Zwetschgen

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Vielleicht sind mir nicht die Worte abhanden gekommen sondern bloß das Bedürfnis, die Außenwelt weiterhin an meinem Innenleben teilhaben zu lassen. Mich darzustellen, gehört und verstanden werden zu wollen.

Heute sind es Bilder, die ich wie Kiesel aus dem Wasser fische, sie herumzeige und ein paar Meter weiter wieder ins Nass zurückwerfe. Von Belang nur während der kurzen Zeitspanne, die sie in meiner Hand liegen. Danach nicht mehr als Erinnerung und weiter nicht der Rede wert.

Was in mir vorgeht, was mein Leben bestimmt, hat nicht die Dringlichkeit der vergangenen Jahre. Die großen Beben liegen hinter mir. Kraft sammeln für die nächste Welle.

Ich weiß, dass hier (auch) Menschen mitlesen, die mir nicht nur nicht geheuer sind, sondern vor denen ich mich auch hüte. Manche haben mich im Laufe meines Lebens verletzt, andere bloß gekränkt, zwei haben mich verraten, ein weiterer wird es noch tun. Um das zu wissen, braucht es keinen Propheten oder besondere Antennen. Die Kenntnis der universellen Schmierwurstigkeit des Neiders und des Enttäuschten, dessen dornengekrönte Ikone zu Fall gekommen ist, reicht vollkommen aus. Mitleid ist nicht Mitgefühl. Es ist, ganz im Gegenteil, oft nichts anderes als Verachtung oder eine bizarre Mischung aus sublimiertem Selbstekel und übersteigerter Selbstherrlichkeit. In other words:      .

 

Der Hahn kräht auf dem Mist. In der gekiesten Auffahrt stehen Kälbchen in Plastikiglus. Die Ohren gespitzt, die neue, fremde Welt in sich aufzunehmen: der Ruf der Mutter aus dem Stall, das helle Zwitschern der Rauchschwalben, wenn sie im schnellen Flug durch die Lüfte jagen. Das blecherne Scheppern der Äpfel, die in eine Schubkarre fallen. Das Tuckern eines Dieselmotors. Regenprasseln, Wind. Abendliche Stille und nächtliche Ruh.

Nur neunzig Tage werden die Kälber haben, sich ein Bild von dieser Welt zu machen. Einige dürfen sechs oder sieben Jahre bleiben. Doch keines von ihnen wird an Altersschwäche sterben.

 

Die Apfelbäume im Garten tragen weniger Früchte, als im letzten Sommer. Die Wiese, auf der beinahe nur noch Löwenzahn wächst (scheußlich, würde der Kanzler sagen, dem ebenso, wenn auch aus anderen Gründen, die Worte ausgegangen sind) ist noch grüner als gewohnt und die Pflaumen sind angesichts mangelnder Alternativen allesamt verwurmt.
Oma Gustl, die Mutter meines verstorbenen Zahnarztes, hätte bestimmt noch einen Kuchen daraus gebacken, nachdem sie die halbierten und entkernten Früchte auf ein gezuckertes Blech gelegt hätte, um die Würmer aus dem gelben Fleisch zu locken. Am nächsten Morgen hätte sie das Obst in ein Sieb gegeben, abgewaschen und die Hälften auf dem sehr dünnen Teig verteilt.

Der Gedanke an das zuckrige Blech mit den sich windenden Würmern ekelte mich und machte mich gleichzeitig traurig. Mir taten die Tiere Leid und insgeheim hoffte ich, Oma Gustl würde sie, statt sie im Abfluss hinunter zu spülen, im Müll entsorgen, wo sich gewiss neue Nahrung für sie fände. Vielleicht, so hoffte ich, entwickelten sie sich auf der örtlichen Müllkippe zu Schwärmen bunter Schmetterlinge, die im nächsten Frühjahr zu den Obstbäumen ihrer Geburt zurückkehren und dort, wie schon ihre Vorfahren (Väterväter), für verwurmte Früchte sorgen würden.

Einem Teil der Würmer, davon war ich überzeugt, war die Süße der Heimatfrucht genug gewesen. Sie hatten das Obst nicht verlassen und fanden nun den Tod im Ofen von Oma Gustl, die uns später mit ihren krummen Fingern und den dunkel geränderten Nägeln ein Stück des lauwarmen Kuchens auf den Teller legen und dazu einen Kakao oder ein Glas trüben Apfelsaft servieren würde.
Die gebackenen Würmer, so stellte ich mir vor, traten in Oma Gustls Küche ihre letzte Reise, durch meinen Körper, der ihnen zu einer Art Krematorium wurde, an, ehe ihre Überreste dann doch noch den Weg in die Kanalisation fanden und sich später im Fluß und schließlich im Meer verloren.

