Herrenjahre

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Nun lese ich (via Frau meertauhier und dort endlich, nach langem mal wieder etwas über die Wechseljahre (usually known as: älter werden), ein Thema, so unbeliebt und tabu, wie die Verdauungsturbulenzen nach Genuss von Sauerkrautsaft oder Brottrunk.

Wechseljahre, sind ja eigentlich nichts anderes als Pubertät rückwärts, wenn man es hormonell betrachtet, wobei das schrittweise Erblühen gesamtgesellschaftlich wohl eher als ein Upgrade verstanden wird, während die Wechseljahre, das farbenfrohe Verblühen, dir Stück für Stück die schillerndern Orden von der Brust reissen.

Über Leute, die sich selbst zitieren, muss ich zwar immer ein wenig lächeln, dennoch tue ich es jetzt auch:

Wechseljahre sind keine Herrenjahre,

beliebe ich nämlich immer dann zu sagen (und komme mir dabei sehr originell vor) wenn sich hier und dort die ersten Veränderungen am geschmeidigen Elfenleib zeigen, wenn ich auf einmal nachts nicht so gut schlafen kann, wenn die Stimmung scheinbar grundlos wackelt, oder wenn bei Karstadt an der Kasse plötzlich ein Heißluftfön meinen Kopf wegschmort und erst aufhört, nachdem ich sämtliche Einkäufe ins nächste Regal gestellt habe und flugs ins Untergeschoss zu den Gefriertruhen getürmt bin.
Das ist mir bisher zum Glück erst ein Mal passiert, vielleicht war´s auch bloß ein Infekt, ich lese aber, dass das noch mehr werden könnte. Und dann? Kühlpacks für unterwegs?

Was da sonst noch auf mich zukommt, kann ich schwer einschätzen, redet ja fast niemand drüber, aber das Ende der Ära des Frauenzubehörs scheint mir immerhin ein echter Gewinn zu werden.

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Übrigens: einer Frau über 40/ 50/ 60 zu sagen, dass sie für ihr Alter gut aussieht, ist wirklich ein ganz, ganz dummes „Kompliment“. Für was sollte sie denn sonst gut aussehen? Für ihr Geschlecht, ihr Sternzeichen oder für  ihre Einkommensklasse?

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Altern Männer irgendwie schöner?

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Dieser Zug endet hier.

Bild: diadà, flickr
Lizenz:  Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Antilope

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Als wir am Lokdepot vorbei, hinunter in den Flaschenhalspark gehen läuft neben uns eine hochgewachsene Frau. Sie mag Mitte vierzig sein, vielleicht auch etwas jünger, schwer zu sagen. Sie ist hager und ihre Wangenknochen treten aus dem blassen Gesicht hervor. Die dünnen Beine stecken in einer zu kurzen Jeans, die ihre kantigen Knöchel freigibt und ihre Hüften erinnern an das kastige Gestell indischer Kühe.
In der rechten Hand hält sie eine abgewetzte Alditüte und ich sehe, dass die Haut an ihren Fingern rissig und spröde ist.

Während ich versuche mich auf die Ausführungen des Unterfranken zu konzentrieren, betrachte ich die Frau aus den Augenwinkeln und fühle mich dabei unwillkürlich an die Äpfel erinnert, die wir früher den Winter über im Keller lagerten und deren Haut davon so weich und schrumpelig wurde, dass ich sie mit dem Daumen verschieben konnte.

Ich sehe also diese Frau an, sehe ihre eingefallenen Wangen, die müde Haut, die die Schädelknochen umspannt, sehe den Schmutzfilm auf ihrer Hose, den ausgefransten Saum, die nicht ganz frisch gewaschenen Haare, mattglänzend und fein wie Seide, ihr ausgesprochen schönes Profil mit den ebenmäßigen Zügen, die braunen und warmen Augen.

Sehe ihre Armut und ihre Einsamkeit.

