Die Kälte, die aus dem Fenster kam

Der Bekannte und ich sitzen, jeder mit seinem Rechner beschäftigt, am Küchentisch und versuchen, uns auseinander zu leben, so gut die räumlichen Verhältnisse, in denen wir seit der Coronakrise leben, das eben erlauben. Draußen hat der Himmel sich verdunkelt, in der Ferne grollt und rummst es, Wind fährt in die Baumwipfel, die Vögel sind verstummt.

Später am Tag, der Regen ist ausgeblieben, treffe ich die Theaterfrau vor ihrer Abreise nach Portugal auf einen Cappuccino unter blühenden Linden. Noch immer kann ich nichts riechen, und auch der Geschmackssinn ist weiter auf einem Tiefpunkt, doch Kaffee geht immer und ich schmecke bzw. spüre sogar heraus, dass der Barista die schlechte Hafermilch von Provamel verwendet haben muss. Sie brennt im Magen, was die gute Oatly nie tut.

Am Abend, die Temperaturen sind ein wenig gesunken und die Sonne steht im Westen hinter der Feuertreppe, gehe ich noch einmal hinaus in den Garten, die Pflanzen zu wässern, doch gleich hinter der Hoftür fällt der Sechskant für den Wasserhahn mir aus der Hosentasche und durch das Gitter in den Kellerschacht. Ohne zu fluchen oder auch nur tief einzuatmen, gehe ich zurück ins Haus, hole Klebeband und bastele mir aus frisch geschnittenem Bambus eine Angel. Nach einer geduldigen langen Weile gelingt es mir, den Schlüssel an seiner Kordel aus Staub und Weben zu fischen.
Meinen Plan zu wässern habe ich inzwischen aufgegeben und kantapere stattdessen, die tiefstehende Sonne im Gesicht, zum Heinrich-Heine-Forum, wo ich mir ein Reisgericht und eine Mate hole die ich unter der kleinen Ulme im Garten genieße, während die Hunde unter dem riesigen Ahorn umhertollen und spielen, bis sie sich schließlich eine Kuhle buddeln und schlafen.

Es ist Jahre her, dass ich einen Abend hier draußen verbracht habe.

(In der Nacht erbricht der Besuchshund riesige Lachen dunkelbraunen, stinkenden Breis neben mein Bett).

//

Die Sache mit dem Auseinanderleben hat dann doch noch Fahrt aufgenommen.

Da kam so: auf dem Nachhauseweg von der Bibliothek hustet es plötzlich über mir an einem Fenster. Ich blicke auf und der frisch hervorgebrachte Auswurf landet direkt in meinem rechten Auge. (Wie viel Pech kann ein Mensch allein eigentlich haben?)
Meine mit zitternder Stimme unter Ekelschock vorgetragene Sorge, mir durch das widerliche Sputum womöglich Corona eingefangen zu haben, quittiert der durch die Hitze offensichtlich fernab jedweden Trosts befindliche Bekannte mit „Hör auf mit deinem psychotischen Gerede“. Ich tue wie mir geheißen und genieße nun inmitten der schwülen Sommerglut die angenehme Kühle, die sich zwischen uns breit macht. Besser als jede Klimaanlage und umweltfreundlicher obendrein.

14 Kommentare zu “Die Kälte, die aus dem Fenster kam

    • Sie ist ja nicht nur unfroh, die Geschichte. Im Garten zum Beispiel war es sehr schön.
      Und genau da gehe ich jetzt gleich wieder hin.
      Danke für die freundlichen Worte!
      Einen schönen Sonntag wünsche ich

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    • Streit ersticke ich idealerweise m Keim, indem ich den Raum verlasse bzw. schweige.
      Mir macht das nichts aus. Hab schon in frühester Kindheit den Rückzug in mich selbst erlernt.

      Ich gehe jetzt in den Garten zu den Weinbergschnecken.

      Liebe Grüße!

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  1. Warum nur kommt mir das mit dem psychotischen Gerede so bekannt vor?! Ich habe letztens wahrheitsgemäß zu jemandem gesagt, dass ich mich nicht traue in der großen Stadt einzukaufen weil da ständig die Altstadt wegen Massenansammlung geräumt wird und es außerdem einen Infektionsausbruch in einem Krankenhaus gab – aber ich bin ja überempfindlich… Das Haus in dem meine Selbsthilfegruppe läuft lässt mich (und die anderen Teilnehmerinnen) nicht in unsere Räumlichkeiten, weil wir alle als vulnerabel gelten und uns ja auf dem Weg hin und zurück infizieren könnten, man wolle uns und sich schützen (und die Versicherung…) – aber da ist man ja mit Verfolgungswahn… Mal ganz davon ab was los ist, wenn ich Leuten sagen, dass nein, ich schüttele noch nicht wieder Hände… (Warum eigentlich immer dieses pathologisieren?!)

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  2. Reisgericht und Mate. Gute Kombo. Letzteres hätte ich an dir nicht vermutet. Hipsterbrause ist mein Kaffee (der wiederum eher mit anderen Effekten versehen bei mir) 😉

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  3. Ungewollt zum Empfänger fremden menschlichen Sekrets zu werden ist schon schlimm, aber wenn das Ziel dann auch noch das geöffnete Auge ist, dann ist es durchaus verständlich, sich Sorgen zu machen.
    Mit anderen Worten: ich würde am Rad drehen… Corona, Hepatitis, HIV…. der Topf der Möglichkeiten ist reich gefüllt!

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