Carantene

Die Haare müssen ab und der Kleiderschrank ist immer noch zu voll.
Mein Schminkzeug habe ich schon lange nicht mehr benutzt und abgesehen von den falschen Wimpern werde ich nichts davon noch brauchen. Weg damit.

Auf dem weißen Turm mahnt der Stapel nicht abgeschickter Postsendungen. Über ein Jahr schon. Ich sollte sie nachfrankieren und endlich einwerfen.
Die Metallwand immerhin ist abgeräumt. Alle Kinderzeichnungen verschwunden. Geblieben nur die Donald-Postkarte, die Frankfurter Skyline und 2 x Heimat.

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Im Nachbarschaftsgarten steht eine Frau mit Holzhammer. Als ich an ihr vorbei gehe beschimpft sie mich und meine beiden Scheißköter. Auf dem Rückweg stellt sie sich uns mit einem Spaten in den Weg. Schweigend mache ich einen Bogen durch die Beete und bewundere im Vorbeigehen die hohen Blütenstände der Cosmea. Die Scheißköter laufen brav an meiner Seite.
Fast alle Zugänge zum Garten hat sie mit Flatterband und Totholz gegen Eindringlinge gesichert. Carantene! No entry steht quer über dem Willkommensschild.


Auf dem Weg zum Görli balanciert mir ein Mann im Nadelstreif auf einem Einrad entgegen. An der Hochbahn springt er mit dem Gefährt auf der Stelle, bis sich eine Lücke im Verkehr auftut und er unter den sirrenden Flügelschlägen des aufgeschreckten Taubenschwarms davonflitzt. Wenig später sehe ich ihn im Park wieder. Eine Hand auf dem Hut, die andere mit shivaartigen Verrenkungen um Gleichgewicht ringend, stößt er vor und zurück und vor und zurück, und versichert sich aus den Augenwinkeln der Aufmerksamkeit seines Publikums.

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Bei dem Buchengrüppchen hat irgendwer eine Bank in Einzelsitze zersägt. Alle drei Plätze sind belegt. Auf jedem Schoß eine abgewetzte Alditüte.


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Am ehemaligen Bahndamm steht ein Grüppchen Dealer und beobachtet die Polizisten, die mit Stöcken Tütchen voller Gras aus der Böschung klauben.
Ein paar Meter entfernt laufen die Geschäfte wie gewohnt weiter.

9 Kommentare zu “Carantene

    • Resolut? Freut mich. Hab ja immer das Gefühl, dass ich mich willenlos wie eine Tote auf dem Wasser treiben lasse.

      Eigentlich wollte ich Ihnen heute ein Foto von einem Maulbeerbaum machen. Aber das Schicksal schob meinen wehrlosen Leib in die entgegen gesetzte Richtung und so muss ich warten, bis der Baum im nächsten Frühjahr austreibt und ich die verschiedenen Blattformen in Augenschein nehmen kann.

      Liken

    • Ja, alles läuft immer so weiter, bis es irgendwann endet.
      Das Tölchen bekommt jetzt 2 x täglich ein neues Medikament. Dadurch geht es ihr besser. Wenn nur der Tumor aufhören würde zu wachsen.

      Liebe Grüße in den Wedding!

      Gefällt 1 Person

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