Die Frau spürt meinen Blick, zieht die Schultern zurück und läuft noch ein wenig aufrechter als zuvor den langen schmalen Weg neben den Gleisen entlang.
Ich weiss nicht was mich reitet und weshalb ich sie weiter mit Blicken bedrängen muss, doch ich kann nicht anders. Sie nimmt mich derart gefangen mit dieser Mischung aus Schönheit und Unglück, dass ich sie immer wieder anschauen, sie mit meinen Augen betasten muss, wie etwas Seltenes, Kostbares, etwas, das man nur wenige Male im Leben zu sehen bekommt und sich deshalb genau einprägen möchte, ehe es verschwindet.
Ist es die Suche nach Ähnlichkeiten zwischen ihr und mir, die mich dazu treibt? Die Suche nach den Überbleibseln einer goldenen Zeit, einer Epoche des Überflusses und Begehrens, der sprudelnden Fülle?
Wen hat diese Frau in ihrem Schoß empfangen? Wieviele Männer und Frauen? Wer hat sie geliebt und wen davon liebte sie zurück? Welche Hoffnungen verknüpften ihre Eltern mit ihrer Geburt, welche sie selbst mit ihrem Leben, als Kind und auch später, als die Welt noch ihr gehörte? Wie wurde aus dem reissenden Strom der leise plätschernde Bach? Wohin ist all das Wasser geflossen, wohin spülte es ihre Träume, die unerfüllten, wie die erfüllten?

Wann fing das an, dass sie Stück für Stück den Boden unter den Füßen verlor? Was hat sie aus der Kurve getragen?
War es der Tod eines geliebten Menschen, eine Krankheit? Eine Trennung, der verlorene Job? Oder brauchte es gar nicht die großen Unglücke des Lebens und es reichten schon die kleinen Erschütterungen, die tägliche Erosion, der fortwährende Bruch, das Nagen der Zeit?

Krank sieht sie nicht aus, auch nicht besonders geschwächt. Eher gebeutelt, beansprucht von den Zumutungen des Seins. Von den Unwegsamkeiten, für deren Überwindung ihr inzwischen die Kraft fehlt.
Ihr Gesicht wirkt noch jung und lässt den Schwung erahnen, mit dem sie sich einmal durch das Leben bewegt hat, ihr Körper indes scheint bereits den Punkt ohne Wiederkehr überschritten zu haben.

Ich sehe sie, wie sie vor zehn Jahren, auf einer Tanzfläche bei einem Ball oder einer Hochzeitsfeier lachend umher gewirbelt wird, ihre Taille umfassen lässt und sich in den Arm des Anderen hineinlegt. Ich sehe sie lächelnd an einem Glas Champagner nippen und vieldeutig über dessen Rand hinweg blicken, herausfordernd, einladend und zugleich Distanz schaffend, wie jemand, der weiß, dass man ihn nicht einholen kann. Niemals. Eine Antilope unter Schafen.

Und heute sehe ich sie an den Gleisen entlang gehen und ich frage mich, was in der Zwischenzeit geschehen sein mag.
Hat sie die Zuversicht, es noch ein Mal zu schaffen? Zurück zu kehren in ihr altes Leben? Möchte sie das überhaupt und würde sie die Kraft dafür aufbringen? Gibt es einen Glauben, eine Hoffnung, die sie immer weiter tragen?
Was führt sie dort in dieser schlaff herunter hängenden Tüte spazieren? Ist es alles, was sie besitzt, was ihr geblieben ist, was es wert war aufzubewahren?
Hat sie überhaupt noch ein Zuhause? Lebt sie allein? Wie lebt sie?

