Die Ewigkeit sieht aus wie Wrist

Keine Gefahr bei Wrasenbildung, steht auf dem grauen Kasten am Straßenrand.

Ein r nach einem W ist doch was Ungewöhnliches, denke ich. Im Deutschen fällt mir ansonsten nur noch wringen ein, und mit diesem Wort verbinde ich leider eine Geschichte, die der Argentinier mir mal erzählte und die ich hier beim besten Willen nicht wiedergeben kann.

Überhaupt will man diese Dinge alle nicht wissen. Zum einen, weil sie widerlich sind und zum anderen, weil sie das Bild, das man sich bis dahin von dem Sprechenden gemacht hat auf unangenehme Weise verändern, wenn nicht zerstören. So ging es mir einmal mit einem Mann, den ich gut kannte, und der meinte mir in einer weichen und zutraulichen Stunde erzählen zu müssen, wie er einmal ein Frau die Treppe herunter getreten hatte, nachdem sie sich geweigert hatte bestimmte Sexualpraktiken an sich vornehmen zu lassen. Ich war betrunken, jammerte der Mann ergriffen von sich selbst und von seiner Offenheit und dem Mut Schwäche bzw. Unzulänglichkeit zu zeigen und überhaupt. Wie schlimm das sei, was er da getan habe, greinte er, er schäme sich so.
Nichts an diesem Geständnis hat die Welt besser gemacht, und um sich reinzuwaschen hat er auch mich noch mit dieser Sache belastet und besudelt und nun werde ich dieses Bild nicht mehr los. Genützt hat dieser Worterguss allein dem Mann.

Wrasen, denke ich immer noch, als ich über die Wrangelstraße zurück nach Hause gehe, man müsste mal den Etymologen fragen, wo dieses Wort herkommt. Und wenn er dann antwortet, so stelle ich mir vor, könnte man schön auf seinen Kehlkopf starren, wie er hoch und runter fährt, derweil der Etymologe erklärt und mit Gesten, vielleicht sogar mit ausholenden Armbewegungen darzustellen versucht, dass dieses Wort sehr weit gereist ist, bis es auf unseren städtischen Lüftungsschränken ankam.
Ich persönlich würde bei der Herkunft auf Polen tippen, wo die Wörter gern holperig und so konsonantenstark anfangen (Wrzeszcz) und später ganz wunderbar weich ausklingen.

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Zwischen Hamburg und Kiel gibt es ein winziges Örtchen namens Wrist. Der Germanist Herr Prof. Dr. Heinrich Detering hat diesem Zwischenreich aus Himmeln und aus Mooren sogar ein kleines Gedichtbändchen mit dem Titel „Wrist“ gewidmet.

40 Kommentare zu “Die Ewigkeit sieht aus wie Wrist

  1. Ich hab das Schild auch schon oft gesehen und mir unter Wrasen widerlich schleimige, halbgefrorene Zapfen an den Lüftungsschlitzen vorgestellt. Aber gleichzeitig beruhigt das Schild, weil es so amtlich daher kommt und die widerliche Wrasenbildung öffentlich rechtlich ausschließt. In Deutschland ist an alles gedacht.

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  2. Wrist gemahnt an Handgelenk. Aus dem Handgelenk machen wir so viel, wohl einer der großen evolutiven Erfindungen. :-)
    Ich habe mir als Kind oder auch später gedacht: Welche Wortträume sind eigentlich NICHT genutzt?! Man könnte vermutlich noch zig, zig Worte (er)finden.

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    • In Wruggeburg würde ich meinen Krimi spielen lassen. Es wäre ein Ort, umgeben von Wrukenäckern in the middle of nowhere. Nur eine Tankstelle mit Bankomat gibt es dort und eine Kirche. Ansonsten jede Menge Ödnis. Aus Wruggeburg käme auf jeden Fall der frustrierte Gärtner (Wruken, Wruken- immer nur Wruken!), der seinen Gram in handfeste Gewalt umzuwandeln verstünde.

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      • Du wirst die nächste Andrea Maria Schenkel. (Obwohl ich die weder spannend noch sonst wie lesenswert fand, aber du kannst besser erzählen.)

        Hast du mal in deinen Spam-Ordner geschaut? Vielleicht bin ich da noch mit irgendwas drin gelandet, ich habe das Gefühl ein Kommentar von mir zum Vorartikel fehlt und in letzter Zeit lande ich aus unerfindlichen Gründen bei einigen Leuten im Spam (ist anderen bei mir aber auch schon passiert, liegt nicht an uns, sondern WP).

