Immer Heute


Staubige Hitze und verbrannter Rasen. Schlingpflanzen ranken entlang der Schrebergartenzäune. Dahinter dösende Datschen mit halbgeschlossenen Lidern. Sirrende Wespen kreisen über fauligem Obst.

In der kurzen Stille des Atemholens zwischen Abend- und Nachtstunde liegt schweigend die Stadt.

Kopfruckelnd laufen die Tauben im Kreis umher. Es riecht nach Kleister, Kippen, Bier und Hundekot.

Die Fahrkarte hundertmal in den Spalt schieben und es ein ums andere Mal zuschnappen hören, das Stempelgebiss. Violette Abdrücke wie beim Zahnarzt, der den Überstand mit Färbepapier prüft. Schicht für Schicht die Zeit übereinanderlegen, synchron zu ihrem Vergehen. Zeitmesser auch die an den Rändern aufwellende Plakatlasagne an den eisernen Streben der Hochbahn. Lage für Lage vergangene Erwartungen. Obenauf die Heutige. Bald schon erfüllt oder enttäuscht und überdeckt von neuen Wegweisern zu einem nahenden Morgen.

Das Haus ist fertig, beendet der Nestbau. Der Augenblick entscheidet über das Überleben, alles andere ist eine Frage des Komforts.

April is the cruelest month. Noch ein Mal die Koffer packen und abreisen in ein neues Leben, in eine unbekannte Stadt. Weg von hier und von allem. Nur das Tölchen, das nähme ich mit.
Abends, wenn sie zusammengerollt und mit untergeschlagenen Beinen wie ein wartendes Kitz auf dem Teppich unseres sepiafarbenen Hotelzimmers läge, zündete ich mir eine Zigarette an, die erste in 8 Jahren, und bliese, auf dem Bett liegend, den blauen Rauch in die Luft. Schwindlig vom Nikotin überließe ich mich dem  Sehnen meines klopfenden Herzens und später, viel später in der Nacht atmete ich mich in einen traumlosen Schlaf.

Immer ist nur Heute und gestern bloß eine Illusion.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mografik, Plakate, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Okula girls

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Am Abend sitzen wir mit dem Kanzler in der Küche. Blut läuft ihm aus dem Mundwinkel, während er frei asoziiert, sich in Fahrt redet, abschweift und ausschweift und jeden Gesprächseinstiegsversuch des Bekannten mit ausgestrecktem Arm abwehrt. Ein Halbsatz und schon weiss er Bescheid.
Papa, dir läuft Blut aus dem Mund, sage ich.
Mit einer nachlässigen Handbewegung wischt er das dunkle Rinnsal weg und redet weiter. Es gibt nur eine Wahrheit; Leibniz. Das weisst du ja.
Die Scheisskirche und was er ihr am meisten verübelt: ihr Beten für Frieden, dem keine Taten folgen. Seine persönliche Evolutionstheorie, für die er gerne eines Tages einen Nobelpreis einheimsen würde, setzt den Menschen an die Spitze allen Seins, macht ihn zu einem Gott und gleichzeitig zum Ziel sämtlicher Entwicklungen der Vergangenheit.
Seine Suche nach Geborgenheit, nach Aufgehobensein in der Welt geht auch nach dem Kirchenaustritt im vergangenen Jahr unvermindert weiter.
Die Evolution macht uns alle zu Brüdern, sagt er, wir sitzen ganz vorne auf der Lok und das weite Land mit seinen wunderbaren Möglichkeiten öffnet sich vor uns.

Wegen des riesigen Blutflecks auf dem Kopfkissen hat er der Dame an der Rezeption 20 Euro gegeben, erzählt er am Morgen. Sie wollte nur 10 Euro, aber er befand 20 Euro für richtig.

