In Kröten enden

Das Schwierige am Kranksein ist das Kranksein. Kommt dann noch Kranksein obendrauf, ein anderes Kranksein, möglicherweise das gefürchtete, werden Geduld und Mut auf die Probe gestellt (gechallenged).
Seit ein paar Tagen habe ich Temperatur, Atemnot in der Nacht, neue, noch ungekannte Geruchsstörungen, Magen-Darm-Misere. Die Schwester sagt: mach einen Test. Der sterbende Hypochonder fragt: wozu denn noch?


Irgendwo wird Brot gebacken, Schnecken kriechen über Kaffesatz, in einem Garten sitzt eine Kröte, die Augen in den Gaumen gewachsen erspäht sie die Beute mit offenem Maul und schaut ihr im Herunterschlingen beim Sterben zu.
Anderswo wächst ein Kind auf, ein Hund, ein Kalb. Nicht alle werden das nächste Frühjahr erleben.
Im Winkel des Kreuzes ein Nest.

So geht das, immer weiter. Und es ist nicht so schlimm, wie man denken sollte: es ist entsetzlich und tröstlich und wunderbar zugleich.

Früher, als ich noch Tiere aß, bestellte ich gerne Schwertfisch vom Grill. Der serbische Kellner des griechischen Lokals brachte vor (dem), während (des) und nach dem Essen(s) einen Ouzo (auf´s Haus). Den ersten und letzten kippte ich heimlich in die winzige Tischvase, die überlief und sich auf der Strukturdecke ergoss.
In dem bunkerartigen, fenterlosen Lokal dudelte Musik in Dauerschleife. Am Ende jedes Durchlaufs erklang ein geheimnisvolles Pfeifen, eine versonnene Traummelodie, man hörte das Klappern in der Küche, die Stimmen der anderen Gäste und dann ging alles von vorne los.

Bei meinem letzten Besuch bat mich der Kellner im Beisein des Kanzlers, den Ouzo nicht wieder in die Vase zu schütten.

In der Nacht erwachte ich mit Herzklopfen und Durst.

32 Kommentare zu “In Kröten enden

  1. Ich werde Dienstag meine griechische Kollegin fragen, ob sich mit dem weggekippten Ouzo ein Aberglaube verbindet. (Sie hatte mich eindringlich davor gewarnt, mit Espressotassen anzustoßen, was ich dann, ihr zuliebe, auch nicht getan habe.) – Mit dem Test: Mach, wie du meinst. Ich wär dafür.

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    • Das bringt Unglück (sagt sie). – Ja, ich werde berichten.
      Die Angst verstehe ich oder glaube ich zu verstehen. Gewissheit würde wahrscheinlich Ruhe in die Sache bringen, und für mich wäre Ruhe in jedem Fall das richtige. Aber jeder tickt anders. – So viel lässt sich sagen: deine Leute hier denken an dich und wünschen dir das Beste.

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      • Q: A blogger colleague has told a story about being at a Greek restaurant and getting served three ouzos, before, during, and after lunch. She only drank the middle one and poured the others in the Blumenvase on the table. At her last visit in the restaurant she’s been asked by the owners not to do so. Is this about politeness or is it an Aberglaube thing? (I would have drunk all the ouzos, of course, or declined one of them.)
        A: She went to „Asteria“ didn’t she? It’s very, very rude to refuse a treat. Next time she can say beforehand that she doesn’t want any alcohol, and she thanks them for the offer.
        If you ever find yourself in Greece, especially in Crete, and you are given a drink, you drink it. It’s a major offense.

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        • Sie hat noch ergänzt:
          This stems from the fact that Greece has always been very poor. So, when a Greek offers you a treat, especially in the older times, it would be something that they would miss. It’s a sign that they consider you a member of the family if they are sharing their last Ouzo with you for example. Saying no, means that you don’t wish to be a part of their family or a friend.
          What we do if we don’t want to drink the treat, is to give it to someone on the table who will drink it.

