Traubentod

20160903_124251-2

In dem Kriminalroman, den ich schriebe, wenn meine Phantasie für derart fiktionale Texte ausreichte, ließe ich die dicke goldene Traube auf den Kopf einer alten Frau, oder besser noch eines kleinen Kindes stürzen. Das Kind wäre die Tochter oder der Sohn einer im Orte nicht besonders gut gelittenen Person. Leider würde das Kleine den Unfall nicht überleben. Doch halt, war es wirklich ein Unfall?, früge sich die zuständige Kommissarin, die mit dem (katholischen) Pfarrer des Ortes liiert wäre.
Am Ende, soviel weiss ich schon, war das ganze eine Falle der ehemaligen Haushälterin des Pfarrers und ihres Komplizen. Doch was genau das Motiv der beiden war und wie das alles zusammenhängt, weiss ich leider nicht.

Unschuld

5701729081_c32df4aaf8_z

Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.

(Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater)

Bild: bswise, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Corrida

5445576258_02b50d8368_b
Vom Anfang bis zum Ende der Corrida saß sie in angstvoller Spannung, erfüllt von Schrecken, der Ausdruck eines unüberwindlichen Verlangens war, einmal dabei zu sein, wenn einer der ungeheuerlichen Hornstöße, mit denen eine Stier in blinder Wut unablässig auf die Leere der roten Tücher einstürmt, den Torero in die Luft warf. Hier ist im übrigen zu sagen: wenn das furchtbare Tier ohne langen Aufenthalt und ohne Ende wieder und wieder unter der Capa hindurchschießt, nur einen Fingerbreit von der Körperlinie des Toreros entfernt, ahnt man das Gefühl einer totalen und wiederholten Projektion, wie sie dem physischen Liebesspiel eigen ist. Und in der gleichen Weise empfindet man hier die Nähe des Todes. Solche Folgen von glücklichen pases sind selten und entfesseln in der Menge ein wahres Delirium; die Frauen erleben in diesen pathetischen Momenten einen Orgasmus, so sehr spannen sich die Muskeln ihrer Beine und ihres Unterleibes.

Georges Bataille, Das Obszöne Werk

Bild: diadà
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Klappente. xt

2918551194_574933ac78_b
Zuviele Möbel.
Keine Bilder,
nicht genug Kettensägen.
(Ich bin zu zynisch)

Nicht grell genug.
Kein Freizeichen.

Nicht genug Orks,
geschrieben am Seil,
mit jeder Menge Blurb.

Kommt ein Fremder in die Stadt, cool!
Nicht genug Cyborg-Sex.
(Ich habe zuviel getrunken).

Ohne Sumpf und ziemlich kurz,
ein Word-Document, eine Tetralogie,

Ich werde auf den Film warten.
(Ich bin nur neidisch).

 

(inspired by: Biblioklept, Reasons I didn´t read your novel)

 

 

 

 

 

 

Bild: daidà
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Das Auge der Katze

tumblr_ny0q0owOuE1s9mw1fo1_500
Der Wind hatte ein wenig nachgelassen, ein Teil des Himmels bedeckte sich mit Sternen; mir kam die Idee, daß der Tod der einzige Ausweg sei aus meiner Erektion, und wenn Simone und ich erst getötet wären, würden an die Stelle des Universums unserer Vision die klaren reinen Sterne treten und in kaltem Zustand verwirklichen, was mir das Ziel meiner Ausschweifungen schien, eine geometrische Weißglut (unter anderem die Koinzidenz von Leben und Tod, von Sein und Nichtsein), makellos funkelnd.

 

Georges Bataille, Das obszöne Werk

 

 

 

 

 

Bild: via tumblr, kein Copyright angegeben

Regen und Sonnenschein

logo-deutsches-literaturarchiv

Das Schicksal ist nicht nur Verhängnis, Tod und Siechtum, sagt der Eine.
Für diesen Satz, zu diesem Zeitpunkt, könnte ich mich direkt nochmal in ihn reinverlieben.
Zum Glück ist es nämlich auch Begegnung, Liebe, Licht und all die anderen wunderbaren Dinge.

