Helikopter

Ein altes Weblog wiederentdeckt. Eine Weile war es verschwunden, doch Irgendwer muss es ins Netz zurück geholt haben.
Ich lese mich durch Zeilen der Enttäuschung, der Kindesmisshandlung, der Verwahrlosung und des wiederholten und vergeblichen Andockens. Misogynie und Selbsthass.
Vor ein paar Jahren hat der Autor sein Leben beendet. Dies wissend liest sich jeder Satz  eine Nuance dunkler und bedeutsamer. Die unvermeidbare Zuspitzung zum point of no return.  Selbst bösartige Ausbrüche scheinen verzeihbarer. Der auratische und seligsprechende Schimmer des Todes.

Gestern auf einmal das Gesicht meiner Mutter vor Augen gehabt. An einem Morgen in Metz. Die Kippe in der Hand. Ihre Uhrglasnägel rot lackiert bis zur zum Limes der zusammen geschobenen Nagelhaut. In der anderen Hand ein Café au lait. Ihr dümmliches, postalkoholisches  Grinsen auf den pink verschmierten Lippen, der Sprit der Jahre in den verlebten Zügen, das bleiche Tal zwischen den schweren Brüsten. Mein Ekel über ihren würdelosen Verfall. Verachtung für die Zurückweisung und das Nichtlieben des eigenen Kindes.

 
Und sonst: die Entzündung im Mund klingt ab. Noch immer bin ich sehr erschöpft und möchte ständig schlafen. Mir den Kummer aus dem Kopf träumen.
Die Geburtstagsausladung auf Anordnung der Kanzlergefährtin, die nicht allein den Namen mit meiner Mutter teilt, schmerzt wie offener Herpes im Mund.

 

 

Die Portulakröschen blühen, der Waldmeister blüht, die Quitte ebenso.
Schweigend sammeln sich die Revolutionäre auf dem Mariannenplatz. Wozu das System stürzen? Ein Zuschlag von 200 Euro auf die Grundsicherung würde für´s Erste genügen.
In der Ferne Sirenen, am Himmel wummernde Helikopter.

 

 

 

5 Kommentare zu “Helikopter

  1. Wenigstens wird die Entzündung besser, weiterhin gute Besserung.

    Dieses Gefühl beim Lesen von Blogs von Menschen, von denen ich weiß, dass sie Suizid begangen haben (oder auch anderweitig verstorben sind) kenne ich auch. Ich finde das Gefühl schwer zu beschreiben. Ich glaube, da man weiß wie es geendet hat, verändert sich vielleicht die Perspektive. Bei mir habe ich jedenfalls das Gefühl, dass es so ist.

    Ihr habt Quitten und Waldmeister? Himmel!

    Liken

    • Es endet ja immer mit dem Tod, leider. Das Schmerzliche ist, dass es Zeitgenossen sind, die da verscwhinden. Sie malen die Lücke, vor der ich mich selbst fürchte und zu der es mich doch hinbewegt, Tag für Tag.

      Ja, Waldmeister und Quitte.
      Ich gehöre zu den Leuten, die nicht mal Kräuter ernten können, weil es mir Leid tut um die Pflanze. Aber ich erfreue mich sehr an ihrer Schönheit.

      Gefällt 1 Person

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