Leine ziehen

Aus der Dunkelheit tritt ein Schatten an mich heran und sagt: Entschuldigung, ich bin Türke.
Fiebrige Augen starren mich an. Eine Hand greift nach meiner Schulter.

Ich bin Türke, wiederholt die Stimme und ich schaue mich um. Wir sind allein.

(Wenn doch nur Sommer wär)

Sie haben mich erschreckt, hätte ich sagen können, oder: Zieh Leine, Alter.
Nur bloß nie: Bitte tu mir nichts.

Am Ende bleibt immer nur Flucht.

 

 

Gab schon bessere Texte hier. Gab schon bessere Zeiten.

9 Kommentare zu “Leine ziehen

  1. Deshalb lese ich keine Krimis! Weil da immer so einer kommt…
    Als junges Ding ging ich allein spazieren, da kam einer, der war etwas dick, etwas behindert und raunte Fickificki und wollte mich den Deich runterziehn. Hab mit ihm geredet von wegen erstmal gehen wir Kaffee trinken da vorne. Zum Glück kamen da vorne zwei Frauen. Ich konnte hinrennen, die nahmen mich in ihre Mitte…
    Boah, das war jetzt ein Denkstoß in die Vergangenheit.
    Dein Text lebt von Auslassungen…

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  2. Das Beklemmende der Situation vermittelt sich auch mit wenige Worten. Freilich wird das „Türke“sein hier missverständlich zu einem bedrohlichen Fakt, wie du es gewiss nicht beabsichtigt hast. Auf bessere Zeiten für dich, meine Liebe!

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    • Lieber Jules,
      danke für Deine guten Wünsche!

      Ich fand die Gesprächseröffnung des Mannes geradezu grotesk. Das Bemerkenswerte an der Situation war doch, wie er aus der Dunkelheit an mich herantrat und gewiss nicht welche Nationalität er hat (bzw. zu haben behauptet).

      Ich habe hin und her überlegt, ob ich diese Sätze aufschreiben soll und tat es genau deshalb, weil das (vorgebliche) „Türke-Sein“ eben keinen bedrohlichen Fakt darstellt, sondern weil diese toxische Art des „Mannseins“ die Gefahr für mich war und die Erwähnung der Nationalität insofern eine deplatzierte und irreführende Handlung war, die der Bedrohung, die von ihm ausging nicht gerecht wurde und diese vielmehr zu verschleiern versuchte.

      Es ist ganz gleich wo sie herkommen. Männer, die sich Frauen gegenüber so verhalten, sind immer Täter.

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      • es ist gut, diese Erklärung dazu zu lesen, denn ich schwankte, ob du eine Satire vorhattest zu schreiben oder über eine echte Begebenheit berichtetest. Der „Türke“, der sich aus dem Nichts heraus materialisiert und nach einer einsamen Frau greift, klang mir schon sehr nach Satire über die Ängste mancher deutschen Frauen.

        Nun aber scheint es ja, als ob dieser Mann sich tatsächlich als „Türke“ geoutet hat – was immer er damit bezweckte. Vielleicht wollte er sagen: Frau, du brauchst keine Angst zu haben, ich bin Türke, also ein Mann mit ehrenhaften Grundsätzen. Oder auch: Frau, ich bin Türke, ein armer Ausländer in deinem Land und bedürftig, dass mir jemand hilft, mich mit in sein Bett nimmt. Oder auch, ich bin kein Araber, falls du vor Arabern Angst hast. Oder auch: Türken sind bekanntlich starke Männer, also komm, ich kann dir was bieten. Oder auch: Meinen Namen möchte ich dir nicht sagen, aber soviel sage ich dir: ich bin Türke. Und wenn du später eine Anzeige erstatten willst, gibst du an: ein Türke hat mich sexuell belästigt. Dann suchen sie nicht nach mir, denn ich bin ja nicht wirklich ein Türke, sondern Deutscher.
        Oder du hast die ganze Geschichte getürkt.

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