Nachdem der Kanzler abgereist ist, packen der Bekannte und ich den maladen Hund ein und machen bei allerschönstem Märzenwetter einen Gang zum Marheinekeplatz, wo wir auf den Stufen neben der Kirche pausieren und hinüber blicken, zu dem Treiben vor den rotweiß gestreiften Flohmarktständen, die den Platz wie eine intakte Kinderwelt voller Eiscremwagen und Blechtrommeln aussehen lassen.
Inzwischen ist es so warm geworden, dass ich meinen Schal ablegen und meine Jacke öffnen muss. Der Frühling ist nun also wirklich auch in Berlin angekommen.

Der Rückweg führt uns durch die Fontane-Promenade über die Urbanstraße und vorbei an kleinen, sonnenbeschienen Backsteinhäuschen, die noch vor wenigen Jahren zum Urban-Krankenhaus gehörten und in denen nun eine wohl behütete und gut betuchte Eigentümer-Community, vis-a-vis des riesigen grauen Betonkastens, lebt. Eine Welt, so unwirklich wie der Timmendorfer Strand.

Am frühen Abend ruft der Kanzler aus Frankfurt an. Seine Rückfahrt war gut, doch leider wartete er am Hauptbahnhof vergeblich auf die U-Bahn. Schließlich bestellte er sich ein Taxi. Einer Mitwartenden, die das gleiche Ziel hatte, bot er an, sie mitzunehmen, doch sie lehnte ab.  Zuhause vor dem Badezimmerspiegel wusste ich dann warum, erzählt er lachend, mein ganzes Gesicht war blutverschmiert.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jörg Kantel, Kirche am Marheinekeplatz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Im Unterholz

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Wird´s regnen, Treiber?
Ja, auf dich.

Bestform heisst das Ziel. Für den Hund, für mich und die Katz´.

Zweifel ist etwas ganz anderes als fehlende Hoffnung, so lerne ich,  geistesgeschichtlich betrachtet. Hoffnung ist ein christlicher Begriff und hat, auch dann, wenn sie fehlt,  nix zu tun mit der pyrrhonischen Skepsis.

Eins weiss ich ganz genau: so stringent und geschichtsaufgeladen werde ich nie denken.

In other words.

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Samstags kommt der Arzt zu Besuch. Ein ganz besonderer Service. Als ich ihn google  im Internet suche, stelle ich fest, dass er der Neffe eines bekannten Mannes ist. Ein Name, so ähnlich wie Uhlenbusch, doch die Sendung kam Sonntags, wie auch die Waltons am Tag des Herrn über den Bildschirm flimmerten. Mein frühkindlicher Weltschmerz, ausgelöst durch John-Boy und den Briefträger Heini, zog sich bis weit in die Adoleszenz hinein. Selten, ganz selten ereilt er mich auch heute noch in dieser Wucht. Je verhangener der Himmel, umso besser stehen die Chancen.

Der Arzt und ich trinken Cappuccino. Wir reden über die Hunde, seiner, ein Teckelchen, ist bereits 19, und über Smartphones. Stell Dir vor, 920 Bilder pro Sekunde! Man kann einen Tropfen zerplatzen sehen. Am Liebsten fotografiert er frisch gezapfte Biere. Ich betrachte die Galerie und versuche mich zu erinnern wie lange mein letztes Hopfengetränk zurück liegt. Fünf Jahre? Für die Weiterbehandlung der angschlagenen Katze gibt er mir gute Tipps. Budesonid statt Decortin, wirkt wo es soll und hat weniger Nebenwirkungen.
Gegen Ende unserer Unterhaltung macht er mir noch ein schönes Kompliment:  Du hast eine so aufrechte Wirbelsäule, weil Du ein Mensch mit Haltung bist.

Ich glaube er färbt die Haare.