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          • Hm, ja. Der Laden war eine ganz schöne Abfüllhölle und meine Begleitungen mochten den Ouzo auch nicht mehr haben. Natürlich hatte ich zuerst versucht, ihn weiter zu geben. Der Kellner war übrigens, ich glaub ich schrieb es, kein Grieche. Jeder Gast bekam vor, während und nach dem Essen einen randvollen Ouzo. Zuviel für meine Leber.
            Trotzdem blöd von mir, ich weiss. Inzwischen trinke ich gar keinen Alkohol mehr.

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        • Umpf. Wusst ich ja eigentlich schon, dass das rüde war. Zu meiner Verteidigung: ich hab mich damals nicht getraut, das Getränk abzulehnen, weil ich dachte, das sei sehr unhöflich. Natürlich hätte mir klar sein müssen, dass das Wegkippen viel, viel blöder und eine unsensible Brüskierung sein würde. Irgendwie nahm ich aber an, dass niemand es bemerken würde. Naja. Nicht nett. Tut mir jetzt noch Leid. Seufz.

          Danke für´s Nachfragen!

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            • Ich hätte auch mit Kaffee angestoßen und ich trinke von morgens bis abends Cappuccino, was ebenso eine Unsitte ist. Ich glaub ich weiss manchmal nicht so genau, was sich gehört und was nicht.

              Ich hab drüben bei Dir gelesen und Musik gehört. Hat mir gut gefallen.

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    • Mich beunruhigt das auch. Andererseits: bin ja Katastrophenchronistin. Werd das hoffentlich gut überstehen. Danke für Ihre Wünsche!

      Die Kerzen des Königs sind beeindruckend- war grad drüben, als Sie auf Socken die Maus in Nachbars Garten aussetzten.

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  2. Ich weiß nicht, warum (ich kenne dich ja nicht wirklich), aber ich habe ein gutes Gefühl, so in die Richtung, dass du das schaffst, egal, was ein Testergebnis aussagen würde. Ok, das hilft dir nicht wirklich weiter, aber ich wollte es dir einfach sagen….

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    • Es geht mir immerhin so gut, dass ich gestern eine gute Stunde (maskiert) aus dem Haus gehen konnte. Mit ffp3 und meterweitem Abstand zu allen Menschen.
      Danach war ich ziemlich erledigt.
      Ich bleibe die nächsten Tage im Haus.
      Danke Dir!

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      • Immerhin. Ich war gestern weil es sich nicht vermeiden ließ mehrere Stunden mit Bus und Bahn unterwegs, danach war ich auch erstmal fertig (körperlich). Auch wenn ich eine Maske habe unter der ich gut Luft bekomme (musste allerdings ein bisschen herumprobieren was taugt und was ich überhaupt aushalten kann). Allerdings: wir haben hier auch nicht so viele Fälle wie ihr in Berlin, also lebe ich nicht ganz so gefährlich. Behördlich angewiesen zu Hause zu bleiben bin ich allerdings immer noch, die Anweisung haben hier viele bekommen, die irgendwie in Richtung vulnerable Gruppe fallen. Jetzt kann ich mir den ganzen Sommer klemmen mal irgendetwas anderes als irgendwie nötig zu sehen. Ich hoffe, die Situation ist im Herbst besser, ich will im November ins Museum. Ich wollte jetzt eigentlich auch (Zeche Zollverein SURVIVORS), aber das mache ich nicht, ich bin nicht verantwortungslos.

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        • Du bist behördlich angewiesen, Zuhause zu bleiben?
          Ich glaube, das würde ich gar nicht aushalten. Gehe ja sowieso meist allein meiner Wege, immer mit Maske und oft auf den Friedhof. Manchmal auch an den Fluss und gestern mal quer durch den Park, mit mindestens 3-5 Metern Abstand zu Menschen. In Öffentliche würde ich mich nicht wagen.
          Ich hoffe sehr, dass die Situation sich so entspannt, dass Du Dich wieder frei bewegen kannst. Was meinst Du mit „ich bin nicht verantwortungslos“? Wem gegenüber? Dir selbst?
          Ich leg mich jetzt wieder ins Bett.

