Sette sorelle

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Ich möchte fast sagen, die Träume sind nur Erinnerungen oder Combinationen von Hasen mit einer Papierscheibe gedeckt, kalt gestellt.

(Bot)

 

Ein heiteres, ausgelassenes Grüppchen – alle Menschen werden Schwestern- hat sich auf der Michaelkirchbrücke zusammen gefunden. Entspannt stehen wir am Geländer und schauen in das weite Himmelszelt. Ein freundlicher Mann erklärt uns das Geschehen am Firmament:
vor uns im Osten steht der Blutmond, der gerade aus dem Erdschatten heraus tritt, darunter, an der Häuserecke und viel, viel kleiner, der orange-rot funkelnde  Mars, zukünftige Heimat der Erdianer, im Süden gleich hinter dem großen Baukran Saturn, im Südwesten Jupiter und über uns die ISS, die in diesem Augenblick  in Richtung Nordosten davon fliegt. Fröhlich und ergriffen und sterblich wie wir sind, winken wir ihr zu und lachen und rufen „Alex!“ und eine Brise kommt auf in dieser tropischen Nacht und der Wind kühlt die Stirn und die Arme und weht das Haar aus den erhitzten Gesichtern und unten auf der schwarzen Spree zieht ein einzelnes Blässhuhn krächzend seine Bahnen. Irgendwo am Ufer brennt ein großes Feuer, in der Ferne höre ich Sirenen und den Gesang der Stadt. Rot leuchtet das Rathaus in unserem Rücken.
Im federleichten Flatterkleidchen und mit Rokokoperücken schweben drei Transen über die Brücke. Man sieht ja gar nichts, näselt die Eine.  Hätt´ ich auch nicht extra wachbleiben müssen, sagt die Andere.
Wir lachen.
Leben.

Später treffe ich die Nachbarin auf dem Platz. Verloren steht sie mit ihrem Dreirad vor der roten Kirche. Wo ist der Mond fragt sie und ich zeige vage in Richtung Spree.

 

Es sind diese Nächte die man ein Leben lang erinnern und von denen man nie genau wissen wird, ob sie ein Traum waren.

 

 

 

 

 

Bild: cc, public domain

13 Kommentare zu “Sette sorelle

  1. Ich vermute, im Titel beziehst du dich auf das Gedicht von Gabriele d’Anuncio: „Eravamo sette sorelle“? Es würde mich interessieren, denn es beschäftigt mich schon lange, ich habe es sogar in meinem Romanfragment „Schwanenwege“ als Traummaterial verwendet und übersetzt,

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    • Nein, tatsächlich bezog sich der Titel auf die sette fratelli, den Großen Wagen also. Nun lese ich das Gedicht von d´Anuncio und obgleich ich italienisch spreche bzw. gut lesen kann, würde ich gerne Deine Übersetzung lesen.

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      • sette fratelli – höre ich zum ersten Mal. der große wagen ist ja eigentlich nur ein Teil der großen Bärin, den man wegen der guten Erkennbarkeit isoliert hat. Sette sorelle kommt wohl ursprünglich vom Siebengestirn – den Plejaden. Sie sind Atlantiden, Töchter der Pleone und des Atlas,…
        Du kennst sicher das berühmteste erhaltene Gedicht von Sappho: Mitternacht vorbei und die Plejaden …(Hier findest du es samt Übersetzung). Das von D Anuncio ist eingebaut in eine Traumszene und nur halbwegs übersetzt:

        Eravamo sette sorelle. Ci specchiammo alle fontane, eravamo tutte belle. „Wir waren sieben Schwestern. Wir spiegelten uns in den Brunnen, wir waren alle schön.“ Sie spiegelten, spiegelten sich. Ein Gekicher vieler Stimmchen, leicht und süß. Dann hob die Einzelstimme wieder mit dem Singsang an, der in Gise ein Echo fand: Fiore di giunco non fa pane, mora di macchia non fa vino, filo d’erba non fa panno lino – la madre disse alle sorelle. „Binsenblume macht kein Brot, Waldbrombeere macht keinen Wein, Grashalm macht kein Leinentuch – sagte die Mutter zu den Schwestern.“
        Fiore di giunco non fa pane, mora di macchia non fa vino, filo d’erba non fa panno lino – la madre disse alle sorelle. Jetzt klang’s wie Getuschel und Getrappel aufgescheuchter Mäuse. Und wieder und wieder erhob sich darüber die Einzelstimme und sang: Pianse la madre dolente, pianse ta mia sorte. “Es weinte die schmerzensreiche Mutter, sie beweinte ihr hartes Geschick.“ Schließlich verklang die bittersüße Melodie.

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  2. Ich habe wegen Koordinaten- und Großstadt-Sicht-Problemen in der Blutmondnacht weder die Finsternis-Sekunden noch das rote Licht gesehen – aber ich lag mit zwei Freundinnen im Garten auf dem Rücken und wir haben Sternbilder angeschaut, auf die wir sonst nie achten würden, geraucht und übers Leben geredet.
    Ich hoffe sehr, dass ich mich immer immer immer dran erinnern werde, wenn mich jemand nach dem Blutmond fragt.

    Dir eine lange Umarmung & Danke schön für die Geschichte von der Michaelkirchbrücke oben im hohen Nord-Osten!

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