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Der Kanzler hat sich für das nächste Wochenende angemeldet. Aus dem Familienfundus wird er ein Kindertagebuch mitbringen, geschrieben zwischen 1914 und 1918. Ein guter Grund sich Sütterlin anzueignen. Wer weiss, wofür ich das noch gebrauchen kann, in unserer gläsernen Zukunft. Früher nutzte ich die kyrillische Schrift um Geheimnisse für mich zu behalten. Sowas wie: Эрик, я люблю тебя oder Панк не умер

Russisch hatte ich überhaupt nur belegt, um meine Familie zu brüskieren. Die DDR-Fahne in meinem Jugendzimmer  diente dem gleichen Zweck. Doch meine Eltern scherten sich nicht darum. Sie hatten genug mit sich selbst zu tun und ihr Erziehungsstil pendelte zwischen autoritär und laissez-faire, je nachdem, wie es um ihre Ehe stand.

Ein Besuch beim Großwesir-Patenonkel, gleiche Zeit,  kommt mir in Erinnerung. Villensiedlung auf dem Bad Vilbeler Heilsberg. Ich habe mich abgesetzt und stehe rauchend im Wald, Beedies. Mein Halstuch ist getränkt mit Patchouli. Ich trage  ein schwarzes Nadelstreifjackett über löchrigen Bundeswehrhosen, dazu Herrenschuhe aus den 60ern, die aussehen wie Krieg und Kartoffelschalen-kochen. Meine Cousinen, alle 5 blond, sind die lieblichsten Wesen der Welt. In leichten Kleidchen springen sie durch den Garten. Sie legen eine Amsel in ein Grab. Die 100ste,  die ihr Leben an den riesigen Panoramascheiben der marmornen Villa verloren hat.
Auf der heißen Milch am Abend schwimmt Haut. Ich habe Angst, dass meine Eltern sterben und ich fortan bei der Großwesirs-Familie leben muss.

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Das war früher. Heute kostet 1 Liter  Druckertinte, abgefüllt in Epson-Patronen,  7.998 Euro, erhältlich beim Mediamarkt in Berlin-Steglitz.

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(Quelle: deppenklatsche, twitter)

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Heute erhalte ich von der abgelehnten Bewerberin eine Hassnachricht, die ihresgleichen sucht. Einmal im Strahl auf die Tastatur gekotzt und anschließend auf Senden gedrückt. Heiße Wut quillt aus dem Display, direkt auf meine Hände. Das macht mir etwas aus, auch wenn es nicht sollte. Ich hab Respekt vor dem entfesselten Furor einer Gekränkten.

 

 

 

Bild: Cloudtail the snow leopard, tiger im unterholz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

sans souci/ sorgenfrei

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An einem sehr heißen Tag waren wir zusammen in den Treptower Park gegangen. Stundenlang hatten wir auf der Wiese gelegen, auf das träge vorbeifließende Wasser und die Halbinsel Stralau geschaut. Wir hatten geplaudert, geraucht und an unseren Bierflaschen genippt. Hin und wieder kam ein Ausflugsschiff vorbeigeschippert, die MS Sanssouci oder die Monbijou. Oben auf dem Sonnendeck saßen Touristen und winkten den am Ufer Liegenden zu. Wir wedelten und winkten wie wild mit unseren Beinen zurück und die Touristen machten Fotos. Dit is Balin. Im Kielwasser der Schiffe schaukelten Tretbootchen neben Stockenten, ab und an brauste eine Motoryacht vorbei und schob einen Kranz weißer Gischt vor ihrem Bug her. Lastkähne kreuzten tutend und alle halbe Stunde tauchte das feuerrote Wasserflugzeug am Himmel auf, um weiter hinten in der Rummelsburger Bucht zur Landung anzusetzen. Bald würde es zu seinem nächsten Stadtrundflug starten.
Es war drückend heiß, die Luft feucht und im Osten bildeten sich schon die ersten Wolkengebirge. Das zweite Bier hatte mich rammdösig gemacht. Ich schloss die Augen und lauschte dem Murmeln der beiden anderen. Ab und an lachten sie leise, dann war es eine Weile ruhig.
Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen oder ob ich bloß gedöst hatte. Wahrscheinlich war es das Gickeln und Grunzen neben mir, das mich weckte. Bestimmt kitzelten sie sich gerade gegenseitig. Langsam öffnete ich das linke Auge und blickte in den Himmel, der dräuend über uns hing. In der Ferne grollte es ganz leise und es klang wie entferntes Möbelrücken. Ich dachte an den Nachbarn, damals in Frankfurt. Nacht für Nacht hatte er schwere Gegenstände, vielleicht Klaviere oder Schrankwände, durch seine Wohnung geschoben und ich war ihrem Weg durch die Räume mit den Ohren gefolgt. Am frühen Morgen, wenn die ersten zur Arbeit gingen, hörte er auf damit. Ich dachte viel über den Mann nach, der, begegnete man ihm im Treppenhaus, einen ganz normalen Eindruck machte. Vielleicht hatte er einfach Schlafstörungen, oder er war Inneneinrichter mit einem schlecht ausgeprägten Vorstellungsvermögen. Möglicherweise  war er auch einfach nur einsam und traurig. Der Gedanke hatte eine so ungünstige Wirkung auf meinen gerade erwachenden Geist, dass ich ihn schnell beiseite schob. Neben mir lachte es noch immer leise. Ich öffnete nun auch das zweite Auge und drehte den Kopf. Von rechts schob sich eine dunkle Wolkenfront heran. Es würde bald regnen.

