Schlammspringer

Beim Einschlafen sehe ich wie die Intensivschwester ausrutscht und mit einem Knall auf dem Steiß landet. In meiner Erinnerung erkrankt sie bald darauf an der Schweinegrippe und die Schlammspringer, auf dem Land lebende Fische, die sie mit ihrem Freund dem Bankkaufmann hält, sterben einer nach dem anderen in ihrem Glasverlies. Eine Zeitlang kaufen die beiden für jedes verstorbene Exemplar ein neues nach und geben ihm einem Namen. Die Trauer über das frühzeitige Ableben ihrer Lieblinge verarbeiten sie durch das Erzählen kleiner Anekdötchen, die die Eigenarten des jeweils Verstorbenen hervorheben.
Doch das Sterben geht weiter und weil die Tiere teuer sind, gibt die Intensivschwester das besondere Hobby nach etwa einem Jahr wieder auf. Sie heiratet ihren Freund und schon bald erwarten die beiden ein Kind, dessen Namen sie auf eine Postkarte schreibt und mir schickt.

Inspiriert von dieser Erinnerung frage ich Wilhelmine, die neben mir auf einem Mäuerchen balanciert, wann sie zum letzten Mal hingefallen ist und was danach geschah.
Um mir zu bedeuten, dass sie nachdenkt (sie trägt einen Mund-Nasenschutz) kneift Wilhelmine die Augen zusammen, runzelt die Stirn und schaut in die Ferne. Nach einer kurzen Weile sagt sie: Das war vor einer Ewigkeit. Da wollte ich einem großen Stapel Scheitholz vom Hof ins Haus tragen, als ich auf einer vereisten Stufe ausrutschte, mich im Stürzen an dem Holz in meinen Armen festhielt und viel zu spät erst alles von mir warf. Gebrochen habe ich mir nichts, aber gestaucht, und gefühlt habe ich mich wie ein Kind. 

Ich nicke und mir fällt der Kanzler ein, wie er vor ein paar Jahren, während eines schneereichen und frostigen Winters in Kreuzberg weilte, auf dem nächtlichen Heimweg zum Tagungshotel Esta (mit den Konferenzräumen Buda und Pest) auf dem Gehweg ins Rutschen kam und sich im Fallen an einem der zahllosen Fahrräder vor Ricos Reparaturkeller festhielt, was eine Kaskade umstürzender Räder und einen Mittelfußdurchbruch zur Folge hatte.
Am nächsten Tag reiste der humpelnde Kanzler mit meinem Fahrrad im Gepäck wieder ab. Geschenkt hatte ich ihm das geliebte Teil, weil er während mehrerer Besuche in Berlin so begeistert von dessen hervorragenden Fahreigenschaften gewesen war und mich immer wieder gebeten hatte, falls ich noch einmal ein ähnliches fände, es unbedingt für ihn zu besorgen.
In Frankfurt angekommen verlor der Kanzler fast augenblicklich das Interesse an meinem treuen Gefährt und überließ es großzügig der G. Die aber wurde bald darauf sehr schlimm krank und an Radfahren war nicht mehr zu denken.
Inzwischen, Jahre nach ihrem Tod, steht das Fahrrad noch immer ungenutzt in der Garage ihrer Mutter, der Kanzlergefährtin.

 

//

 

Am Morgen erwache ich und Wasser tropft von der Zimmerdecke auf mein Gesicht. Ich versuche zu atmen, doch es gibt keine Luft oder der Balg hat ein Loch, was auf dasselbe hinausläuft. Hinter geschlossenen Augen sehe ich mein früheres (das rauchende) Ich unter der der Dusche. Der heiße Wasserstrahl trifft auf meinen Brustkob und ich drehe den Rumpf schnell von links nach rechts und umgekehrt, was meinen Bronchien fiepende Töne entlockt und aus den Tiefen der Lunge ein leises Knarzen emporsteigen lässt. Minutenlang stehe ich unter dem warmen Regen, drehe mich hin und her, lausche dem Konzert meines Körpers und vergesse darüber meine Angst.

 

 

Das Loch hat sich geschlossen, unter der Knochenpergola trommelt mein Herz.

4 Kommentare zu “Schlammspringer

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