Ich kann meinen Blick nicht von ihr wenden, obwohl ich spüre wie aufdringlich ich bin, wie meine ungehörige Distanzlosigkeit sie bedrängt, wie mein rücksichtsloses Interesse ihren Raum beschneidet, ja regelrecht durchstößt.  Am liebsten würde ich ihr sagen: Es ist ganz anders. ich finde dich schön, ich bewundere dich, nur deshalb muss ich dich immer weiter anschauen, doch mit eben diesen Worten würde ich erst recht eine Grenze überschreiten, die zu übertreten mir nicht zusteht und vermutlich würde ich sie damit eher verletzen als ihr zu schmeicheln oder gar sie zu trösten, denn diese Worte verrieten doch zugleich die Wahrnehmung ihres Verfalls, ihres langsamen Verblühens und das wohlwollende Lächeln des gnädig gestimmten Zuschauers würde sie sich nur noch einsamer fühlen lassen.
So bin ich erleichtert, als der Unterfranke, der die ganze Zeit munter weiter geplappert hat, mich aus meinen Gedanken reisst und vorschlägt eine kurze Pause zu machen, um noch einmal  in die tiefstehende Sonne zu blinzeln, die warm in unserem Rücken steht.
Ich stimme zu und wir setzen uns auf die nächste Bank, die neben den Gleisen steht. Die Frau aber läuft weiter Richtung Norden, geht ohne sich umzudrehen, und ich schaue ihr hinterher, wie sie mit aufrechtem Gang dem Weg folgt und die Tüte in ihrer Hand bei jedem ihrer Schritte sachte mitwippt.
Die Luft ist kühl, ich nehme einen tiefen Atemzug und wende meinen Blick den gelb und rot lodernden Baumwipfeln zu, die in goldenes Sonnenlicht getaucht sind.
Schon bald werden sie ihr letztes Laub abgeworfen haben und die kahlen Äste in den nebligen Himmel strecken.

 

 

 

Bild: „Springbok Antelope Sossusvlei Namib Desert Namibia Luca Galuzzi 2004“ von I, Luca Galuzzi. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Springbok_Antelope_Sossusvlei_Namib_Desert_Namibia_Luca_Galuzzi_2004.JPG#/media/File:Springbok_Antelope_Sossusvlei_Namib_Desert_Namibia_Luca_Galuzzi_2004.JPG

 

 

 

 

 

Zwillinge

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Zwillingstreffen in der Hauptstadt.
Gealterte Lottchen. Ihr schmerzlicher Doppelblick: hast du uns gesehen?
Karussellpferdchen.
Die Welt lächelt.

Gleich zwei Pärchen sind am Potsdamer Platz unterwegs.
Jenseits der Sechzig mit rübenroter Kurzhaarfrisur das eine,
über Fünfzig, hager, mit großporiger Haut, tiefen Nasolabialfalten und schwarzgefärbten Locken das andere.

Die Gleichgültigkeit, mit der die Zeit über alles hinweg geht, in zweifacher Ausführung.
Alte Kinder.
Noch einmal im Licht stehen.

Wenn eine von beiden sich operativ verjüngen und dabei ihren Zwilling zurück ließe. Ein paar Jahre der Teilhabe gewinnen. Das Antlitz der Vergangenheit annehmen um die Gegenwart zu überwinden. Zurückkehren.
Das Gesicht ihrer Schwester eine Erinnerung. An das was war und das was sein wird,
das Unentrinnbare.

 

Bild: By Krauss works picture (Collection F. Rauh) [Public domain], via Wikimedia Commons

Das Spätere als Früheres

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Der Mittvierziger denkt über über den Rückzug in ein Brandenburgisches Dorf nach, das einen Tiernamen trägt.
Dort möchte er in einem Haus mit diversen Nebengebäuden leben (Asbestplatten. Kann man wegmachen), die sich um einen Innenhof gruppieren.
In einem dieser Gelasse will er eine seltene Katzenrasse züchten.

Morgens, noch vor der Arbeit, wird er sich um den Wurf und die laktierende Mutterkatze kümmern, jedes Tier wiegen und die Katzentoiletten reinigen.
Abends, wenn er nach Hause zurück kehrt, wird er sie noch einmal säubern, die Katzen füttern, kraulen und nach dem Rechten sehen.