Eine kleine Freude in diesen Tagen ist die Anfrage des Deutschen Literaturarchivs Marbach, ob man mein Blog dort langzeitarchivieren dürfe.

Klaro!

Für das Kommentariat bedeutet dies, dass alles, was hier so an Meinungen geäußert wird und wurde ebenso im Archiv landet.
Es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel Verhängnis, Tod und Siechtum.

Mutmaßliche Lektüre. Ein Blogstecken.

Es ist schon eine Weile her, seit der geschätzte Waswegmuss (aka HKF) mir einen Blogstab zugeworfen hat.
Fünf Bücher sollte ich benennen, die ich im Laufe dieses Jahres zu lesen beabsichtige und zusätzlich fünf BloggerInnen nominieren, die das Hölzchen weiter tragen sollen.

In den letzten Jahren lese ich nur noch sehr selten Bücher zuende. Zu rastlos und zu unruhig bin ich, um einen einzelnen Faden aufzunehmen und ihm zu folgen, während hunderte anderer Geschichten bei mir anbranden und meine Aufmerksamkeit fordern.
Schade, aber gut.

Nun habe ich keinen Schimmer was morgen sein wird, geschweige denn, was ich dann lesen werde. Aber auf meinem wunderschönen Büchertisch stapelt sich einiges, was möglicherweise demnächst von mir (an)gelesen werden könnte.
Da ich die Bücher noch nicht kenne, fällt es mir schwer etwas über sie zu schreiben. Deswegen zitiere ich zum Teil aus ihnen oder verweise auf Rezensionen.

Und weil ich die Zahl 7 gut finde, stelle ich statt der angefragten fünf gleich sieben Bücher vor.

Alsom-

Eins:

vielleichtesther

Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja  (Suhrkamp)

Im Feuilleton der NZZ erschien eine Rezension, die mein Interesse auf dieses Buch gelenkt hat.
Als ich dann die erste Seite gelesen hatte, wollte ich nicht mehr aufhören.
Ich weiß nicht, wie sie es macht, aber Katja Petrowskaja schreibt genau so, wie jemand schreiben muss, um meine Aufmerksamkeit zu wecken und zu halten.

Petrowskaja hat sich aufgemacht, nach ihren Toten und Verschwundenen zu «graben». Es ist, weil es um ihr eigenes Leben geht, ein «süchtiges» Suchen quer durch Archive, Städte und «Stätten»: Berlin, Wien, Warschau, Kiew, Moskau bis hinüber ins amerikanische Oak Ridge. Der Karte, der sie vor allem zu folgen hat, ist die «Sternkarte» der Lager, über denen das Gelb des Davidsterns und das Rot des Sowjetsterns leuchten: KZ, Stalag, Gulag.

(NZZ)

Zwei:

Das Ende von Eddy von Edouard Louis  (S. Fischer)u1_978-3-10-002277-6.38011915

Die (autobiografische) Geschichte einer Kindheit in der französischen Provinz.
Entsetzliche Gewalt, Alkohol, unerträgliche Homophobie. Beim ersten Blick in das Buch hat mich die klare, schnörkelose Sprache und die ungeheure psychische und physische Gewalt, der der Protagonist ausgesetzt ist schaudernd in den Bann gezogen.

Ich dachte sofort, dass ich das auf keinen Fall lesen werde, weil mich derartige Grausamkeiten erschüttern und bis in den Schlaf verfolgen können.
Gekauft habe ich es trotzdem und frage mich nun, ob ich es jemals werde lesen können.

Drei:

arnogruenDer Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität von Arno Gruen (dtv)

Wieso konnten die KZ-Aufseher Menschen totschlagen und dabei ganz „normal“ sein?
Der Selbstverrat des Kindes durch die Anpassung an die elterlichen Machtbedürfnisse stellt den Anfang einer Entwicklung dar, in der dem Menschen der Zusammenhang zwischen Handlungen und Motivationen verloren geht. Es gilt fortan das Image, mit dem man anderen Menschen gefallen will um jeden Preis aufrecht zu erhalten, ganz gleich, was die eigenen Gefühle, Wahrnehmungen und Mitgefühle hätten sein können.
„Die Unfähigkeit, in sich selbst zu wurzeln, ruft zerstörerisches und böses Verhalten hervor.“
Davon handelt das Buch. Reingelesen, gekauft, auf den Stapel gelegt.

