Abendrot

Gedanken wie Nebel, wie Herbstgischt, wie Milch.
Die Fruchtbarkeitstänzerin erträumt, wahrscheinlich die Mutter, die ihr fließendes Sommerkleid der kantigen Frau des Studienrates lieh, um sie bloß zu stellen. Posen, Posen, immer Posen. Verkaufsgespräche selbst im Wald, wo das mittelalte Paar unter dunkelgrünem Blätterdach vor mir her spaziert und sie ihm von dem Bikinioberteil erzählt und von dem Handwerkerbesuch und dem täglichen Sport, der ihren Körper in Form hält. Wie zur Anerkennung  umschlingt der graugelockte Mann ihre Hüften. Sie redet weiter.

Die Studienratsfrau ist inzwischen verstorben, ihre Schädelknochen ausgelagert in einer Knochenbank, ihren älteren Sohn hat im letzten Jahr die Grippe erwischt. Im Krankenwagen sei er ins Koma gefallen und aus diesem nicht mehr erwacht, erzählt der Kanzler.

Die Störche waren bis vorgestern da. Tagelang staksten sie über die Feuchtwiesen oberhalb des Sees. Ihre Kniegelenke auf der Rückseite der Beine angebracht (zu welchem Zweck und mit welchem Vorteil). Rückwärts und mit ausgebreiteten Armen schreiten wir den Berg hinauf, rechterhand ein Grüppchen Schafe und zwei schokoladenbraune Ziegen, meckmeck.

Das Sriii-sriii der Mauersegler gehört den sommerlichen Häuserschluchten, den halbgeträumten Sätzen, den nächtlichen Rufen (au petit matin, au petit gris).

 

Hier fliegen Schwalben durch die Lüfte. Viele davon, mit kugelrunden lieben Köpfen. Hoch- und tief, darunter endlose Meter dürerscher Wiesenvielfalt. Ein großer Raubvogel landet auf dem Fußballtor. Neugeborene Kälbchen stehen in Plastikiglus und zählen ihre Tage. Auf dem Misthaufen wachsen Kürbisse. Tellergroß die Blätter.

Bedächtigen Schrittes und mit gespreizten Zehen spazieren Puten durch Vorgärten.  Zwischen zwei Zaunlatten klemmt ein Stoffhäschen mit blaugeblümten Fußsohlen. Katzen lauern im Gras. Ich meide stiergesäumte Wege. Sie machen mir mehr Angst als die Sonne.
Derweil gehen Zellkerne zugrunde. Kalt ist der Kopf. Bleierne Müdigkeit, Schüttelfrost in der Nacht. Benommenheit je heller der Tag. Kurkuma soll helfen, auch Blaubeeren und Öle. Zusätzlich zum Hut begleitet der Regenschirm meine Wege. Sich einen Namen machen.

 

 

Verschwunden ist die alte Frau mit schwarzen Sissi-Perücke wie ein Fladenbrot auf ihrem spitzenbekleideten Rücken. An der tosenden Kreuzung vor dem Luxus-Rewe sah ich sie zum letzten Mal, das Vogue-Magazin zusammengerollt und als Fernglas vor das Auge gesetzt: die Bergkette im Süden im flammenden Abendrot.

8 Kommentare zu “Abendrot

  1. starker Text… lässt mich an Celan und die anderen im Herbstmilchgeschehen denken… aber wir müssen uns ja nicht selbst mit wie wir es nannten Herbstmilch, also Alk und Krams… wiederholt den Schmerz geben, um zu sühnen… sollen sich alle mal ein wenig bemühen und wird werden, hoffentlich :(

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.