zu zweit

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Ich möchte auch mal wieder jemanden haben, sagt die Freundin, als wir gemeinsam durch den Ringpark gehen, er vorneweg, große Stöcke für den Hund werfend, sie und ich im leichten Sommerkleid hinter ihm her schlendernd und das Muskelspiel seiner Waden und seiner Arme beobachtend, mein Körper getragen und beschwingt von den Tagen und den Nächten mit ihm. Das verstehe ich, sage ich.
Ich hab solche Sehnsucht nach einem anderen Körper, fährt sie fort, nach irgendeinem. Einfach mal nicht mehr alleine liegen nachts und mal wieder vögeln.
Auch das kann ich gut verstehen und ich nicke, wenngleich mein Begehren gezielter ist als ihres.

Nachdem wir eine ganze Weile spaziert sind, und ich im Vorbeigehen immer wieder die botanischen Besonderheiten des Parks bewundert habe, kommen wir an den Sommer-Volieren im Schatten der Hofgarten-Mauer vorbei, und während Mann und Hund auf dem Rasen weiter toben, bleibe ich vor einem der großen Käfige mit zwei Graupapageien darin stehen und betrachte sie in ihrem kargen Gefängnis. Ich weiss nicht warum, aber ich muss unwillkürlich an meinen verstorbenen Großvater denken, und ich sehe ihn vor mir, wie er in seinem Arbeitszimmer sitzt und eine Predigt vorbereitet, derweil wir Enkelkinder im Garten spielen und die Großmutter in der Küche mit einem Sparschäler Kartoffeln schält. Die Erinnerung stimmt mich traurig und so versuche ich, sie beiseite zu schieben.

Mein Sohn hat mich von der Balkonbrüstung geholt, neulich nachts, erzählt die Freundin auf einmal, so schlecht ging es mir.

Und so breit warst du, denke ich mir im Stillen dazu und ich merke, wie Widerwillen  in mir aufsteigt.

Der war ganz schön schockiert, fährt sie fort, und nimmt, mit zusammen gekniffenen Augen, einen tiefen Zug von ihrer Selbstgedrehten, auch wegen seines Vaters. Er weiss ja, dass der C. auf Heroin ist und da macht es ihm Angst, wenn ich die Kontrolle verliere. Wenn ich jemanden hätte, der bei mir ist und mich unterstützt, dann würde so eine Scheiße nicht passieren, sagt sie, und nach einer kurzen Pause, zum Glück ist der Klenne da und passt auf mich auf.

Während des Sprechens steigt ihr ununterbrochen eine schmale Rauchfahne aus Nase und Mund und ich staune über das Lungenvolumen der zierlichen Frau.

Mir fällt nicht ein, was ich sagen könnte, ohne mich in einer ausufernden Diskussion wieder zu finden, und so wende ich mich den beiden Graupapageien in ihrem Verlies zu.

Na, ihr Grauchen, sage ich, und sie schauen mich interessiert an.

Scheiße hier drin, oder? mischt sich die Freundin ein, aber immerhin seid ihr zu zweit.

Ob das wenigstens ein Männle und ein Weible ist?, fragt sie mich oder sich selbst.

Keine Ahnung, ich zucke mit den Schultern und merke, dass ich genervter klinge, als ich möchte.

Sie schaut mich prüfend von der Seite an und ich versuche ein unbefangenes Lächeln. An ihrem strengen Gesichtsausdruck sehe ich, dass es mir nicht besonders gut gelungen ist.

Lass uns in den Biergarten gehen, auf ein Getränk, schlage ich vor und drehe mich zu dem Mann um, der ein Stück entfernt auf einer Bank Platz genommen hat und raucht, den müden Hund zu seinen Füßen. Er lächelt.

Du hast es gut, sagt sie, und blickt zu ihm herüber, du bist nicht allein.

Ja, das stimmt, sage ich und winke ihm zu.

Zu dritt gehen wir hinüber in den Hofgarten und trinken schweigend ein Bier. Der Mann legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Noch am gleichen Abend fahren er und ich mit dem Wohnmobil weiter in den Odenwald.

 

 

 

 

 

 

Bild: Stefan Eising, Duett (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Sandy Ego

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Wir sitzen vor dem Hangar und schauen ins Feuer.
R. schichtet mit einem langen Stock die Holzscheite um. Mit der anderen Hand legt er die Flasche auf seine vorgeschobene Lippe, neigt sie ein wenig und lässt etwas Bier in seinen leicht geöffneten Mund laufen, gerade soviel, dass die Flüssigkeit ans Zäpfchen flutet und den Schluckreflex auslöst. Die Flammen tanzen in dem grünen Glas.

Früher waren alle Bierflaschen braun, denke ich, und die Weinflaschen waren noch kegelförmig. 

– Vergangene Woche soll eine Frau in der Nähe vom Hangar vergewaltigt worden sein, nachdem jemand ihr etwas in den Drink geschmissen hatte.

– Wer lässt auch sein Glas unbeaufsichtig rumstehen?

Krass finden es aber dann doch alle. Ich glätte meinen Wellengang indem ich an meine Großmutter denke. Das wirkt fast immer.

