silver glitter

Von Jim Avignon, der in unserer rotweinseligen Anwesenheit die Wände der noblen Lokalität gestaltete, welche, in bester Uferlage befindlich, später übernommen wurde von einer geschwätzigen wie überdrehten Österreicherin (Geh, das Hunderl macht Mannderl!), die mit schriller Stimme in jedes noch so intime Gästegespräch hineinkrähte, um Ruhm und Anerkennung für ihr Etablissement und damit für sich selbst einzufordern,
springt mein innerer Film zum Spatz von Avignon und einem bizarren Auftritt in Lederhose und damit weiter zu F., dem New Yorker Mr. Leather, einem gelernten Stuckateur, dessen skelettiertes Gespenst ich bei der fête de la musique wiedertraf, ohne ihn jedoch zu erkennen und der mich, nach Erbrochenem stinkend, bat, ihn in sein Pflegeapartment im ZIK zu begleiten, um mir dort Fotos zeigen zu können, die mich erschrecken und mich ihn und unsere Nachmittage auf seinem Balkon in der Oderberger Straße erinnern lassen würden.

Wann immer ich heute durch jenen Teil des Tiergarten spaziere, in dem Männer sich treffen, um für die schnelle Lust gemeinsam im Gebüsch zu verschwinden, denke ich an ihn und seine T-Zellen, seine muskulösen Schenkel und seine Liebe zu Pelargonien (pelargonium silver glitter).


Den Deichgrafen, den könnte ich wahrscheinlich fragen, wie es mit Mr. Leather ausgegangen ist, wenn nicht schon vor Jahren wir uns überworfen hätten, aus Gründen, die ich nicht mehr weiss aber noch spüre.
Die Mutter des Deichgrafen, eine Physiotherapeutin mit langem, grauen Haar, gehörte zu der Sorte Mensch, die mit allerlei hanebüchenen, selbstersonnenen und esoterikschwülen Theorien und von einer vermeintlich höheren Warte herab andere bewertete und kategorisierte. In meinem Fall: wer krank ist ist krank weil er das so will. Wer sich mit Kranken zusammentut ist selber krank.


Den Vater des Deichgrafen, ein stadtbekannter Arzt, erinnere ich als einen steifhüftigen und willensschwachen Mann mit dunklem Haar, der sich von seinem großen schwarzen Hund kreuz und quer über den Deich zerren ließ und sich dabei hilfesuchend nach seiner in Leinen gewandeten, selbstgestrickten Frau umblickte, die nur einen kopfschüttelnden Blick für ihn übrig hatte, der erahnen ließ, wie fremd und zuwider ihr der Mensch an ihrer Seite geworden war.

Bei meinen Besuchen an der Elbe schliefen der Deichgraf und ich stets in einem Bett, und manchmal erwachte ich von der festen Umklammerung, die der Träumende mir anstelle von Mr. Leather zuteil werden ließ.






3 Kommentare zu “silver glitter

  1. Es war nicht in den Ostertagen sondern nach einem Aufenthalt in Florenz. Wir lebten in einer Fabriketage als WG. John Hummel, amerikanischer Künstler brachte seinen damals noch unbekannten Freund „Jim Avignon“ mit zum Abendessen und ich hatte mich schwer ins Zeug gelegt. Es gab selbst hergestellte frische Pasta mit einer Parmesansauce und danach ein wirklich gut gelungenes Arista alla Fiorentina (einen itallienischen Schweinebraten mit Rosmarin und Knoblauch) auf einem Gemüsebett. Natürlich wurde dazu leckeren Rotwein aus der Toskana serviert.
    Da sprang Jim Avignon auf und stöberte unserer Kühlschrank durch und rief: zum Schweinebraten brauche ich Senf, einen Senf, einen Senf. Der Gast bekam wonach er verlangte.
    – Er wurde nie wieder eingeladen –

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