Während die Kolumbianerin sich noch über meine zielsichere Wetterprognose wunderte und auf dem Rücken liegend weiter in den Himmel starrte, hatten B. und ich uns bereits aufgerappelt und klaubten rasch unsere Sachen zusammen. Nachlässig stopften wir alles in die Rücksäcke und schauten hin und wieder zu der Baumgruppe hinter der Wiese, deren Wipfel auf einmal vollkommen regungslos in der schweren Luft standen. Auch die Vögel waren verstummt.
Est war inzwischen so schwül, dass uns bei jeder Bewegung der Schweiß herunterann. Auf meiner Oberlippe sammelte sich Wasser. Kaum waren wir fertig und hatten auch die letzte Kippe eingesammelt, fingen die Kronen der Bäume schon an, sich hin und her zu wiegen. Ein leises Rascheln und Wispern war zu hören, das sich bald zu einem kräftigen Rauschen steigerte. Unterdessen verdunkelte der Himmel sich rasend schnell und die blauschwarze Walze hing bereits über der Insel der Jugend. Die silbrigen Blätter der Pappeln und Linden begannen kurbelnd und winkend im Wind zu flirren. Erste Böen kamen auf und fuhren in die Baumgruppen, die sich unter den jähen Stößen hin und her warfen wie ekstatische Tänzer. Das Grollen wurde lauter.
Staub wirbelte hoch und kreiselte über die fast ausgestorbenen Parkwege. Die letzten Radfahrer strebend geduckt in Richtung Puschkinallee davon. In der Ferne blitzte es vereinzelt. Wir legten einen Zahn zu.
Als wir beinahe schon am Hafen angelangt waren, brachen die ersten schweren Regentropfen aus der schwarzen Wand und platschten auf die staubigen Bäume, auf den Rasen, auf uns. Innerhalb von Sekunden hatte es sich eingeregnet, die Wiesen dampften und ein erdiger Duft hing in der Luft. Da blieb die Kolumbianerin ganz unvermittelt stehen, streckte beide Arme in den Himmel und stieß einen Jubelschrei aus.
Wir sahen sie an. Der Regen prasselte in Wellen auf uns herab und es hatte deutlich abgekühlt. Während wir uns noch bemühten extra flach zu atmen, damit der nasse Stoff nicht an unseren warmen Körpern festklebte, zog die Kolumbianerin erst ihr Shirt und dann ihren Rock aus und fing an zu einem inneren Takt zu tanzen.
Wir zögerten einen Moment. Dann legten auch wir die Rucksäcke auf die Erde, streiften unsere Kleider ab und taten es ihr gleich.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mompl, flickr, Wasserflugzeug
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