Am Ende unserer Besuche klaubte Oma Gustl für ihren Enkel und dessen besten Freund, meinen Bruder, jeweils eine Silbermünze aus ihrem gut gefüllten Kellnerportemonnaie und fragte „Is des´n Rischtische?“ Meist waren es Richtige, doch manches Mal beförderte sie auch einen unbekannten Silberling hervor, beäugte ihn von beiden Seiten, kam zu keinem Ergebnis und wurde dafür von den beiden Jungen lachend geneckt. Schließlich  hielt jeder von ihnen ein Zwei-Mark-Stück in der Hand. Wir Mädchen gingen leer aus.

Oma Gustl betrieb ein in linken Kreisen beliebtes Café im Frankfurter Nordend.
Nach ihrem Tod erbte ihr Enkel das große Mietshaus aus der Gründerzeit und erhöhte, so hörte man, zuerst einmal allen Parteien kräftig die Miete, was ihn selbst in die komfortable Lage versetzte mit hochgelegten Beinen an seinem Punk-Fanzine herumtippseln, und sich auch sonst ganz seinen Hobbies widmen zu können.

Geschichten, alles nur Geschichten. Weit weg, wie die Scholle auf der ich geboren wurde, und das Eis, so lese ich, ist inzwischen vollständig geschmolzen.
(Was verschwunden ist, lässt sich weder suchen noch finden. Ein beruhigender wie auch beunruhigender Gedanke. Vergeblichkeit (die kleine Schwester der Endlichkeit) als Trost und Abgrund).

Und sonst?
Ich schlafe gut und tief. Die pulsierende Ader an der Schläfe scheint harmlos zu sein. Das Moos ist weit, die Berge hoch, die Luft ist frisch, der Himmel tiefblau und selbst die Brezn aus dem Aldi-Backautomaten schmecken besser als jedes Gebäck in Berlin, ausgenommen die Kunstwerke des Belgiers, den ich mir lieber als Franzosen vorstelle und der backen kann wie kein Zweiter in der Hauptstadt, dem allerdings sein aufbrausendes Gemüt und seine unzuverlässigen Öffnungszeiten im Wege stehen, eine wirklich große Karriere zu machen (die ihm offenkundig sowieso nichts bedeutet).
Das hiesige Rockerpärchen wohnt noch immer neben der Autowerkstatt. Er trägt weiterhin einen langen weißen Bart und schraubt an seinem Motorrad herum. Als Satteltasche dient ihm ein alter Scout-Schulranzen und seine schwarze Lederjacke hat Fransen. Seine Frau sitzt auf einer Bank, streichelt den Hund und blinzelt zufrieden in die Sonne.

Wir rufen nicht die Polizei, wir rufen die Familie, steht am Eingang ihres Häusls.

//

Mensch, prima, sagt die Filmemacherin, als wir antiquierte Redewendungen austauschen. Ich kontere mit: Echt klasse!

11 Kommentare zu “Zwetschgen

  1. Charakterisierung unwillkommener Mitleser voll gelungen!
    Die armen Kälbchen.
    Wegen der sich windenden Würmer backe ich keinen Apfelkuchen. Wenn man die beim Halbieren und Vierteln der Äpfel durchschneidet, das ist für mich nicht zu ertragen, dabei gibt es so viel Schlimmeres…
    Eigenwillige Frankfurtoma.
    Was für Figuren.

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  2. Die nicht willkommenen Mitlesen waren der Grund für meine zeitlich begrenzte Privatisierung des Blogs – jetzt ist es mir gerade wieder wurst. Deine Oma heisst wie mein Vater: Gustl bei meinem Vater kam das von Augustin (alles ist hin). Die älteren Leute machen einfach aus allem noch etwas – Du solltest Dich nicht an jedes Detail so genau erinnern. Weiterhin erholsame Tage unter dem Zwetschgen-Baum. Gibt es da keine Wespen?

    Gefällt 4 Personen

    • Das stimmt.
      Ich mache ständig Worte. Im Kopf. Und da bleiben sie dann.

      Es wäre schön, die alte Freude am Schreiben und Veröffentlichen käme wieder. Immerhin kann ich zur Zeit Bücher lesen. Das ist auch schon was wert.

      Schöne Grüße aus Oberbayern!

      Gefällt 2 Personen

  3. „scheußlich, würde der Kanzler sagen, dem ebenso, wenn auch aus anderen Gründen, die Worte ausgegangen sind“

    Das verwirrt mich. Wir haben doch lange eine Kanzlerin – und zu Wildkräutern hat sie nie etwas gesagt.

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    • Ich habe einen Privatkanzler. Der nennt Löwenzahn Unkraut und mags nicht im Rasen haben. ebenso wenig wie Moos. Da unterscheiden wir uns sehr, auch wenn der Kanzler der Baum ist, von dem ich gefallen bin.

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