Gefährten

In der Nacht träume ich von Paul, der (wie an jedem Wochentag) sein Fahrrad an der Laterne vor meinem Haus anschließt, doch der dann, statt seiner Arbeit nachzugehen, an mich herantritt ohne ein Wort zu sagen. Ich schaue ihn an, seine blaue Iris ist dunkel umrändert. Du bist wütend, sage ich.
Und du kannst noch immer in mir lesen, antwortet er.
Hier reisst der Traum ab.

Dem Pferdemädchen habe ich eine Postkarte geschickt. Ein Wackelbild mit Kuh vor sommerlichen Alpen. Sie schweigt. Seit Monaten schon. Unterdessen wächst das Kind in ihr heran und wird in diesen Tagen das Leuchten der Apokalypse kennenlernen.

Auch die Schwester antwortet nicht auf meine Mails. Ebenso wenig wie die Frau aus der Verwaltung, die ich ein halbes Dutzend Mal angeschrieben habe.
Dass der zunehmend demente Kanzler alles verspricht, nichts hält und nach großen Ankündigungen immer wieder in der Unverbindlichkeit der Versenkung verschwindet, bin ich beinahe schon gewohnt, Doch, dass selbst die liebe Russin (die in Wahrheit aus Kasachstan kommt) schweigt, hätte ich nicht erwartet.
Ghosting nennt man das wohl. Mich verstört, verletzt, verunsichert es.

Es ist kalt geworden in unserem Häuschen. Die Tage werden merklich kürzer.
Ich friere bei sieben Grad in der Nacht.


Manchmal fühle ich mich so gottverlassen einsam und alte Trauer und Angst legen sich schwer auf meine Brust.
Unter der Dusche läuft der Tränensee über. Auf einem Stein im Wasser steht ein einzelner Schwan.



Ganz zufällig treffe ich die Waldorflehrerin im Garten. Ihren Pudel hat sie nicht dabei, dafür ihren frisch Angetrauten. Ich gratuliere, wir scherzen über den Zustand des Kreuzberger Standesamtes (einer ehemaligen Obdachloseneinrichtung) und wechseln dann zum Wetter. Trocken sei es in Berlin. geradezu herbstlich, erzählt sie und wendet sich an ihren Mann.
Stimmt´s, das haben wir auch schon gesagt, dass es so trocken ist in Berlin. Er nickt zufrieden und ich bewundere diese kleine Verbundenheits- und Vergewisserungsperformance zwischen den beiden.


Wenn ich doch auch ein bisschen so sein könnte.

3 Kommentare zu “Gefährten

  1. Beim nächsten Besuch in den Bergen bitte ein Wackelbild mit Kuh vor sommerlichen Alpen für den Leser M. mit einpacken.
    Viel Glück für eine verbesserte Kommunikation in Deinem Umfeld!
    Mit dem Leuchten der Apokalypse befasse ich mich auch jeden Tag. Ist es nicht schlau, wie der Begriff „Klimawandel“ harmlos tut und die Täterschaft des Menschen vollständig ausklammert? (Gut, oft hört man: „menschengemachter Klimawandel“, das ist schon besser.) Es ist aber nicht nur ein Klimawandel, sondern eine Klimakatastrophe, d.h. es geht nicht irgendwie weiter, sondern es wird sehenden Auges auf das Ende zugesteuert.
    Wir können nicht viel mehr tun, als weiter Blumen zu gießen und den Vögeln Futter hinzustreuen, und uns menschenwürdig zu verhalten.
    Besucht Dich noch die Krähe?

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