tanz bestimmt

Der Mann lächelt. Er hält ein Messer in der Hand. Ich lächle vorsichtig zurück und er sagt: Ich wurde soeben als Schwein bezeichnet. Ich versuche mitfühlend auszusehen, da fängt er schon haltlos an zu greinen. Ich habe Krebs und nur noch acht Monate zu leben, Er schluchzt, das Messer fest im Griff.
Damals im Tiergarten, am kleinen Sumpf,  erzählte er mir von Dolores und von seiner Flucht. Unterdessen hangelten Feldmäuse sich an seinen Hosenbeinen entlang, um das Brot zu erreichen, das er mit seinem großen Messer vom trockenen Runken gesäbelt und neben sich auf die Bank gelegt hatte.

Ich verabschiede mich und mache auf dem Absatz kehrt. Die Jakobs warten auf mich.
Am Michaelkirchplatz hüpfen und schreiten sie über den grauen Rasen. Als sie mich sehen, kommen sie angeflogen. Eine Nuss für jede. Auf dem Rückweg werde ich noch einmal nach ihnen schauen.

Vor dem Drogeriemarkt treffe ich die alte Dame. Sie hat mich vermisst. Ich sie auch. Wenn das Antibiotikum endlich wirkt und sie gesund wird, gehen wir zusammen ins Café, ganz bestimmmt.
Ich bin gespannt wie das mit uns beiden wohl ausgeht, sagt sie zum Abschied und ich sage: Gut natürlich!

Als ich wieder an den Platz komme, ziehen die Krähen am Himmel schon zu ihren Schlafplätzen am Potsdamer Platz. Ich bin zu spät. Auf die Mauer zum Engelbecken lege ich eine Handvoll Nüsse.

Zuhause warten der Hund und die Wärme auf mich. Ich stelle das Essen in die Mikrowelle und mache mir einen Tee. Das Licht der Gaslaternen reicht bis zu meinem Fenster während der Garten in tiefer Dunkelheit liegt. Später am Abend bellt heiser der alte Fuchs vom Grundstück gegenüber.

Dass ich am Totensonntag nicht an meine Toten gedacht habe, werte ich als gutes Zeichen. Doch gestern am Todestag der Freundin und der Lieblingstante waren sie wieder bei mir und ich sah sogar das Gesicht meiner Mutter und spürte wie weit sich ihre Scholle schon von meiner entfernt hat. In der kurzen Zeit seit ihrem Tod ist sie stärker verblichen als in den Dekaden zuvor, während derer wir uns nicht gesehen hatten.

Beim Aufräumen finde ich ein Foto von mir und freue mich über mein Lächeln.
Vielleicht ahnte ich schon damals, dass das Blatt sich wenden würde, irgendwann.

20191122_151348

20 Kommentare zu “tanz bestimmt

  1. Deine Beschreibungen strömen Ruhe aus. Bist Du wirklich so ausgeglichen?

    Auch neben mir steht Gevatter Tod, aber ich schluchze nicht. Er wartet darauf das mein Geist dem klapprigen Körper nach gibt. Das Alter is ein ganz neues Erlebnis und nicht zu vermissen. Die Erinnerungen verblassen nicht und die Toten erscheinen wieder lebendig.

    Vieles wurde früher versäumt und wird jetzt nur noch einseitig, von mir, besprochen.

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    • Lieber Peter, auch ich, obgleich ich viel jünger bin als Du, empfinde das beginnende Alter als einen Prozess, den ich nicht missen möchte.
      Ich hoffe, dass Dein Geist noch sehr lange wach bleibt, und dass die einseitigen Gespräche udn Dialoge mit den Verstorbenen alles so rund und glatte machen, wie Du es für Deinen inneren Frieden brauchst.
      Bleib noch bei uns, bitte!

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  2. Und dann auf einmal, nach all den Jahren…, eine Fotografie von dir. Ganz beiläufig und trotzdem wichtig – so wie du schreibst. Genauso hab ich‘s immer erwartet. Genauso wie ich mir dein Aussehen immer vorgestellt habe. Feine Sache ;)

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    • Hui, das ist ja sehr erstaunlich!
      Genauso hast Du Dir mich vorgestellt?
      Das erinnert mich an eine Begebenheit vor ein paar Jahren. Da kam ein Mann in einer Kneipe zu mir und sagte er kenne mich, er habe von mir geträumt, als er noch in Afrika lebte. Ich kannte den Mann schon seit Jahren vom Sehen und seit dieser Begegnung grüßen wir uns immer wie zwei Komplizen.
      Kürzlich entdeckte ich dann in einem Artikel über deutsche Kolonialgeschichte ein Foto von ihm. Der Mann dort sah 1:1 so aus wie mein Träumer.
      Vielleicht, so habe ich mir überlegt, sind wir beide Wiedergänger und kennen uns aus einer anderen Zeit und voneinem anderen Ort.
      Bisschen weit hergeholt, stimmt. Aber fiel mir gerade so ein.

      :)

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