Flöten gehen

Erinnerungen lösen sich auf wie die Zuckerwatte zwischen den Waschbärpfoten. Laub treibt auf dem dunklen Wasser. Dazwischen mein verschwommenes Gesicht.

Vor dem Neubau in der Reichenberger ist die Ausfahrt noch immer schwarz geteert. Ich schaue in das unbewohnte Erdgeschoss und spüre mein Herz schlagen. Genau hier stand ich, das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt, als ich erfuhr, dass unsere verschollene Mutter wieder aufgetaucht ist und nun als dementer Pflegefall in einem Paderborner Heim lebt.

Ein Stück weiter östlich treffe ich auf J., die sich vor Jahren in ihrer (Erdgeschoss-) Wohnung erhängte und mit der ich irgendwo hier mal Irgendwen besucht habe. Nur wen und warum (war es May)? Ich weiß es nicht mehr.
J. und ich nicken uns zu. Im Vorübergehen streife ich ihren Arm.
Zwei Finger breit hieß ihre Übung. Zwei Finger breit Schönheit an sich selbst entdecken und sich so stückchenweise annehmen lernen. J. entschied sich für ihre Lippen. Das wäre auch meine Wahl gewesen. Geholfen hat es nicht. An einem 4. Dezmber beendete sie ihr kurzes Leben.

Kurz vor dem Kotti läuft wenige Meter vor mir der Prophet. Wie immer mit schwerem Gepäck auf seinem geraden Rücken. Eine Zigarette in der Linken, den Blick nach vorne ins Unbestimmte gerichtet, schreitet er mit großen Schritten in eine Zukunft ohne mich.

Wo bist du, dass ich bei dir bliebe


Selbst oder gerade als Totgesagte macht die Corona-Isolation mir wenig aus.
Ich gehe sowieso am Liebsten mit Freundinnen spazieren oder lese.
Das darf ich beides noch.


Das Tölchen ist immer bei mir.


Cliffhanger:


Heute Nacht zwischen drei und fünf Uhr wird ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen.

8 Kommentare zu “Flöten gehen

  1. Zuckerwatte zwischen Waschbärpfoten….. Mannmannmann Sie verstehen es, mit wenigen Worten, Bilder und Gefühle zu erzeugen.
    Wenn das Tölchen immer bei Dir ist….. dann life und in Farbe hoffe ich sehr und wage nicht das Fragezeichen hinter diesem Satz.
    Der Cliffhanger entfaltet volle Wirkung bei mir…. seufz…. und ich lechze nach Fortsetzung.
    Seien Sie aufs herzlichste gegrüßt…..

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  2. „spazieren oder lesen“ – hier auch. Ich habe dieses Jahr so viel gelesen wie seit Jahren nicht mehr und das erste Mal seit ich nicht mehr Bibliothekarin bin eine Neuerscheinung innerhalb von Wochen nach der Veröffentlichung. Das mit dem spazieren werde ich mir vermutlich bald klemmen, das einzige wo ich hinwollte, kann ich jetzt nicht (mein Museumsbesuch anlässlich meines 40. fällt aus) und sonst hab ich nie so wirklich Lust, mir reicht das Einkaufen. Ich war wohl vorhin eine Runde um die Siedlung, weil ich eine neue Maske ausprobieren wollte. Das hat mir gereicht.

    Ich komme mit der „Isolation“ auch gut klar. Vermutlich kann ich diesen Monat zum ersten Mal eine große Decke am Stück stricken, das freut mich sehr, weil ich das seit Jahren machen wollte.

    Ansonsten schließe ich mich dem Lob für den Text an.

    Gefällt 1 Person

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