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Frau meertau hat gefragt, was ich am Tag der Bestattung meiner Mutter machen werde.
Die Frage an sich klänge im Leben der meisten Menschen schon merkwürdig.

Da ich nicht an ihrer Bestattung teilnehmen darf und auch nicht mehr möchte, weil ich mir nur schwer vorstellen kann mit dem selbstgerechten Onkel und dem histrionischen Bruder an Deck eines Schiffes zu stehen, theatralisch nach vorne zu blicken und später dem Blumenstrauß hinterher zu weinen, wie er auf dem Wasser schwimmend davontreibt, während die Urne auf den Grund des Meeres sinkt, ist es für mich eher ein Trost zum Zeitpunkt der Bestattung meiner Mutter auf dem Zahnarztstuhl zu sitzen, mit weit aufgerissenem Mund, an die Decke zu starren und in dem weit aufgerissenen Mund über mir das Universum zu betrachten.

Ob ich dabei Trost oder Tränen finden werde oder beides ist noch nicht entschieden.

Mein Ritual findet ein paar Tage später auf einem verlassenen Friedhof statt. Gemeinsam mit Menschen, die mir nahe stehen, werde ich dort alles lassen, jeden Kummer und jede Wut, die ich meiner Mutter gegenüber empfinde und empfand. Auch die guten Gefühle, die es durchaus gab und manchmal noch gibt. Ich werde ihr sagen, was mir auf dem Herzen liegt, ihr erklären, dass sie nicht ausgelöscht ist, weil sie in uns weiter lebt und wir ein Teil von ihr sind, und dass ich irgendwann nachkomme und wir hoffentlich noch einen zweiten Versuch miteinander bekommen. Irgendwie, irgendwo.