Exit

Meine Augen brennen, ich bin müde. Mir fehlt die Lust, die neuesten Entwicklungen zu skizzieren. Mit jedem Tag wird eine Infektion wahrscheinlicher. Ich tue so, als wären es die letzten Tage meines Lebens.

Die Schwester hat den Cousin getestet. Positiv.

Es wäre mir lieber, der Bekannte rauchte nicht. Und der Unterfranke wäre etwas vorsichtiger und die Schwester ginge ab sofort in Frührente.

Vor glutrotem Himmel inmitten einer lagernden Menschengruppe steht ein Pferd an einem australischen Strand. Das war erst  im Januar.

Die gealterte Schönheitskönigin steht hinter einer großen Scheibe und blickt in den sommerlichen Garten. Ihre Tochter ist gestorben. Schneewittchen.

Auf dem ersten Treppenabsatz unseres Hauses stand ein weiss lackierter Leiterwagen. Darin die Augensterne der Mutter: drei Porzellanpuppen in hübschen, hochgeschlossenen Kleidchen.
Eines Tages schickte mein Bruder die kleinen Schätze aus Unachtsamkeit auf ihre letzte Reise an deren Ende sie mit geschlossenen Lidern am Fuße der Treppe lagen, die feinen Gesichter mit den herzigen Mündlein zerschlagen.
Die Mutter tobte und weinte bitterlich, zwei Gemütszustände die bei ihr dicht beieinander lagen, wenn nicht identisch waren
Ich ging auf mein Zimmer und lachte verstohlen in mein gekränktes Fäustchen.

Corona. Nun warten wir Risikopatienten darauf, dass den Gesunden die Geduld mit uns ausgeht und den ersten Rufen nach Isolierung und „Herausnahme“ aus dem Alltag die Taten folgen.
Der Bekannte und ich verabreden, im Falle eines Falles an den Kleinen Wannsee zu fahren.

27 Kommentare zu “Exit

  1. „Vor glutrotem Himmel inmitten einer lagernden Menschengruppe steht ein Pferd an einem australischen Strand. Das war erst im Januar.“

    Ich lebe in Australien, und zwar etwas südlich von Sydney. Wir hatten das Glück das unsere Gegend Waldbrand frei blieb, aber wir waren umgeben von Waldbränden und wir hatten ständig sehr viel Qualm. Die Gegend wo die Waldbrände bis zum Strand herunter kamen, kenn wir gut und ist nicht allzu weit von uns entfernt . . . .

    Ja, die Welt hat sich erheblich verändert seit Januar!

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      • Liebe Tikerscherk, Peters Gesundheitszustand ist leider nicht sehr gut. Wenigstenz braucht er zur Zeit nicht im Krankenhaus zu sein. Peter und ich sind hier zuhause in Isolation und machen es uns so gemütlich wie möglich. Wir mögen unser zuhause sehr!
        So viel ich weiss, sind zur Zeit auf dem australischen Kontinent keine Waldbrände mehr. Das kann ab August aber schon wieder anders sein. Unsere Sommer werden länger und heisser und die Winter kürzer!
        Ganz liebe Grüße und eine Umarmung vom anderen Ende der Welt! :-)

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  2. Nein, nein, nein. Sie werden mir jetzt nicht krank, und schon gar nicht Schlimmeres! Ich war heute kurz davor, nacheinander Unter- und Oberchef zu ermorden, aber wegen den beiden in den Knast? Sie bleiben am Leben und ich werde nicht kriminell, Deal? (Obwohl ich ganz sicher mildernde Umstände kriegen würde.)

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    • Meine Schwester sagt, dass ich zäh bin. Sie ist meine Ärztin und ich glaube sie meint das auch so.
      Wenn das ganze System zusammenbricht bzw. man anfangen sollte, die Schwachen (bzw. die Risikopatienten) zu isolieren und aus der Gesellschaft zu nehmen, dann möchte ich nicht mehr Teil dieser Gesellschaft sein. Ich glaube es gibt nichts, wovor ich mich so fürchte wie vor dem Eingesperrtsein und dem Verlust meiner Selbstbestimmung.

      Ärgern Sie sich nicht!
      Ich danke Ihnen!

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  3. Und manchmal ist es ja nicht der schlechteste Ansatz, so zu leben, als hätte man nur noch ein paar Tage, sollte man vielleicht öfter mal versuchen, auch dann, wenn alles wieder gut ist.
    Liebe Tikerscherk, verlier bitte nicht den Mut, aber ganz so klingst du ja auch heute gar nicht mehr. Liebe Grüße und tausend gute Wünsche von mir für dich…

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  4. Es stimmt, irgendwann geht denen, die keine Rosikopatienten sind die Geduld mit uns aus und bei euch vielleicht noch schneller als hier, weil eine lahmgelegte Metropole mehr aufs Gemüt schlägt als eine lahmgelegte Kleinstadt.

    Ich glaube, diesbezüglich haben wir es hier noch gut. Aber ich habe auch allen möglichen Leuten klargemacht, dass nach wie vor dasselbe wie beim Spargesetz gilt: Nichts und niemand bringt mich ins Krankenhaus oder ruft eine*n Ärzt*in. Ich komme sowieso durch keine Triage, ich weiß, dass die mich liegen lassen, weil es sich für die nicht lohnt. Da kann ich auch in meiner Wohnung sterben gelassen werden, wenn es nicht anders geht.

    Wir hoffen hier alle noch immer, dass wir durchkommen und ich bin körperlich noch weitgehend agil. Mein Freund, der Saxophonist schreibt mir jeden Tag Du musst im Herbst noch 40 werden! Und seh zu, dass [Kind] uns 12 wird!, eine andere Freundin, die weiß was alles in meiner Familie war schrieb mir letztens Bleib drinnen und wenn der Koller kommt: DU tanzt auf dem Grab von deinem Alten und nicht andersherum! Ich möchte nicht auf Gräbern tanzen, aber die Botschaft ist angekommen.

    Versuche dich so gut es geht zu halten. Ich weiß, dass das nicht leicht ist.

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  5. Wie gut ich dich verstehe. Eingesperrtwerden und Verlust der Selbstbestimmung sind auch für mich die größten Sorgen. Mich graust, wenn ich lese, dass man „die Alten und andere Risikogruppen besonders schützen“ müsse, also wohl internieren, damit wir ein paar Tage länger vegetieren dürfen. Dann eher der „Kleine Wannsee“ oder das große weite Meer, die freien Berge. Schon jetzt fühle ich mich wie erwürgt. Also ich verstehe dich allzu gut und kann dir keinen Trost zusprechen. Vielleicht kannst du doch noch in die Berge entkommen? da hättest du bessere Chancen. (Was macht dein Hund?) Sei von Herzen gegrüßt!

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  6. Ich habe einmal die Stelle am Kleinen Wannsee besucht. Ich kenne ihre Bedeutung. Es ist schwer wenn man die Leiden nicht mehr ertragen kann. Ich hatte vor drei Wochen schwere Nierenschmerzen. Im Krankenhaus könnte Abhilfe geschaffen werden. Ich glaube nicht, dass ich den Gang zum Kleinen Wannsee einplanen könnte. Gute Gesundheit wünsche ich dir von ganzem Herzen.

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    • Lieber Peter, auch ich wünsche Dir Gesundheit und vor allem keine Schmerzen!
      Für unerträgliches Leiden habe ich mir einen Ausweg gesucht. Ich hoffe, ihn niemals gehen zu müssen.

      Herzliche Grüße aus Kreuzberg!

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