Unter den Rippen

Meine Texte über vergangene Reisen ins Blaue Land lesen sich paradiesisch und ich frage mich, ob es wirklich so schön dort ist, oder ob ich gerne hätte, dass es so wunderbar sei und mir schreibend glückliche Erinnerungen schaffe, indem ich einen goldgelben Filter auf alles lege. Vielleicht will ich auch einfach meine Leserinnenschaft aufheitern und bei der Stange halten, indem ich sie glauben mache mein Leben nähme, nach all den Zumutungen der letzten Monate, nun doch wieder eine schöne Wendung.


Als wir Kinder waren erzählte mir meine Schwester, sie pflege ihre Tagebucheinträge mit Jubelarien über unser Familienleben sowie liebesverklärten Oden an unsere Mutter aufzurüschen.
Sie schien damit zum einen vorbeugen zu wollen, dass unsere jederzeit eskalationsbereite Mutter, die nicht davor zurückschreckte, unsere privatesten Besitztümer zu durchwühlen und uns hinterher für das jeweils Gefundene zur Rechenschaft zu ziehen, auf Notizen stoßen könnte, die die ohnehin schwierige Situation noch einmal verschärfen würden, andererseits schien sie auch einer Art magischem Glauben anzuhängen, dass nämlich den lieben Worten zwangsläufig ein Widerhall der Liebe folgen und das Zeitalter des Friedens endlich anbrechen müsse. Das Gegenteil war der Fall und meine Mutter brach ihr in einem ihrer unbeherrschten Augenblicke mit einem Holzschemel die kleine zarte Nase.

Die schlimme Augenentzündung habe ich mir vielleicht nur zugelegt, um mal wieder in Kontakt mit dem Kanzler kommen zu können. Zum wiederholten Male spreche ich ihm auf Band. Und tatsächlich: dieses Mal ruft er endlich zurück. Krankheit war schon immer ein zuverlässiger Fürsorgereflexauslöser in meiner Familie.
Ehe er anfängt mich wie gewohnt anzuschreien, gibt der Kanzler mir in gereiztem Ton zunächst ein paar Behandlungstipps und schlägt unter anderem vor, den Tränenkanal spülen zu lassen, mich dabei aber nicht wieder so hysterisch wie gewohnt anzustellen. (Ich frage mich, ob er schon immer so misogyn war, oder ob erst die Demenz diesen Zug aus ihm herausschält und tippe auf ersteres. Früher schien es mir einfach normal, so abschätzig behandelt zu werden).
Inzwischen ist der brüllende Kanzler bei meinem Bruder, seinem Lieblingsthema (neben der Evoluton) angelangt. Er mache sich Sorgen, schreit er, weil mein Bruder sich aus der Überzeugung, hinter „all dem“ stecke ein großer Plan, eine Weltverschwörung, die zum Ziel habe, die verheerenden Verwerfungen und Beben auf dem Finanzsektor zu verschleiern, nicht impfen lassen wolle.
Glücklicherweise war der 5G-Mast, der das Gehirn meines Bruders seit Monaten gekocht und dessen Katzen zum Hohldrehen gebracht hatte, noch gar nicht in Betrieb und immerhin diese Sorge ist für´s Erste vom Tisch. Stattdessen diagnostizierte der herbeigerufene Experte nun eine Wasserader unter dem Haus.

Als wir aufgelegt haben fühle ich mich sehr leer und Tränen der Erschöpfung laufen aus meinen feuerroten Augen.

7 Kommentare zu “Unter den Rippen

  1. Da möcht` ich nur aufschreien und ein paar Kopfkissen aufschlitzen. Hoffentlich wird alles wieder besser. Wenn man früher geringschätzig behandelt wurde, wird das mitunter zur inneren Stimme. Das darf nicht…
    Gruß von Sonja

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    • Es braucht ein halbes Leben und länger, um zu verstehen was genau falsch gelaufen ist und dann braucht es lange, lange Zeit, sich selbst so sehr zu achten, dass man anderen nicht mehr erlaubt über Schmerzgrenzen hinweg zu gehen. Die einzige Person, die das bei noch bei macht und machen darf ist mein Vater, der Kanzler. Uns bleibt nicht mehr die Zeit, die Dinge zu klären und der Verstand dazu fehlt ihm inzwischen auch.

      Gefällt 4 Personen

  2. Solange gesichert ist, dass Du auf dem Land außer schwierigen Menschen auch Tieren, Bäumen, Wolken, Natur begegnen wirst, ist nicht alles verloren.
    Du kannst auf Deinem Blog schreiben, was Du willst. Wie Du’s schreibst, macht’s immer lesenswert.
    Manchmal denke ich, Deine Eltern wünschen Dir den Tod, damit Du endlich brav (nach ihrem Verständnis) bist. Diese Genugtuung solltest Du ihnen nicht gewähren.
    Viele Grüße

    Gefällt 2 Personen

  3. Auf dem Land treffe ich allerhöchstens grantelige Menschen und da ich nicht vorhabe mit irgendwem in näheren Kontakt zu treten, werde ich wahrscheinlich in keine Abgründe blicken müssen.
    Mein Vater hatte irgendwann den Plan gefasst, mich zu töten (um mich zu erlösen). Ausgerechnet meine Mutter hat mich damals vor ihm gewarnt. Jetzt ist meine Mutter tot und ich bin das lebende schlechte Gewissen des Kanzlers. Deswegen schreit er so viel und ist so garstig und hart zu mir.

    Danke für Deinen Zuspruch! Das tut mir gut und motiviert mich, wieder mehr zu schreiben.

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  4. Es berührt mich sehr, wenn Du von Deiner Kindheit, Deinen Eltern, Deinem Leben schreibst – und ganz sicher hast Du Besseres verdient. Bleib stark für dich!
    Mit den allerbesten Wünschen
    Christina

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