Uppsala

In der Nacht hat jemand Kühlwasser in meine Adern gefüllt. Tagsüber versuche ich, das Blut wieder auf 36 Grad Celsius zu erwärmen.

Herr Celsius hatte eine Mutter, aber wahrscheinlich keine Frau. Denn nirgends steht etwas von ihr (der nicht Gewesenen) geschrieben. Nur zwei Jahre nach seinen Thermometerstudien starb er mit 43 Jahren in Uppsala an Tuberkulose. Ein Nachruf würdigt sein sonniges Gemüt:

Celsius war ein vielseitiger Mann. Er schrieb Verse auf Schwedisch und Latein und war stets heiter und glücklich. Und egal, wie viel er auch zu tun hatte, er schien niemals in Eile zu sein.“

Seit Ewigkeiten schaue ich jeden Tag mindestens ein Mal auf das Außenthermometer, ohne bislang je an Anders Celsius gedacht zu haben. Und mit Uppsala verbinde ich, sieht man mal von einer längst geschlossenen Interimskneipe in der Wiener Straße ab, nichts ernst zu nehmendes (zusammen und groß?). Es muss der Beschaffenheit der Lokalität, an die ich mich nur vage erinnere, geschuldet sein, dass ich bei Uppsala vielmehr ein kurzes, krumm getretenes Holztreppchen vor Augen habe, leicht gewendelt und vor Urzeiten einmal himmelblau gestrichen, inzwischen jedoch längst überall abgeblättert, auf dem eine baumlange Transe mit aberwitzigen Plateaus sich beim hinternwackelnden Hinaufschnüren im hautengen Paillettenrock der Länge nach hinlegt. Stolper Eck. Uppsala ist Hoppsala, aber das wusstet Ihr ja schon.

Während ich mich mit dem Infekt, der nächtlichen Atemnot (ich schlafe im Sitzen) und den Geschmacks- ud Geruchsverirrungen herumquäle, läuft das ganz normale Leben weiter.
In allen möglichen Belangen wird mir ein Extraschritt, eine Zusatzkür abverlangt und ich fühle mich, wie die Jongleure meiner Kindheit, die Stäbe in Schwingung versetzten, darauf Teller kreiseln ließen, hin und her hastend den ins Trudeln geratenden Tellern neuen Schwung gaben, am Ende einen nach dem anderen wohlbehalten einsammelten und sich vor dem begeisterten Publikum verneigten. So auch ich.

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Die Vermieterin wirft weiterhin allmorgendlich leere Weinflaschen in den Glasontainer. Ausgezehrt sieht sie aus und inzwischen fusseln auch ihre Haare und das Gesicht legt sich in tiefe, ledrige Falten.
Seit ein paar Wochen hat ein Hausverwalter nun ihre Arbeit übernommen und so ist immerhin dieses unangenehme Kapitel für mich endlich beendet. Neulich, der Bekannte stand rauchend vor dem Haus, fragte sie ihn übrraschenderweise nach meinem Befinden. Corona sei doch sicher gerade für mich eine hochgefährliche Angelegenheit und eine Belastung. Weil dem Bekannten nicht mehr zu entlocken war als unbeteiligtes Nicken und Schulterzucken, ließ sie schnell von ihm ab und mir schöne Grüße und alles Gute ausrichten „Auch wenn sie das von mir bestimmt nicht hören möchte“.
Einen Tag später begegneten wir uns im Hausgang und sie ergriff wortlos die Flucht.

Mich wundert, wie ich mich all die Jahre von dieser Frau derart hab piesacken und schurigeln lassen, wie ein Schulkind von einer mobbenden Lehrerin.



Auf dem Mariannenplatz verkaufen sie Honig, das Glas für zwofuffzig. Viel zu billig, findet die Bienenfrau und erzählt, dass die Robinien in diesem Jahr sehr kurz nur geblüht haben und es mit dem Honig bislang überhaupt eher mau aussieht. Ob wenigstens für die Bienen genug da ist, frage ich sie. Ja, für die Brummseln schon, sagt sie, und ich bin zufrieden.
Später, wir unterhalten uns über das Virus (an das sie nicht so recht zu glauben scheint) erzählt sie, dass sie einmal Franziskanerin war. In einem früheren Leben. Ihr spiritueller Weg zum Schamanismus habe ihr erst kürzlich diese Erinnerung zurück gebracht, weshalb sie nun plane, einmal ein süddeutsches Kloster zu besuchen. Ich war mal Hunnin und lebte und reiste in und mit einer Jurte, versuche ich, meinen Teil zu der Unterhaltung beizusteuern. Ich konnte sogar hunnisch, füge ich hinzu, zumindest in meinem Traum.