Vier:

Wir sind nicht wir  von Matthew Thomas  (Berlin Verlag)

Sein Vater blickte auf die Angelschnur im Wasser. Der Junge fing einen Frosch und schob ihm einen Haken in den Bauch, weil er wissen wollte, wie es aussah, wenn er ihn durchbohrte. Glitschige Eingeweide blieben daran kleben, ihm wurde übel vor Schuld. So harmlos er konnte, fragte er seinen Vater, ob man mit Fröschen fischen könne. Der musterte ihn kurz mit geweiteten Nasenflügeln und schüttelte drohend die Kaffeebüchse mit den durcheinanderwimmelnden Würmern, von denen einige über den Rand schwappten und wegkrochen. Er sagte ihm, er habe etwas Böses getan und seine Jugend sei keine Entschuldigung für seine Grausamkeit. Zwang ihn, den Haken herauszuziehen und das zuckende Geschöpf so lange in den Händen zu halten, bis es starb. Dann hielt er ihm das Ködermesser hin und befahl ihm, ein kleines Grab auszuheben. Sein Ton war erschreckend fremd, als seien sie bloß zwei beliebige Menschen auf dieser Erde, als sei ein unsichtbares Band zwischen ihnen durchschnitten worden.
Nachdem er den Frosch beerdigt hatte, klopfte sich der Junge umständlich den Dreck ab, um nicht aufsehen zu müssen. Sein Vater sagte ihm, er solle eine Weile über seine Tat nachdenken, und ließ ihn stehen. Der Junge lauschte den verklingenden Schritten, und als ihm die Tränen in die Augen stiegen und ihm der lehmige Geruch faulender Blätter in die Nase drang, ging er in die Hocke. Er richtete sich wieder auf und sah auf den Fluss hinaus. Die Abenddämmerung schlich rasch ins Tal. Nach einer Weile begriff er, dass er länger geblieben war, als sein Vater es im Sinn gehabt hatte, doch er brachte es nicht über sich, zum Auto zurückzugehen, weil er Angst hatte, sein Vater habe ihn verstoßen. Etwas Schlimmeres konnte er sich nicht vorstellen, und so schleuderte er Steine in den Fluss und wartete darauf, dass sein Vater ihn holen kam. Als ein Kiesel ohne das gewohnte Aufspringen im Wasser versank und hinter ihm ein lautes Krächzen einsetzte, rannte er entsetzt los. Sein Vater lehnte an der Motorhaube, einen Fuß auf der Stoßstange, und machte den Eindruck, als hätte er auch die ganze Nacht dort auf ihn gewartet. Jetzt rückte er seine Kappe zurecht und öffnete die Autotür, um sie beide nach Hause zu bringen. Noch hatte er ihn nicht verloren.

Einen Roman der so beginnt, muss ich weiter lesen.

Fünf:

cortazar

Die Autonauten auf der Kosmobahn  von Julio Cortázar/ Carol Dunlop (Suhrkamp)

Eines Frühsommertages fahren Julio Cortázar und seine Ehefrau Carol Dunlop mit ihrem VW-Bus auf die Autobahn Paris – Marseille. Ausgestattet mit Proviant, Musik, einer Kamera und zwei Reiseschreibmaschinen, verfolgen sie, beide bereits sterbenskrank, ein letztes gemeinsames Vorhaben: unterwegs alle 63 Rastplätze anzusteuern, auf jedem zweiten zu übernachten. Mit dem drängenden Eifer von Forschungsreisenden dokumentieren sie ihre Expeditionserlebnisse in einem Logbuch. Es gehen da die bukolischen Horizonte, Begegnungen mit Müllmännern, Beschreibungen erster Skorbut-Symptome, überdies Fotos von allerhand Fauna und Seltsamkeiten und detailgetreue Geländeskizzen ein – bald auch, unter tätiger Mithilfe ihrer Fantasie, dunkle Bedrohungen durch mörderische Hexenjäger und Geheimagenten. Und bei alledem leben diese Reisenden in der Enge ihres Gefährts wie Liebende auf einer einsamen Insel.