 

 

Das Wahre, das Schöne und das Geile

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Weißt Du, was das Geile ist?
, frage ich und erstaunt blickst du von deinem Buch auf.
Nein, ich weiß nicht, d-a-s Geile ist, antwortest du und ein amüsiertes Lächeln spielt um deine Lippen.
Also das Geile ist, sage ich und hole tief Luft, denn ich weiß inzwischen selbst nicht mehr, was das Geile überhaupt war, so ungewohnt ist mir mein eigenes Reden. Das Geile ist, wiederhole ich, um Zeit zu gewinnen, und suche und greife nach Worten, den erstbesten, irgendwelchen, während du meinen holprigen Versuchen mit hochgezogenen Augenbrauen aufmerksam folgst. Das Geile ist nämlich, wiederhole ich mich und versuche unterdessen im Kopf die Geschichte weiter zu spinnen, die ich dir gleich ersatzweise auftischen könnte, die mir am Ende aber leider weder besonders unterhaltsam noch in irgendeiner Weise geil gerät.

Nachdem ich fertig bin, schaust du mich noch eine Weile erwartungsvoll an und nickst, als du merkst, dass nichts mehr kommt.
Das Wahre, das Schöne und das Geile, sagst du schließlich und streichst mir mit der Hand über das Haar.

 

 

 

 

 

 

Bild: Frank Janowski, Ballerina Projekt Dresden, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Die Diva vom Main

 

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Gottseidank war die Eintracht Frankfurt im gestrigen Relegationsspiel gegen Nürnberg siegreich. Nicht auszudenken sie hätte ausgerechnet gegen die Mittelfranken verloren und wäre somit abgestiegen. Denn in Närmberch, da wohnt der Feind.

Gewonnen hat die Diva vom Main sogar trotz des lädierten Kreuzbandes von Mittelfeldspieler Stendera und der frisch diagnostizierten Tumorerkrankung des Verteidigers Russ. (Das Eigentor auf dem Hinspiel sei ihm verziehen. Das Ergebnis allein zählt!)
Was die Eintracht kann, kann eben nur die Eintracht.

Geholfen hat allerdings auch der Heilige Antonius, der Allrounder unter den Heiligen und beschworen hat ihn, genau für diesen Zweck, die Malerin, die Agnostikerin aus tiefstem Herzen.
Großgeworden in einem katholischen Haushalt hat sie im Laufe ihres Lebens eine große Abneigung gegen Religion entwickelt, hat sich einen bekennenden Atheisten geangelt und die beiden haben ihre Kinder konsequenterweise nicht taufen lassen. Einer der schönsten Tage im Leben der ungläubigen Eltern war jener, als die gerade dreijährige Tochter auf einer Autofahrt seelenruhig den legendären Satz sprach: Gott ist schon gestorben. Was zu dieser, für ein kleines Kind, ganz erstaunlichen Aussage geführt hat, ist unbekannt. Später, kurz nach ihrer Einschulung, brachte sie mit Gott ist weg das nächste Bonmot nach Hause. Wie sich herausstellte handelte es sich dabei um einen Lesefehler. Das Original hing als Transparent an einer benachbarten Kirche. Gott ist der Weg, stand dort. So einfach lässt sich eine Aussage beinahe ins Gegenteil verkehren.

Auch der Sohn hat früh gelernt, dass es neben der Eintracht keine anderen Götter geben kann. Obwohl gebürtiger Berliner, fühlt er sich doch als Hesse und trägt seinen Eintrachtranzen mit Stolz. Mussten die Eltern ihn zunächst noch zum wahren Fantum hinlenken, ist er jetzt der Begeistertste der ganzen Familie.

Als nun die Eintracht in den letzten Wochen kurz vor dem Abstieg stand und das Herz des Sohnes bang und immer banger ward, da fasste sich die Mutter ein Herz, nahm auf der Rückreise von Bonn die Abfahrt zur Autobahnkapelle, zündete dort eine Kerze für die Eintracht an und spendete alles, was sie noch an Bargeld dabei hatte mit der Bitte, dass die Eintracht gegen Dortmund gewinnen möge.
Sie wurde erhört!