/

Ich sitze auf einem Betonpoller bei der Rettungstelle. Neben mir steht ein Aldiltüte voller Bierflaschen. Vor den Augen des Pförtners trinke ich mich Schluck für Schluck in den Vollrausch, heule zwischendurch und warte darauf, dass man mich herein bittet. Irgendwann sind alle Flaschen leer, meine Nase vom Rotz verklebt und die Alditüte liegt zu meinen Füßen.
Inzwischen ist es dunkel, aber immer noch sehr warm. Drinnen heimelt die Neonbeleuchtung professionellen Ernst. Emergency.
Als erstes muss ich die Ärmel hochkrempeln.
Ich bin kein Junkie!
Unter den Verbänden das Haus vom Nikolaus in allen Größen. Die Haut brennt.
Ich kann es immer noch nicht, höre ich mich lallen.
Meine Zunge ist schwer doch tief in meinem Ohr ist es hell und aufgeräumt, ein Raum aus weißem Wachs.
A
ber besser als vorher. Dann fange ich wieder an zu heulen.

– Wollten sie Selbstmord begehen?

Auf gar keinen Fall, sonst wär ich doch nicht hier. Deswegen bin ich ja hier. Kein Selbstmord. Seh ich so aus?

Niemand lacht oder lächelt auch nur.

Das Verhältnis vom Himmel zur Erde stimmt nicht. Es muss mehr Himmel als Erde sein, denke ich. Viel mehr Himmel, damit die Erde nicht so schwer ist. So, wie in New Mexico, wo der Himmel erdrückend und groß war.

Ich erinnere mich an den Mann, der im Schneidersitz am Strand von San Diego (Sandy Ego) saß und auf seiner uralten schwarzen Schreibmaschine heraumklapperte. Unter Einsatz seiner gebräunten Arme mit dem goldenen Flaum tippt er auf der Maschine herum und hinter ihm, auf der Promenade, gleiten die Inlineskaterinnen, mit ihren langen Beinen und den extrakurzen Shorts, vorbei und der Mann performt weiter mit seinem athletischen Kreuz und dem Gesicht zum Meer. Es reicht ihm, zu wissen, dass man ihn sieht. Er muss nicht sehen, wie er gesehen wird. Er spürt das und haut es in seine Maschine:
Sie schauen mich an. Ich spüre ihre Blicke im Rücken und aus dem Pazifik vor mir blicken tausend Augen auf mich. Nachts kommen die Haie und warten auf weiße Beine und Hüften und Brüste. Wenn sie zubeißen drehen sie ihre Augen nach hinten, ganz so als wollten sie das Sterben nicht sehen. Sie müssen es nicht sehen, es reicht ihnen, wenn sie es schmecken.

An einem Tag fahren wir rüber nach Tijuana. Das Auto müssen wir an der Grenze lassen, so steht es im Vertrag. Am Morgen schaue ich aus dem Panoramafenster im 7. Stock. Eine Boeing steigt auf in den rosablauen Himmel. Summend betrachte ich meine Schlüsselbeine im Spiegel.

 

 

 

 

Mein Beitrag zum txt-Projekt, das fünfzehnte Wort (Tanz)


Bild: https://www.flickr.com/photos/portalfab/21784284058/in/photostream/
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

 

 

 

same same

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Um zwei Uhr morgens sind wir immer noch in Trinklaune.
Als wir in der Schnabelbar ankommen, bestellt B. eine weitere Runde Bier und Sambuca. Wir zünden den Schnaps an, die bläulichen Flammen wabern träge auf der dicken Flüssigkeit umher und ich denke an Uriah Heep. Im Schein des Feuers leuchtet B.´s Gesicht und ich sehe den dunklen Ring um seine helle Iris. Der Geruch von Anis steigt mir in die Nase. Mit dem Bierdeckel löschen wir das klebrig-süße Zeug, stürzen es in einem Zug herunter und B. holt bereits Nachschub, während ich noch auf den Bohnen herumkaue und mit Bier spüle. Das nächste Glas leeren wir ebenso schnell und kurz darauf, beinahe schlagartig, entfaltet sich die Wirkung des Hochprozentigen und die ohnehin gelöste Stimmung kippt in überdrehte Heiterkeit. Wir sticheln und umarmen und fassen uns an und nachdem wir ein bisschen geknutscht haben, schüttet B. ganz plötzlich und in einer euphorischen Anwandlung einen kräftigen Schwall Bier in meinen Schoß, das auf dem glatten Material der dunkelroten Kunstlederhose eine Pfütze bildet, die sich schäumend in dem Dreieck zwischen Oberschenkeln und Schritt staut.
Während ich die Beine zusammen presse beugt B. sich nach vorne, schürzt die Lippen und taucht sie in den kleinen See.

Später ziehen wir weiter in den Privatclub.

 

 

 

 

 

 

 

 

Photo: „Beersheba IMG 3791“ von Eddau – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Beersheba_IMG_3791.JPG#mediaviewer/File:Beersheba_IMG_3791.JPG

Forever young, oder Vom Stolpern und vom Klopfen

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Nein, ich bin nicht krank, und mir fehlt auch nichts, nur jemand. Wenn es aber schon wieder so holpert und stolpert in meiner Brust, obwohl ich doch gerade erst diesen lästigen Nerv habe weg lasern lassen, dann werde ich trotzdem ein wenig nervös, um nicht zu sagen hysterisch.
Die Schwester anzurufen, würde nur wieder die gleiche und berechtigte Affirmation (Aktives, bzw. Aggressives Zuwarten) nach sich ziehen.

