchen zu kümmern und ihr Futter für die nächsten Tage zu kochen.

Während ich den wenigen Haushaltspflichten nachging, kam die Kindergärtnerin  von nebenan und brachte mir ein Paket, das der Postbote bei ihr abgegeben hatte. Die Sendung kam aus Frankfurt und enthielt eine entzückende Karte und eine Dose voller Kekse. Der Übelkeit zum Trotze habe ich sie allesamt durchprobiert, für superköstlich befunden und nun ist meine Seele sehr zufrieden, die Zunge schmatzt noch nach, nur der Magen zwickt wieder. Der hat die Steine noch nicht fertig verdaut.

 

 

Irgendwann um die Jahrtausendwende stand ich in meiner Kreuzberger Küche, holte ein Jever aus dem Kühlschrank und dachte: ich bin frei zu tun was immer ich möchte. So frei, noch ein zweites Bier zu trinken und zwischen den Schlucken bei geöffnetem Fenster laut zu schreien.

 

 

 

 

 

Bilder: Frau – Broken Chopstick, DSC 00920, flickr , Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Kind – Fiore Silvestro Barbato, San Sosti (CS), 1975, Pellegrinaggio e festa per la Madonna del Pettoruto, flickr , Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/