13 Kommentare zu “Uppsala

  1. Es ist schon seltsam, wie man sich von manchen Menschen unterbuttern lässt. Die neue schwäbische Kollegin, über die ich manchmal auf meinem Blog lästere, kann auf meinen Triggern spielen wie auf einem Klavier. Inzwischen bin ich so weit, dass ich die Trigger zwar wahrnehme, aber nicht mehr sehr darauf reagiere. Ich nehme an, mit Ihrer Vermieterin war es ähnlich.

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    • Heute Nacht habe ich von der Frau geträumt… Es muss irgendetwas sein, was auf frühere Zeiten zurückgeht, dass diese Menschen uns so spielen können.
      Natürlich hat meine Vermieterin gewusst, wie sie mich quälen kann und sie hatte immer ein As im Ärmel: die Kündigung.
      Manche Menschen sind auch einfach nur böse und man wendet sich besser den anderen, den Guten zu.

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  2. Celsius war also ein glücklicher Mensch. Wie war wohl Kelvin? Kalt, berechnend? Kannten sie sich? (Und welche Rolle spielt der fahrige Fahrenheit?) Ich denke mir jetzt einen hanebüchenen historischen Thermometer-Roman aus, der natürlich einen Showdown in Uppsala enthält.

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      • Ich hab mal was über eine geniale Physikerin gehört, die nicht studieren durfte sondern wie Aschenputtel die Hausarbeit machen musste. Ihre Wellentheorie hat sie enwickelt , als sie einen Tropfen beobachtete, der ins Abwaschwasser . So könnte es doch gehen: Eigentlich ist die Zugehefrau von Herrn Celsius, der heimlich in sie verliebt ist und ihr lateinsche Gedichte schreibt, die Geniale und diktiert dem Sonnyboy ihre Entdeckungen über kochendes Wasser in die Feder…

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  3. Es lehrte uns schon der Kanzler der Einheit: Man muss nicht zur rechten Zeit am rechten Ort sein, sondern einfach bleiben und die Zeiten kommen und gehen lassen. Herr Celsius scheint das schon gewusst zu haben.

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  4. Wünsche weiterhin gute Besserung und einen ersten Schlaf im Liegen. So einen Triggerer hab ich übrigens auch, der mir bei jeder Begegnung aufzeigt, was ich für dünne Nerven hab. Er ist wie ich Hundehalter. Sein Hund ist ein Dobermann, ein Monstrum, aber total lieb. Mein Hund ist es gewohnt, frei rumzulaufen. Und ist auch lieb. Wenn der Mann mir bei der Abendrunde über den Weg läuft, ist es jedes mal dasselbe. Er bleibt stehen und sagt: “ Hier ist Anleinpflicht.“ Er weiss haargenau, dass er mich damit auf die Palme bringt, und tatsächlich: ich kann mir vorher 1000mal sagen, du bleibst ruhig, wenn du den Blödmann mit dem Kalb triffst, du lässt dich nicht provozieren, doch kaum hat er sein Sätzchen aufgesagt, bin ich auf 180. Eher 190. Ich beschimpfe ihn als dumme Sau, biete ihm an, was auf die Fresse zu hauen etc etc. Das ganze endet damit, dass er „Grossschnauze“ murmelt, und ich mich umdrehe, den Puls auf 140 und nach Hause gehe, total schlechtgelaunt. DIESES ARSCHLOCH!

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    • Du sagst wenigstens Arschloch zu dem Idioten. Ich hab diese Frau erduldet und mich nur gelegentlich in Gewaltfantasien ergangen. Ich hätte ihr jeden Tag Putzwasser oder Schlimmeres in den Briefkasten schütten sollen.

      Ich genese und inzwischen rieche und schmecke ich sogar wieder etwas und es ist beinahe so wie gewohnt.
      Danke für Deine guten Wünsche!

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  5. Dass ausgerechnet dich, die du eh schon arg gebeutelt bist mit diesem und jenem medizinischen Übel, das Coronavirus erwischen musste, tut mir so leid!
    Gute Besserung wünsche ich dir, von ganzem Herzen!

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