Türlich, türlich (sicher Digger)

Das Nachlesen in betroffenheitsspratzenden Internetforen indes treibt mich dem nächsten Apotheker in die Arme, der mir sogleich pflanzliche Wässerchen empfiehlt, statt mich zum Arzt, also zur Schwester zu schicken.
Nachdem Krankheiten und gesundheitliche Malaisen in letzter Zeit einigen Raum in diesem Blog einnahmen, ziehe ich in Erwägung es (vorübergehend) in Interims-Apothekenumschau umzubenennen und mir in vorauseilender Multimorbidität zum nächsten Geburtstag (remember the king) einen gut sortierten Fresskorb zu wünschen.
Bitte ohne Koffein, Nikotin, tierisches Eiweiß oder Alkohol, auch keine Kreuzberger Molle. Denn Jugend ist Rausch ohne Wein, wie schon mein Vater nicht müde wurde mir in meiner Adoleszenz hinterher zurufen, wenn ich des Nachts mit wild klopfendem Herzen aus dem Haus stolperte, um mein Leben zu feiern.

 

(Herz-gif Wikipedia)

Meine Schuld, meine große Schuld

Tabletten

Tabletten (Photo credit: Alina_Edinburgh)

Seit zwei Tagen schon befindet sie sich in diesem Zustand.
Auslöser war ein Wortwechsel mit meinem Bruder, in dessen Verlauf er sie für das, aus einer Laune heraus verhängte, Besuchsverbot eines Freundes kritisiert hatte.
Mit einem ironischen Mea culpa, mea maxima culpa hatte sie die Diskussion erstickt.
Bald darauf schlug ihre Stimmung um. Von offener Härte zu weinerlichem Selbstmitleid.

Erlkönig hat mir ein Leids getan

Seitdem hängt sie auf einer gefährlichen Mischung aus Alkohol, Valium und Schlaftabletten fest.
Mit schwarz geschminkten Augen, bekleidet mit einem transparenten Negligé, sitzt sie rauchend und trinkend vor dem Fernseher. Ihr Blick ist matt, die Mimik entgleist, ihre Bewegungen verlangsamt.
Keiner von uns wagt es mit ihr zu sprechen. Sie ist ein Pulverfass. Jedes Wort kann zur Eskalation führen.
Wir wissen, dass etwas geschehen wird, wir wissen, dass es schlimm sein wird, aber wir wissen nicht wann es sein und wen es treffen wird.

Vor einer Stunde ist sie endlich von der Couch aufgestanden und ins Bad gegangen, um sich für die Geburtstagsfeier einer Freundin fertig zu machen, die im Haus gegenüber wohnt.
Es ist der 1. Mai. Die Sonne scheint, draußen ist es sommerlich warm.
Sie hat ein knielanges, schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt aus dem Schrank geholt, dazu schwarz-weiße Pumps mit Bleistiftabsatz.
Mein Vater, Benny und ich werden gleich zu einem Familientreffen in die Pfalz aufbrechen.
Die beiden warten unten beim Auto auf mich.
Ich suche ein Haargummi und finde keines.
Unentschlossen stehe ich vor dem Bad. Ich habe nicht den Mut zu klopfen.
Was, wenn genau das das Fass zum Überlaufen bringt? Sie hasst es, wenn sie gestört wird.
Andererseits möchte ich nicht mit offenen Haaren los. Immerhin werden wir den ganzen Tag unterwegs sein.
Eine Weile stehe ich vor der angelehnten Tür, lege mir die Worte zurecht und probe innerlich den richtigen Tonfall.
Möglichst unbekümmert und selbstverständlich soll er klingen.
Einmal durchatmen.
Ich bin soweit.
Mama?“ sage ich und klopfe leise an.
Keine Antwort.
Mama, ich muss mal kurz reinkommen, bitte. Hab was vergessen, geht ganz schnell.“
Von drinnen höre ich ein leises Surren, sonst bleibt es still. Sie ist so stur.
Papa wartet unten, ich muss mich beeilen.“
Als sie noch immer nicht antwortet, drücke ich vorsichtig gegen die Türe und sehe ihre Schuhe, die ordentlich nebeneinander stehen.
Wie klein sie sind, denke ich und erfasse erst den Bruchteil einer Sekunde später die ganze Situation.
Meine Mutter liegt leblos in der Badewanne, ihr Frisierstab zuckt im Wasser, auf dem Boden liegen zahllose leere Tablettenblister.
Sie ist tot!
Ich renne aus dem Bad, aus der Wohnung die Treppe hinunter, durch den Hof zur Straße, wo das Auto steht.
Papa, komm schnell! Mama ist tot!“ rufe ich und sehe meinen Vater, wie er auf mich zu und an mir vorbei ins Haus läuft, mit riesigen Schritten die Treppe hinauf stürzt, mein Bruder und ich ihm dicht auf den Fersen.
Iris!“ ruft er und seine Stimme überschlägt sich vor Angst.
Drei Sekunden nach ihm betrete ich das Badezimmer und sehe, wie er mit ausgestrecktem Arm ins Wasser und nach dem vibrierenden Frisierstab greift.
Papa!“
Der Augenblick in dem ich das Wort Vollwaise denke, ist der gleiche in dem ich erleichtert aufatme, weil mein Vater seine Hand mit dem Gerät unbeschadet heraus zieht.
Dann legt er seine Finger an ihren Hals und tastet nach dem Puls.
Notarzt!“ ruft er und läuft in den Flur zum Telefon.
Ich bleibe mit Benny im Bad und schaue sie an. Sie ist wachsweiss im Gesicht, die Lippen farblos. Ihre dunklen Haare schwimmen wie Algen im Wasser. Die Augenbrauen wirken aufgemalt, die Wimperntusche ist bis weit unter die Augen verlaufen.
Sie trägt noch immer ihr Negligé. Ihre großen Brüste liegen darunter wie zwei plattgedrückte Krapfen, in der Mitte die dunklen Brustwarzen.
Wieder fällt mein Blick auf ihre kleinen Schuhe. Das schwarz-weisse Design erinnert mich an ein Bajazzo-Kostüm.
Draußen im Flur die Stimme meines Vaters.
Ja, hier X. Genau. Ja. Bitte schicken Sie einen Rettungswagen. Selbstmordversuch. Meine Frau. Ja. Danke.“
Kurz darauf höre ich das Martinshorn. Mein Vater läuft den Sanitätern entgegen.
Nachdem sie Atmung und Puls überprüft haben, sammeln die Helfer sämtliche Blister ein und bringen meine Mutter auf einer Trage nach draußen.
Ich bleibe im Haus.
Von oben sehe ich, wie sie sie in den Wagen schaffen und die Türen hinter ihr schließen.
Sie haben sie nicht einmal zugedeckt.
Dann fahren sie mit Blaulicht davon.
Im Garten gegenüber stehen die Partygäste am gusseisernen Zaun. Einer schaut zu mir herauf.
Ich trete vom Fenster zurück.
Ich kann nicht weinen.
Der Abschiedsbrief, den ich wenig später finde, gibt mir den Rest.Enhanced by Zemanta

