random beauty

Vor ein paar Tagen (im Zustand seelischer Beklommenheit und mit drängendem Herzschmerz) schrieb ich einen Katastrophentext, der nur knapp vor dem Zusammenprall zweier Schwerlastzüge schlagartig an Fahrt verlor, knirschend im Schotterbett der friedvollen Versöhnung ausrollte und mit ohrenbetäubendem Quietschen zum Stehen kam, weil längst nichts mehr so heiß gegessen wie gekocht wird.

 

Nachdem ich viel Kraft und Weh und mancheine Tränen in diesen Text gelegt hatte, war ich beinahe geneigt, die Sache für eine schöne Pointe doch noch entgleisen zu lassen, aber das Harmoniethierchen in mir

(zirkelschmirkel fasel quassel stelzstelz)

… Twitter frisst Konzentration, fördert Faulheit und schnelle-Applaussucht (sach ma´n Wort mit „ussu“ inner Mitte) und schleift bedauerlicherweise den Sprachschmelz bis auf den empfindlichen Zahnhals herunter, wie einst Tierarzt und Autor St. seine Fingernägel auf den Steinplatten vor unserem von Springspinnen besiedelten Häuschen in der Bretagne.

Merkwürdigerweise denke ich, den St. vor Augen, immer auch an Cousine S., die Behütete, obgleich die beiden sich weder je begegnet sind, noch irgendetwas gemein hatten, außer vielleicht Haarfarbe und Frisur: blond und kurz, sowie den gerne getragenen schwarzen Rollkragenpullover und die beim Reden souverän übereinander geschlagenen Beine.

St. war es, dem die Geschichte des kleinen Mädchens, das auf einem Stuhl mitten im Raum sitzend, imstande war sein feines Sonntagskleidchen zu beschmutzen, so sehr ans Herz griff, dass er sich in die inzwischen zur Frau Herangereifte verknallte und mit ihr und dem alten Mercedes eine Reise durch französische Landhotels unternahm.
Wie sein Vater war der St ein leidenschaftlicher Jäger, der mit Lust tötete, was er am meisten liebte: den Fuchs.

St., so hörte ich Jahre später, soll sich nach dem vierten Kind mit der vierten Frau aus Gründen der Kostenersparnis, anstatt von einem Urologen, von seinem Cousin, einem Tierarztkollegen, sterilisiert haben lassen.
Vielleicht eine selbst gestreute Erzählung, möglicherweise aber tatsächlich so geschehen.


Cousine S. indes wechselte vom Genre der Beauvoir zu dem einer betont überkandidelten Madonna. Unbeabsichtigt und nahezu unbemerkt versandete unser Kontakt und viele Leben später, an einem dunklen Herbstnachmittag, begegneten wir uns auf einer umtosten Neuköllner Verkehrsinsel wieder, beäugten uns schüchtern und strebten bei Grün mit einem schmalen Lächeln auf den müden Gesichtern davon.

//

 

Vor meiner Abreise (noch 22 Tage) stiefele ich so oft ich kann zu dem Wunder unter der Brücke.



Das Magische: erst wenn ich mich fast mittig unter dem Spalt in der Brücke befinde, wird der Streifen des einfallenden Lichtes auf dem Wasser sichtbar, und er verschwindet, sobald ich mich wieder ein kleines Stück entferne.
Über mir wummert und dröhnt die Stadt. Zwischen den Brückenpfeilern das helle Pfeifen der Taubenflügel.



Musik zum Text:

The Limiñanas – La mercedes de couleur gris métallisé

(youtube Direktlink)

4 Kommentare zu “random beauty

  1. Was das Wunder angeht, bin ich bei Gerda. So was könnte ich hier auch gebrauchen. Wir haben eine Inzidenz von 21,2 und ich will noch was sehen, bevor es hier den Fluss hinuntergeht. Aber ich habe mein Museumsticket, das heißt, im Notfall weiß ich wofür ich monatelang nicht vor die Tür kann, aber so langsam wird es langweilig.

    Was Twitter angeht, bin ich zumindest in dem Punkt mit der gefressenen Konzentration bei dir, das kenne ich auch so. Zu den anderen beiden Punkten kann ich nichts sagen, weil ich da ja nur lese. Ich finde es da auch zum Teil ermüdend, aber dort sind eben diejenigen Leute, die in einigen Kontexten die besten Informationen zur Hand haben und teilen.

    Gefällt 1 Person

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