(Suhrkamp)

Vor einem Jahr hat Bersarin in seinem Blog Aisthesis dieses Buch besprochen. Die Anregung wirkte fort und nun habe ich es endlich erworben und auf den Stapel gelegt.

Sechs:

kreuzbergKreuzberg 1968- 2013: Abbruch, Aufbruch, Umbruch von Dieter Kramer (Nicolai Berlin)

Dieter Kramer legt  hier ein beeindruckendes Zeugnis über den Wandel von Kreuzberg Süd-Ost vor.

Viele Stunden habe ich schon über dem Buch gesessen und die Bilder von damals mit denen von heute verglichen. Sogar ein schönes Foto von meiner Straße ist dabei, aus der Zeit, als Kreuzberg noch ein Arbeiterviertel war und an jeder Ecke Schulle getrunken wurde.

Sieben:

Diese vorüberrauschende blaue einzige Welt kast
Gedichte zu Lebensfreude und Endlichkeit
von Verena Kast (Pendo)

Durch eine Empfehlung von Frau Wildgans stieß ich auf dieses wunderschöne Buch, das leider nicht mehr verlegt wird aber antiquarisch noch zu haben ist.
Abschiedlich leben, so nennt die Autorin die Lebenseinstellung die hinter den Gedichten steht, die sie in diesem Band versammelt hat. Eine Haltung, die sich sehr schön bereits im ersten Satz von Kästners  Gedicht  Die zwei Gebote widerspiegelt:
Liebe das Leben, und denk an den Tod!
Das Buch ist in mehrere Abschnitte  untergliedert, die von der rauschenden Lebensbejahung hin zur Trauer über die Vergänglichkeit und schließlich zur Annahme des Todes führen.
Dringende Leseempfehlung für jeden der Lyrik liebt und den Tod in sein Leben aufzunehmen bereit ist.

In den letzten Wochen habe ich viel zu wenig in Blogs gelesen um zu wissen, wer dieses Stöckchen inzwischen schon gefangen und beantwortet hat. Wer noch nicht dran war und Lust hat die Frage zu beantworten, schnappe es sich bitte!

Bombardier

800px-Willkommen_in_Berlin,_Hauptbahnhof,_Bombardier

 

Wir waren glücklich, und alles in mir widersetzte sich dem Satz, den uns Lew Tolstoj vererbt hat, dass die glücklichen Familien sich ähnelten in ihrem Glück und nur die unglücklichen einzigartig sind, ein Satz, der uns in die Falle lockte und den Hang zum Unglück weckte, als wäre nur das Unglück der Rede wert, das Glück aber leer.

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther

 

 

 

 

Photo: By Geogast (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Dschungel

mwm08602

Der Raum war ein enger, hoher Schacht, tapeziert mit großblättrigem Schlingpflanzendekor in dunklen Grüntönen.
Morgens schien die Sonne in die Höhle, den Rest des Tages sorgte ein alter Messinglüster mit geschliffenen Glastropfen für angenehm gedämpftes Licht.
Der obere Teil des schmalen Fensters war von Bücherbrettern verdeckt, der untere gestattete einen weiten Blick. Im Süden schimmerte kühl die blaue Linie des Spessarts.
Ich studierte die Bücher meines Vaters. Sie gefielen mir ohne dass ich sie verstand.
Robert Walser, Thomas Mann, Franz Kafka.
In dem dicken Hausratgeber von 1920 las ich zum ersten Mal das Wort Leibesfrucht.
Viel später, ich war schon in der Pubertät, vertrieb ich mir dort die Zeit mit Rosa von Praunheims ausschweifenden sexuellen Abenteuern.
Mein Abitur machte ich schließlich auf der gleichen Schule wie er und Canetti.

Die Stunden in der Gästetoilette meines Elternhauses haben meine Weltsicht nachhaltig geprägt.

 

 

Bild: Henri Rousseau, Dschungel am Äquator, artelista