Disco unter (shake alike)

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Die Lust am sorgfältigen, akribischen, gewissenhaften und detailgenauen Beschreiben kommt mir mehr und mehr abhanden. Zuviel Zeit verbringe ich in anderen, schnelllebigeren Netzwerken, um dort meine unqualifizierte Meinung kundzutun, belanglose Bildchen zu posten und mich einzureihen in das oft inhaltsleere aber unterhaltsame Gezwitschere des Schwarms. Kapitelüberschriften, Schnipselchen, Geschmeichel und Gehate, zu unterscheiden von Hass, der konsistenteren und tiefer sitzenden Variante dieses üblen und unheilstiftenden Gefühles, welches mehr und mehr das gesamte Land zu vergiften droht und der Angst eine perfekte Petrischale ist.

Schön wäre es, mal wieder etwas Schönes zu schreiben, aus dem Hässlichen, dem sich nur peu à peu ins Grün transformierenden Grau heraus, statt immer nur mit dem Finger aus dem Fenster zu stochern und Aldi! zu stammeln. (Aldi hier, Aldi da, Aldi in Amerika).
Dass ich mich in meinem Leben tatsächlich einmal für die Erhaltung eines Discounters einsetzen würde, hätte ich im Übrigen selbst niemals gedacht. Aber im Kampf um die schönsten Brutplätze. wird sogar der Gegner zum Freund und zur Ressource, zumal wenn man sich die Moral und die Preise der zugezogenen Eliteweltenverbesserer (1 kg Brot 7 €, 1 Glas Draftbeer – drunter geht’s nicht- 4,80 und ein Stück Pizza, groß wie mein Smartphone, 3,60) nicht erlauben kann und will. Da erscheint Aldi allemal als das kleinere Übel: friss oder verpiss dich.
Die Geschichte en detail zu erzählen machte mir nur schlechte Laune. So sehr bedrückt sie mich, dass ich aus nämlichem Grunde inzwischen das gesamte Areal rund um die Markhalle IX herum meide. Wer wissen möchte worum es geht, dem sei die kluge Zusammenfassung und Analyse von needleberlin Why Does Kreuzberg Want to Save an ALDI?“ ans Herz gelegt.
(Überhaupt ein sehr lesenswertes Blog, mein Dank an Piet für den Hinweis).
Neben dem Zähen, dem Anstrengenden erlebe ich aber auch sehr Schönes. So zum Beispiel eine lange nicht mehr so erlebte balsamische Harmonie und Eintracht, den Zusammenhalt mit den Frauen meiner Familie sowie die Abwesenheit ignoranter Menschen und das (zumindest vorläufige) Einlenken der mein Leben verwaltenden Behörde.
Feine Linien, hauchzart miteinander verwoben, halten mein Sein zusammen wie ehedem das Haarnetz den Dutt meiner Großmutter, die auch als alte Frau noch mehr dunkle als graue Haare hatte, was nix zur Sache tut, mich aber dennoch mit der Hoffnung erfüllt auch ich könne irgendwann als ungefärbte Brünette und nicht als echtes (orjinal Malachi) Grauchen sterben.

(Kurt, du fehlst).

 

 

 

 

 

Bild: Ken Walton, flickr, untitled SAn Francisco 2018
Lizenz:  https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

15 Kommentare zu “Disco unter (shake alike)

  1. Als die EisenbahnMarkthalle anfing zu schwächeln meinte Norman – wir müssen so eine blöde Kette mit in die Halle nehmen sonst können wir die Miete insgesamt nicht mehr wuppen. Jetzt viele Jahre später dreht sich das ganze Marketing. Gerne bin ich am Freitag zum Öko-Markt auf dem Lausitzer Platz gegangen, diesen Markt haben die Hallen 9 Betreiber kaputt gentrifiziert. Zur Erinnerung mein kleiner Bericht vom Norman:https://kormoranflug.wordpress.com/2014/01/21/norman-so-36/

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    • Den Markt am Lausi haben sie gezielt zerstört. Und mit viel Unterstützung seitens der Politik treibt die Markthalle 9 die Gentrifizierung brachial voran, zeigt sich dabei aber mit der Gelassenheit des Siegers diskussionsfreudig und verständnisvoll.
      Viel ist nicht mehr übrig von dem alten Kreuzberg in dem man auch ohne ein Erbe im Rücken gut (und gerne) leben konnte. Am Ende bin irgendwann nur noch ich hier und im stummen, verbitterten Protest werde ich meinen Hund in den Sandkasten voller Goldstaub urinieren lassen. Mit etwas Glück steckt man mich dafür ins Gefängnis und ich muss nicht um einen der raren Plätze unter der Brücke kämpfen.

      Gefällt 3 Personen

  2. Diese hauchfeinen Linien sind es, die mich seit Wochen beschäftigen, mehr im Bild als im Wort, da ich ja etwas wortarm geworden bin, wenn es denn nicht um eine Sache geht. Leben wandelt sich, immer, (Weisheit, die nun wirklich auch der letzte Mensch am äußersten Rand der Welt gelernt hat), ich mich, das Wort, das Bild und die Markthalle – waaas, ohne Aldi – kann ich nicht denken.

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    • Dm soll rein. ansonsten nur noch nobel-nachhaltiger Mampf für Menschen, die kein Problem damit haben allein für den Mittagstisch einen ganzen Hartz IV Satz monatlich zu verballern. Da bleibt kein Platz für Hatice und Bekir und für mich.
      Die moralisch überlgene Biosekt-Fraktion erobert die Welt.

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  3. Freitag konnte wir beobachten, wie eine Frau, die an einem Stand teure Pfannkuchen mit Füllung anbot, die Füllung: Erdbeeren, Himbeeren und schwarze Johannisbeeren bei Aldi kaufte.
    Das ist echt krass!

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