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          • Ja, du kannst es als Schulterklopfen nehmen.

            Ich kann übrigens keine Angaben machen ob Frau Schenkel wirklich nicht schreiben kann, ich fand alles, was ich von ihr gelesen habe von Anfang an vorhersehbar und teilweise zu gewollt zusammengesetzt und dadurch chaotisch, ist aber vielleicht auch einfach nicht mein Genre. Als Bibliotheksmensch in Alleinherrschaft hat man nicht immer nur die Sachen, deren Genres man mag auf dem Bücherstapel, sondern quasi alles was irgendwelche Preise bekommt und die hatte den Corinne (?) oder so was bekommen.

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  3. …hoffentlich ver-greif ich mich nicht im Ton: Wringen, das kenn ich, Da sich „nasse Waschlappen“, zu nasse Waschlappen, schmutzige dazu, erstmal „wringen“ müssen.. um sich die Augen dann frei zu machen.. schwere Kost an diesem Freitag-Morgen.

    Trotzdem: Gut, dass Ihr Da seid :)

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    • Waschlappen wringen ist eine Hauptbeschäftigung der Erziehungsberechtigten in meiner Kindheit gewesen. Fünf Mal am Tag war das Gesicht verklebt. Heute lasse ich den Schmutz über Tag zu einem Staubfilm anwachsen und dusche ihn am Abend in die Berliner Kanalisation, ohne den Zwischenstopp des Lappenwringens.

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      • Jep.. Ich habe den Luxus, dass an dem kleinen Fluß eine Flußgabelung direkt zum Klärwerk sich windet.. Klarer sehen schadet aber oft. Alle vier Wochen mal. LG und gutes Wochenende, das Wetter soll gut werden, sogar zum Schwimmen ;)

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  4. Wahrscheinlich ahnst Du garnicht, wie treffend Dein Titel ist, wenn man an der Bahnlinie FL-Kiel wohnt: mehrfach schon gab es laaaanges warten in Wrist, meist IM Zug. Aber einmal hat der Herr F. mitten im Winter dort mit hunderten Anderer, die dort aus ihren Zügen mit dem vagen Verweis auf Schienenersatzverkehr ins Nichts entlassen wurden, gestanden. Bahnhofsgebäude sind ja heutzutage an solchen Bahnhöfen immer abgeschlossen….Der arme Bahnhofswärter war kurz davor gelyncht zu werden und hat sich in seinem Räumchen eingeschlossen. Als der erste Bus kam hatte der Herr F. das Glück, daß sich direkt vor ihm eine Tür öffnete und er hineinkam, wir wissen also nicht, wie lange sich die Ewigkeit für die anderen Wartenden hinzog ;-)

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    • Das konnte ich nicht ahnen. Wie schön, dass sich der Ort Wrist nun mit Bildern, die über Moore hinaus gehen füllt. Danke für die Illustration der Ewigkeit!

      Wieso eigentlich schließt man Bahnhöfe ab? Damit keiner die Klospülung benutzen oder sich aufwärmen kann?

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  5. Der Döner am Wrister Bahnhof ist einer der Besten, die ich kenne und das sind einige 😉. Und als Autofahrer habe ich es sehr selten erlebt, dass ich nicht vor den Bahnschranken stand. Deshalb verbinde ich Wrist auch mit unschönen Flüchen. Genauso wie Wruken. In die mussten wir immer als Kinder, zum hacken. Mistblasen gab das!

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    • Sollte man nicht glauben. ich hätte her so was wie Grünkohlplätzchen mit Wrukenbrei erwartet.
      Wruken hacken? Also aus der Erde klopfen?
      Ich bin so Stadtkind durch und durch, mir fehlt zu so vielem der Werdegang. Ich kenn alles nur verpackt :/

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      • Neee, die sind ja in einer Reihe sehr eng aneinander gesät. Und das Hacken bedeutet, dass man zwischen 2 Jung-Pflanzen in der Reihe den Rest auf Hackenbreite weghaut, damit die stehengebliebenen dann Platz zum Wachsen und genug Licht haben.
        Also statt xxxxxxxxx dann x….x….x 😉, damit dann später X.X.X daraus wird. Das wird heute bestimmt anders gemacht.

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  6. Wriggen (lt. Duden auch wricken) fiele mir dazu noch ein, was (technisch) so ähnlich, aber längst nicht so elegant, ist, wie das, was diese hinreißenden Gondoliere machen, um ihre Schmuckstücke fortzubewegen.

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