Scheren

Auf den Stufen vor der Emmauskirche sitzt ein Mann, die Schläfen ergraut, und gibt vor, in einem Buch zu lesen. Seine Haare sind gelockt wie die meines Bruders, er ist schlank wie dieser und ebenso eitel: sein lässig lungernder Körper fleht: Sieh mich an! und auch sein schmelzender Blick versucht, meine Aufmerksamkeit zu erzwingen. Ich aber missachte ihn nach Leibeskräften und beobachte stattdessen den notorischen Taubenfütterer, um den sich eine große blaugrau gefiederte Traube versammelt hat. Verboten, verboten.

Früher traf ich hier vor der Kirche manchmal auf einen Mann mit Hut und schulterlangem, grauem Haar. Begleitet von seinem mittelgroßen, übergewichtigen Rauhhaarhund, unterhielt er sich mit mittelalten, biertrinkenden Männern. Eines Tages (erzähl, Mütterchen) sah ich ihn alleine dort stehen und erkundigte mich nach dem Verbleib seiner Hündin. Nach langem Leiden sei sie an Staupe verstorben, erzählte er mit Tränen in den Augen und bat mich inständig, die meine unbedingt impfen zu lassen, was ich ihm aus vollem Herzen versicherte aber aus schulterzuckender Nachlässig- und Sorglosigkeit niemals tat.
Das war das letzte Mal, das ich ihn sah. Auch der traurige Einstein mit der wilden weißen Mähne, der in den Lokalen rund um den Lausitzer Platz seinen Kaffee nahm, war irgendwann verschwunden.

Einerseits ödet und geniert es mich, beinahe ständig und mit schmutzgeränderten Totengräberhänden in der Vergangenheit zu wühlen und all die angewesten Gesichter und Geschichten hervor zu holen, während die Flammen der Gegenwart hell und unbeirrt in die morgenhelle Zukunft hinein lecken und die Zeit wie immer nur eine Richtung kennt. Andererseits erscheint mir gerade heute die Schwelle zwischen den Zeiten, die Janusperspektive der eigenen Biografie, der vibrierendste und spannungsreichste Standpunkt überhaupt zu sein.


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Im Hof meines Elternhauses gab es eine Mauer die den privaten vom öffentlichen Bereich trennte. Den Torbogen aus weißen Steinen hatte ein handwerklich ambitionierter Patient des Kanzlers gemauert. Doch nach wenigen Monaten löste sich ein Stein aus der Spitze des Bogens, rutschte ein Stück heraus und hing fortan lose über unseren Köpfen, wenn wir ein und aus gingen.
Ich mochte diesen kleinen Thrill, diese Möglichkeit des krachenden Zusammenbruchs beim Durchschreiten des Tores und das tägliche Glück schon wieder ungeschoren davon gekommen zu sein.

(Die Geschichte, wie die Polizei unsere Straße absperrte und ein Sondereinsatzkommando sich mit Maschinengewehren in unserem Hof und auf unserer Garage platzierte, erzähle ich vielleicht ein andermal)

25 Kommentare zu “Scheren

    • Das freut mich sehr, lieber Stony. Ich habe seit einiger Zeit leider nur sehr wenig Drive und schreibe viel zu wenig. Manchmal befürchte ich, dass mir die Worte abhanden gekommen sein könnten und bin so unzufrieden mit meinen Texten, dass ich fast alle wieder lösche.
      Umso mehr freut es mich, dass Dir mein spärlicher Output gefällt. Danke!

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      • Ja, und immer mal wieder frage ich mich auch, was aus dem Mann geworden ist, der immer einen Rock getragen hat, total abgemagert war, in den Cafés Essen bekam, kaum Zähne im Mund hatte und hinkte. Weißt du wen ich meine?

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          • Ich kann mich leider auch nicht mehr an seinen Namen erinnern, aber Charlie, den Schnitzer kenne ich nicht.
            Manchmal noch vermisse ich dieses Bunt in den Straßen, aber es ist seltener geworden.
            Liebe Grüße
            Ulli

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              • Das ist mein Punkt, ich bin zu durchlässig und halte das viele Elend so hatnah einfach nicht aus, deswegen ist es natürlich nicht weg. Ich schaue TV und lese und höre und dann steigen auch immer wieder Erinnerungen hoch. Aber hej, auch hier gibt es die bunten Orte in allen Facetten, die ich ab und an aufsuche, weil so ganz ohne geht es eben auch für mich nicht.

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