In einem Zug

English: High quality photograph of Lucky Stri...

English: High quality photograph of Lucky Strike Red Original box for the UK and A Cigarette (Photo credit: Wikipedia)

Es ist sechs Uhr Abends, der Horizont färbt sich pastellgelb ein. Der Erdkugel-stemmende Atlas auf dem Eingangsportal des Bahnhofes blickt in den tiefblauen Spätsommerhimmel. Ende September. Wir stehen vor dem Frankfurter Hauptbahnhof und ich zünde eine Lucky Strike an, die ich mit schnellen Zügen heiß rauche. Als ich fertig bin, zünde ich sogleich eine Zweite an, die ich ebenso gierig und hastig herunter qualme. Vor mir liegen ein paar rauchfreie Stunden. Gleich geht der Sprinter von Gleis 8 nach Berlin. Wir haben kaum Gepäck dabei, so dass der Weg dorthin in drei Minuten zu schaffen ist. Die Freundin drängelt. Sie wird langsam nervös.
Um 10 nach sechs betreten wir die Haupthalle. Noch exakt drei Minuten bis zur Abfahrt.
Wir sehen den weißen Zug auf dem Gleis stehen und müssen rennen um ihn noch zu erreichen. Immer das Gleiche.
Geschafft!
Die Platzreservierung war weitsichtig, der Zug ist ausgebucht.
Kaum sitzen wir auf unseren Plätzen, werde ich nervös. Dreieinhalb Stunden Fahrt ohne Unterbrechung liegen vor uns. In der Eile konnten wir nichts mehr zu lesen besorgen und als Lektüre liegt nur das Deutsche-Bahn-Magazin Unterwegs aus. Stinklangweilige Eigenwerbung. Sobald der Zug los gefahren ist, werde ich im Bistro-Wagen eine Zeitung kaufen. Ich schaue auf mein Handy. Es ist jetzt zwanzig nach 6. Eine Verspätung des Sprinters am Startbahnhof ist ungewöhnlich. Als ich mich gerade frage, was los ist, spricht der Zugführer aus den Bordlautsprechern und entschuldigt sich für den Missstand. Ein Teil des Zugpersonals sei noch mit einem anderen Zug unterwegs und die Reise könne beginnen, sobald diese hier in Frankfurt angekommen seien.
Prima, denke ich, dann kann ich ja noch einmal raus gehen und eine Zigarette rauchen.
Ich mache mich auf den Weg zum Abteil des Zugführers, um ihn zu fragen, wann denn mit der Ankunft seiner Leute zu rechnen sei. Er bleibt vage, rät mir aber dringend ab noch einmal auszusteigen, um am Ende des Gleises, innerhalb der Markierung zu rauchen. Es ginge wirklich jeden Moment los,und die Fahrgäste sollten bitte auf ihren Plätzen bleiben, um eine weitere Verspätung zu vermeiden. Sein Ton ist bestimmt.
Ich habe ja gerade erst geraucht, versuche ich mich zu beruhigen und bewege mich wieder zurück zu meinem Platz, wo ich in der Unterwegs herumblättere.
Doch plötzlich, fast schlagartig, springt mich eine ungeheure Unruhe an, die mich selbst überrascht. Wir sind noch nicht einmal gestartet und ich bin schon hypernervös. Mein rechter Fuß zuckt und wackelt und ich spüre eine enorme innere Anspannung. Eine Mischung aus Wut und Verzweiflung, wie ich sie von meiner letzten Rauchentwöhnung kenne, als ich Nachts im Bett die Füße zwischen die Knöpfe der Damastbettwäsche steckte und so anspannte, dass das alte Tuch zerriss. Ich würde jetzt am Liebsten das Bahn-Heftchen in der Mitte durchreissen, anschließend sämtliche Koffer und Taschen aus den Gepäckablagen zerren, in den Mittelgang pfeffern, und die Samsonites der edel gewandeten Reisenden, auf den Boden krachen lassen.
Meine Freundin merkt an der Art, wie ich die Seiten umblättere, dass ich geladen bin. Und ich merke an der Art, wie sie unbeteiligt weg schaut, dass sie auf Deeskalation setzt.
Also sage ich es ihr: „Ich bin total geladen. Wenn der Zug nicht bald losfährt, steige ich aus und rauche noch eine.“
„Aber du hattest doch gerade zwei.“