Anschließend lässt er eine Maschine Wäsche durchlaufen, kocht Nudeln, macht die Bolognese vom Vortag warm und raspelt sich Parmesan darüber. Während des Essen schaut er in den Rechner. Was so passiert ist in der Welt. Manchmal hat er noch Lust einen Film zu gucken oder ein wenig zu schreiben. Meist ist er zu müde dafür.

Am Wochenende macht er den Großeinkauf bei Kaufland, fährt wegen der Hanfschnur beim Baumarkt vorbei, putzt später das Haus, bezieht das Bett frisch und repariert den tropfenden Wasserhahn.
Wenn es warm genug ist dürfen die Kitten zum Spielen in den abgeschlossenen Innenhof.

Für soziale Kontakte bleibt keine Zeit. Davon gab es genug in Berlin.

 

Bild: Wikipedia, gemeinfrei

Warum ich niemals altere

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Ist es eigentlich ein Zeichen fortschreitender Verblödung im Sinne einer regressiven, gerontoirgendwas- bedingten Infantilisierung, wenn man als Bloggerin anfängt Witze zum Besten zu geben?
Und ist es vielleicht ein bisschen weniger peinlich, oder eher noch schlimmer, wenn man sich selbst in den Mittelpunkt der kleinen, pointierten Erzählungen stellt und sich damit sozusagen zur Witzfigur macht?

Ich mach´s einfach, ist ja mein Blog und (nota bene): in jeder Geschichte, steckt auch immer wahrer Kern, in diesem Falle eher eine ehrliche Haut.

Es ist ja mal so: tikerscherk feiert demnächst Geburtstag und da sie immer noch aussieht wie frisch geschlüpft, nimmt sie es mit der Jahreszahl nicht so genau. Merkt ja eh keiner. Das wissen auch die eingeladenen Freunde (dass sie es nicht merken) und so werden wir gemeinsam ein unbestimmtes Wiegenfest und die Wiedergeburt im vergangenen Oktober feiern, ohne dass über Zahlen gesprochen würde. So sind wir Frauen nunmal (fragt Pantoufle). Und weil ich noch immer derart geschmeidig und fabulös aussehe und sowieso eine Granate Schnitte bin, sind Menschen, die mich lange nicht gesehen haben, immer wieder überwältigt überrascht, wie verteufelt jung ich wirke und fragen mich nach eben diesem Geheimnis ewiger Jugend:

Wie kommt das eigentlich, dass Du gar nicht alterst? Die Jahre scheinen spurlos an Dir vorbei zu ziehen. Wie machst Du das bloß?

Tja, das ist ganz einfach, ich streite nicht.

Ach komm, erzähl mir doch nix! Das kann ja wohl nicht der einzige Grund sein warum Du so jung aussiehst!

Ok, dann nicht.

In diesem Sinne wünsche ich mir weitere wunderbare Jahre ohne Streit und Leid und Falten.
Nicht unerwähnt darf bleiben, dass ich diesen Geburtstag überhaupt nur werde feiern können, weil mir die Berliner Feuerwehr und insbesondere Feuerwehrmann L das Leben gerettet haben. L.weiß übrigens nicht nur aus dem Stand wann Elvis Geburtstag hat, er wird auch gemeinsam mit meiner Familie, den Freunden, dem Unterfranken und dem alleinzigen VmH diesen Tag mit mir begehen und das macht mich sehr, sehr froh. Ich bin nämlich nicht nur eine Katastrophenchronistin, sondern auch ein richtiges Glückskind!

(Bitte nicht gratulieren, dauert noch! Bin nur jetzt schon ganz aufgeregt vor lauter Vorfreude!)

Ach, und eins gilt immer: Remember the King!

 

 

(Bild: http://www.publicreview.org)