Abschied von der Mutter

Marilyn_Monroe,_The_Prince_and_the_Showgirl,_2

Später sitzen wir in ihrem Zimmer.
An der Wand hängt eine Fotocollage. Stationen ihres Lebens. Mit der Mutter, der Großmutter, ihren Geschwistern, dem Stiefvater. Und mit ihrem Mann. Meinem Vater. Der Hochzeitstag, auf einem Ball.
Immer schön, immer mondän, immer Diva.

Kein Bild von ihren Kindern. Nicht eines.
Es gab uns nicht in ihrem Leben, bis zum Schluss.
Eine Kinderlose. So wie ich.

Dieser Absturz in den letzten sieben Jahren. Von einer attraktiven Frau zu einer dementen Ruine in Pantoffeln (wenn sie das wüsste).
Ich sitze ihr gegenüber und schaue sie an. Ein bitterer, harter Zug spielt um ihren Mund.
Ich erinnere mich.

Ich frage sie, ob es ihr gut geht. –Nein.
Die Einrichtung ist wirklich schön. -Nein.
Dein helles Zimmer. -Nein
Das Essen? -Nein.
Deine Geschwister besuchen dich jeden Tag, das ist doch schön. -Nein
Du musstest immer so viel Nein sagen. Schweigen.

Weisst Du, dass Du Kinder hast. -Ja.
Weisst Du wer Betty ist? -Ja.
Benny? -Ja.
Kathe? -Ja.
Ich bin Kathe. Ich bin deine Tochter.

Schweigen. Sie sieht mich lange an. Ich kenne diesen Blick.

Ich bin gekommen um mich von dir zu verabschieden. Ich wollte dich noch einmal sehen, dann  lasse ich dich in Ruhe. Geht es dir gut?

Sie schaut und rollt die Zeitschrift zwischen ihren Händen zusammen. Ich denke an den Polizisten beim Kasperletheater, der dem Räuber mit dem Stock eins überbrät.

Ich wollte dir sagen, dass ich dir verziehen habe. Ich trage dir nichts nach. Es geht mir gut. Mein Leben ist schön, ich bin ein zufriedener Mensch.

Sie knirscht mit den Zähnen.
(Wer bin ich ihr verzeihen zu wollen.)
Vorsichtig greife ich nach ihrer knochigen Hand, die sie mir entwindet.
Daran ändert auch die Demenz nichts: sie verabscheut meine Spinnenfinger.
Beinahe muss ich lachen. (Ich will dir doch nichts)

Auf dem Nachttisch steht ein gerahmtes Schwarzweiss-Foto in einem breiten silbernen Rahmen. Sie, von der Seite aufgenommen, mit einem kleinen schwarzen Schleierhut, der ihr das Aussehen einer Witwe gibt. So schön und anmutig und inszeniert.

Eine Weile noch sitze ich bei ihr und schaue die Bücher im Regal hinter ihr an. Vornehmlich Bildbände. Mein Blick fällt auf eine Marilyn-Monroe-Biographie. Natürlich.
Dann sammle ich alle meine Kräfte und atme tief durch.
Es fällt mir schwer mich zu verabschieden. Nach all den Jahren.

Ich gehe jetzt, leb wohl, sage ich schließlich und lächle.
Sie dreht den Kopf zu mir hin und sieht mich mit klarem Blick an.
Alles Gute, sagt sie tonlos und schaut mir lange in die Augen.
Dann wendet sie sich ab und starrt wieder ins Nichts, in ihren Händen die zusammen gerollte Zeitschrift.
An der Zimmertür bleibe ich stehen und blicke noch einmal zurück. Im Halbprofil sehe ich ihre Nase. Meine Nase.
Sie hat mir nie verziehen, dass ich ihr so ähnlich sehe.
Sie hat dir nie verziehen, dass du krank wurdest, sagt mein Bruder später.

Vor dem Haus fotografiert eine Frau die Kirschblüten.
Die Sonne scheint, wir spazieren zum Ufer. Der Hund niest vor Freude und dreht seine Runden. Ein schöner Tag.

Ich lebe noch.

 

 

 

 

 

 

Foto: „Marilyn Monroe, The Prince and the Showgirl, 2” autorstwa Milton H. Greene – File:Marilyn Monroe, The Prince and the Showgirl, 1.jpg. Licencja Domena publiczna na podstawie Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marilyn_Monroe,_The_Prince_and_the_Showgirl,_2.jpg#/media/File:Marilyn_Monroe,_The_Prince_and_the_Showgirl,_2.jpg