Dornröschen

Die Tage sind kurz und trübe. Nachts staut meine Körperwärme sich unter der dicken Maisfaserdecke. Mit feuchter Stirn erwache ich (just in der Minute des vollsten Mondes) und greife nach meinem Tablet.
Impfgegner krakeelen mich zurück in den Schlaf. Beim Wegdämmern höre ich die Schiebetüren des Kokstaxis vor dem Haus.


Die Großmutter der K. beendete weihnachtlichen Neidstreit unter den Enkelinnen mit den Worten: Gerecht ist, wenn jede Jede bekommt, was ich ihr zugedacht habe.

Ich denke oft an meine Mutter in diesen Tagen, und ich vermisse den Kanzler, bzw. die Person, die einmal mein Vater war.
Ab und an telefoniere ich mit dem Bekannten, dem es ganz langsam etwas besser geht, der aber noch erschöpfter und oft verzagter ist, als die meisten nach zwei Jahren Pandemie.

Der Unterfranke schickt mir einen Youtube-Link, dem ich folge und der mich zum Heulen bringt.

Nachmittags mache ich lange Spaziergänge mit Welpi. Sie klebt an meinen Fersen, so sehr gruselt ihr vor der Dämmerung, den Silhouetten zwischen den Bäumen und den körperlosen Stimmen in der Ferne. Nieselregen sprüht uns ins Gesicht, mich friert, ich setze die Kapuze auf.


Zuhause warten das Tölchen und der Besuchshund auf ihre Runden. Eine nach der anderen führe ich um den Block oder über den Platz, jede nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten.
Es ist Fütterungszeit, als ich mit der letzten zurückkehre, und auch die Tigerin braucht ihre Dosis Budesonid am Abend. Nachdem alle versorgt und die Schnäuzchen abgewischt sind, werfe ich mir eine Portion Chili in die Mikrowelle und gieße Tee auf (Almkräuter). Während des Essens lese ich Zeitung, bin auf Twitter (Empörung, Empörung!) oder tik tok, schreibe Mails oder besuche die vielen offenen Tabs und Warenkörbe auf meinem altersschwachen Rechner. Die Vorstellung, die schiere Möglichkeit, all diese Dinge zu besitzen, bedrückt mich. Stück für Stück lösche ich mich in die Freiheit der Bedürfnislosigkeit zurück, bis wieder alle Körbe leer sind.

5 Kommentare zu “Dornröschen

  1. Abgesehen davon, dass Du einfach grundsätzlich gut schreibst und mir auch hier alles ‚gefällt‘ (ein ziemlich grober Ausdruck, der feinere Empfindungen wie z.B. Mitgefühl unter den Tisch fallen lässt), so gefällt mir doch am besten die Warenkorbszene am Schluss.
    In meiner Arbeit, die auf eine bestimmte Weise mit Mode zu tun hat, sehe ich, was alles produziert wird (selbstverständlich sehe ich nur einen Ausschnitt, aber schlimm genug), und zu welchen Preisen es verkauft wird, und diese absurde Überproduktion deprimiert mich auch.
    Im Supermarkt an der Kasse vor mir eine Familie, Eltern, drei Kinder. Sie haben für ungefähr vier Euro Sachen eingekauft, eines der Kinder weinte, weil es sich etwas gewünscht hatte, wofür kein Geld da war. Eine der Kehrseiten des Wohlstands: nicht daran teilhaben zu können. Dieser fast leere Warenkorb eine Woche vor Weihnachten hat mich traurig gestimmt, und ich habe mich schuldig gefühlt.

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    • Es ehrt mich, dass Dir meine Texte gefallen. Ich selbst bin mehr als unzufrieden mit meiner unausgefeilten und unpräzisen Schreibe.
      Dass Konsum, der icht deme Lebenserhalt dient, am Ende alle, auf ganz unterschiedliche Weise, unglücklich und den Planeten unbewohnbar macht.

      Die Geschichte mit dem weinenden Kind macht mich auch traurig.

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  2. „Stück für Stück lösche ich mich in die Freiheit der Bedürfnislosigkeit zurück, bis wieder alle Körbe leer sind.“
    ganz so stark bin ich nicht, auch wenn ich in den letzten beiden jahren ähnliche befindlichkeiten durchlief. gerade eben habe ich eine phase des wünsche-erfüllens, die mich vielleicht nicht an den rand des ruins treibt, aber doch etwas überbordendes an sich hat. manchmal (da fällt mir die werbung ein) muss es ebene Mumm sein. aber in ein paar tagen ist das vorbei.

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    • Entschuldige, dass ich erst jetzt antworte. Die Pandemie verführt dazu, Dinge schleifen zu lassen.
      Derzeit mache ich immer nur das Notwendigste, wie die Hummel, die sich gerade eben über den Gartenzaun hievt und dann wieder träge vor sich hin propellert.

      Wie steht es um Deine Warenkörbe? Sind sie wieder leer?

      Schöne Grüße und ein gutes neues Jahr Dir!

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      • die körbe sind leer, weil alles geliefert ist. gestern habe ich allen karton-müll runter geschafft und eine dreiviertel tonne allein für mich gebraucht. aber nun ist wieder mal gut.
        kein optimaler jahreseinstieg. oder doch: beim alkohol bin ich grad sehr zurückhaltend, was mir nettere zahlen auf der waage einbrachte. der erfolg kommt da nahezu sofort.
        schauen wir, was das jahr sonst noch so bringt. wir SIND zuversichtlich. ;)

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