slow like honey

6491281487_6e279cf681_z

Before it ends just tell me where to begin

Mit dem Finger deute ich auf ein Gericht in der Speisekarte und frage den Kellner ob es vegetarisch ist. Er nickt. Nach einer Weile kommt er aus der Küche zurück, beugt sich diskret zu mir herunter und raunt: Excuse me, what exactly do you mean by vegetarian?
Die drei Männer, die sich mit ihren breitkrempigen Strohhüten neben uns aufgestellt haben, unterbrechen ihr Geigenspiel. Ich schaue auf die rot-weiß gewürfelte Tischdecke und denke: Lettuce und Lompoc, so heißen die Dinge und Orte hier. Ringsum Wüste. Niemand weiß wo wir sind.
Die Aubergine erklärt dem Mann, dass ich keine Tiere esse.

Ich ess nix was ne Muddä hat, wird Moses Jahre später auf die gleiche Frage antworten und gemeinsam werden wir im Garten der Großherzogin einen Grand Cru Superieur zwitschern, der unsere Zähne blau einfärbt, bis der Morgen graut. Am nächsten Mittag werde ich mit dir am Main liegen und du sagst: schöne Schuhe, statt meine hautenge Hochzeitshose zu bewundern, die dort sitzt, wo sie sitzen soll und wo du deine Hände hast.
Wir werden diesen Nachmittag am Ufer verbringen in der ersten und letzten Hitze des Sommers und du wirst mir von deinem Job erzählen, von deiner Ehe, deiner Odyssee und dem Königsweg. Königswege haben es dir schon immer angetan. Wenn mir jemand den Kopf abbisse liebtest du mich noch mehr, denke ich und habe keine Ahnung was du mit Königsweg meinst.

Der Kellner bringt das Essen und stellt es mit feierlichem Ernst auf den Tisch. Nach der ersten Gabel nicke ich ihm zu und lächle. Er verbeugt sich und geht. Wie auf Kommando treten jetzt die Geiger, die sich seit der Bestellung im Hintergrund gehalten hatten, wieder an uns heran, legen das Kinn auf ihre Instrumente und fiedeln mit langsamem Bogenstrich liebliche Töne, süß wie Honig, in den überdekorierten, niedrigen  Raum. Wir sind ihre einzigen Zuhörer.

Im Auto lege ich die CD ein, nehme beide Hände vom Lenkrad und trete das Gaspedal durch. Hinter uns steigt Staub auf. Im Westen verbrennt die untergehende Sonne den Himmel.

//

Musiik zum Text: Fiona Apple, Slow Like Honey

(youtube-Direktlink)

Inspiriert von: Dame.Von.Welt. (Danke!)

Bild: Death Valley, flickr,  Allie Caulfield
Lizent: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Prince


5933214418_d21d4bf09e_b

He was masculine and feminine and casually, frankly sexual. He was forever prolific. His music was deeply satisfying, with a sophistication that was both intellectual and physical. It got to us everywhere.

(The New Yorker)

 

 

 

Sometimes It Snows In April

(youtube-Direktlink)
Bild: Peter Tea
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Ich bekenne

6668481675_21be64b11a_z
Schon als Sätze & Schätze dazu aufrief sich öffentlich zu verschämten Lektüren zu bekennen, Büchern also, die man selbst peinlich findet und trotzdem mit Freude gelesen hat, hätte ich so gerne mitgemacht, doch mir fiel nichts ein. Anders, als zum Beispiel der lieben Freundin, für die ich während unseres Studiums in einem kleinen Schreibwarenladen Tiffany-Hefte kaufte, weil sie sich genierte es selbst zu tun, interessiert es mich nicht besonders, was andere über meinen Geschmack denken. Nicht, dass ich uneitel wäre, gar nicht, aber in Geschmacksfragen bin ich nahezu schmerzfrei.

Jetzt ruft die wunderbare Pagophila auf sich zu höchstpeinlicher Musik zu bekennen.
Das fällt mir zwar nicht leichter, weil ich mich, wie schon geschrieben, eigentlich für gar nichts schäme, was ich einmal von Herzen mochte. Allerdings hilft mir hier die Erinnerung an das Befremden bzw Erstaunen einiger Freunde, wenn sie mitbekamen, dass ich z.B. Robbie Williams sowie einige Songs von Take That gerne höre. Den größten Überraschungserfolg erziele ich immer wieder mit einem Lied, dass ich liebe, seit ich 31 war und das ich in voller Länge mitsinge, wenn es läuft.

 

 

 

Hier ist es:

Und  was hört ihr so, wenn ihr Euch alleine wähnt?

 

 

 

 

 

Bild: thevince
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Äther

EPSON DSC picture
Ich liege im dunklen Zimmer. Dann und wann streift das Licht eines vorbeifahrenden Autos die Wand, unter meiner Bettdecke der grünliche Schein des kleinen Transistorradios. Eine sanfte Frauenstimme spricht leise in die Nacht hinein.

Es gibt eine Welt, die außerhalb der meinen existiert. Etwas Unbekanntes, geheimnisvoll und zugleich vertraut, wie der dunkle Tannenwald neben der einsamen Landstraße mit dem silbernen Mond darüber.

