33 1/3

In meinen unfertigen Texten angelt die Katzen nach Spinnweben und nagt sie kopfschüttelnd von ihren Krallen. Ich gehe spazieren, treffe alte Nachbarn und neue Nachbarn und mag die alten meist lieber als die, die drei mal so viel Miete zahlen wie ich und dabei mindestens zwei Mal so unverbraucht und posh sind.
Die halben Texte handeln von mutwilligem und von echtem Rost und von dem Nachbarschaftsgarten mit dem traurigen Peter, der im letzten Herbst seinen Hund Idefix begraben hat und nun ganz allein ist und noch mehr trinkt als zuvor (vor Jahren, man mag es kaum glauben, sieht man ihn heute rotgesichtig und zahnlos, kam er mir in der Pücklerstraße entgegen und im Vorbeigehen nahm ich ihn als einen ungewöhnlich attraktiven, melancholisch dreinblickenden Mann wahr).
Aber die halben Texte erzählen auch von den Krähenkindern (Jakob!), die ich zu retten beauftragt bin. Das eine füttere ich, das nächste bewahre ich vor Harm durch LKW-Reifen vor der Bundesdruckerei (im Hintergrund Nachtigallengesang und in den Baumwipfeln die verzweifelt krächzenden Eltern, die immer wieder zum Sturzflug ansetzen, ihr Kind zu verteidigen).
Geholfen dabei hat mir ein junger Schlaks mit Bierflasche, Käppi und sehr roten Augen. Eine halbe Stunde geteilter Fürsorge, bis wir mit einem kurzen Gruß auseinander gingen.
Unterwegs fällt mir auf, dass irgendwer die Zeit auf 45 rpm gestellt haben muss, denn die Stimmen drehen viel höher, als ich es gewohnt war, ehe der inzwischen auch längst verblichene und bunt übermalte Winter Einzug gehalten hatte.
Im Zeitraffer müssen all die neuen Häuser gebaut worden sein und nun sind sogar die jungen Bäume um Meter höher, als noch vor zwei oder drei Jahren und Cafés aus Containern und Holz mit Liegestühlen davor und 20 Sorten craft beer vom Fass gibt es auch.

Die kleinen Kinder, die ihre Münder über den dünnen Wasserstrahl aus der blauen Säule halten und deren nasse Füßchen hübsche Stempel auf den Asphalt drücken,  werden in einer fernen Zukunft meine Rente bezahlen und das Leben, das wir ihnen vererbt haben, in ihre inzwischen großen und hoffentlich auch starken Hände nehmen müssen. Ein wenig tun sie mir Leid für das Gewicht, das auf ihnen lasten wird, und ein bisschen beneide ich sie für die viele Zeit und all die Verwandlungen, die noch vor ihnen liegen.

Vor dem ehemaligen Postamt suche ich nach Käfern und Bienen für die jährliche Insektenbilanz. Nur zwei oder drei finden sich an der gepflegten Außenanlage des neuen Hotels. Eine stark geschminkte, nikotindünne Dame im fließenden Kleid mit silbernen Sandalen schaut mir rauchend zu.

Kein Vogel singt in der Mittagshitze, die Eichen neben dem Sportplatz sehen aus wie Pappeln, ein paar junge Männer sitzen im Schneidersitz beieinander und trinken Wasser aus großen Flaschen.
Cuisine de Berlin steht auf dem Imbisswagen vor dem Tempodrom. Ein Mann bestellt Currywurst und Pommes. Der Hund legt sich in den Schatten der breiten Treppe. Zusammen betrachten wir die Portalruine des Anhalter Bahnhofes auf der anderen Seite des Platzes. Mehr ist nicht übrig geblieben von den großen Reisen.

12 Kommentare zu “33 1/3

  1. Den Ausdruck „posh“ kannte ich auch noch nicht, komme aber auch von der Küste, weit weg von der großen, für mich exotischen Berliner Welt.
    Deinen Text habe ich mal wieder genossen, ein echter tikerscherk!

    Gefällt 2 Personen

  2. Die Berliner Welt kommt mir längst nicht mehr exotisch vor. Ich staune immer, wie es anderswo in der Republik zugeht.

    Dein Kompliment freut mich sehr. Ich würde so gerne wieder in tikerscherks Fahrwasser zurück finden.

    Gefällt mir

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