Was zählt

Was zählt, zählt, alles andere rutscht durch – der Strumpf in der Maschin, der Cent hinter den Autositz.

Mein linker Eckzahn (dens caninus) plagt mich seit immer. Das Röntgenbild ist unauffällig, der Zahnarzt unwillig. Renitenter Überredungszwang bewegt ihn dann doch zum Aufbohren (ein gesunder Zahn, jammerschade!). Erleichterung auf meiner Seite, Triumph beim Dentisten: da ist nix, alles in bester Ordnung.
Inzwischen, Jahre sind vergangen und bei jedem Termin vergleichen der Bohrmeister und ich den Anteil grauer Haare auf unseren Köpfen (er liegt klar in Führung) geht ihm der Frevel ganz leicht von der Hand: der Hundszahn wird eröffnet und verschlossen, die Ränder verlieren mit jedem Mal an Dicke und ich fiebere dem Tag entgegen, an dem er endlich sagt: der Störenfried muss raus.

Wahrscheinlich darf man intakte Zähne nicht ziehen (Körperverletzung), so wie man keine Drogen nehmen darf (warum eigentlich). Doch in Zeiten in denen Ministerpräsidenten mit Aluhutträgern über deren herbeifantasierte Nöte (mangelnde Meinungsfreiheit) sprechen, steigen die Chancen, auch in der eigenen Sache gehört zu werden. Vorausgesetzt man verhält sich auffällig und angriffslustig genug, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, linksradikal zu sein.

Wahrheit, überlege ich, gibt es jetzt in echt und in gefühlt, in überprüfbar und in behauptet. Und sofort muss ich an den Bruder denken und an all die unerfreulichen Geschichten, die ich mit ihm verbinde.
Später am Tag, im Bad mal wieder, es muss der Sauerstoffmangel sein, überkommt mich ein warmes und ruhiges Gefühl, größer als das egomane und selbstgerecht rührselige Verzeihenkönnen, und ich sehe uns auf einer hellen Ebene stehen, die sich am Horizont in einem lichten Himmel verliert, jede und jeder an seinem und ihrem Platz, dorthin gestellt von den langen Armen der Ahnen, Osterinselfiguren, den Blick auf das Meer gerichtet, das ungeschriebene, die Füße im Sand.

Was mich dauert, ist dann auch nicht mehr ihre Unredlichkeit und Brutalität, sondern vor allem ihre Feigheit und ihre Einsamkeit. Das Eingesperrtsein des Einen in der Angst und des Anderen in Missgunst und Hass, der Kehrseite der Furcht, das unbestellte Feld ihrer Leben.



Auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof suche ich den schönsten Platz für mein Grab und entscheide mich für das südwestlichste Areal, in dem auch Iffland liegt. Oder doch lieber Murnau, frage ich die Russin, so als letzte Reise und als Ausflug für euch alle?
Hast du dir schon überlegt, welche Blumen auf deinem Grab wachsen sollen, sagt sie.
Gräser, antworte ich, einfach nur Gräser.

5 Kommentare zu “Was zählt

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