Die Frauenstimme verebbt und in die knisternde Stille erheben sich die ersten Töne einer betörenden Melodie. Langgezogen und warm steigen sie in die Dunkelheit empor und wie betäubt schließe ich die Augen. Von weit her gesellt sich jetzt die Stimme eines Mannes zu dem milchigen Nebel in meinem Kopf und verbindet sich mit den schwebenden Orgelklängen und dem schleppenden Schlagzeug zu etwas Großem. Auf wundersame Weise werde ich Teil dieser anderen Welt und sinke auf dem Rücken liegend in sie hinein. Die Musik trägt mich und ein starkes Glücksgefühl durchströmt meinen ganzen Körper.
Ich bin verbunden mit allen Menschen, die irgendwo ganz allein in der Nacht den gleichen Klängen lauschen.
Fühlen sie wie ich?

 

Angeregt durch die liebe Asal, die in ihrem Blog  ein paar Lieder vorgestellt hat, die zu bestimmten Zeiten ihres Lebens von Bedeutung für sie waren, habe auch ich über meine Beziehung zu und meine Erfahrung mit Musik nachgedacht und dabei diese Erinnerung aus meiner frühen Kindheit hervorgeholt.

 

 

 

Photo: Wikimedia, Transistorradio

Jahresrückblick 2014

20141019_130633-1

Januar bis August duftes Wetter.
September bis Dezember knorkes Wetter.
Zwischendurch war´s ein bisschen kühl,
am Ende ein bisschen nass und stürmisch.

Bin sehr zufrieden, trotz einiger Katastrophen.

Vertont

Lenny_Kravitz_-_Rock_in_Rio_Madrid_2012_-_43Lenny Kravitz, der mir in puncto Kopfwackeln mit geschlossenen Augen ein großes Vorbild ist,  ist einer der wenigen Männer, die ich trotz seiner Dreads attraktiv fand.
Inzwischen ist seine Tochter Zoë (Flowers for Zoë) mit Boris Beckers Sohn liiert, was mir eigentlich vollkommen schnurz ist und mit dem Beitrag gar nichts zu tun hat, aber erwähnen wollte ich es doch, wenn ich so etwas schon mal weiß. Beckers Sohn heisst übrigens Noah, so wie der Tennisspieler Yannik Noah, der in den 80ern die French Open und den Davis-Cup gewann und inzwischen als Schlagersänger auftritt. Seine Frisur: schmale Dreads.
So schließt sich also der Kreis und passend zum gestrigen Text reiche ich heute noch ein kleines Lied nach:

youtube Direktlink, Lenny Kravitz, It ain´t over til it´s over

 

Photo credit: Carlos Delgado via Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Yusuf

Tikerscherk war auf einem Konzert. Dem ersten seit langer Zeit.
Vorne stand oder saß ein älterer Mann, der immer mal wieder die Gitarre wechselte und ab und an auch in die Tasten schlug. In den Pausen zwischen den Liedern hörte man manchmal ein Kleinkind im Hintergrund weinen. „My granddaughter“, erklärte der Barde, und lachte leise, als hätte er einen Spaß gemacht.
Das Publikum musste sitzen, was vielen sicher genehm war, denn sie waren beinahe so betagt wie der Sänger selbst, der vor langer Zeit seinen Namen änderte ihn heute aber, angesichts der politischen Lage, kaum zu nutzen wagt und wieder unter seiner alten Marke auftritt.
Als er gegen Ende des Konzertes „Another saturday night“ spielte, war kein Halten mehr. Der Saal tobte, man klatschte rhythmisch in die Hände und das eine oder andere Tanzbein wurde geschwungen.
(Schön war´s trotzdem).

Hier noch ein paar Eindrücke von diesem unvergesslichen Abend

20141120_215836_LLS-1 20141120_220313_LLS 20141120_201339

Life is life

requiem:
(Photo credit: Giovanni Giorgini)

All art constantly aspires towards the condition of music

 

Eines Tages erklärte mir mein Vater, dass die Anzahl der möglichen, komponierbaren Melodien endlich sei.
Fortan machte ich mir große Sorgen, dass ich diesen Punkt, an dem alle Melodien der Welt aufgeschrieben und vertont waren, würde miterleben müssen. Danach würden Wiederholungen mein Leben arm und eintönig machen.
Ich nahm mir vor, nicht zu verschwenderisch mit den Melodien umzugehen, nicht zuviele auf einmal zu hören und damit gleichermaßen zu verbrauchen, so dass der Vorrat, selbst wenn ich hundert Jahre alt werden sollte, ausreichen würde.

*

Wir gehen mit den Hunden spazieren. Ich summe vor mich hin..
Das gibt’s doch nicht,“ sagt U. „den gleichen Ohrwurm habe ich auch.“
Kann ich mir kaum vorstellen, ich summe gerade das Brahms-Requiem.“
„Eben, genau das hab ich auch seit ein paar Tagen im Ohr.“
Zusammen flanieren wir durch den Tiergarten und singen :“Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“.
Es ist Sommer.

*
Auf einem Zettel, den meine Schwester unlängst in Frankfurt hängen sah, stand Folgendes:

Ich schenk Dir einen Ohrwurm

Darunter war das Blatt durch vertikale Schnitte zum Abreissen kleiner Schnipsel vorbereitet, und mit
Life is life
beschriftet.
Noch während unseres Telefonates habe ich den LaLa-LaLaLa-Loop bereits im Kopf, und werde ihn für de nächsten beiden Tage beinahe unaufhörlich singen.
Danke schön.

Helden

One fine day, among a very gentle people, a superb man and woman cried out in the public square:
‘Friends, I want her to be queen!’
‘I want to be queen!’ She laughed and trembled.
He talked to his friends of revelation, of trials undergone.
They swooned against each other.
Indeed, they were kings the whole morning, while carmine hangings festooned the houses,
and all afternoon, as they advanced towards the gardens of palm-trees.

Arthur Rimbaud (Royalty/ Illuminations IX: Royauté)