Vor dem gestrigen, alles entscheidenden Rückspiel gegen Nürnberg nun, nahm sie ihren Sohn beiseite und versprach ihm, dass wenn die Eintracht erneut gewinnen würde, sie gleich am kommenden Sonntag in die Kirche ginge um dort zu spenden und zu danken.
Und wieder geschah das Wunder: die Eintracht gewann.
Der erlöste Sohn konnte sein Glück kaum fassen und gelobte, die Mutter zum sonntäglichen Kirchgang zu begleiten. Auch der sturzatheistische Vater schloss sich voller Dankbarkeit an.

Die Eintracht kann nämlich nicht nur gegen jeden siegen, sie kann auch Bier zu Äppler machen und Agnostiker in Kirchgänger verwandeln.

SGE 4ever!

 

 

 

 

Bild: wikimedia commons
Lizenz: public domain

Am P-Platz

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Nach dem Spaziergang sitzen wir gegenüber dem Weinhaus Huth am P-Platz, trinken einen Kaffee und schweigen. Die Hunde dösen auf dem warmen Asphalt. Neben dem Maulwurfshügel der S-Bahn wurde eine hölzerne Pagode aufgestellt. Grün und rot und gold. Wie ein Pfahlhaus steht sie in der Abendsonne. Über allem tanzt glücklicher Staub.
Auf youtube sah ich ein Video über die M-Bahn, jene Magnetbahn, die für nur zwei kurze Jahre zwischen Gleisdreieck und Potsdamer Platz verkehrte und dabei über eine Stadt hinwegglitt, die es nicht mehr gibt. Brachen so weit das Auge reichte, Weite und Stille. Die wenigen Autos wirkten verloren wie Ameisen auf einer Landebahn, das Weinhaus Huth stand einsam wie der letzte verfaulende Zahn. Ich mochte diese verschwundene Stadt.

Heute ist Flohmarkt auf dem Platz, Antikmarkt, oldthings werden dort im Schatten des leuchtend weissen Beisheim-Centers verkauft.

Ich habe Heimweh.

 

 

 

 

 

Bild: Volker Schlecht, Kulturforum am Potsdamer Platz
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Frühlingshaftes Frohlocken

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Die Rechnung ohne den Wirt zu machen heißt in meinem Falle, dass auch der geduldigste Esel irgendwann den Kragen voll hat und auskeilt. Mit einem Esel vergleiche ich mich gerne, denn ich bewundere diese klugen Tiere bis auf die Grundmauern (überraschender Metapherngebrauch). Sie sind gelassen, duldsam, stur, zäh und sehr hübsch. Wenn sie sich mit Pferden paaren kommt etwas noch Tolleres heraus, nämlich, ein Maultier bzw. ein Maulesel. Das Besondere an diesen Hybriden ist die Besonderheit (ja), dass ihre lauthals gelebte Lust folgenlos bleibt- reine Freude ohne Reproduktionspflicht also.

Es ist nun durchaus nicht so, als hätte ich etwas gegen Kinder oder Familie, das Gegenteil ist der Fall, zu gerne wäre ich selbst eine leibliche geworden, bin aber familiär betrachtet soetwas ähnliches wie eine Hand ohne Daumen, bzw. ein Daumen ohne Hand. Mir gefällt es einfach, dass die Natur ein Programm weiterführt, obwohl es keinen Sinn mehr hat außer dem puren Vergnügen des Geschöpfes. Schicksalsbevorzugte Maultiere!

