Mitgift

In nur zwei Wochen wurde die Dorfstraße neu geteert. Das letzte kleine Teilstück soll erst im kommenden Jahr beendet werden, sagt der Nachbar, der mich inzwischen wie eine Einheimische behandelt und über die Geschehnisse im Ort auf dem Laufenden hält. Auch die Bauern der Umgebung lupfen den Hut wenn sie mich sehen, eine Geste, die ich nur von meinem Großvater kenne, der sich auch daran erfreute, wenn ich einen Knicks machte. Einen Knicks!
Von meiner Urgroßmutter geht die Mär, sie sei so vornehm gewesen, sie habe sich sogar vor dem Fernsehansager geniert, als ihre Tochter, meine liebe Großmutter, ihr einmal bei laufendem Gerät die nackten Füße waschen wollte. Nicht vor dem Herrn, Inge, soll sie gesagt haben.
Sie war hochgewachsen und knochig und bewohnte ein Häuschen an der Dorfstraße in Arolsen. Davor ein kleines von links und rechts begehbares Treppenplateau mit schwarz gestrichenem, gusseisernem Geländer. Nicht weit entfernt die Koppeln des ehemaligen Viehmarktes.

Ich erinnere mich gut an sie. Wir haben uns nie umarmt.

Die Tage vergehen. Nachts schlafe ich wie in Vollnarkose. Am Morgen wecken mich die Stubenfliegen im Gesicht und in den Haaren. Auf die Fensterscheiben habe ich bunte Schmetterlinge geklebt. Sie sollen die Fliegen anlocken und mittels Kontaktgift töten. Insgeheim bin ich froh, dass es nicht wirkt. Immerhin fange ich jede zweite mit der Hand und setze sie unversehrt vor die Tür, wo sie kichernd darauf wartet, erneut Einlass zu finden.

Gegen Stechmücken hilft nur Autan, ein ungiftiges Repellent. Die Mischung ätherischer Öle aus der Kur-Apotheke lockt die hungrigen Tiere erst recht an. (Die veganen Gummibärchen aus der Apotheke sind really knorke).

Von der letzten Hütte oben am Hang schauen wir in das Tal, auf die Heuballen, die Rinder und auf das Moos. Jahr für Jahr reise ich in die Alpen, doch nach dem letzten Romflug habe ich zuviel Höhenangst, um mich den Gipfeln zu nähern.

Kurz vor der Abreise erinnerte ich mich plötzlich an einen lange vergessenen Aufenthalt auf dem Predigtstuhl. Der Cousinenvater hatte damals die Seilbahn und das Hotel übernommen und uns auf ein Wochenende dorthin eingeladen. Es war Spätsommer, ich war gerade erst aus der Klinik entlassen worden, mein Bruder war noch Teil meines Lebens und nicht bloße Erinnerung.
Am Abend tanzten die Burschen aus dem Tal in Tracht mit schweren Schuhen über die knarzenden Dielen, einer sprach mich mit kurzem Atem und roten Wangen in einem schwer verständlichen Dialekt an. Möglicherweise war ich angeschickert. Geglüht habe auch ich. In der Ferne die Lichter Bad Reichenhalls.

Am nächsten Tag, wir waren unterwegs zum Jagertee auf einer nahegelegenen Almhütte, landete ein Schmetterling auf meiner Nase. Ich schloss die Augen, unter mir das Tal und die schwebende Gondel der hauseigenen Seilbahn.

Hier im Garten gibt es einen Birnbaum, auf dem ein dunkler Falter lebt.
Ich besuche ihn fast täglich und jedes Mal kommt er angeflogen und setzt sich auf meine Schulter oder meine Hand.

Auch mit den Pferden habe ich Freundschaft geschlossen. Das eine 14, das andere 18 Jahre alt, stehen sie an der steilen Kurve des Feldweges und erwarten mich leise wiehernd, um mich und den Hund ein Stück den Zaun entlang zu begleiten. Manchmal galoppiert das Hellere der beiden im gestreckten Galopp über die Koppel und ich jubele ihm zu.

In meinem Innersten hatte ich geglaubt in diesen Sommer Vollwaise zu sein.
Ich wäre jetzt soweit, denke ich. Der Mutter habe ich verziehen, dem Kanzler werde ich sicher auch irgendwann alles nachsehen. Wut bzw. die hochgiftige und bittere Variante davon (Verachtung) empfinde ich nur noch gegen einen einzigen Menschen, der nicht einmal Teil meiner Familie oder meiner Geschichte ist. Wut ist – ein beliebiger Kalenderspruch.

Traurig bin ich aber dann doch.

6 Kommentare zu “Mitgift

  1. „Ich erinnere mich gut an sie. Wir haben uns nie umarmt.“
    Das war bei meinen rheinischen Großmüttern dasselbe. Und selbst in der Elterngeneration umarmt „man“ nur kleine Kinder.
    Auch mir fällt von jeher diese allgegenwärtige Umarmerei schwer. Habe mich mühsam angepaßt und bin, was das angeht ganz froh über die Pandemie… so bleibt Einer da Einiges erspart ;-)

    Gefällt 4 Personen

  2. Gut, wenn die Wut verebbt ist. Sie hat ja auch immer einen Teil, der sich gegen einen selbst richtet, gegen all das Mitgegebene. Danke für deinen leichten Text aus der Sommerfrische mit Höhen und Tiefen.

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    • Wut hat macnhmal eine Kraft, die durch die Trauer trägt.
      Inzwischen ist die Trauer meist ganz erträglich und jetzt kommt die Phase der Vergebung.

      Berlin hat mich wieder und die Glocken des Abschieds füllen das Herz mit ihrem Geläut.

      Liebe Grüße in den Wedding!

      Gefällt 1 Person

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