Schneise

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Beim Abbiegen in die Mariannenstraße flasht weisses Licht mir ins Gesicht, trifft mich, schlägt gegen meinen Körper, ein warmer, ein gleißender Microburst. Mit geschlossenen Augen taumele ich weiter in Richtung Süden. Tränen laufen meine Wangen herunter, ich lache.
Overacting.

 

 

Was dabei rauskommt, wenn man gerne wieder schreiben möchte, jede Menge zu sagen hat, aber weder an die Tiefe noch den Ehrgeiz vergangener Zeiten heranreicht, weil man entweder abgerieben wie ein Kiesel (vielleicht auch eine Stufe- die Katze tritt die Treppe krumm) oder einfach stinkendfaul ist und der zeitweise aufflammende, frühere Eifer sich der überlegenen, weil naturgegebenen Trägheit, einer echsenspezifischen Variante der Teilnahmslosigkeit (Zen) und des Soseins, untergeordnet hat, veranschaulicht dieser misslungene Text.
Möglicherweise war ich in der Vergangenheit entweder empathischer oder geduldiger, wahrscheinlich auch offener, ließ mich auf Menschen und Dinge, die mir begegneten ein, machte mir Gedanken und die Mühe, diesen mit (selbstgefälliger) Präzision gerecht zu werden und andere an ihrer Existenz (und damit an meiner Welt) teilhaben zu lassen, indem ich sie in Worte fasste oder mit Worten bis aufs Mark herunter schälte. Logosektion.

Heute scheint alles flüchtiger (fugaz) als es je war.
Vielleicht ist auch bloß mein Bedürfnis, mich und es festzuhalten, zu bannen, einzubrennen, ein Denkmal zu schaffen, etwas das bleibt (wo bist du, dass ich bei dir bliebe) verschwunden oder nicht mehr stark genug, den Stein des Schweigens zu durchbrechen, um in langen, elaborierten Wortketten Netze zu weben, die tragen.

Corona ist nicht einfach eine vage Bedrohung. Es ist ein Zustand geworden, eine Ära, schon jetzt. Eine Schneise in oder durch unser aller Leben.

Beim Einschlafen sehe ich mich barfüßig auf dem Balken der Waage entlang balancieren, die Arme ausgebreitet, schreite ich von links nach rechts, vor und zurück, zwischen den Schalen hin und her, schnüre auf kalten Metall entlang, atme flach und schaue nicht nach unten.

In Erwartung einer Böe, einer Unachtsamkeit, eines Fehlers feiere ich jede Minute und jeden Tag, der mir bleibt. Nur ein kleiner Teil, der, der schon immer in der Grube stand und um die Jahre trauerte, die Zeit, die verstrich, die ich im Begriff war zu verlieren und noch verlieren würde, beklagt vorauseilend und in einer Art (paradoxem) Beschwörungsglauben die losen Enden, die nicht mehr zusammen finden könnten, das was nicht mehr fertig wird bzw. werden könnte, die schönen Dinge, die zurück bleiben/ blieben, wenn und falls erst die große, in jedem Augenblick zu erwartende Hafenwelle mich unter sich begrübe/ begräbt.

 

 

Aus dem Schatten der Muskauer Straße trete ich, Sonne flasht mir ins Gesicht, Leben und Tod reichen sich die Hand.

 

 

 

 

 

 

Auf dem Terrasse blüht das Portulakröschen.

 

 

 

Bild: Frank Janowski, flickr, Ballerina Projekt Dresden – Altea
Lizenz:Attribution-NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-ND 2.0)

13 Kommentare zu “Schneise

  1. Nein, nicht misslungen, ein guter Text, der mich mitnimmt in deine Gefühlswelt und mir deine Sicht auf diese seltsame Situation zeigt, in der alle versuchen, irgendwie durchzukommen…
    Danke dafür, alles Liebe und viele gute Wünsche!

    Gefällt 2 Personen

  2. Mich hat ihr Text ebenso (s.o.) mitgenommen und berührt. Schmunzelnd denke ich „ganz schön geiler Text den sie für misslungen erklärt“ und staune über ihre Wortketten und fange mich in ihren Netzen.

    Gefällt 1 Person

  3. Hah. Als ob irgendjemand zu faul ist zu schreiben!

    Immerhin reicht es noch für Kommentare, wah?

    Sie wollt ist aus den Fugen geraten und ich wusste nicht einmal, dass sie gekachelt ist.

    So sollte mein Text beginnen. Er gärt (oder wuchert oder schwärt) schon zu lange Zeit um noch wirklich ans Licht zu kommen.

    Liken

  4. Ich versteh Dich so gut. Nichts mehr schreiben, in sich sinken. Und es ist trotz allem gut, irgendwie. Dafür liebe ich Krokodile, einfach da sein. Nur manchmal schnappen, Kraft zeigen, wenn es einem danach ist.
    „Wir anderen, die wir dem Tode nicht nahe waren, trauern um jeden neuen Tag. Er fehlt unserem Leben, das weniger wird. Für Dich ist aber jeder neue Tag ein Geschenk, der dazu kommt, weil es schon hätte aus sein können.“
    Der junge Kollege, den ich sehr mag, sagte mir das vor ein paar Wochen.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für Deinen Kommentar, liebe Croco! Dein junger Kollege hat es gut auf den Punkt gebracht, finde ich.
      Auch ich betrachte jeden Tag als Zusatzbonus. Und ich weiss, dass mein Leben durch das Virus in Gefahr ist. In allem was ich gerade erlebe ist daher die Wehmut des Abschiedes und gleichzeitig ein großes Glück und Weltumarmung, solange ich noch dabei sein darf.
      Corona beschert mir viel Jetzt. Dafür bin ich dankbar.

      Gefällt 1 Person

  5. Mir geht es auch so. Ich habe für mich beschlossen, dass es gut ist wie es ist. Jetzt und jetzt und jetzt. Ich passe auf, für alles andere kann ich nicht.
    Vielleicht haben wir ja Glück wir zwei.

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