ungefroren

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Eine gewaltige Explosion soll im Zentrum unserer Galaxie stattgefunden haben. Steht im Netz. Nix jehört, scherze ich zu mir selbst, doch später auf dem Weg zum Tiergarten, beunruhigt  mich die Meldung dann doch und ich sorge mich, dass dieser Knall für mein und unser aller Leben von irgendeiner Relevanz sein könnte. Von irgendeiner Relevanz ganz sicher, souffliert mir der nicht anwesende und allwissende NB ins träumende Ohr und ich muss lächeln. Das alte Milky Way Papier im Turm meines Elternhauses fällt mir ein und ich frage mich (I wonder), ob es wohl immer noch auf dem Fenstersims dort oben liegt, oder ob sich nicht doch Irgendwer, gewiss nicht der Kanzler, gefunden hat, es mit himmelhoher Leiter herunter zu holen und ins Altpapier zu verklappen.

Lass uns zu Edeka Ungefroren gehen, schlage ich der F. die neben mir her geht jetzt vor. Sie nickt stumm und schweigend laufen wir weiter.

Für wie irre halten die Leute mich eigentlich.

Als wir die Fischerinsel überqueren, ist in der Ferne schon das beinahe fertiggestellte Schloss zu sehen. Wenn NB in der Stadt wäre, würde er sich jetzt irgendwo hier mit fremder Leut Gedanken beschäftigen, sie hin und her wenden, von allen Seiten betrachten und sich Notizen dazu machen. Doch NB studiert im Norden und die F. sagt endlich: Ah, deshalb „ungefroren“, und lachend betreten wir den Laden, der sich fensterlos und tiefgaragenartig in die Untiefen des Hauses erstreckt. Nicht allein des Wortwitzes wegen, stiefele ich geradewegs zu den Tiefkühltruhen und fische dreierlei Gemüse heraus. Eine Packung Reisnudeln nehme ich auch noch mit. Zu trinken wie immer nichts.

Neben der Kasse stehen in einem improvisierten Rohholzregal Amaryllistöpfe. Eine prima Brutstätte für Spinnen, denke ich und betrachte die übererigierten, prallen Knospenpenisse, derweil die Verkäuferin klaglos das Kupfer des Kunden vor mir auf ein Tellerchen zählt.
Als wir eben Edeka Ungefroren wieder verlassen, stratzt ein Mann mit Kapuze und sinistrer Miene entschlossenen Schrittes an uns vorbei. Draußen mahnt der Ruf erst einer und dann vieler Sirenen, die sich  zu einem rasenden Chor verdichten. Wir blicken uns um und zucken mit den Achseln. Wahrscheinlich Extinction Rebellion, wie überall in der Stadt.

Mit dem gefrorenen Zeug auf dem Rücken verlässt mich augenblicklich die Lust am Spazieren. Ich schlage der F. vor, zur Fischerinsel zu gehen, und den Rest meines Schweizer Bürlis an die Vögel zu verfüttern. Heute ist ihr alles recht und so kehren wir um.

Im historischen Hafen liegt CO2-neutral Horst der Kutter. Moos wächst an den Ufermauern. Auf dem steinernen Brückengeländer krächzt Jakob und Else ruckedigut vertrauensselig um meine Beine herum.

Als alle versorgt sind, nehmen wir den Schleichweg  an der brasilianischen Botschaft und dem Köllnischen Park vorbei und stoßen schließlich an der chinesischen Botschaft auf die Brückenstraße, wo eine Gruppe Chinesen mit Mundschutz sich versammelt hat und den Fernsehturm fotografiert. Polizisten scannen unterdessen den Strom der Passanten. Ich blicke der vorbeiratternden Hochbahn hinterher, die Richtung Westen ins warme Oktoberlicht gleitet.

Mild ist die Luft, das Laub ist golden. Ein zwei Meter großer Mann, bauchfrei und auf mörderischen Plateaus, schnürt weich in den Knien federnd an uns vorbei. Ein Stück weiter, vor dem Tresor, stehen modebewusste Menschen im Berlinlook Schlange. Ein Billie-Eilish-Lookalike mit blauen Haaren schwebt im Feengewand über die Straße.

weekend hedonism

In den Hauseingängen der Melchiorstraße liegen wie gewohnt Haufen abgelegter Klamotten. Am Kotti sehe ich Blaulicht. Die Laterne vor der Parteizentrale trägt noch immer ein Wespenkostüm.
Die Backsteine der Kirche am Platz glühen rot.
Die alte Frau ist heute hundelos unterwegs. Ich hoffe er schläft nur.
Das Gemüse auf meinem Rücken ist längst aufgetaut und schwimmt in meinem Beutel.

Zuhause erwartet mich schwanzwedelnd und vor Freude schnaubend das liebe Tölchen. Auch die Tigerin begrüßt mich fröhlich an der Tür. Ich lege meine Jacke ab und streichle die kleinen Freunde.

 

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11 Kommentare zu “ungefroren

  1. Wat? Dat Tölchen gibt es noch??? Sehr erfreut darüber …!!! :-)))) …. Wie alt ist Tölchen eigentlich inzwischen? Wat die schon alles durchgemacht hat? Genau wie Du….

    Alles Gute nach Berlin | Peer

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  2. Die Moospolsterchen gefallen mir sehr.
    Blaulicht nicht. Kommt das mit dem Älterwerden, ein verstärktes Sicherheitsbewusstsein?
    Hast du gleich zu Hause unverfroren nicht-mehr-Gefrorenes gekocht?

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    • Die Polsterchen sehen so hübsch und bequem aus. Da möchte man glatt ein Käferchen sein, oder eine kleine Eidechse, die sich dort ihr Bett bereitet.
      Das viele Blaulicht derzeit ist nicht empfunden, sondern Realität. Heute Nacht erst war die Polizei und Sanitäter im Haus. es schrie und trampelte und blinkte. Schön finde ich das nicht, aber ich bin es gewohnt.

      Ein Teil des Gemüses landete gleich am Abend noch in meinem Magen. War köstlich, wie nur Gemüse köstlich sein kann.

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  3. Blaulicht, eh, hier aufm Land auch, allen geht die Luft aus, genau wie dat Greta vorausgesacht hat😊Ja, mir auch, aber der Katze ist es herzlich egal, die genießt das warme Wetter😄

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