Schmerzfallen

Das kleine Mädchen folgt mir langsam über den halben Friedhof. So vieles möchte sie von mir wissen (was ist das für ein Hund, wie heisst der, beisst der, wie heisst du, wo wohnst du) um am Ende das einzig Bedeutsame sagen zu können: Mein Papa ist tot. Wir leben jetzt auf ibiza.
Ich drehe mich um und sehe ihre Mutter ein Stück entfernt vor einem Grab knieen und Unkraut zupfen.

Wer ist Emma, fragt das Mädchen mich jetzt. Meine Mutter, lüge ich.

Wie sollte ich ihr erklären, dass das Grab, das ich mit Blumen schmücke, das einer fremden Frau ist, dass meine Mutter ihren Kindern keinen Ort der Trauer lassen wollte, und dass ich deshalb an ihrem Todestag auf diesem Friedhof am Fluss gestrandet bin, wo ich sie zu finden hoffte.
Sie würde das so wenig verstehen wie ich.

Wie alt war deine Mutter, fragt sie. Viel älter als dein Papa, antworte ich. Sie nickt.

 

14 Kommentare zu “Schmerzfallen

      • Das stimmt, sie kann nicht so oft dorthin. Aber die Verbindung ist schön. Außerdem weiß sie den Ort ja in ihrem Herzen und kann sich ihn immer in Gedanken vorstellen. Bei mir ist es übrigens ganz anders, ich habe festgestellt, dass ich keinen solchen Ort brauche, das heißt, kein Grab, das bedeutet mir kaum etwas, eher andere Orte der Erinnerung oder einfach die Erinnerung selbst.

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  1. Mein Bruder liegt sehr weit weg.
    Seine Kinder sind mittlerweile groß. Die ältere sagte zu ihm : Ich mag Deine Krankheit nicht“.
    Aber es war ja keine Krankheit, nicht etwas, was man heilen konnte.
    Für beide Kinder scheint der Vater kein Thema zu sein.

    Gefällt 1 Person

  2. Bei mir sind diese Orte der Trauer meistens keine Grabstätten. In einer Strasse in Berlin hat mein bester Freund gewohnt – nach der Beerdigung wurde sein Sarg nach XX überstellt. Wenn ich an seiner früheren Wohnung vorbeifahre grüsse ich Ihn und wir erzählen uns etwas..-

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    • Kürzlich, auf dem Keramikfest in Höhr-Grenzhausen, erzählte mir ein Holländer, daß er jedes Jahr eine Frau grüsse, die an dieser Stelle, wo er seinen Stand hat, ein paar freundliche Worte aus dem Fenster mit ihm wechselte. Er sprach von ihr als eine „Mathilde“, wenn ich mich erinnere.
      So etwas ist heutzutage ungewöhnlich.

      Gefällt 1 Person

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