paarweise

 

Vieles kommt bei mir doppelt vor und damit meine ich nicht einfach nur Augen, Ohren, Lungen, Brüste und Nieren.
Zwei Zimmer und zwei Betten habe ich, zwei Katzen, zwei Telefone- sowohl mobil als auch Festnetz – zwei Freunde, zwei Krankheiten, zwei Geschwister, zwei Balken am K.
Bei den angeborenen und mitgegebenen Gaben mag ein höherer Plan zugrundeliegen, mein Privatleitfaden heisst: hamstern versus Mangel und Verlust.
Dem Hamstern entgegen steht indes mein Wunsch nach Askese und Schlichtheit und glaubte ich an die Wirkkraft planetarer Konstellationen (wie an dem Tag der mich der Welt verliehen die Sonne stand zum Gruße der Planeten) so vermeldete ich jetzt: Steinbock Aszendent Löwe, das erklärt ja wohl alles.

Mit zwei Wärmflaschen gehe ich am Abend zu Bett und die Zeiten als ich mit zwei Männern oder zwei Frauen das Lager teilte, waren nicht die schlechtesten in meinem Leben.

Zwei Hände tippen sich über die Tastatur, zwei Füße tragen durchs Leben. Zwei Pobacken polstern den Steiß. Zwei Ärztinnen begleiten mich durch die Täler meiner Gesundheit und salben meine Brust mit Vaporub. Zwei Eltern schenkten mir das Leben. Zwei Siebträgermaschinen veredeln meinen Alltag.
Zwei Fahrräder dienen sich gegenseitig als Ersatzteillager.

Ein Tuch trocknet zwei Hände, behauptete das Schild im Waschraum einer der beiden Unis an denen ich studiert habe. Doch es irrte: allein zwei Tücher vermochten das zu schaffen, was dem einen zugetraut bzw. aufgebürdet worden war.

 

Wenn ich mich frage wo meine Zeit geblieben ist, stelle ich fest, dass ich annähernd die Hälfte meiner Tage mit dem Management und dem Bewältigen von Krankheit verbringe. Den eigenen oder denen der Tiere. Zwei malade Katzen und ein tumoröser Hund sind es inzwischen. Zwei Mal täglich müssen Tabletten und Spritzen gegeben werden. Fruh und spat. Kein Ausschlafen niemals.
Am Wochenende mit mozzarellaartigem Teigkopfschmerz und backsteinschwerer Atemnot jedoch eilen gleich zwei Freundinnen mir freundlich zur Hilfe. Zwei ganze Stunden darf ich länger im Bett verweilen während sie plaudernd und lachend den Haushalt schmeißen und die Tiere versorgen. Nach zwei stärkenden Cappuccini und mit nachlassendem Schädeldruck verbringe ich den frühlingshaften Samstagnachmittag mit den beiden Engeln im sonnendurchfluteten  Kiez.

Vor dem kleinen Laden am Erkelenzdamm (Erpel/Ferkel/Erkel) steht der achtjährige Mojo mit einem Hüpfseil und lässt mich, während eines schnellen (doppelten) Espressos, mitzählen. Hundert Sprünge sind sein erklärtes Ziel, doch kurz vor der 50 rutscht seine Hose und wir fangen von vorne an. Nach der vierten oder fünften Runde geht mir der Atem aus, das Stummfilmflackern im Augenwinkel kündigt den Kreislaufabsturz an, mir ist übel und schwindlig und fahl zumute. Fünf Minuten Pause und die Wirkung der stets griffbereiten Notfalltropfen bringen das Leben in meinen Körper und die Farbe in die Lippen zurück, wir tun als ob nichts geschehen wäre und ziehen weiter Richtung Süden.

Am Beginenhaus steht eine zahnlose, zerlumpte Frau lamentierend auf dem Gehweg und beschwert sich über wild urinierende Typen. Wir nicken und eilen davon, ehe ein Gespräch über die Schlechtigkeit und das Elend der Welt sich entwickeln und kein gutes Ende mehr finden kann. Tschüss, ruft sie uns hinterher und ich winke.

Am Urbanhafen drängeln Dutzende Schwäne sich an die Ufermauer und betteln um Futter. Radfahrer, Hunde und Paare tummeln sich auf der Promenade. In den Platanen gurren  Ringeltäubchen, Spatzen zetern, hier und da hüpft eine Krähe über den Weg.

Auf der anderen Uferseite sitzen die Frühstückerinnen in Decken eingewickelt vor dem Café Ahorn. Ein ausrangierter Spielteppich mit Straßenkreuzungsmotiv liegt neben einem Schuttcontainer. Das glänzende Messingtableau am Hauseingang lässt die neuen Eigentumsverhältnisse erahnen.

Ein Stück weiter, am Urbanklinikum, entdecke ich ein mir noch unbekanntes K zwischen den Pflastersteinen und mache ein Foto davon. Mit müdem Blick schauen die Raucher vor dem Haupteingang mir zu. Links und rechts weisen zwei große Schilder auf das strenge Rauchverbot in diesem Bereich hin.
Dit is Balin, würde der Bekannte jetzt vermutlich sagen, doch der ist Zuhause geblieben bei seinen Büchern und seiner Stille und seinem Nachmittagsschlaf.

12 Kommentare zu “paarweise

  1. Liebe Tikerscherk, du warst mir ein wenig verloren gegangen über die Zeit, nun habe ich dich und deine besonderen Geschichten wieder gefunden und freue mich, sie lesen zu dürfen…
    Alles Gute dir!

    Gefällt 1 Person

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