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          • Hier haben Leute mit Assistenzbedarf sehr früh Schreiben von den Ämtern bekommen, wir sollen zu Hause bleiben und nur Notwendiges draußen zu machen. Kommt raus, dass man irgendwo war wo man nicht hingehört, dann gibt es eventuell Assistenzkostenkürzung. Klingt illegal, aber ist genauso machbar wie die Druckmaschine bei ALG II, denn die können das unter Risikogruppenschutz verbuchen, sonst ist man ja selber Schuld, falls man sich ansteckt. Spazieren könnte ich gehen, ich kaufe auch in einem anderen Stadtteil ein und mache das zu Fuß, aber ich könnte jetzt nicht groß überstädtisch unterwegs sein, wenn ich es nicht so begründen könnte, dass die es akzeptieren. Wenn ich jetzt also sagen würde, ich möchte in Düsseldorf in der Altstadt spazieren gehen, wäre das quasi-illegal… Ich halte das vergleichsweise gut aus, da mein Radius sowieso recht klein ist. Außerdem ist das Kind dauernd hier. Ich bin hochoffiziell arbeitsbescheinigt die Notbetreuung, weil seine Eltern systemrelevante Jobs haben. Das heißt, der ist jetzt nicht nur nachmittags zum Hausaufgabenmachen hier, sondern ca. zwölf Stunden ab morgens und ich mache das ganze Fernlernen mit ihm. Seine Schule will ihn bis zu den Ferien nicht haben, also habe ich seit Mitte März alle Hände voll zu tun und kann eh kaum weg, weil ich ihm wirklich alles ersetzen muss. Unterrichte mal Fächer, die du nicht kannst oder nie selbst hattest mit Equiptment, das du nicht hast…

            Mit „ich bin nicht verantwortungslos“ meine ich das erstens mir selber und dem Kind gegenüber (der müsste ja mit) und für den Fall, dass wir etwas hätten, dann natürlich auch anderen gegenüber.

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              • Es ist befremdlich. Aber es war zu erwarten (man kennt ja so „tolle“ Pläne eines gewissen Herrn Spahn…) und die Wirtschaft (TM), da kann man auf so ein paar (ein Viertel der Bevölkerung) Anfällige doch wirklich keine Rücksicht nehmen. In NRW müssen auch Lehrkräfte, die zu vulnerablen Gruppen gehören wieder unterrichten (Fürsorgepflicht kennt Frau Gebauer nicht), Hauptsache ein gros der Leute hat seine Menschenrechte auf Shopping, Party, Kino und Co. wieder…

                Hier pendelt es also zwischen volles Risiko (aber natürlich als Eigenverantwortung deklariert) und Isolation für die vulnerablen Personen.

                Ob das so wirklich wacker von mir ist weiß ich gar nicht, ich sehe da eher eine Notwendigkeit. Wenn ich nicht mitspiele kriege ich vielleicht meine Assistenten in dem Bedarf wie ich sie brauche nicht zurück und dann stehe ich da, die Kostenträger sitzen am längeren Hebel.

                Ebenfalls liebe Grüße!

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                • Mich machen diese Geschichten der Gängelei immer so wütend. Und doch: ich finde das wacker, wie Du da durchgehst, ohne bitter zu werden. Die Ironie, die ich in Deinen Worten finde, steht Dir und ich glaube, sie ist ein gutes Mittel des Selbstschutzes.
                  Gut, dass vulnerabel und stark sich nicht ausschließen.

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                  • Wenn du bitter wirst, kannst du dich nicht wehren. Die wollen, dass du verbittert bist, weil du dann oft psychisch so stark abbaust, dass deine Ressourcen sich zu wehren weg sind. Du brauchst den Willen dir zu nehmen, was dir sowieso gehört. Dann trifft dich das ein oder andere zwar immer noch, aber du entwickelst auch eine positive Art von Trotz, sagen wir so. Und Entschlossenheit. Du willst ja nichts besonderes, du willst nur das, was alle anderen auch haben und man dir freiwillig geben würde wärest du „normal“.

                    Stark und vulnerabel muss sich definitiv nicht ausschließen.

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