Zwischenstille

Jemand zieht eine Mullbinde aus einer Öffnung an meiner Schläfe. Zentimeter für Zentimeter lässt der Druck nach und ich rolle die eingedrückten Augen, um sie vorsichtig zu entknittern, wie ich am Abend die Längskanten des Tetrapacs mit wenigen Handgriffen wieder in Form bringe und versteife.

Corona hat uns alle auf Inseln verschlagen. Geteilte Einsamkeiten. Schicksalsgemeinschaften, wie der Kanzler es nennen würde. Nähe durch Notstand.
Warten auf den Fährmann oder das Propellergeräusch am Himmel. Erlösungen, auch voneinander.

Nach zwei Tagen beginnt die Ewigkeit, schreibst du, als ich deinen bevorstehenden Besuch erwähne. Ob du tatsächlich kommen wirst, hast du beim letzten Gespräch wieder offen gelassen. Vielleicht besser erst im Herbst. Auf ein paar Monate käme es doch jetzt nicht mehr an.

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Den ehemals besten Freund treffe ich vor dem Nachbarhaus. Wir unterhalten uns behutsam und höflich und es schwingt Versöhnung mit, der Versuch noch einmal anzuknüpfen, irgendwo, ein klein wenig. Lass uns im Sommer ein Gartenfest machen. Mit Abstand und Masken. Falls es erlaubt ist.
Zum Abschied schließt er für einen Moment beide Augen. Ein kleiner Segen. Ich lächle unter meiner Maske.

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Dass irgendwann mal Kindergeburtstage gestürmt würden und Gastgeber in die Tiefe sprängen aus Furcht vor der Polizei, hätte man vor 1 ½ Jahren noch als überzogene Dystopie abgetan. Am Gare d l´Est tanzen und singen verbotenerweise Menschen, Posaunen jubeln dazu und bei aller Einsicht in die Gefahr und in Notwendigkeiten, geht mir das Herz auf und die Sehnsucht nach einem Leben aus Fleisch und Blut reisst an mir wie Fernweh nach einer Zeit, die es nicht mehr gibt.
Auch im Krieg werden Kinder geboren.

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Länder & Leute drängeln sich beim Impfen vor, Nazis tragen gelbe Ungeimpft-Sterne zur Schau, Jana aus Kassel ist Sophie Scholl, dazwischen verlieren Menschen ihre Existenzen, melden Insolvenz an, werden misshandelt, missbraucht, vereinsamen oder verlassen dieses Leben.
Die Musik ist verklungen, durch die Straßen fahren Autocorsos. Nachts müssen wir Zuhause bleiben. Der große Häcksler indes läuft rund um die Uhr.
Ich bin ratlos.


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Hast du Räucherstäbchen, frage ich (auf der Suche nach den verschwundenen Orten) zuerst Wilhelmine und dann die Feuerwehrfrau. Wie erwartet sagen beide „Ja“ und „Nag Champa“ und diese gemeinsame Erinnerung lässt den Brunnen in mir leise gluckern.

12 Kommentare zu “Zwischenstille

  1. Ich hasse diese Regierung. Forever. Und auch ihre Unterstützer und Propagandisten. I want to bei in Florida now. In Sweden. In Texas. In Belarus. In Russia. in Japan. Free countries without crazy Coronamaniacs in power.

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      • Fragst Du mich?
        Mein Vorschlag wäre NoCovid anzustreben. Entsprechend harte Regeln temporär anzuordnen un umzusetzen, um uns so schnell wie möglich wieder in die Freiheit zu entlassen, wie die Menschen in Neuseeland sie bspw. (wieder erlangt) haben.
        Ausgangssperren sind insbes. für Menschen, die in prekären Lebensverhältnissen leben keine gute Idee. Sie scheinen auch nicht zielführend zu sein, solange nicht weitere Maßnahmen ergriffen werden, um die Inzidenz bzw. die Krankenhausauslastung zu drücken.

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  2. Eigenartiger Text. Aber auf jeden Fall danke fürs Teilen. Witzig, wie sunflower22a der Text zu einem niedlichen Ausbruch verhalf.
    Hier an der Küste Nord Norfolk wurden wir alle flächendeckend geimpft, Dina und Masterchen werden die nächsten Tage zum zweiten Mal geimpft. Die Inzidenzzahl liegt hier seit 6 Wochen bei 3 pro 100.000 und in unserem County bei 13 (Zahlen von gestern). Dennoch hält jeder Abstand und sich an die Vorschriften. Hier wird wenig darüber diskutiert, da man sie als sinnvoll erachtet. Gereist wird eh nicht. Die Zeit des Reisens scheint uns eh schon aus ökologischen Gründen vorbei zu sein.
    Alles Gute und noch einen angenehmen Sonntag
    Te Fab Four of Cley
    :-) :-) :-) :-)

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  3. seufzend lese ich Ihr wunderschönes Textchen und dankeschön auch für diese Zeilen. Ich hatte gerade vor, über Risse zu schreiben und dann lese ich hier ihre Worte und denke: es ist alles gesagt.
    Statt zu Schreiben werde ich Unkräutchen zupfen und die Hunde in den Garten pillern lassen, während ich mir ein paar Sommersprossen zulege.
    Ich merke, wie leise und traurig ich werde und wie sehr ich meine Kontakte beschränke, denn ich halte die lauten Besserwisser nicht mehr aus (weder die einen noch die anderen).
    Seien Sie umärmelt!

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    • Da bedaure ich beinahe, diesen Text geschrieben zu haben, denn schöner noch als Ihre Zustimmung und Ihr Lob, ist es, Texte von Ihnen lesen zu dürfen, die leider derzeit so rar sind.

      Ich wünschte, ich könnte Sie ein wenig aufheitern, aber inzwischen bin ich auch zu erschöpft und zu traurig und mir fehlen greifbare, verlässliche Perspektiven.

      Bleibt mir nur eine herzliche Rückumärmelung, liebe Frau meertau!

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