FMR

In meinem Postfach warten viele Mails darauf, beantwortet zu werden, die wichtigsten arbeite ich ab und finde nicht die Zeit und die Ruhe für all die anderen. Schichten neuer Nachrichten legen sich über die alten und ich gebe auf.


Tagsüber ist meine Wärmflasche eine Ente, denke ich beim Einschlafen und merke, dass das eigentlich nicht stimmt, nicht stimmen kann, komme aber nicht darauf welches Tier sie tatsächlich ist und lache stumm. Im Hintergrund spricht die Virologin.
Für den Sommer und wegen des Giraffenmusters auf Bauch und Beinen, habe ich mir angewöhnt, das Wasser nur noch auf 70 statt auf 100 Grad zu erhitzen. Sicherheitshalber lege ich auch noch ein altes DDR-Mehrzwecktuch darunter und fühle mich wie die Enkelin meines erschossenen Großvaters, der angeblich ein Bergmann war, ein Arbeiter also, und dem ich sehr ähnlich sehen soll. Überprüfen kann ich das freilich nicht, denn Fotos von ihm gibt es nicht mehr und ich weiss nicht mal, wie er mit Vornamen hieß. Vielleicht ist er das fehlende Glied in meinem Leben, der Mosaikstein, der Schlüssel, die Erklärung für vieles.



Die zweite Impfung und der Besuch des Bekannten liegen ein paar Tage zurück. Ursprünglich dort, wo alles begann verabredet, kommt er mir schon auf der Straße entgegen, Bart grau, Haare grau, Shirt grau und der Rucksack auf seinem Rücken ebenso. Die Zeiten, als er kiloweise Bücher zwischen Breite Straße und meiner Wohnung hin- und herschleppte, liegen lange zurück. Corona hat seine Welt komplett auf den Kopf gestellt. Meine ebenso. Alles anders.

Alt sei er geworden, sagt er wieder und wieder und ächzt, wie zum Beweis oder zur Untermalung. Ich weiss nicht genau, was er damit sagen möchte, denn wenn er alt geworden ist, müsste in derselben Zeit ja auch ich alt geworden sein und so wie er sich durch den sengenden Nachmittag schleppt, lässt alt werden sich nur als etwas Schlechtes begreifen, etwas, das man nicht will und das sich kaum (er)tragen lässt. Alle wollen alt werden, niemand möchte alt sein. Mit mir hat die Zeit andere Pläne.

Die Vorwürfe, die er erhebt, hatte ich erwartet. Sie machen mich nicht wütend und ich spüre keine Schuld.

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Beim Stöbern in meinen Texten, stoße ich auch auf einen aus dem Todesjahr meiner Mutter. Nach kurzer Recherche schicke ich ihn an den richtigen Adressaten und erhalte am Morgen eine freudige Mail mit zwei Fotos. Eines mit Hund, das andere mit Pferd.

In nur einem Monat werde auch ich wieder das Trappeln der Hufe auf dem lehmigen Boden hören und den Schweif des Tirolers im Abendlicht wippen sehen.
Ich werde die letzten Blüten der roten Monbretien bewundern, den Kampf der Vermieterin mit dem Buchsbaumzünsler verfolgen, am Morgen dem hellen Klang der Kappellenglocke lauschen, am Abend auf den goldenen See blicken, meinen schönen Freund Hercule und seinen Kollegen Siegfried neben dem Topinamburfeld besuchen und die reifen Früchte vom Baum pflücken. (Welpi & Tölchen immer bei mir).


2 Kommentare zu “FMR

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