17/05

Zu spleenig ist wie Gartenzwerge, denke ich beim Betrachten meiner pittoresken Terrasse mit der verrosteten Metallmaus, den Kickerstäben und den vielen anderen zusammen getragenen Fundstücken, wie bespielsweise dem schmalen Toilettenfenster aus dem Conmux im Friedrichshain der Nuller Jahre.

Da hab ich immer beim Pinkeln drauf geguckt, hatte der Unterfranke gesagt, als er das gerettete Erinnerungsstück auf meiner Terrasse ablud. Kannste schön an mich denken, wenn du hier draußen sitzt und den Vögelchen zuhörst, hatte er hinzu gefügt und war verschwunden, ehe ich ihm sein Geschenk zurück geben konnte.
Das Conmux war langweiliger als sein Name. Doch eine Straßenbahnlinie führte geradewegs an ihm vorbei und ich mochte es, wenn die in den Asphalt eingelassenen Schienen in der Abendsonne glänzten wie Schwerter. Nicht weit von hier hatte I., eine Hand auf seinem liebenden Herz, an einem heißen Sommertag für mich gesungen. Später waren wir zum Haus der Kulturen der Welt gefahren, hatten uns auf den Rasen gelegt, Kaninchen gezählt und Rioja getrunken.
Auf der anderen Seite der U-Bahn, neben Kaiser´s Supermarkt lebte die Emdenerin mit dem Handtaschenbubi und ich erinnere mich an den gemeinsamen Abend in der Schnabelbar mit Latex und Schnaps und aufreizenden Posen, über den wir nie wieder sprachen, bis wir irgendwann nach einer öden Party mit buchhaltermäßig abgewogenen Kokslines ganz aufhörten miteinander zu reden und uns beiläufig aber bewusst aus den Augen verloren.
Der Handtaschenjunge hat sich inzwischen zu einem Mann mit grauen Schläfen entwickelt, die Emdenerin ist weiterhin platinblond und, soweit sich das aus ihrer Homepage erschließen lässt, so abergläubisch und aurensensibel wie eh.

Nachdem ihre Eltern gestorben waren hatte sie zwei der vielen Katzen ihrer Mutter bei sich aufgenommen. Eine der beiden, ein schwarzweißer Katzer mit Clark-Gable-Bärtchen kehrte irgendwann nicht mehr nach Hause zurück, was die Emdenerin Kontakt zu einer Tierflüsterin aufnehmen ließ, die sich „auf Seelenebene“ mit Clark verband, der ihr beschrieb in welchem Keller er eingesperrt worden war.
Tatsächlich fand die Emdenerin den Felinen zwei Straßen weiter in dem geweissagten (weisgesagten?) Verschlag wieder. Eine Geschichte, die ich hautnah miterleben durfte und daher für wahr erklären muss.


Ein andermal allerdings, als mir eine Katze entwendet und auf einem verlassenen Campingplatz in Sachsen Anhalt ausgesetzt worden war, versuchte auch ich mithilfe der Tierflüsterin die Miez zu finden, doch deren Seele schwieg und stattdessen fand, wie die Flüsterin mir erklärte, eine Weiterleitung auf eine Art Anrufbeantworter statt, was leider bedeutete, dass das Kätzchen tot sei und sich zu einer hinduistischen Gottheit transformiert habe.

Einige Wochen später, am 17. Mai, wir waren bei der Hochzeit von Freunden, wurde die Katze, mehr tot als lebendig, dann doch noch gefunden. Der Unterfranke und ich holten sie ab und brachten sie in eine Tierklinik, wo der georgische Arzt mit dem Mr.-Bean-Gesicht sie sofort ins Behandlungszimmer nahm und den Tränen nahe war, als er sie auf die Waage setzte. 1,7 kg stand dort, fast vier weniger als vor der Odyssee. Im ehemals rotgoldenen Fell der Bengalin tummelten sich Maden.
Es brauchte viele Wochen mit einen weiteren unglaublichen Entführungsversuch der übergeschnappten Katzenaussetzerin, bis wir das Tier wieder mit nach Hause nehmen durften.

Der Katzendiebstahl hatte noch ein juristisches Nachspiel bei dem, anders als man meinen sollte, nicht die Diebin angezeigt wurde, sondern der Unterfranke, der, wie die Frau behauptete, ihr gedroht haben sollte sie zu töten, was natürlich nicht stimmte. Ich war anwesend bei dem besagten Telefonat und außer einer Wuttirade des Unterfranken und dem Satz, sie solle sich uns und der Katze nie wieder nähern, war nichts Spektakuläres geschehen.
Die Anzeige zog die Wahnsinnige später zurück (die Tötungsabsicht aber blieb als Offizialdelikt aktenkundig). In ihrem Freundinnenkreis verbreitete sie weiterhin die Lüge und so kam es, dass der Unterfranke sich auf einem Folkfestival von wütenden Frauen umgeben fand, die ihm ankündigten ihn bei nächster Gelegenheit mit dem Dixiklo den Hügel hinunter zu stoßen und die, um ihrer Entschlossenheit Ausdruck zu verleihen und als Vorgeschmack auf weitere Aktionen schon mal sein Zahnputzzeug in seinen morgendlichen Kaffeebecher schmissen und wütend davonstapften. Im Hintergrund stand die lächelnde Diebin, mit großer Sonnenbrille im zufriedenen Gesicht.


8 Kommentare zu “17/05

    • Aufreibend zu leben. Weiß auch nicht weshalb immer ur mir solche Dinge passiert sind. Katzenentführung! Kein Jahr später ist mir etwas ähnliches mit meinem Hund passiert. Allerdings mit schlechtem Ausgang. Ich hab den Hund nie wieder gesehen.

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