Gaslighting (verzeihen müssen)

Erlöser, die an dein Bett heran treten, dich zu trösten
Erlöser, die das Blaue vom wintergrauen Himmel herunter lügen versprechen.

Erlöser die Täter sind.
Täter, die Erlöser mimen.
Erlöser mimende Täter die von Anderen gedeckt werden.
Tätererlöser, die auf das Opfer zeigen und es beschuldigen.

Verzeihenmüssen als 11. Gebot.

Verflucht wer nicht verzeihen kann.

Beim Kramen in der Familiengeschichte fällt mir außerdem auf, auf, dass nicht nur die nächste männliche Verwandtschaft sich nun den Rechten zugewendet und Israel zum Feind erklärt hat.

Ich stoße auch auf die bis heute totgeschwiegene und mir daher unbekannte NS-Vergangenheit meiner Familie.
So erfahre ich beispielsweise, dass der oberste Arzt im KZ-Mauthausen, der Menschenversuche mit tödlichem Ausgang an Häftlingen durchgeführt hat und in den letzten Lebensstunden Hitlers mit diesem im Bunker war, in direkter Linie mit mir verwandt ist. Auch ein weiterer, sehr bekannter Arzt war ab 1933 Fördermitglied der SS und außerdem Mitglied im NS-Ärztebund.

Seit dem Krieg hat sich niemand mehr an all das erinnert. Bis heute.

Das Foltern und Leugnen hat sozusagen Tradition in meiner Familie.

24 Kommentare zu “Gaslighting (verzeihen müssen)

    • Das frage ich mich auch. Was mach ich jetzt damit.
      ich werde zum einen weiter forschen und habe zu beiden Personen viel Literatur gefunden.
      Außerdem werde ich mit meiner Schwester darüber reden, als dem einzigen erreichbaren und vernünftigen Familienmitglied.
      Ich bin so entsetzt, dass ich noch gar nicht weiss, was ich denken und tun soll.

      Das Verzeihenmüssen bezieht sich auf mich. Nicht auf die historische Schuld der Familie.

      Gefällt 10 Personen

    • Die Schuld liegt bei denen, die es taten und bei Jenen, die wissentlich darüber schwiegen und die Familie hochstiliserten zu einem Hort des Wahren, Schönen und Guten.
      Große Schuld laden auch Jene auf sich, die auch heute wieder den Rechten folgen, ihre Parolen im Mund führen und sich gemein machen mit ihren zerstörerischen Gedanken und Taten.
      Schuld tragen nicht zuletzt diejenigen, die sich an ihren Kindern vergingen und sie unter Ausnutzung ihrer ärztlichen Privilegien zugrunde richteten. Und mit diesem letzten Satz meine ich die Jetztzeit und nicht die Geschichte.
      Manchmal dauert es sehr lange bis der Groschen fällt und manchmal überschattet ein erlittenes Trauma den adäquaten Umgang damit.
      Vieles bleibt im Dunkeln, wenn die Seele, um sich zu schützen, einen Teil der Erinnerungen schluckt. Doch irgendwann tauchen sie wieder auf und dann ist alles anders.

      Kein Vergessen, kein Vergeben.

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  1. Ein paar Gedanken, die mir kommen.
    Vielleicht willst du wissen, welchen Anteil du an diesen Verbrechen hast – nach dem Satz: Cui bono? das ist eine vernünftige Frage, die alle Nachgeborenen stellen sollten und die ich mir ein Leben lang stellte. Insbesondere die Frage, ob diese Menschenversuche ihren Niederschlag in Medikamenten, von der du profitierst, ihren Niederschlag gefunden haben. Dann würde ich sie absetzen. Oder ob es Werte gibt, die sich die Familie angeeignet hat und die du zu erben gedenkst (wovon ich dann abraten würde). Also möglichst nichts als Erbe oder sonstwie für dich Nützliche akzeptieren, das durch diese Taten erzeugt wurde,
    Im übrigen kannst du ein Buch lesen, das deinen Fall zum Thema hat: Monika Köhler, Die Früchte des Machandelbaums (Vorsicht, harte Kost). Schließlich ist es wichtig, dass du dich nicht zum Opfer dieser Täter stilisierst, auch nicht zum Richter machst, sondern versuchst, dich aus jeder weiteren Verstrickung rauszuhalten.
    Liebe Grüße! Gerda

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    • Liebe Gerda, mit Ihren Gedanken habe ich Probleme. Ich kann mir nicht vorstellen, daß tikerscherk Medikamente nimmt, die sie nicht un.be.dingt braucht, also überhaupt absetzen könnte. Ihren Eindruck, daß sie Gefahr liefe, sich zum Opfer dieser Täter zu stilisieren oder zum Richter aufzuschwingen, teile ich nicht. Ich glaube auch nicht, daß es überhaupt möglich ist, sich durch Vermeidung jeder weiteren Verstrickung freizuhalten vom Grauen, mit NS-Tätern verwandt zu sein.

      Mein Großvater war NS-Täter, er hat als Reichsbahner geholfen, französische Resistance in KZs zu deportieren. Das wußte niemand, seine Frau nicht, mein Vater nicht – bis er kurz nach dem Tod seiner Frau dachte, er müsse auch bald sterben. Meine Quintessenz aus der Auseinandersetzung damit ist: Täter sind in aller Regel keine Monster mit Huf, Schweif und Schwefelgestank, sondern meist sehr gewöhnliche Menschen, wie Du und ich, mehr oder minder liebenswert. Besagte Verstrickung besteht für mich nicht nur in Verwandschaft, sondern im Menschsein. Erst mit der Erkenntnis, daß Gewalt in den menschlichen, also in meinen Möglichkeiten liegt, erhält ‚Nie wieder‘ einen ersten Inhalt, me thinks.