„Gerade? Das ist fast eine halbe Stunde her und ich muss ja jetzt noch stundenlang ohne auskommen und wenn das hier nicht bald los geht noch länger.“
„Hast du keine Nikotinpflaster dabei?“

„Doch, aber ich kann doch nicht jetzt schon…du hast Recht.“ Ich krame in meiner Tasche herum und hole zwei Pflaster heraus.
„Gleich zwei?“
„Logisch. Viel hilft viel, weisst ja.“
Ich klebe mir beide Pflaster auf den Bauch und lehne mich zurück. Der Zug steht immer noch. Ich bin kurz davor durch zu drehen. Nach meiner Erfahrung dauert es mindestens eine dreiviertel Stunde bis das Zeug wirkt und selbst dann ist es nicht einfach. Ich nehme die Speisekarte vom Haken und schaue auf das Angebot an Weinen. Da der Zug noch immer nicht rollt, ist auch das Servicepersonal nicht unterwegs. Vielleicht sind sie noch nicht einmal an Bord. Aus dem Bistrowagen besorge ich mir eine kleine Flasche Rotwein. Ein Viertel, wie der Süddeutsche sagt.
Kaum habe ich das erste Gläschen eingeschenkt, geht es los. Ja!
Der ICE rollt aus dem schönen Bahnhofsgebäude heraus und ich genieße den Blick auf den Main und die sich entfernende Skyline. Mit einem Schluck leere ich das Glas, um eine schnelle Wirkung zu erzielen. Der Alkohol steigt mir fast augenblicklich in den Kopf, ich habe nicht viel gegessen. Außerdem verstärkt er, was ich mir hätte denken können, das Suchtgefühl. Ich halte es nicht mehr aus. Als ich meine Zigaretten raushole, wird die Freundin unruhig.
„Was hast du vor?“
„Ich zünde mir jetzt eine an.“
„Das kannst du nicht machen!“
„Doch, kann ich schon.“
„Bitte nicht!“
Ich bin in der Bredouille. Wäre ich alleine, würde ich mir jetzt auf jeden Fall eine anstecken, aber ich will K. nicht in Verlegenheit bringen und sehe ein, dass der voraus zu sehende Ärger auch sie betreffen würde.
„Dann gehe ich halt auf´s Klo und rauche dort.“
„Die haben überall Rauchmelder.“
„Na und, dann hält der Zug wenigstens an und ich komme hier raus. War eh eine blöde Idee den Sprinter zu nehmen, der nie stoppt. Ich halte das nicht aus.“
„Aber das Toilettenabteil ist doch auch der Wickelraum und es sind Babies im Zug!“
K. hat immer die besseren Argumente. Ich gebe auf.
Die Mitreisenden tun so, als wäre alles in Ordnung und geben vor weiter ihr Handelsblatt, die FAS oder die BAMS zu lesen, während ich schlechte Stimmung verbreite. Ich mache die Flasche leer. Der Rioja schmeckt ganz passabel, so dass ich mir gleich einen Zweiten hole. Inzwischen wirken die Pflaster, eine leichte Übelkeit und Herzrasen stellen sich ein. Endlich.
Auch die zweite Flasche habe ich innerhalb kurzer Zeit geleert, während K. neben mir nüchtern bleibt, und komme nun in eine merkwürdig hysterisch- euphorische Stimmung. Fast so, als würde das Schiff sinken und ich noch ganz allein einen ausgelassenen Donauwalzer auf´s Parkett legen, während ich, mich selbst umarmend, dem Untergang entgegen tanze.
Ich gerate in extreme Quassellaune und plappere ohne Punkt und Komma. Der Alkohol hat nicht nur eine zungenlösende, sondern auch eine beflügelnde Wirkung. Mein Kopf funktioniert so gut, wie selten. Ich erinnere mich an Bücher, Gedichte, Filme, Zitate, Werbung, Begebenheiten, Erlebnisse, springe von einem Thema zum nächsten, bin eine fulminante Unterhalterin und bestelle mir beim Kellner noch eine dritte Flasche Wein.
Jetzt geht es mir besser. Die Hände sind schweißnass, mein Herz puckert, die Gesichtshaut spannt von den Pflastern, aber die Verzweiflung ist trunkener Euphorie gewichen, die Wut dem Schalk.
K. hat sich eben ein Bier bestellt, das sie sehr schnell trinkt. Vielleicht möchte sie sich meinem Level ein wenig annähern, denn ich bin inzwischen schon ziemlich angetrunken. Während ich noch bei der dritten Flasche bin, trinkt sie ihr zweites Bier, und wir beide plaudern und lachen nun, als würden wir zusammen auf einem Hochbett sitzen und uns über Jungs und die Bravo unterhalten. Die Stimmung ist gut, wenn nur diese Übelkeit und die leichten Schweißausbrüche nicht wären. Die Pflaster sind überdosiert.
Gegen die aufkommende Mundtrockenheit nehme ich noch einen Schluck. Mir ist jetzt richtig schlecht. Egal. Besser noch einen Wein holen und die Übelkeit herunter spülen. Gesagt, getan.
K. fängt an sich Sorgen zu machen.
„Meinst du nicht, du solltest langsam aufhören zu trinken?“
„Auf gar keinen Fall“, entgegne ich fröhlich, „mir ist eh schon schlecht von den Pflastern.“
„Dann mach sie ab!“
„Wir sind noch eine Stunde unterwegs. Wenn ich sie jetzt abmache, wird der Jieper so groß, dass ich die Notbremse ziehen muss.“
Der Mann am Nebentisch unterbricht seine Lektüre und schaut zu mir herüber. Mit seinen Blicken misst er die Wahrscheinlichkeit, ob ich meine Worte in die Tat umsetzen könnte und wendet sich beruhigt wieder seiner BAMS zu.
Ich sehe nicht so aus. Er traut es mir nicht zu! Da kennt er mich aber schlecht. Der Zorn des Entzugs brodelt wieder in mir hoch und meine Stimmung droht zu kippen. Am liebsten würde ich dem gelackten Idioten jetzt eine scheuern und dann in den Speisewagen gehen um dort etwas Feines zu essen, bis der Zug am nächsten Bahnhof hält und ich der Polizei übergeben werde. Zufällig kommt der Kellner vorbei und ich bestelle mir noch eine Wein und dazu eine Snack.
„Das ist die vierte Flasche“, sagt K.
„Ja, ich weiß. Und es ist die letzte für heute.“
„Ein Liter!“
„Auf einem Bein kann man nicht stehen.“
Plötzlich schäme ich mich. Ich sitze betrunken im ICE von Frankfurt nach Berlin, durch meine Adern fließen Alkohol und Nikotin und ich benehme mich wie eine offene Hose und nicht wie eine erwachsene Frau mit Hochschulabschluss. Doch gleich raunt mir wieder der kleine Teufel ins Ohr. Scheissegal! Was geht dich das an, wenn die dressierten Affen hier sitzen und so tun als bestünde die Welt aus Zahlen. Sie besteht nun mal aus Fleisch und Lust. Und Wein!