Mulis (syn. Maultiere), um einen weiteren Unterschied zu Pferden hervorzuheben, fliehen nicht, sie stellen sich der Gefahr und treten zu wenn sie bedrängt werden. Es soll sogar Fälle gegeben haben, long time ago, bei denen die wehrhaften Huftiere angreifende Wölfe in die Flucht schlugen. Und genau so, um endlich den Bogen zum Beginn dieses Beitrages zu spannen, werde ich es fortan auch halten: nicht lange fackeln und einfach mal auskeilen, wenn ich gepiesackt werde.
Ich freu mich schon drauf. Unbändig.

Dass meine Vermieterin, jene Person, die mir vor einem Jahr die (haltlose) Kündigung wegen Eigenbedarfs aussprach, sich (um nur eines von vielen Beispielen zu nennen) meinen Kirschbaum (im Bottich) unter den Nagel gerissen hat, um ihn sich vor die eigene Haustür zu pflanzen, nachdem sie sich zunächst bei mir beschwert hatte von der letzten Ernte keine einzige Kirsche abbekommen zu haben (ob ich die etwa alle gegessen hätte, die waren doch noch gar nicht reif!) erzähle ich vielleicht ein andermal. Möglicherweise haben meine guten Vorsätze zu tun mit diesen andauernden Schikanen, für die sich nun auch die Mietervereinigung Berlin interessiert, die mir sehr gerne behilflich sein wird bei meinem Projekt „Mobbingfreies Wohnen im schönen Kreuzberg süd-ost“.

Bis zur nächsten Attacke ist erstmal frühlingshaftes Frohlocken angesagt.
In diesem Sinne: keep on grooving!

Bild: Jochen Hencke, Muli
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Manuskript

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In jedem Brückenpfeiler steckt ein Mordopfer, behauptet der Unterfranke.

Falls er Recht hat und eines Tages, in 1000 Jahren, finden Forscher die Überreste unserer lange schon untergegangenen Kultur, werden sie vielleicht die Skelette, in den durch Erdbeben und Kriege zerborstenen Brückenpfeilern, für die sterblichen Überreste unserer, uns bis in die Ewigkeit verpflichteten, Herrscher halten. Die Stützen der Gesellschaft. Sie werden sie begreifen als manifestes Zeugnis eines altruistischen Zeitalters in dem jeder des anderen Helfer und Freund war, bis zum Tode und darüber hinaus.

Bei einem großen Angriff, dessen verheerende Folgen unsere Welt aus den Angeln gehoben hatte, waren sämtliche Informationen, die Hinweise auf unser Leben hätten geben können, verloren gegangen. Niemand konnte nun noch herausfinden  wie es wirklich gewesen war, denn nur eine Handvoll Menschen auf der Osterinsel hatten das  Große Unglück unbeschadet überlebt. Diese kleine Gruppe hatte alles, was an die vergangene Zeit erinnerte in einem feierlichen Akt der See übergeben und fortan ihr Leben in den Dienst des Ewigen Schweigens gestellt.

Zur Mahnung und zur Erinnerung an die grauenvollen Geschehnisse, die zu dem Großen Unglück geführt hatten, hatten sie, bald nach dem Untergang unserer Welt, eine überdimensionale Steinskulptur an der Küste errichtet, die den Forschern der folgenden Jahrtausende unlösbare Rätsel aufgeben würde. In dem Sockel der Skulptur gemeißelt entdeckte man die Zeichen einer unbekannten Schrift. Der Klammeraffe stand dort. Die Skulptur selbst sah so aus:

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Die Wirklichkeit.

Nieselregen und Betonplatten, Hausflure und Treppengeländer, Briefkästen, Baustellen, Zäune, Autos, ein unterirdisches Archiv. Tunnel und Trompeten.
Krähen.

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Leise rauschen die Heizungsrohre, oben auf dem Schrank höre ich den Kater schnaufen. Unsere Fingerspitzen finden sich im Dunkeln. Mein Kopf wird schwer, der Atem langsam. Tiefer und immer tiefer sinken wir ein, ich spüre Deine Wärme, die Nacht schließt sich über uns.

So werden sie uns finden, eines Tages.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Klaus Wagensonner „work“
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/