      Die Gewaltexzesse in zwei Weltkriegen und mehreren mehr oder minder erfolgreichen Genoziden kamen nicht aus luftleeren Räumen und sie sind auch nicht in ebensolche verpufft, sondern haben sich nicht selten ins Private verlagert. Traumata erwerben nicht nur Gewalt-Opfer, sondern auch -Täter und reichen sie sehr oft in z.B. der Familie weiter – wo sie mitunter auch eine Generation überspringen können, bis sie ihre zerstörerische Wirkung entfalten.

      Dazu kommt, daß wir alle – unabhängig von persönlicher Religiosität – von christlicher Kultur geprägt sind, u.a. durch ‚Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es Dir wohl ergehe auf Erden‘. Für mich bedeutet dieser Satz nicht verzeihen müssen, zumal mich niemand um Verzeihung gebeten hat. Sondern ich habe versucht, mir anhand der Biografien meiner Eltern und Großeltern zu erklären, wie es zur innerfamiliären Gewalt kommen konnte und halte das für reichlich genug der Ehre. Tikerscherk tut, solange ich ihren Blog lese, nichts anderes.
      Aber vielleicht habe ich Sie auch völlig mißverstanden.

      Gefällt 3 Personen

      • Liebe Dame von Welt, danke für die Ausführungen, die auch eine Zurechtweisung enthalten. „Ich würde es so und so halten“ ist tatsächlich nicht unbedingt ein guter Rat. Auch Sie sprechen davon, allerdings mit einem anderen Akzent: „Erst mit der Erkenntnis, daß Gewalt in den menschlichen, also in meinen Möglichkeiten liegt, erhält ‚Nie wieder‘ einen ersten Inhalt,“
        Meine Gedanken zielten tatsächlich nicht auf die besonderen Umstände von tikersherk, für die ich eine tiefe Sympathie empfinde, die ich aber nicht wirklich kenne. ich las aus ihrem Text eine tiefe Verstörung, eine Qual, und anstatt zu sagen: ich verstehe das (was ich tue), überlegte ich, welcher Umgang damit mir der gesündeste zu sein scheint. Und der ist: sich nicht zu sehr drauf einlassen, Abstand wahren, so gut das eben geht. Und dazu gehört nun auch, sich bewusst zu werden, was denn genau diese von mir abgelehnten Taten im Äußeren bewirkt haben. (Ich las u.a. von zahllosen Menschenversuchen mit Tbc-Medikamenten und -Impfungen in KZs, was mich insofern selbst betraf, da ich als Jugendliche an Tbc erkrankte und behandelt wurde).
        Das Knäuel zu entwirren, ist vielleicht nicht möglich. Bleibt nur die Distanzierung, das Nicht-Antreten dessen, was man gemeinhin das „Erbe“ nennt. So wie, wenn man ein Haus erbt, darauf sehen muss, ob es durch die Vorbesitzer schuldhaft erworben wurde. Dann sollte man es nicht annehmen, wie schwer es einem auch fällt, denn es tut nicht gut, von schlimmen Taten anderer zu profitieren.
        Ansonsten sehe ich keinen Gegensatz zwischen Ihrem und meinem. Liebe Grüße!

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  2. Bekannte Schauspieler, die so etwas entdecken, machen mit einer-m noch bekannteren RegisseurIn ein Drehbuch und die Verarbeitung im Film wäscht die Familie rein oder lässt sie zu Staub werden. Goldener Bär, goldener Globe, goldener Oskar (so hiess mein Onkel) sind möglich.

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  3. Erst kürzlich hat der Weltgeist mich stark genug gefunden und mir einiges über die Nazi-Gräuel in meiner Heimat enthüllt. Allerdings habe ich nicht wie du Grausiges über Verwandte herausgefunden. In meiner Jugend habe ich allen älteren Ärzten misstraut, weil ich nicht wissen konnte, was sie in der Nazizeit getan haben. Zum Glück sind sie inzwischen ihren Opfern gefolgt. Bei aller Erschütterung bleibt nur, das lange Verborgene historisch zu sehen und den Tätern etwas Verächtliches hinterher zu denken.

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  4. Meine 82jährige Mutter forscht gerade in der Familiengeschichte und fördert einiges zu Tage, das sie sehr erschreckt. Es gab in meiner Familie mütterlicherseits zwar die „Roten“ und die Gewerkschafter, aber andererseits war der heißgeliebte Großvater meiner Mutter ein Parteimitglied der allerersten Stunde, und einer der Brüder meiner Großmutter väterlicherseits war Staatsanwalt in Łódź. Verzeihen steht mir nicht zu. Weder bin ich ein Opfer noch bin ich zur Richterin bestellt. Erinnern und die Wahrheit über meine Familie sagen – das ja. (Wie man damit umgeht, muss aber jedem selbst überlassen bleiben.)

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  5. Eine fürchterliche Entdeckung hast du gemacht, da braucht es Zeit für die Verdauung, zumal es aus meiner Sicht hier nichts zu vergeben und zu vergessen gibt. Abgrenzung ist angesagt, was schwer sein wird, zumal, wie du ja schreibst, selbst Opfer der ärztlichen (Un-)Praktiken bist. Wie ich mich kenne würde ich erst einmal ziemlich wüten, dann traurig werden und dann erst einordnen können.
    Ich wünsche dir einen guten Weg für dich mit diesem Mist.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 1 Person

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