Sehr geehrte Damen und Herren, in voraussichtlich zwanzig Minuten erreichen wir Berlin Hauptbahnhof. Unser Zug hat 6 Minuten Verspätung. Alle Anschlusszüge ab Hauptbahnhof werden erreicht.

Der Zugfahrer ist ein Gott! Er hat die Verspätung wieder eingefahren. Ich möchte nach vorne stürzen und ihn küssen. Stattdessen bleibe ich wo ich bin, ziehe mir die Nikotinpflaster vom Bauch und trinke den letzten Schluck Wein. Ich bin inzwischen sehr betrunken und erschöpft.
Am Hauptbahnhof verlassen alle Fahrgäste außer uns den Wagen.
K. ist plötzlich ähnlich aufgedreht wie ich es eben noch war. Sie ist hippelig, hat einen großen Bewegungsdrang und fragt mich, was sie jetzt tun soll.
„Was meinst du damit?“
„Ich will sporteln. Sag mir was ich machen soll!“
Das Bier zeigt seine Wirkung. Wir haben beide einen sitzen.
„Versuch mal einen Klimmzug an der Gepäckablage.“
Nichts leichter als das.
„Das war leicht. Und jetzt?“
„Jetzt mach Hürdenlauf über die Sitzreihen.“
„Und wenn jemand kommt?“
„Wer soll denn kommen?“
K. zieht ihren Rock hoch und klettert unter vollem Körpereinsatz, über die hohe Rückenlehne auf den nächsten Sitz und so immer weiter bis zum Ende des Großraumabteils.
„Und jetzt?“ ruft sie von hinten. Sie lacht, ihre Wangen sind gerötet. Das Spiel fängt an mir Spaß zu machen. Ich bin ihr Coach,und sie die ambitionierte Sportlerin.
„Und jetzt musst du unter den Sitzen durchrobben, bis hier vorne zu mir,“ kommandiere ich und fühle mich wie Katharina Witts gestrenge Trainerin. Die gute K.! Sie ist wirklich die Beste!
K. ziert sich. „Das ist doch total dreckig da unten und außerdem passe ich da nicht durch“, ruft sie quer durch den Wagen.
„Quatsch, ist sauber. Sind doch im ICE. Außerdem sind wir gleich Zuhause, sieht dich heute niemand mehr. Und natürlich passt du da durch! Komm schon Bitte!“
So angespornt verschwindet  K. hinter der Rückenlehne eines Sitzes. Ich höre, wie sie sich unter großer Anstrengung nähert. Ein Soldat auf dem Übungsplatz. Nach einer langen Weile kommt sie zerzaust und voller Schmutz unter dem Sitz mir gegenüber hervor gekrochen. Ich japse inzwischen tonlos nach Luft vor Lachen.

Sehr verehrte Fahrgäste, wir erreichen in Kürze Berlin Ostbahnhof. Der Zug endet hier.

Geschafft! Nur wenige Minuten trennen mich noch von einer Lucky. Wir verlassen den Zug, jede auf ihre Art derangiert. Vor dem Bahnhof zünden wir uns eine Zigarette an. Ich fühle mich plötzlich dreckig und bin erschöpft und leer. Ein Junkie bin ich. Ein süchtiges, armes Schwein. Scham überkommt mich, und den Heimweg verbringen wir schweigend. Der Rausch ist schlagartig vorbei. Ich habe Kopfschmerzen.

Das war vor 5 einhalb Jahren. Seitdem rauche ich nicht mehr.

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Auftakt und Abgesang

Green butterfly - canon t2i

Green butterfly – canon t2i (Photo credit: @Doug88888)

Ales Auszug aus der Wohnung verlief unspektakulär. Ihr Vater half ihr beim Verladen der wenigen Kisten, und brachte den Einkaufswagen, den sie als Kleiderschrank benutzt hatte, zurück zu Kaiser´s. Er war sehr freundlich, und ich hatte den Eindruck, dass er keinen Schimmer hatte, was zwischen uns vorgefallen war. Wahrscheinlich war er einfach froh, dass sie wieder zurück zu ihm zog, und die Gründe dafür interessierten ihn nicht.
Der Abschied zwischen ihr und mir hingegen war kühl, und als sie weg war, ging ich in ihr Zimmer, öffnete die Fenster und rauchte eine Zigarette. Obwohl ich es später würde weg fegen müssen, schnickte ich die Asche auf den Boden, und trat die Kippe anschließend auf dem löchrigen PVC aus. Ein gutes Gefühl.
Dann schnappte ich mir die Bierkisten, die seit der letzten großen Party in der Küche herum standen, und trug sie in den leeren Raum, wo ich jeweils zwei übereinander stapelte, um sie als Sitze zu nutzen. Anstelle eines Kissens legte ich ein paar Klamotten auf. So würde es gehen. Was fehlte, war ein Tisch. Für den Anfang mussten die Fensterbank und meine Knie als Unterlage reichen. Später würde ich mir noch einen alten Campingtisch besorgen.
Bald nach Ales Auszug traf ich sie auf einer Grillparty bei Nora wieder, auf die ich mit Jerry gegangen war. Wir grüßten uns knapp, gingen uns ansonsten in dem weitläufigen Haus und Garten aus dem Weg, und irgendwann war sie verschwunden.
Gut so. Niemand fragte mich, was zwischen uns geschehen war. Ich nehme an, sie waren alle bereits mit Ales Wahrheit versorgt.
Jerry fing früh an zu trinken, zischte ein Bier nach dem anderen, und war schon nach zwei Stunden blau.
Er legte sich unter einen der alten Apfelbäume, und beobachtete mit halb-geschlossenen Augen und zufriedenem Grinsen das Treiben um ihn herum. Ich setzte mich neben ihn und nippte am schlechten Krombacher.
Als es dunkel wurde, tauchte Carlos auf. Von Weitem winkte er mir zu, und ich senkte den Blick.
Nachdem er jeden begrüßt hatte, rollte er den mitgebrachten Schlafsack auf, schlüpfte hinein und hüpfte damit durch den ganzen Garten, über den unebenen, leicht abschüssigen Boden, zu Jerry und mir herüber. Alle lachten.
Als er japsend und betont ungeschickt hoppelnd, bei uns ankam, ließ er sich umfallen und landete in der schmalen Lücke zwischen Jerry und mir. Sein Kopf auf meinen Oberschenkeln.
Natürlich entschuldigte er sich übertrieben, tat aber so, als könne er sich in seinem Schlafsack kaum bewegen. Ich schaute zu Jerry, der immer noch das breite Grinsen im Gesicht trug, und ließ Carlos liegen, wo er war.
Wir quatschten, und lachten, wie schon bei den ersten beiden Begegnungen, aber gleichzeitig fühlte ich mich, als würde ich meinen Freund vor dessen Augen betrügen.

Transparent Butterfly

Transparent Butterfly (Photo credit: thefost)

Nach einer ganzen Weile stand Jerry auf, nuschelte irgend etwas, und ging mit dem langsamen Schritt des Betrunkenen, der vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzt, ins Haus. Carlos und ich unterhielten uns weiter, aber ich war nicht mehr richtig bei der Sache, weil ich mir Sorgen machte, dass Jerry gekränkt sein könnte. Ich fuhr ihm kurz mit den Fingern durch die Haare, und sagte dann, ich müsse jetzt reingehen und nach Jerry schauen. Er setzte sich auf, und lächelte meinen Mund an während ich sprach.
Drin fand ich Jerry im Wohnzimmer. Er lag auf dem großen Ledersofa und schlief. Gleich zwei leere Bierflaschen standen neben ihm auf dem Boden. Die mussten ihm den Rest gegeben haben.
Ich quetschte mich zu ihm auf die Couch und legte seinen schweren Arm auf meiner Hüfte. Die große Hand hing schlaff herunter, und er schnarchte leise weiter. Aus dem Garten hörte ich ab und zu fröhliches Gelächter, sonst war es erstaunlich ruhig in dem großen Haus.
Als ich erwache, ist es schon hell, und irgend etwas stimmt nicht. Gar nicht. Was ist das? Mein Rücken ist nass, meine Hose… Ich greife nach hinten- nein! Mit einer schnellen Drehung winde ich mich aus Jerrys Arm, und sehe die Katastrophe.
„Jerry, wach auf!“
Er grunzt.
„Jerry, scheiße, du hast alles voll gepinkelt!“
Anstatt aufzustehen macht er sich im Halbschlaf an seinem Reißverschluss zu schaffen.
„Hör auf!“, flüstere ich, und packe ihn an der Schulter. Bloß nicht zu laut sprechen, wer weiß, wer sich außer uns noch in der unteren Etage aufhält. Jerry öffnet ein Auge und grinst mich zufrieden an. Es ist nicht das erste Mal, dass mich dieser Gesichtsausdruck, den er immer dann zeigt, wenn er gesoffen hat oder müde ist, stört. Dieses Mal macht er mich aggressiv.
„Steh auf, du bist total nass, und ich auch! Und das Sofa auch!“
Das Sofa! Ich muss irgend etwas unternehmen. Sofort mache ich mich auf die Suche nach ein paar Lappen zum Aufwischen.
In der Küche finde ich 2 Rollen Küchenpapier, und im Bad schnappe ich mir einen Stapel Gästehandtücher. Damit, und mit einem Sprühdeo, Credo, kehre ich zurück ins Wohnzimmer, wo Jerry immer noch auf dem Sofa liegt.
Unfassbar! Wieso wird der Kerl nicht mal wach, wenn er in seiner eigenen Seiche liegt? So viel hat er doch gestern gar nicht getrunken.
Mir wird langsam kühl am Rücken, und ich darf gar nicht daran denken, was da nass und kalt an meiner Haut klebt und juckt. Ganz nah gehe ich jetzt mit dem Mund an Jerrys Ohr und mache ein lautes Schmatzgeräusch, als wolle ich ihn küssen.
Er schreckt auf. Jetzt ist er wach.
„Was´n los? Lass das! Hab´ so schön geschlafen.“
„Schön geschlafen! Jerry, du hast dich voll gepinkelt, und mich und das Sofa auch. Hilf mir sauber machen, und dann will ich hier weg.“
Jerry setzt sich auf und schaut mich ratlos an. Ich sehe, dass unter ihm alles nass ist. Das Ledersofa scheint aber imprägniert zu sein, denn der Urin sammelt sich auf der Oberfläche.
„Steh endlich auf!“
Behäbig wie ein Tanzbär erhebt er sich und guckt mich an. Er ist immer noch betrunken.
Ich schmeiße die Handtücher auf die Sitzfläche und wische alles weg, so gut es geht. Das Ergebnis ist besser als erwartet. Nur auf der Unterseite der Auflagen sind Flecken zu sehen, die ich schnell abtupfe und dann mit reichlich Deo besprühe. Hoffentlich riecht das später, in Verbindung mit der Pisse, nicht erst recht verdächtig.
Als ich fertig bin trage ich die nassen Handtücher ins Bad und werfe sie direkt in die Waschmaschine. Das benutzte Küchenpapier schmeiße ich in die Toilette und spüle. Aber anstatt zu verschwinden, kommt das Papier mit dem Spülwasser nach oben, und verstopft beim Ablaufen das Abflussrohr, so dass das Wasser zusammen mit dem aufgeweichten Papier in der Schüssel steht. Verflucht!
Ich mache den Deckel zu, wasche mir die Hände, und gehe zurück ins Wohnzimmer.
Dort packe ich den immer noch tranigen Jerry am Arm und ziehe ihn zur Haustür.
Am Auto angekommen fällt mir ein, dass seine und meine Hose so nass sind, dass wir die Sitze einsauen werden. Kurz überlege ich, mir Hose und Slip auszuziehen, verwerfe die Idee aber sofort. Wir beide unten ohne, und dann ziehen uns am besten noch die Bullen raus.
Also setzen wir uns mit den vollgepissten Klamotten ins Auto. Jerry sitzt neben mir und er sieht zufrieden aus.
Dick ist er geworden, denke ich. Aufgedunsen vom Alk.
Es sind keine liebevollen Gedanken, die mir während dieser Fahrt in Richtung Alte Oper durch den Kopf gehen, und ich bin froh als ich ihn vor seiner Haustüre absetzen kann. Wortlos steigt er aus und geht den kleinen Weg zum Haus entlang.
Seine helle Jeans hat einen großen nassen Fleck am Hintern.

Musik zum Text: Zweiraumwohnung, Wir trafen uns in einem Garten

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Europa

English: Map of Europe as a queen, printed by ...

English: Map of Europe as a queen, printed by Sebastian Munster in Basel in 1570. (Photo credit: Wikipedia)

Als ich das erste Mal in den USA war, wurde mir auch zum ersten
Mal wirklich bewusst, dass ich Europäerin bin.
Damals konnte man noch überall auf unserem Kontinent uneingeschränkt
rauchen.
In Kalifornien hingegen durfte man das schon lange nicht
mehr.
Ich besuchte einen Freund, der in Palo Alto, unweit von San
Francisco, an der Uni arbeitete.
Zusammen gingen wir in eine Art Biergarten und tranken am helllichten Tag, in der Nachmittagshitze Margaritas. Wir waren ja schließlich an der Westküste.
Bald lechzten meine, von Alkohol und Sonnenglut geweiteten Gefäße
danach, durch Nikotin wieder in Form gebracht zu werden.
Rauchen!
Ich zündete mir eine Zigarette an und fragte nach einem Ascher.
Unser sportlicher Kellner starrte mich entgeistert an. Ganz so, als hätte
ich ihm etwas sehr Unflätiges, ja geradezu Widerwärtiges mitten ins
Gesicht gerülpst.
Vorbei war es mit dem trinkgeldheischenden Lächeln aus kiefernorthopädischer Werkstatt.
WE ARE NOT IN EUROPE, MA´M!
sagte er mit kühlem Nachdruck, und wies mit seinem gebräunten, blond beflaumten Surferarm Richtung Ausgang.
Konkret bedeutete dies, dass ich mich zum Rauchen auf eine Bank zu
begeben hatte, die 30 Fuß vor dem Eingang des Gartens aufgestellt
war. Daneben stand ein randvoller Aschkübel. Stinkend und
abstoßend.
Verachtete man uns unkultivierte Europäer so sehr?
Und wenn schon.
Ich musste an den Song Safe European Home von The Clash denken
und bekam Heimweh nach Europa.